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D 1986, 81 min

Helge Schneider, der auch die Musik zum Fim gemacht hat, in einem widerlichen Film. Auf der Berlinale 1986 ausgepfiffen. Wim Wenders ging nach 10 Minuten. Alfred Edel kotzt sich durch den ganzen Film. Schlingensief zieht Bilanz: „Mein bester Film!“

Synopsis

Ausgelassenes Treiben auf der Picknickwiese in Mülheim a. d. Ruhr. Die Eltern haben ihre alten Naziuniformen wieder rausgekramt. Da macht die Polonaise noch mehr Spaß. Die Mama gibt das Startzeichen für eine außergewöhnliche militärische Vorführung. Sohn Joe wird aus dem Schlaf gerissen. Aber wird er verstehen, was sie mit ihm vorhaben? Wird er sich dem brutalen Kampf der Systeme widersetzen können? Klappt der Austausch von Sperma? Wird Joe das rohe menschliche Gehirn essen? Joe scheint verloren. Sein Weg führt in einen verlassenen Schacht der Zeche Rosendelle, wo sich ein Versuchslabor befindet. Während draußen noch die Schritte der Eltern verhallen, verweigert Joe die Nahrungsaufnahme, wird operiert und kann trotzdem fliehen. Die Sache gerät in Bewegung ...

Streaming-Info

Der Film ist über unseren Vimeo-Kanal zum Leihen oder Kaufen erhältlich. Weitere Anbieter siehe „Film kaufen“.
Sprache: Deutsch, Untertitel: Englisch

Pressestimmen

Sein bester Film! (epd Film)

Die Berlinale-Berichterstatter haben sich an MENU TOTAL bereits den Magen verdorben und in ihren Kolumnen kräftig ausgekotzt. Verständlich, denn Schlingensiefs Menü ist nicht jedermanns Sache: Ein kannibalistisches Happening, eine perfide Art Vergangenheitsbewältigung per Freß- und Verdaumassaker. (E. O. Jauch, Szene Hamburg, Analterror und Kannibalismus aus dem Underground von Mülheim)

Schlingensief erledigt die deutsche Vergangenheitsbewältigung von Hitler bis zu seinen Bewältigern in einem Aufwasch. Da bleibt nichts mehr übrig, schon gar kein Argument. Etwas beeindruckend Rigides passiert hier, sprachlos fast, nur konzentriert auf dreckige, aufgerauhte, grobkörnig-kontrastreiche Schwarzweißbilder von kaum noch gewohnter Direktheit. Aber so direkt, wie sie tun, sind diese Bilder gar nicht. In Wahrheit kotzen auch die Bilder nur aus, was an Fäkal- und anderen ungehörigen Ausdrücken in die Sprache eingegangen ist. Darin liegt tatsächlich ein Neubeginn, auch wenn darauf hinzuweisen ist, daß sich ähnliches in viel dezenteren Ansätzen auch schon beim frühen Kluge findet. Aber als Kluge seine ersten Kurzfilme drehte, war Christoph Schlingensief erst fünf Jahre alt, und das kann man ihm nicht zum Vorwurf machen. Der Vorwurf geht eher dahin, daß sein filmischer Kahlschlag Gefahr läuft, alles auf einmal in den Orkus zu schütten. Doch um das endgültig zu entscheiden, sollte man abwarten, was dieser fraglos begabte und mutige Provokateur in Zukunft macht. Bis jetzt sieht man neben dem deutlichen Unwillen gegenüber unserer Gegenwart nur einen unbedingten Willen zum Neubeginn – und das ist doch schon was! (Peter Buchka, 01.08.1986)

Während TUNGUSKA ein eher intellektuelles Kinovergnügen darstellt, ist der neue Streifen auf rein emotionale, fast physische Wirkungen bedacht. Schlingensief schafft es – nicht zuletzt durch das extrem grobkörnige s/w-Material – eine alptraumhafte Atmosphäre zu erzeugen wie sie selten im Kino spürbar wird, so daß man ihm gerne einige formale Schnitzer verzeiht. MENU TOTAL ist ein ungehobelter, radikaler Film, der noch zu schockieren vermag – vielleicht ein Anfang für einen Neuen Deutschen Undergroundfilm? (Inge Freitag, Marabo, Magazin für das Ruhrgebiet, 06.06.1986)

Preise und Festivals

- Berlinale Forum 1986

Weitere Texte

Interview mit Christoph Schlingensief über MENU TOTAL
(Indiskret! 06.05.1986)

INDISKRET! sprach mit Christoph Schlingensief über MENU TOTAL, über das Filmemachen in Deutschland, über Zukunftspläne und persönliche Sichtweisen.

