Back to top

100 Jahre Adolf Hitler

D 1989, 55 min

Ein Licht, ein Tag, ein Führer. Fünf Männer, vier Frauen, von einem Handscheinwerfer aus dem Dunkel herausgezerrt. Wir sehen die letzte Stunde im Führerbunker, so wie sie wirklich war.

Synopsis

In knapp 16 Stunden an einem Stück gedreht, in einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, zeigt 100 JAHRE ADOLF HITLER Inzest und Intrigen, Getöse und Krawall – die letzte Stunde im Führerbunker, so wie sie wirklich war.

100 JAHRE ADOLF HITLER ist Schlingensiefs bis dorthin wichtigster und meist beachteter Film. Er bringt ihm seitens seiner Fürsprecher den Ruf ein, „der letzte deutsche Heimatfilmer“ (Georg Seeßlen) zu sein, der mittels Brüskierung Aufruhr entfacht, um Harmonie und schließlich Heimat zu finden. Mit der Hitlerfigur, die von nun an häufig in seine Arbeit ‚einmarschiert‘, legt Schlingensief die Hand sprich die Kamera, die Handkamera in die offenste aller deutschen Wunden. Hier ist Hitler keine vergangene Personalkatastrophe, sondern die Fratze des absurden Menschen an sich, der sich als elternlos, als höheres Wesen begreift, dessen völlige Monstrosität jedoch nicht in die Anstalt, sondern an die Macht führt und drauflos wütet.

100 JAHRE ADOLF HITLER ist der 1. Teil von Schlingensiefs DEUTSCHLAND TRILOGIE, gefolgt von DAS DEUTSCHE KETTENSÄGENMASSAKER (1990)  und TERROR 2000 (1992).

Streaming-Info

Der Film ist über unseren Vimeo-Kanal zum Leihen oder Kaufen erhältlich. Weitere Anbieter siehe „Film kaufen“.
Sprache: Deutsch, Untertitel: Englisch, Dänisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Norwegisch, Polnisch, Portugiesisch, Spanisch, Schwedisch

Pressestimmen

Schlingensief hat schon viele Filme gemacht, die bei den Mitwirkenden und Zuschauern die Schmerzgrenze berühren. Die Banalität des Bösen, hier wird sie zum Ereignis. (P. W. Jansen, epd film)

Es gibt noch Filme, die dich aus der Kurve tragen, dich und den täuschenden Vorschein von ästhetischen und politischen, intimen und historischen Gewissheiten. (tip Berlin)

Meine Favoriten waren diesmal: Erstens Simon Robertshaw, zweitens Peter Greenaway und schließlich Christoph Schlingensief. Vielleicht darf man Schlingensief als den letzten Überlebenden, oder besser noch als den einzig legitimen Erben des Undergroundfilms bezeichnen. Sein neustes Werk HUNDERT JAHRE ADOLF HITLER ist ein „Schmutz- und Schundfilm“, gegen den sich Kenneth Angers SCORPIO RISING wie ein braver Werbespot für Motorradzubehör ausnimmt. Schlingensiefs an einem Tag und in dreckigen Schwarzweiß gefilmte Arbeit steht einsam zwischen den bunten Bildern auf 16mm oder U-Matic. Der Verzicht auf die allseits beliebte Reflexion über das Filmemachen, die groben Verstöße gegen die elementarsten Standards der Kameraführung, der Beleuchtung und der Tontechnik, das exaltierte Chargieren der Darsteller – alles in diesem Film läßt die Atmosphäre der Gefahr und des Traumas entstehen, wie sie vielleicht nur deutsche Erinnerungen umgibt. Wer sich, wie ich, nach dieser Erlebnis ins Videoprogramm „Made in Scotland“ begab, mochte nicht glauben, noch auf demselben Festival zu sein. So unentschlossen, altmodisch fixiert auch auf die alten Grundfragen des expermentierenden Kinos waren diese zumeist kurzen Videostückchen. Derlei Enttäuschungen aber bereitet nicht das Festival dem Zuschauer, beim Zuschauer selbst liegt der Grund. Denn Osnabrück macht einfach weiter, den Blick ungerührt auf alles, was flimmert und flackert. (Thomas Kemp, Festivalbericht 2. Europäisches Medienkunst-Festival in Osnabrück, European Photography, 01/1990)

