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Roland Klick

„Das Publikum hatte keine Lobby im Neuen Deutschen Film. Ich habe immer gesagt, die Leute haben bezahlt und haben ein recht darauf, daß ich mit ihnen filmisch spreche. Das wurde mir seinerzeit als Korruption ausgelegt, aber es bedeutet das genaue Gegenteil.“

Über den Regisseur

Roland Klick ist Legende, so ziemlich die einzige der letzten deutschen Kino-Dekaden. Mit Mario Adorf drehte er den psychedelischen Western DEADLOCK, mit Dennis Hopper den todessüchtigen Punkabgesang WHITE STAR. Klick machte großes, aufwühlendes Publikums-Kino - doch nach nur sechs Spielfilmen hatte sich das große Talent des deutschen Films auf mysteriöse Weise ins Aus manövriert. Obwohl Klick mit seinen Filmen sechs Bundesfilmpreise gewann, wurde er nicht Teil der erfolgreichen Riege des "Neuen Deutschen Films", die ihn als zu kommerziell anfeindete. Roland Klick wurde zum Außenseiter gemacht. Aber er war auch ein kompromissloser Filmjunkie, der mit jedem Film alles riskierte und sich immer am Abgrund bewegte. Im Ausland wurden seine Filme von einer Reihe "big names" mit regem Interesse verfolgt, darunter Quentin Tarantino, Steven Spielberg und Alejandro Jodorowsky, die Klicks Genremeisterschaft schätzen und seine filmische Kühnheit, die sich jeder Kategorisierung widersetzt. Roland Klicks Filme sind seit den frühen 90er Jahren das Herzstück der Filmgalerie 451. Mit nur sieben zeitlosen Filmen und seinem Motto „Film und Publikum = Kino“ fasziniert er bis heute.