Erzählst Du bitte, für alle, die Dich nicht kennen, Deinen Werdegang.

Geboren 1960 in Oberhausen, mit 14 Jahren einen Film-Club gegründet und Super 8-Filme gedreht, nach dem Abitur bin ich nach München gegangen und habe bei Franz Seitz als zweiter Kamera-Assistent bei „Doktor Faustus“ gearbeitet. Später auch als Produktions-Assistent und Second-Unit-Kameramann. Dann machte ich in München noch Industriedokumentationen. So mit 22 ging es hier im Ruhrgebiet los. Ich begann eigene 16mm-Filme zu drehen, finanziert aus dem Geld, das ich in München verdient hatte. Ein Kurzfilm wurde vom Goethe-Institut gekauft, so hatte man wieder ein bißchen Geld, und ich konnte Ende ’83 TUNGUSKA drehen, der hier in Mülheim im Steinbruch Rauen gedreht wurde. Der wurde wiederum vom Fernsehn gekauft, so hatte man Geld, MENU TOTAL zu machen. Zwischendurch machte ich auch immer mal wieder Kamera oder Tonassistent. Nach MENU TOTAL haben wir auch schon wieder einen neuen Film gedreht, der aber erst im Juni fertiggestellt wird.

Siehst Du Dich als Regisseur im klassischen Sinn oder als Filmemacher?

Den Ausdruck Filmemacher finde ich nicht so toll, weil er immer etwas mit sich-selbst-auf-die-Schulter-klopfen zu tun hat. Die Tendenz geht bei mir dahin, daß es mir schon lieber ist, wenn die Aufgabenbereiche verteilt sind. Die Aufgaben von der Geldbeschaffung bis zur Abwicklung eines Films sind so vielfältig, daß ich mehr zum Aufbau wie im amerikanischen Kino tendiere, wo eine stärkerere Arbeitseinteilung auf Spezialisten vorherrscht. Ich halte es für wichtig, daß dieser Weg in Deutschland auch mal wieder beschritten wird. Die letzten 10 Jahre waren eben Autoren-Kino, in dem sich die Regisseure ausschütteten, wo sie ihre Wehwehchen haben und was sie doch für Märtyrer sind und daß sie für Millionen gelitten haben und ohne Schuhe vom Süden des Landes bis Paris laufen. Das alles ist irgendwo langweilig und überflüssig geworden. In diese Schablone werde ich auch oft gesteckt, das ist aber ein Mißverständnis, denn MENU TOTAL ist eine zynische Komödie. Manche nehmen den Film zwar als albtraumartig wahr, da wird drin gekotzt, es ist auch eine Vergewaltigung dabei, aber strenggenommen kommt davon soviel, es ist so geballt, daß es eigentlich nur anders gemeint sein kann.

Siehst Du Dich in irgendeiner Kino-Tradition?

Man muß schon Bescheid wissen über das, was wichtig ist in der Filmgeschichte – bei mir ist das noch lange nicht der Fall, daß ich alles kenne, doch sich einem Vorbild anzunähern, geht. Ich habe das jedenfalls noch bei keinem Regisseur geschafft. Mal gefällt einem was von dem, mal von einem anderen. Ich mag z. B. Spielberg, weil ich es toll finde, wie er seine Filme durchpowert und ich mit 800 anderen Leuten im Kino dabei bin – das ist wie Achterbahnfahren. Das Timing ist fantastisch. Aber andererseits mag ich auch Filme von Resnais, oder von Buñuel, als so Dinger, die diffiziler ablaufen. In Deutschland Vorbilder zu finden, ist ganz schwer: Das ist auch ein Problem der Leute, die jetzt anfangen, Filme zu machen, daß sie sich in einem Loch befinden.

Wirst Du in Zukunft mehr in Richtung klassisches Erzählkino gehen?