Schlingensief ist der Differenz auf der Spur, „durch die Vergangenes erst als vergangen wahrzunehmen ist und durch die sich modernes historisches Bewußtsein als Differenzbewußtsein konstituiert“ (Rainer Rother, Merkur 483, Mai 1989). Er filmt ganz offen nichts als Gegenwart (die ja tatsächlich, wie sein Film, als unser vorfilmischer Alltag auch durchsetzt ist von Naziemblemen, -uniformen und -gedanken) als Ausprägung des historischen Prozesses selber. Was er filmt, sind gegenwärtige Trümmer und Bruchstellen – innere wie äußere –, angeleuchtet den ganzen Film über von einer einzigen Funzel, nicht hell genug, um alles zu erklären, und doch hell genug, um zu erkennen, daß in diesem Bunker Charaktere ausgelebt werden. Hier und Jetzt wird ein gegenwärtiger Wahn zum Ausdruck gebracht, es geht nicht darum, Adolf Hitler zu verstehen oder Joseph Goebbels zu verstehen oder Hermann Göring, der Film unternimmt keinen Versuch eines „historischen Psychogramms“. Eine ähnliche Haltung gegenüber dem Aspekt der Geschichte ist bekannt durch die Filme von Daniele Huillet und Jean-Marie Straub. Die entschiedene Andersartigkeit ihres ganzen Werkes jedoch gründet in seiner „Abhängigkeit“ von literarischen und musikalischen Vorarbeiten wie in seinem perfektionierten theatralischen Modus bei der Arbeit mit den Darsteller. In einem veröffentlichten Auszug aus seinem unveröffentlichten Theaterstück „Der Zuschauer als Film“ hat Schlingensief 1987 zu seiner Arbeit geschrieben: „Ich suchte Drehorte, die unerträglich waren, die jeden Normalen veranlaßt hätten, das Weite zu suchen. Ich plante den Drehplan so, daß er niemals zu schaffen war, es sei denn, Team und Darsteller wären bereit gewesen, 10 Tage ohne Schlaf auszukommen. Und ich schrieb Drehbücher, die man nicht spielen könnte, geschweige denn verstehen.“ (Rolf Aurich, Der Trümmerfilm eines Egomanen, filmwärts Nr, 7. 1987)

Preise und Festivals

- Berlinale Forum 1989
- Internationale Kurzfilmtage Oberhausen 1989

Weitere Texte

Ein Zitat und ein Interview mit Christoph Schlingensief
(erschienen im Katalog zur Berlinale 1989)

„Der Avantgardist Schlingensief ist in Wirklichkeit der Erbe der Guldenburgs. Das ZDF täte gut daran, ihn als Regisseur zu verpflichten. Die würden ihr blaues Wunder erleben.“ (Süddeutsche Zeitung zu MUTTERS MASKE)

Dietrich Kuhlbrodt: Welches Wunder ist in der LETZTEN STUNDE IM FÜHRERBUNKER zu erleben und wieso blau?

Christoph Schlingensief: Hitler, Wenders und Strauß haben als Deutsche uns Deutschen in diesem deutschen Film etwas zu sagen, und das ist reif fürs Guiness-Buch der Rekorde, weil ich den Film in knapp 16 Stunden für 14.000 Mark gedreht habe.

Aber das ist ja ungeheuerlich ...

Genauso wie es Franz Joseph Strauß in meinem Film sagt: "Wenn man es einmal politisch wertneutral ausdrückt, dann hat der Deutsche im Zweiten Weltkrieg Ungeheures geleistet. Hut ab vor dieser Leistung!" "Der Deutsche muß endlich begreifen lernen, daß in diesem Leben nicht alles aufgeht wie eine mathematische Gleichung: 2 x 2 = 4" (Franz Joseph Strauß).

Aber so bewältigt man doch nicht die Vergangenheit!

Eben. Die Deutschen müssen jetzt das Gefühl entwickeln, dass sie es waren. Aber statt das Gefühl zu kultivieren, pflegt man hier den Zweifel und das Leiden im Gefühl; in Wenders' ENGEL IN BERLIN muß daher wieder ein Bund geschlossen werden – mit der Vorsehung –, damit andere die Gefühle verwalten und damit 2 x 2 = 4 ist. Ich finde, der Zustand, in dem wir gerade leben, ist jetzt genug erklärt. Die Zustände im Hitler-Film habe ich ausgemalt, ausprobiert, also mich fallengelassen und losgelassen, um die Gefahr des Scheiterns einzugehen und die Obsession rauszubringen und evtI. sogar loszuwerden.

Das klingt nun wenig reflektiert, wir könnten ...

... über den Begriff der Romantik plaudern, ja, ja, wir sollten aber bei den Fakten und Risiken bleiben. Im Hitler-Film, gedreht in einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg in Mülheim (Ruhr), fiel Hitler-Darsteller Udo Kier in einen vier Meter tiefen Lüftungsschacht, den die Stadt risikoreich getarnt hatte, und das war sowieso das Ende der Dreharbeiten - und der Anfang des aktuellen Rechtsstreits mit der Stadt. Es tut mir leid für Udo - der es überlebt hat. Aber im Hitler-Film geht es um die große Geste und den Abgrund und das Lachen, wenn es gut gegangen ist. Avantgarde ohne Ecken und Kanten, das gibt es nicht. Ich bin für Profil.

Sie tragen die Verantwortung?

Ja, sicher, ich bin Diktator, und obwohl alle Deutschen genug Macht hätten, weiß keiner, wie sie auszuüben ist. Diedrich Diederichsen hat das gerade in 'Spex' beklagt und damit den Popmarkt ebenso gemeint wie die deutsche Sozialdemokratie. Also ich habe mich bemüht, aus der Machtausübung eine Kunst zu machen. Der Hitler-Film ist mit einer einzigen Handleuchte ausgeleuchtet; die hatte ich in der Hand. Erstens, eine Diktatur des Lichts. Zweitens, billiger als die totale Ausleuchtung in den Fernsehserien. Drittens, Witz und Horror: aus was für einem Dunkel kommt was ans Licht. Viertens, der Zuschauer ist dabei, wenn eine Aura entsteht.