Biografie

Roland Klick wurde am 4. Juli 1939 in Hof an der Saale geboren. Seine Jugend verbrachte er in Neumünster, einer Kleinstadt in Schleswig Holstein. Bevor er sich dem Film zuwandte, betätigte er sich bereits erfolgreich als Jazzmusiker und Maler. Später studierte er acht Semester Theaterwissenschaft und war auch am Deutschen Institut für Film und Fernsehen eingeschrieben. In dieser Zeit verfasste er auch seine ersten Drehbücher und war Kameramann des dokumentarischen Spielfilms MÜNCHEN - TAGEBUCH EINES STUDENTEN von Rolf Schünzel. Ab 1962 drehte Roland Klick Kurzfilme: WEIHNACHT (1962), LUDWIG (1964) und ZWEI (1965). Alle drei Filme wurden mit Festivalpreisen ausgezeichnet (Mannheim, Krakau, Tours). Während der Dreharbeiten seines ersten Spielfilms JIMMY ORPHEUS (1966) geht die Produktionsfirma Atlas Pleite, aus dem vorhandenen Material stellt Klick eine knapp einstündige Fassung her, Impressionen aus dem nächtlichen Alltag eines Flaneurs großstädtischer Striplokale. Auf der Suche nach einem italienischen Koproduzenten für DEADLOCK kam es in Rom zu einer mehrmonatigen Zusammenarbeit mit Federico Fellini bei den Vorbereitungen von SATYRICON. In Rom wurde Roland Klick auf eine Zeitungsnotiz aufmerksam, aus der dann sein erster Langspielfilm BÜBCHEN (1968) hervorging, eine subtil beobachtete Psychostudie eines elfjährigen Jungen, der sein kleines Schwesterchen tötet - ob versehentlich oder nicht, bleibt offen - und unter Mithilfe seines Vaters die Leiche verschwinden lässt. Kurz nach der Geburt seines Sohnes Alexander verunglückte Roland Klicks Frau Marlis bei einem Verkehrsunfall. Daraufhin stürzte er sich in die Arbeit seines zweiten Films DEADLOCK (1970) in der israelischen Wüste. Er drehte dort mit erheblichem finanziellen Eigenrisiko, ein vom Italowestern und der Drogenkultur gleichermaßen inspiriertes allegorisches Endspiel, zu dem es vorher und nachher nichts Vergleichbares gab. Der deutsche Film der siebziger Jahre hatte sein erstes Kultereignis, der Traum, auch hierzulande physisches Kino par excellence herstellen zu können, schien plötzlich erfüllbar. DEADLOCK wurde sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik ein Erfolg, Roland Klick erhielt seinen ersten Bundesfilmpreis, der Film das Prädikat „besonders wertvoll“. Den endgültigen Durchbruch schafft Klick 1973/74 mit SUPERMARKT, der packenden Geschichte eines hoffnungslosen Überlebenskampfes im Dschungel der Großstadt. Wiederum wurde Klicks Leistung als Regisseur mit einem Bundesfilmpreis honoriert. Immer auf der Suche nach publikumswirksamen Stoffen inszeniert Klick als nächstes die wohl gelungenste Adaption eines Romans von Johannes Mario Simmel: LIEB VATERLAND, MAGST RUHIG SEIN (1976). Im Jahr 1979 erhält der Regisseur seinen dritten Bundesfilmpreis für den abendfüllenden Dokumentarfilm DERBY FEVER, USA. Die brillante Reportage über das populärste amerikanische Galopprennen und den dadurch ausgelösten Medien- und Werberummel entstand in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk. Anschließend sollte Klick den „Stern“ Bestseller WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO verfilmen, doch nach mehreren Drehbuchentwürfen und nicht enden wollenden Differenzen mit der Produktionsfirma, zog sich Klick von dem Projekt zurück und begann WHITE STAR vorzubereiten, wie DEADLOCK und SUPERMARKT eine Eigenproduktion. Für die Hauptrolle dieser in der Berliner Musikszene angesiedelten Geschichte gelang es ihm, den Hollywoodstar Dennis Hopper zu verpflichten. Der Film entstand 1981/82 und lief 1983 bei den Hofer Filmtagen. 1984 erhielt Roland Klick für WHITE STAR seinen vierten Bundesfilmpreis. Nach WHITE STAR realisierte Roland Klick eine Komödie mit dem Titel SCHLUCKAUF über eine junge Frau die es vom Land nach Berlin verschlägt. Schon während der Produktion kam es zu Querelen mit dem Produzenten und der FFA, so dass dieser Film nie regulär veröffentlicht werden konnte. Roland Klick zog sich danach aus dem Filmgeschäft zurück, machte ausgedehnte Reisen durch Südostasien und Südamerika, lebte lange Jahre an der Westküste Irlands, unterrichtete an verschiedenen deutschen Filmhochschulen und arbeitete an filmtheoretischen Schriften und einem Roman.

Statements

Das Kino und die Realität
(Ausschnitt aus einem Bericht zum Erscheinen von SUPERMARKT, Badisches Tagblatt) 

Kino bedeutet für Klick die Polarität der Auseinandersetzung mit der Gegenwart und deren Wiedergabe im Film. „Bei vielen Regisseuren geht diese Polarität verloren“, sagt er, „weil sie von Film zu Film mehr in einer Kunstwelt zu leben beginnen und nur noch mit der Reproduktion beschäftigt sind, statt mit der direkten, konkreten WIrklichkeit. Man erliegt nur allzu leicht der Versuchung, in der Inzucht der Berufwelt aufzugehen. Ich aber möchte Filme machen und leben, beides ist untrennbar miteinander verbunden.“ (...) Klick ist in seinem Filmstil zweifellos beeinflußt vom amerikanischen Kino, und ihm gilt eingestandenermaßen auch seine ganze Liebe: „Die Amerikaner haben etwas begriffen, was in Europa in den Höhenflügen der Gedanken hängengeblieben ist – daß nämlich Kino sich mit Gegenständen befaßt, sie fotografiert, liebt, auf die Leinwand bringt, sie zum Fetisch macht. Indem man filmt, vollzieht man ein Bekenntnis zur Oberfläche der Dinge. Man muß sie studieren, betrachten, begreifen und dann entdeckt man, daß in ihrer Bereitschaft alles sichtbar ist und daß das zum Ausdruck kommt, was ihre Existenz ausmacht. Kino ist für mich eine bestimmte Art der Auseinandersetzung mit der Welt, mit der gesellschaftlichen Realität, mit dem Oberflächlichen. Eine Auseinandersetzung mit dem Instrument der Kamera. In diesem Sinne ist das Kino die eigentliche materialistische Kunst.“

