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Schlachthäuser der Moderne

D 2022, 80 min

Die quasi-faschistische Architektur der Schlachthäuser Francisco Salamones in der argentinischen Pampa, die utopischen Bauwerke Freddy Mamani Silvestre in El Alto/Bolivien und das restaurative „Stadtschloß“ in Berlin sind die Eckpunkte eines analytischen Dokumentarfilms, der den Doppelcharakter der architektoinischen Moderne im Spannungsfeld zwischen Avantgarde und politischer Propaganda untersucht. Der Schauspieler Stefan Kolosko agiert als Taucher in der versunkenen Stadt Epecuén und als Kurator im Berliner „Humboldt Forum“. Der Architekt Arno Brandlhuber kommentiert den Wiederaufbau des „Berliner Stadtschlosses“.

Die Dreharbeiten zum Film fanden 2021 in Berlin, Bolivien und Argentinien statt.

Synopsis

Die filmische Dokumentation der Bauwerke zweier südamerikanischer Architekten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, bildet die Grundlage des Films SCHLACHTHÄUSER DER MODERNE, der den Doppelcharakter der architektonischen Moderne im ideologiegeladenen Spannungsfeld zwischen Avantgarde und politischer Propaganda untersucht. Der indigene bolivianische Architekt Freddy Mamani Silvestre (*1971) hat im kurzen Zeitraum von fünfzehn Jahren ab 2005 in der Stadt El Alto über sechzig Projekte verwirklicht, die abseits vom Stilkrampf und Diktat einer westlichen Moderne mit seiner eigenständigen Farb- und Formenwelt eine utopische Setzung bedeuten. Siebzig Jahre zuvor errichtete der argentinische Architekt Francisco Salamone (1897-1959) in der Provinz Buenos Aires innerhalb von zehn Jahren eine Vielzahl öffentlicher Gebäude, die vom Geist einer faschistisch-futuristischen Moderne durchdrungen sind. Der Gegensatz zwischen Experimentierkunst und strengem Politsymbolismus, zwischen verspieltem Engagement und öffentlichen Zwangsvorstellungen, kennzeichnen die Pole, die der Film im Kontext von Restauration und literarischer Verklärung analysiert. Das Projekt „Stadtschloß“ (a.k.a. „Humboldt“-Forum) in Berlins Mitte dient mit seinem Versuch einer Synthese zwischen monströsem Prachtbau und reduktiver Moderne als dritter Eckpfeiler dieser Untersuchung. Die Tatsachen eines präfaschistischer Wilhelminismus und eine verschrobene südamerikanische Phantasie über den Kern des Nationalsozialismus sind das Bindeglied, die die in Europa relativ unbekannten Bauwerke von Salamone und Mamani mit dem Diskurs über den Doppelcharakter der Moderne, ihr Changieren zwischen Experiment und Restauration, verbindet.

Aktuell

Weltpremiere beim New York Film Festival NYFF60 im Oktober 2022 in der Sektion CURRENTS!
Screening dates:
10/8, 8:15pm Francesca Beale Theater
10/9, 3:15pm Howard Gilman Theater

Pressestimmen

Contemporary cinema’s preeminent chronicler of architecture and its intersection with the ever-present crisis of 20th-century modernity, Heinz Emigholz returns with an alternately mournful and sly treatise on how the presence—and, in some cases, absence—of municipal and communal building architecture is inseparable from capitalist ideology. Focusing mainly on cities and provinces in Argentina, Germany, and Bolivia, Emigholz’s latest film is a work of quiet observation and historical excavation. From slaughterhouses by Francisco Salamone to the flooded former spa city of Epecuén to the newly built Humboldt Forum in Berlin, the film demonstrates the effect of capital on public spaces, where creation and destruction go hand in hand, and as always, Emigholz makes the journey one of intellectual force and cinematic beauty. — New York Film Festival 2022

Preise und Festivals

- New York Film Festival #60 im Lincoln Center

Weitere Texte

Aus dem Prolog des Films

„Die revolutionären Erkenntnisse der theoretischen Physik zu Beginn des letzten Jahrhunderts führten zu einer unumkehrbaren Erschütterung traditioneller Raum-vorstellungen. Das hatte weitreichende Folgen für die Bereiche Architektur und Film. Die filmischen und architektonischen Avantgarden entsagten sich weitgehend der Tradition des Theaters mit seinen formelhaften Erzählweisen, barocken Ausstaffierungen und gestischem Gebaren. Zurück blieb ein Publikum, das in seinem persönlichen und politischen Erleben keinen Raum fand, diese Umwälzungen nachzuvollziehen und für sich selbst fruchtbar zu machen.