Der Film ist mit seinen knapp 60 Minuten zu kurz fürs Kino.

Eine Stunde, auch die letzte, ist nunmal nicht länger als 60 Minuten. Aber das Buch ist eigentlich ein Theaterstück, und wenn das Vertriebskonzept gefördert werden sollte, gibt es in fünf Städten einen Führerbunker-Abend mit Theaterstunde plus Heavy Metal-Auftritt plus Videokassettenverkauf und dann erst am Schluß die Film-Stunde. – Oder die Kinos führen DIE LETZTE STUNDE IM FÜHRERBUNKER zusammen mit MUTTERS MASKE als Doppelfeature auf. Die Filme sind seelenverwandt. Sie gehören unbedingt zusammen. Der eine verlogen und befutzt und der andere offen und ehrlich. MUTTERS MASKE: ein Fernsehfilm. Und der Hitlerfilm: einer, bei dem sich alle freuen. Bloß der Projektor muß heil bleiben. Denn da läuft die Arbeitskopie durch, wenn's mit dem aktuellen Topf in Nordrhein-Westfalen nicht klappt. Bei 14.000 DM Produktionskosten ist eine Vorführkopie nicht mehr drin. Und das Drehverhältnis konnte ich auch nicht mehr verbessern. 1 zu 2,7 ist es jetzt, dem dokumentarischen 1 : 1 immerhin angenähert.

Herr Schlingensief, der Dr. Goebbels ist ein entfernter Verwandter von Ihnen?

Ich habe einen Horror vor Genealogie und Psychologie. Das Leben ist keine Schiene, auf der es zielsicher längs geht. Der Hitlerfilm ist für mich die Endstation vom Anfang. Barschelwanne! Bloß, daß es ganz woanders weitergehen kann: Wenn z.B. jetzt Freddy Deutschmann eine Serie von mir (3 x 50 Min.) im französischen Fernsehen produzieren will. Und natürlich, wenn Joseph Goebbels in meiner Darstellerliste auftaucht: da sitzt man dann selbst mit drin. Das hab ich aber ziemlich genau in meinem Artikel wiedergegeben: "Wir alle suchen nach Bildern, die uns Anhaltspunkte geben in einer Zeit, in der man uns alles erklärt hat. Wie großartig sind da gerade die Dinge, die nichts erklären, die sich uns zur freien Verfügung präsentieren. Wie großartig ist die Monstranz, die etwas zeigt, was wir nicht wissen." (KINO-FRONTEN, Trickster Verlag). Die Monstranz find ich dann natürlich überall wieder neu. Z.B. in den Tagebüchern von Goebbels, um auf den Anfang Ihrer Frage zurückzukommen.

Das Interview mit Christoph Schlingensief führte Dietrich Kuhlbrodt im Januar 1989 (Katalog Berlinale 1989).

Credits

Buch und Regie
Christoph Schlingensief
Mit
Margit Carstensen, Volker Spengler, Alfred Edel, Udo Kier, Dietrich Kuhlbrodt, Andreas Kunze, Brigitte Kausch-Kuhlbrodt, Marie-Lou Sellem, Asia Verdi
Kamera
Voxi Bärenklau
Kameraassistenz
Christian Deubel
Schnitt
Christoph Schlingensief (Thekla von Mülheim)
Schnittassistenz
Volker Bertzky
Musik und Mischung
Tom Dokoupil
Ausstattung, Titel, Poster
Uli Hanisch
Requisite
Ariane Traub
Ton
Günter Knon
Überspielung
Andreas Wölki
Regieassistenz
Uli Hanisch, Ariane Traub
Aufnahmeleitung
Christian Hufschmidt
Produktionsleitung
Christian Fürst, Ruth Bamberg
Produziert von
DEM Film
In Zusammenarbeit mit
Madeleine Remy Filmproduktion
Gefördert mit
Mitteln der kulturellen Filmförderung des Landes NRW
Uraufführung (DE)
18.02.1989

DVD-Infos

Extras
Interview mit Christoph Schlingensief – Alle Extras ohne Untertitel
Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch
Ländercode
Code-free
System
PAL / S/W
Laufzeit
55 min + 5 min Extras
Bildformat
4:3
Tonformat
Lautes Mono
Inhalt
Softbox (Set Inhalt: 1)
Veröffentlichung
18.10.2004
FSK
Ab 16 Jahren

Kinoverleih-Infos

Verleihkopien
DCP (2K, 24 fps, 5.1)
Blu-ray Disc
16mm (Mono, über Deutsche Kinemathek)
Bildformat
Normal-16mm, 1:1,38
Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch, Französisch (DCP, BD)
Werbematerial
A1-Poster (leihweise)
Lizenzgebiet
Weltweit
FSK
Ab 16 Jahren