Filmen als Prozess der Liebe
(Ausschnitt aus einem Bericht anlässlich Roland Klicks jüngstem Film DEADLOCK, Ingeborg Weber, Stuttgarter Zeitung)

„Kino ist für mich nicht Stätte der Aussage, der Belehrung, sondern Ort der Kommunikation, Schauplatz eines Gemeinschaftserlebnisses. Kino – das sind Bilder, die wirken, sich auswirken wollen auf die Menschen, die sie sehen. Verschiedenartigste Beziehungen zwischen Bild und Betrachter stellen sich her. Gleichzeitig wünsche ich mir Kommunikation mit den Menschen neben mir. Nebeneinander gleichzeitig die gleichen Bilder sehen, da schwingt doch etwas zwischen den Menschen.“

Autos, Geld, Pistolen
(Jörg Schöning zum Kino von Roland Klick)

Roland Klick gilt als der „Professional“ unter den deutschen Regisseuren. Das verwundert auf den ersten Blick bei einem Mann, dessen filmisches Gesamtwerk, entstanden zwischen 1963 und 1989, doch eher schmal ausgefallen ist: Gerade mal sieben Spielfilme, einen abendfüllenden Dokumentarfilm und drei Kurzfilme umfasst es. Doch Professionalität ist bei Roland Klick keine Frage des Outputs, sondern der Haltung. Kein anderer Regisseur in Deutschland hat so geradliniges, physisches Kino gemacht wie er, kein anderer hat sich zugleich so kompromisslos auf die Seite seiner Protagonisten geschlagen. Niemals wurden Schauspieler – bei Klick waren es immer entweder Stars oder Laien – von ihm zu Illustrationen irgendwelcher Thesen degradiert, stets ging es Klick um ihre Individualität, die immer spürbar in den Rollen aufging. An Intensität und Wahrhaftigkeit suchen seine Filme darum hierzulande ihresgleichen. So ernst wie er die Schauspieler nahm, so ernst nahm er das Publikum. Dass seine Filme in den 70er, 80er Jahren Kassenerfolge waren, ließ ihn unter den Cliquen der Autorenfilmer, von denen er sich fernhielt, zum Außenseiter werden. Dass er sich den Betulichkeiten des damals gängigen Kommerzkinos nicht anpassen wollte, sorgte andererseits für seine unüberbrückbare Distanz zum Mainstream. „Die Amerikaner machen Filme richtig“, lautet bis heute sein Credo. „Ihre Geschichten und die Art, wie sie sie erzählen, entspricht dem, was das Medium verlangt. Ich habe deutsche Filme gemacht, und ich habe sie offenbar richtig gemacht, denn plötzlich sahen sie amerikanisch aus.“ Roland Klick hat „Actionfilme“ gemacht.

