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Quiz 3000

D 2002, 372 min

Mit der televisionären Theater-TV-Show QUIZ 3000 verleiht Schlingensief der seiner Meinung nach einzig verträglichen Form serieller Theaterkunst Ausdruck.

Synopsis

QUIZ 3000 orientiert sich am Erfolgsmodell der RTL-Show „Wer wird Millionär“ mit dem generösen Schwiegermutterlieblingsmoderator Günther Jauch, der für die Beantwortung belangloser Fragen Millionen in Aussicht stellt. Schlingensief befreit das Format aus der Flimmerkiste und macht es zum Theater-Live-Event. Er übernimmt die Rolle des Moderators, einer bemühten, aber desillusionierten Jauch-Version, die mit Gewinnen nicht geizt – dafür aber auch nicht mit Fragen nach KZs, Verschwörungstheorien und Massenvernichtungswaffen.

DVD-Inhalt / 2 DVDs:
- „Quiz 3000 – Berlin“ (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 15.3.2002, Best-of, 39 min)
- „Quiz 3000 – Berlin“ (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 13.6.2002, Ganze Show, 119 min)
- „Quiz 3000 – Duisburg“ (Theater der Welt, Theater Duisburg, 23.6.2002, Best-of, 51 min)
- „Quiz 3000 – Hannover“ (Schauspiel Hannover, 29.9.2002, Best-of, 45 min)
- „Quiz 3000 – Zürich“ (Schauspielhaus Zürich, 8.11.2002, Best-of, 118 min)
- 28-seitiges Booklet mit Texten und Bildern

Weitere Texte

Der fragwürdige Fall von Dr. Jauch und Mr. Schlingensief
von Jörg van der Horst, Februar 2020 (Auszug)

Das Vor-bild

Heute können wir uns kaum noch vorstellen, dass eine einzelne TV-Sendung einmal derart die Gemüter bewegt hat, dass die ganze Fernsehnation vor den Empfangsgeräten saß und mitgefiebert hat. Straßenfeger nannte man das.
Wann auch immer das anfing, welcher Krimimehrteiler und welche Samstagabendshow auch dazugehörten, um die 2000er Jahre nahm diese Tradtion ihr Ende mit der deutschen Version der Quizshow „Wer wird Millionär“ mit Günther Jauch auf RTL. Und das ging so: Ein schon damals millionenschwererModerator, dem inzwischen womöglich halb Potsdam gehört, streute Millionen unter verarmte Uniprofessoren, Assistenzärztinnen und Langzeitstudenten, die zur Aufbesserung ihrer Haushaltskasse desnachts bei Nokia oder Siemens Handyknochen zusammenschrauben mussten. Zeitgleich zur Ausstrahlung saßen Zuhause Millionen von Menschen und träumten den deutschen Traum eines jeden Steuerzahlers, mit grenzenlosen Geldvorräten nur noch so um sich zu schmeißen. Zwischen Traum und Wirklichkeit standen lediglich noch läppische 15 Fragen; die waren mitunter richtig schwer, manchmal gemein ud größtenteils aus der Kategorie „Fragen die die Welt nicht braucht“. Eine Redaktion aus zehn Personen, damit warb der Sender schon damals, schlägt sich dafür bis heute durch die gesamte Brockhaus-Enzyklopädie und die Nächte um die Ohren. 
Für eskapistische TV-Ereignisse, die flächendeckend Bürgerinnen und Bürger in ihren Bann zogen, hatte man damals in den Kellern der Volkbühnen-Dramaturgie das Siegel „stattsstabilisierend“ geprägt. Im Wohnzimmer wurden die Leute eingelullt, damit sie von den Apokalypsen da draußen nichts mitbekommen. In seiner MTV-Show U3000 (2000) hatte Christoph gerade erst die Kerners, Raabs und Maischbergers der Welt mit diesem Siegel belegt – und Maischberger hatte Christoph deshalb, eines Abends im Foyer der Volksbühne, im Vorbeigehen mit einem erhobenen Mittelfinger bedacht. Er musste da wohl einen wunden Punkt getroffen haben. Und Wunden, so lehrte ihn ja Beuys, muss man zeigen, wie weh sie auch tun.

Christoph haben Massensuggestionen immer fasziniert. Dahinter stand die Frage, wie sich eine heterogene Menge so homogen um den Verstand bringen lassen kann. Egal ob vom Rednerpult im Sportpalast aus oder unter der Fuchtel eines Privatsenders, der mit den deutschen Ablegern von „Big Brother“ (2000) und „Deutschland sucht den Superstar“ (2002) der Volksverdummung durch Selbstbetrachtung schon großzügig Sendezeit eingeräumt hatte. Christoph befand sich mit diesen Formatenin einer Art On-Off-Beziehung. Die Eliminierungsshow „Big Brother“ hatte er zu einem elementaren Bestandteil seiner Wiener Containeraktion gemacht. Für die Eröffnung des Hebbel am Ufer unter Mattias Lilienthal (2003) hatte er unter dem Arbeitstitel „Deutschland sucht den Super-Theaterschauspieler“ eine Idee entwickelt, die dann allerdings nicht umgesetzt wurde. Mit FREAKSTARS 3000 (2003), der Suche nach den Mitgliedern der Behindertenband MUTTER SUCHT SCHRAUBEN, gab Christoph dem Castingwahn den Rest. Dieser Rest mit Namen „Supertalent“ wird bedauerlicher Weise immer noch gesendet.