          Religiöse und wirtschaftspolitische Zwangs- und Terrorsysteme verhinderten lange Zeit und immer wieder von Neuem einen aufgeklärten Umgang mit wissen-schaftlichen Erkenntnissen. Deren Einzug in einen neu zu definierenden mensch-lichen Gestaltungsrahmen blieb auf der Strecke. In dieser nicht überschaubaren, geschweige denn zu regelnden Situation begannen Begriffe wie Tradition, Moderne oder Postmoderne ein von gesellschaftlichen Realitäten relativ abgelöstes Eigen-leben zu führen. Sie seilten sich in den Bereich politischer Propaganda, ge-schmackspolizeilicher Anstrengungen und individueller Verwirklichungsmythen ab.

          Angesichts des scheinbar unvermeidlichen Aufstiegs und des gleichzeitig logischen Niedergangs eines westlich geprägten Imperialismus und dem späteren Zerfall der politischen Blöcke nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Verwirrung intellektueller Gemüter immer aufdringlicher. Voreilig wurde ein Ende der Geschichte deklamiert, und alles schien wieder möglich zu sein: Die Proklamation einer Situation, die für die Kunst ein erstrebenswerter Zustand sein mag, politisch aber nur die nächste Autokratie bis hin zum nächsten Terror ansagt…“

Credits

Buch und Regie
Heinz Emigholz
Mit
Stefan Kolosko, Arno Brandlhuber
Stimmen
Susanne Bredehöft, Heinz Emigholz, Kiev Stingl
Kamera
Heinz Emigholz, Till Beckmann
Assistenz
Manja Ebert
Set Design
Ueli Etter
Originalton
Esteban Bellotto, Rainer Gerlach, Ueli Etter, Markus Ruff
Schnitt
Till Beckmann, Heinz Emigholz
Recherche
Angelika Hinterbrandner, Olaf Schäfer
Lokales Management Argentinien
Esteban Bellotto
Lokales Management Bolivien
Angel Cordero, Konrad Schlaich
Tongestaltung und Mischung
Christian Obermaier, Jochen Jezussek
Musik
Kiev Stingl „Einsam WEISS boys“
Postproduktion
Till Beckmann
Produktionsleitung
Viviana Kammel, Günter Thimm (rbb)
Produktionsassistenz
Anna Bitter
Redaktion
Rolf Bergmann (rbb)
Produzenten
Frieder Schlaich, Irene von Alberti
Produktion
Filmgalerie 451
Koproduktion
Rundfunk Berlin-Brandenburg
Gefördert durch
Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und Medienboard Berlin-Brandenburg
Uraufführung
09.10.2022, New York Film Festival

Ausschnitt aus dem Film „P.R.“ von Mathieu Brohan
Ausschnitt aus dem Film „Miscellanea II“ von Heinz Emigholz
Dank an Arno Brandlhuber, Mathieu Brohan, Viviana Castro, Eugenia Cavallaro, Victor Choque, Angel Cordero, Marcelo Guardia Crespo, Hartmut Dorgerloh, Rubén Ghio, Alfred Hagemann, Ulrike Lorenz, Alejo Magarinos, Vanesa Neubauer, Camila Paredes, Jonathan Perel, Sergio Picazo, Ana Ramos, Freddy Mamani Silvestre, María Sueldo, Maia Vena, Hanns Zischler und Centro Cultural Salamone in Balcarce, Chamber of Commerce in Guamini, Offices of Culture in Alem, Azul, Carhué, Laprida, Pringles, Saliqueló und Pellegrini, Office of Tourism in Tres Lomas und Pym Films

Kinoverleih-Infos

Verleihkopien
DCP (4k, Farbe, 5.1)
Bildformat
16:9
Sprache
Deutsch, Englisch
Werbematerial
/
Lizenzgebiet
Weltweit
FSK
Info-Programm gemäß §14 JuSchG