Kein anderer Regisseur in Deutschland hat rasant beschleunigende Autos so gekonnt ins Bild gesetzt, kein anderer hat Maschinenpistolen derart exzessiv losballern lassen. Doch anders als bei heutzutage modischen Homunkuli vom Dramaturgenreißbrett wirkt das in seinen Filmen niemals lächerlich. Denn schon lange vor John Woo hat er Schusswechsel als ein Ausdrucksmittel zwischenmenschlicher Kommunikation eingesetzt. Hätte er sich auf bloße „Action“ beschränkt, gäbe es kaum zwingende Gründe, sich seine Filme heute wieder anzusehen. Doch angesichts der gegenwärtigen Versuche, in Deutschland (wieder einmal) ein Genrekino zu entwickeln, sind sie ausgesprochen aktuell: Sie können Maßstäbe setzen, verbindet Klick in ihnen doch Action und Anthropologie. Klicks Untersuchungsfeld ist das Hoheitsgebiet der „Randständigen“. Doch Klick ist alles andere als ein Pamphletist, der eine Botschaft hätte. Klick vertraut nur den Bildern. Seine Protagonisten – niemals käme man auf die Idee, von ihnen als „Helden“ zu sprechen – sind schweigsame Outcasts. Was sie untereinander verbindet, ist ihre „Unbehaustheit“. Da gibt es kaum einen, der eine Wohnung besäße oder es länger in ihr aushielte als knappe drei Minuten. Schon sein erster Kurzfilm „Weihnacht“ (1963) zeigt einen Schuljungen, der einen Tag lang durch eine vorweihnachtliche Großstadt stromert und staunend die Warenwelt des wirtschaftswunderlichen Gabenfests zur Kenntnis nimmt. Seine Blicke sind programmatisch für die Arbeitsweise seines Regisseurs: Das Kino Roland Klicks ist ein „Kino der aufgerissenen Augen“. Sie entdecken eine kalte Welt. Geld ist in ihr das Mittel, das alle Dinge in Bewegung setzt. Davon gibt es in „Deadlock“ (1970) entschieden zuviel. Klicks frühes Meisterwerk, eine Mischung aus psychedelischem Western und absurdem Theater, zeigt zwei Gangster, die sich in einem ausgestorbenen Wüstenkaff die Beute streitig machen. Anthony Dawson als zynischer Killer und Marquard Bohm, ein wunder Desperado, liefern sich ein Duell, das als fortschreitendes Delirium inszeniert ist: ein fiebriger Alptraum, in dem dumpfe Boshaftigkeit und heftige Gewaltausbrüche einander ablösen. Am Ende bleibt beim Showdown unter sengender Sonne nicht nur der bemitleidenswerte Mario Adorf, sondern auch die schöne Mascha Rabben auf der Strecke. Wer nicht gänzlich verroht ist, den fröstelt‘s. „Supermarkt“ (1973) erzählt davon, wie schwer es ist, an Geld zu kommen. Die Geschichte eines armen Strichers, um dessen „Wohlergehen“ ein engagierter Journalist, ein reicher Freier und ein schmieriger Ganove aus höchst eigennützigen Motiven konkurrieren, ist in Hamburg angesiedelt. Der Hauptbahnhof, der Kiez und die Straßenzüge am Hafen (lange vor ihrer Gentrification) bilden den Hintergrund für einen schmuddeligen, neon grellen „Asphaltdschungel“, aus dessen Tristesse der chancenlose Verlierer nach einem ebenso verzweifelten wie stümperhaften Coup vergeblich hofft, davonrennen zu können. Ein „Stück vom Kuchen“ will auch der junge Musiker in „White Star“ (1983) abbekommen. Darum lässt er sich mit einem abgehalfterten Produzenten ein, der in ihm wiederum seine letzte Chance erblickt und mittels inszenierter Krawalle und eines Mordanschlags seinen „Star“ auf dieTitelseiten bringt. Der Film ist eine atemlose Tour de force, ein Film, der vielleicht nicht wurde, was er werden sollte, weil sein Hauptdarsteller Dennis Hopper allzu sehr „auf Droge“ war, der mit seinem fragmentarischen Stakkatostil aber adäquat der rohen Punkattitüde der frühen 80er Jahre entspricht. Zu Klicks Prinzip gehörte es von jeher, das Chaos zuzulassen. Er ist ein entschiedener Verfechter des Heterogenen. Die „Produktionsbedingung“ Wirklichkeit ist tief in seine Filme eingeschrieben. Und ging das mal daneben, so hat es doch Charme. Besonders schön in dieser Hinsicht ist Klicks Geschichte, wie er bei den Aufnahmen zu „Jimmy Orpheus“ (1966) bei einer Verfolgungsjagd auf St. Pauli einen – zuvor von ihm Vollkasko versicherten – Leihwagen mit Karacho an einen Laternenpfahl setzte, der Kameramann jedoch, als er Klick auf sich zurasen sah, in Panik alles stehen und liegen ließ, so dass die naturgemäß nicht wiederholbare Aufnahme unterblieb und die Zuschauer darum mit einer akustischen Simulation dieser Verschrottungsaktion aus dem Off vorliebnehmen müssen. Roland Klick hat eben immer alles auf eine Karte gesetzt. In seinen Filmen ist daher zu sehen, wie man Kino richtig macht: ohne Kompromisse.

© Jörg Schöning, erschienen in: SZENE HAMBURG 12/97, Szene Verlag Klaus Heidorn Kg, Hamburg 1997.

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