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Die letzte Stadt

DIE LETZTE STADT Heinz Emigholz, D 2020, 100 min

„A revelation stuffed with every kind of surprise except the ones you expect.“



Ein Archäologe und ein Waffendesigner, die sich in einem früheren Leben als Filmemacher und als Psychoanalytiker gekannt haben, treffen sich in einer Ausgrabungsstätte in der Negev-Wüste und beginnen ein Gespräch über Liebe und Krieg, das sie in der israelischen Stadt Be’er Sheva fortsetzen. Dann beginnt der Film mit wechselnden Darstellern in wechselnden Rollen einen Reigen, der durch die Städte Athen, Berlin, Hongkong und São Paulo führt. Es treten auf: ein alter Künstler, der auf sein jüngeres Selbst trifft, eine Mutter, die mit ihren beiden erwachsenen Söhnen zusammenlebt - einem Priester und einem Polizisten, eine Chinesin und eine Japanerin, eine Kuratorin und ein Kosmologe. Die Dialoge der Protagonisten handeln von obsolet gewordenen gesellschaftlichen Tabus, Generationenkonflikten, Kriegsschuld und Kosmologien. Die Architekturen der fünf Städte dienen als dritter Partner im Dialog der Protagonisten und komplettieren ihre philosophischen und metaphysischen Reisen.

Statement des Regisseurs

Der erste Versuch, den Film The Last City zu produzieren fand 2003 statt. Das Projekt hieß damals Tale of Five Cities und sollte von Karim Debbagh für Kasbah Films produziert werden. Die fünf Städte waren Alexandria, Kashan, Buenos Aires, Fez und Houston, Texas: „Ein Episodenfilm in fünf frei kombinierbaren Akten... Es geht ums Atmen und um bedingungslose Liebe, also um Naturrechte, die mit unterschiedlichen Zwängen des Gesellschaftlichen und gesellschaftlich unterschiedlich erzwungenen Opfern in Konflikt stehen... Der Subtext ist Air-Conditioning: alle Formen des Atmens durch alle Stadien der Vergiftung bis hin zur Lähmung, der individuelle Abschied vom Körper in den verschiedenen Gesellschaften“, hieß es in einem Essay, der unseren Antrag begleitete. Nun, wir waren nicht erfolgreich und brachten das wenige Geld für die Realisierung des Projektes nicht zusammen. Ich begreife das als eine Nachwirkung der offiziellen Ausbremsung meines Tuns nach der Veröffentlichung des von mir produzierten Spielfilms Der Zynische Körper von 1991, zu dem es auch kein ausgearbeitetes Drehbuch gegeben hatte, und mit dem ich pleite gegangen war. Die von Freud beschriebene Gefahr „Die Verletzung eines Tabus macht den Verursacher dieser Verletzung selbst zum Tabu“ war Wirklichkeit geworden, oder, wie Frieda Grafe es ausgedrückt hatte: „Wenn ich Ihre Filme mag, besteht die Gefahr, daß Sie nie wieder welche machen können.“

Inzwischen bin ich dreiundachtzig kürzere und zwölf lange Filme älter geworden. Die meisten davon existieren ohne Kommentar und Schauspielerei, im Vertrauen auf eine Kameraarbeit, die ihre Objekte für sich selbst sprechen läßt. Zumeist wurden diese Filme in komplexen Architekturen gedreht, so wie ich es als Kameramann am Liebsten habe. Eine imaginäre Architektur in der Zeit zu konstruieren, war und ist mein Programm. Eine der letzten dieser Architekturfilme, ein monografischer Film zum Werk Eladio Diestes in Uruguay, war zugleich eine ausführliche Drehortsuche für den Spielfilm Streetscapes [Dialogue], der in ausgewählten Bauwerken von Dieste, Julio Vilamajó und Arno Brandlhuber gedreht wurde. Nach fünfzehn Jahren war das eine Fortsetzung von Der Zynische Körper, in dem Architekturen auch schon die Rolle von Protagonisten gespielt hatten.