Schließlich schlug das Imperium zurück und fragte Christoph Anfang 2004 tatsächlich an, ob er sich eine Teilnahme an der ersten Staffel des „Dschungelcamp“ vorstellen könne. Christophs Reaktion sah so aus, dass er eine zeitlang drüber nachdachte. Das feindliche Medium von innen heraus zur Implosion bringen, dieses Konzept verfolgte er seit 1993 ja auch schon am Theater. Und wie viele staatsstabilisierende Projekte ließen sich mit einem sechstelligen Preisgeld nicht noch verwirklichen?

Als Couch Potatoe war Christoph denkbar ungeeignet. Fernsehen interessierte ihn nur, wenn es die Nation bewegte. Damit konnte er wortwörtlich umgehen. Alles andere versendete sich. Er war insofern auch kein fernsehkritischer Betrachter, aber er schob die gehypten Formate ihrer Zeit unter sein Brennglas und sezierte Sender- und Sehgewohnheiten. TALK 2000 war in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre eine Reaktion auf die daily talks gewesen, in denen Fernsehpfarrer wie Jürgen Fliege (ARD) oder Kummerkastenonkel wie Hans Meiser (RTL) ihren unbedarften Gesprächspartnern dabei halfen, sich vor der versammelten Zuschauerschaft wenigstens mental nackig zu machen. Betroffenheit wirklte hier wie ein Brandbeschleuniger. Je mehr Mitgefühl der Talkmaster heuchelte, umso peinlicher wurde es für Herrn und Frau Mustermann. Die U3000 simulierte des rasanten TV-Stillstand der Jahrtausendwende. Alles war erlaubt, und solange es nur die niedrigsten Instinkte befriedigte, wurde alles und jeder hinter die Mattscheibe gequetscht und durch den Fleischwolf gedreht.

„Wer wird Millionär“ markierte in gewisser Weise eine Rückkehr zum Retro-TV. Nach all den Trash- und Chaosformaten der 1990er Jahre setzte man sich jetzt erst mal wieder gemütlich hin und lud zum Spieleabend in Klein-Las-Vegas-Manier.

PDF

Credits

Idee
Christoph Schlingensief
Mit
Christoph Schlingensief, Brigitte Kausch-Kuhlbrodt, Dietrich Kuhlbrodt, Kerstin Grassmann, Helga von Paczensky, Eva Zander, Michael Binder, Mario Garzaner, Horst Gelloneck, Bernhard Krüger, Achim von Paczensky, Rudi Zander sowie den Kandidat*innen und Show-Assistentinnen aus den jeweiligen Aufführungsorten
Special Guests / Promijoker
Bibiana Beglau, Helga Goetze, Corinna Harfouch, Sylvia Seidel, Roberto Cappelluti, Rolf Eden, Peter Kern, Cem Özdemir, Georg Uecker, Benjamin von Stuckrad-Barre, Päuli Hoffmann sowie „Mutter sucht Schrauben“ (Freakstars 3000)
Ausstattung
Mascha Deneke
Kostüme
Sabin Fleck
Bühnenkamera
Meika Dresenkamp
Musik
Schorsch Kamerun
Klavier
Sir Henry (Berlin), Matthias Berger (Zürich)
Redaktion
Jörg van der Horst
IT-Technik
Oliver Schenk
Regieassistenz
Kathrin Krottenthaler, Wojtek Klemm
Persönliche Assistenz Freakstars 3OOO
Nina Coenen
Produktionsleitung
Christoph Amshoff, Henning Nass (Royal Produktion GmbH)
Eine Produktion der
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

DVD-Infos

Inhalt
„Quiz 3000 – Berlin“ (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 15.3.2002, Best-of, 39 min – opt. engl. UT), „Quiz 3000 – Berlin“ (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 13.6.2002, Ganze Show, 119 min), „Quiz 3000 – Duisburg“ (Theater der Welt, Theater Duisburg, 23.6.2002, Best-of, 51 min), „Quiz 3000 – Hannover“ (Schauspiel Hannover, 29.9.2002, Best-of, 45 min), „Quiz 3000 – Zürich“ (Schauspielhaus Zürich, 8.11.2002, Best-of, 118 min)
Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch
Ländercode
Code-free
System
PAL / Farbe
Laufzeit
372 min
Bildformat
16:9
Tonformat
DD 2.0
Inhalt
Digipack (Set Inhalt: 2), 28-seitiges Booklet mit Texten und Bildern
Veröffentlichung
03.04.2020
FSK
Info-Programm gemäß §14 JuSchG

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