Ich denke, daß ich schon unsichere Filme mache, da ich im Moment keinen Standpunkt kenne, der überzeugend erscheint. Schon meine Filme sind recht unterschiedlich. Das einzige gemeinsame Element ist ein religiöses, nicht im Sinne von beten und murmeln, sondern da ist etwas nicht greifbares, das die Leute verbindet. Das zweite Element ist, Spaß zu haben an unwichtigen Dingen, die sich wichtig nehmen. In Berlin gab es z. B. Diskussionen darüber, daß ich im Film Nazi-Uniformen benutze. Doch dabei habe ich keine Skrupel. Ich denke, daß ich da einfach ins Regal greifen kann, um absurde Symbole und Instrumente einer miserablen Zeit auch absurd zu benutzen. Ich will damit eigentlich weniger provozieren, es ist ja mehr Kasperletheater, was ich da zeige, Gesellschaftsspiele.

Beschreib doch bitte mal den Film, den wir zeigen, MENU TOTAL aus Deiner Sicht.

MENU TOTAL ist ein Film, der für viele Zuschauer Traumstruktur hat, wo Dinge auftauchen, von denen sie meinen, sie selbst schon mal im Kopf gehabt zu haben. Es gibt, glaub ich, einen ziemlichen Spaß, wenn der Film in Mülheim läuft. Angefangen bei der Musik von Helge, Dieter Stein und Peter Eisold, die sehr toll geworden ist, dann die Schauspieler Volker, Helge und Reinhard, die man hier kennt. Ich glaube, das gibt dem Film auch einen guten Kick. – Und wie gesagt, der Film hat einen schlechten Geschmack, aber nicht so, daß man darunter leiden muß. Und Alfred Edel, die Sprechblase des neuen deutschen Films der vergangenen Jahre kann hier endlich mal alles auskotzen, was sich bei ihm angesammelt hat. Der Film hat keine Psychologie, ist noch experimentell erzählt, allerdings mehr Spielfilm als TUNGUSKA. Jede Figur will sich ständig in Szene setzen. Der einzige, der zwischen allen Stühlen steht, ist Joe (im Film Helge), der zwar am Schluß alle umbringt, aber in ein neues System hereingerät, wo er sehr gedämpft ist, MENU TOTAL ist eigentlich eine Kriminalkomödie, die aber sehr komisch funktioniert. Hier weiß man nicht, wer der Mörder íst und die Auflösung ist nicht so, wie man es erwartet.

PDF

Credits

Buch, Regie und Kamera
Christoph Schlingensief
Mit
Helge Schneider, Volker Bertzky, Alfred Edel, Dietrich Kuhlbrodt, Reinald Schnell, Anna Fechter, Joe Bausch, Annette Bleckmann, Thirza Bruncken, Wolfgang Schulte
Kameraassistenz
Ralf Malwitz
Montage
Eva Will
Ton
Andreas Wölki
Musik
Helge Schneider, Dieter Stein, Peter Eisold
Kostüme
Katrin Köster
Ausstattung
Eckhard Kuchenbecker
Technik
Norbert Schliewe
Catering
Gerhard Fechter
Produktionsleitung
Wolfgang Schulte
Aufnahmeleitung
Stefan Sowa
Produzent
Christoph Schlingensief
Produziert von
DEM Film, Hymen II
Förderung
NRW
Premiere
20.2.1986, Berlinale Forum

DVD-Infos

Extras
Original geätzte englische Untertitel (nicht ausblendbar), Interview mit Christoph Schlingensief (ohne Untertitel), Presseschau
Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch
Ländercode
Code-free
System
PAL / S/W
Laufzeit
81 min + 7 min Extras
Bildformat
4:3
Tonformat
DD 2.0
Inhalt
Softbox (Set Inhalt: 1)
FSK
Ab 16 Jahren

Kinoverleih-Infos

Verleihkopien
DCP (4K, 24 fps, 5.1)
Blu-ray Disc
35mm (Blow Up mit engl. UT, Mono, über Deutsche Kinemathek)
Bildformat
35mm, 1:1,66
Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch (DCP, BD)
Werbematerial
A1-Poster (leihweise)
Lizenzgebiet
Weltweit
FSK
16