Das neue, gegenüber Tale of Five Cities stark veränderte Projekt The Last City – Die letzte Stadt setzt da an, wo der Spielfilm Streetscapes [Dialogue] aufhört, ohne daß man von dem Vorgängerfilm wissen muß. Seine Protagonisten haben sich stark verändert und ihre Berufe gewechselt. Aus dem Filmemacher ist ein Archäologe geworden und aus dem Analytiker ein Waffendesigner. Sie treffen sich an einer Ausgrabungsstätte in der Negev-Wüste und setzen ihr Gespräch in der israelischen Stadt Be’er Sheva fort. Dann beginnt der Film mit wechselnden Darstellern in wechselnden Rollen einen Reigen, der durch die Städte Athen, Berlin, Hongkong und São Paulo führt. Die Dialoge der Protagonisten handeln vom Krieg, von obsolet gewordenen gesellschaftlichen Tabus, der Konfrontation eines alten Mannes mit seinem jüngeren Selbst, von Kriegsschuld und Kosmologien. Für eine weitergehende Inhaltsangabe eines nicht nacherzählbaren Filmes fehlt mir der Nerv. Man möge sich der Erfahrung aussetzen und den „Inhalt“ selbst herausfinden. Monothematisch geht es darin jedenfalls nicht zu.

Für mich muß jeder Film der Anfang einer möglichen Analyse sein, die durch ihn in Gang gesetzt wird und dann geschieht. Seine Dauer soll zu einer Zeit des Erfassens und Begreifens werden. Die in vielen Filmen vorgeführte Aufklärung eines Verbrechens ist dabei die vulgärste Variante. Die Banalität dieser Produkte geht auf die Existenz allwissender Drehbücher zurück. Aber verlassen wir dieses Elend, das auf ewig mit dem Segen der Einschaltquoten in seinem Schwachsinn dahinsegelt. Film kann als Erkenntnisinstrument viel tiefer greifen. Er selbst muß zu einem Drehbuch werden, das von der durch ihn möglich gewordenen Erkenntnis geschrieben wird. Ein Drehbuch after the fact, etwa so wie Hellmuth Costard es einmal mit Der kleine Godard an das Kuratorium Junger Deutscher Film exemplarisch geschrieben hat, nachdem sein Film schon abgedreht und fertiggestellt war.

Meine Vision: Der Kameraregisseur tastet die Oberflächen einer monströsen Realität ab, um deren aktuelle Verpeiltheit darzustellen. Die Oberflächen des Wirklichen werden wie Gedanken umgedreht, und die Gedanken werden zu Oberflächen, die gelesen werden können. Verloren geht dabei eine künstlich verrätselte Tiefe, in der das Ende der Gedanken schon vorausgedacht ist. Denn darin gliche die Raffiniertheit eines Drehbuches lediglich dem der Konzeptkunst innewohnenden Gedankenkitsch. Es würde wie diese auf der Stelle stehend verharren – überflüssig wie eine abgelebte Konvention. Wir haben genug davon, auch in dem Sinne, daß es uns anödet. So geht es jedenfalls mir. Die Tabus, die zu brechen sind, liegen auf einer ganz anderen Ebene als auf der des erzählten Skandals oder Unrechts. Die Form der filmischen Erzählung selbst ist zu einem Tabu oder auch Unrecht geworden, das zu brechen ist. Ich habe deshalb nur noch bitterkalte Gefühle gegenüber einer im konventionellen Sinne illustrierend erzählenden Kamera übrig. Ein Kulturkampf, vielleicht, auch ein wunderlicher – aussichtslos sowieso, angesichts der vielen Revolutionen, die keine waren oder sind. But who cares, ich sehe keine Alternative.

Natürlich ist The Last City „geschrieben“ worden. Alles Andere zu behaupten, wäre gelogen. Und zwar in dem Zeitraum von fünfzehn Jahren, in dem die erwähnten Architekturfilme zustande kamen. Die Städte und Themen veränderten sich ständig. Fertiggeschrieben ist der Film dann im März 2018 in Nadur auf Gozo, wo es noch einen wirklichen Frühling gibt, und nicht nur einen ideologischen. Und mit einer Kameraarbeit im Sinn, die als gleichberechtigter Partner ihre Sprache hinzufügen würde.

Heinz Emigholz, Januar 2020

 

 

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