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Sullivans Banken

D 1993-2000, 38 min

Acht Gebäude des berühmten Architekten Louis H. Sullivan am Ende seiner Karriere.

Synopsis

Schriften und Bauten von Louis H. Sullivan zeichneten entscheidende Positionen der Moderne vor, auch ihre Janusköpfigkeit. Seine zur modernen Bauweise parallel gedachte und gestaltete, organische Ornamentierung wurde in Deutschland kaum wahrgenommen. Zwar wurde 1926 in der „Ausstellung neuerer amerikanischer Baukunst“ in der Berliner Akademie der Künste die Arbeit Sullivans in einem zentralen Saal ausgestellt. Für theoriefähig hielt man den Lehrer Frank Lloyd Wrights in Europa allerdings nicht. Auch nicht Sullivans mittlerweile weltberühmtes Credo „Form follows function“. SULLIVANS BANKEN zeigt die letzten acht Gebäude, die der berühmte amerikanische Architekt am Ende seiner Karriere gebaut und ausgestattet hat.

Pressestimmen

Während der Film diese schönen, diskret verzierten Backsteingebäude untersucht, die aus ihrer banalen zeitgenössischen Umgebung herausstechen wie Juwelen, wird man dazu veranlasst, sich über die starke psychologische Wirkung von Architektur Gedanken zu machen. Elegant, jedoch nie pompös, haben diese Strukturen im Landesinneren von Amerika die beruhigende Anmut und Solidität von säkularen Kathedralen des Kapitalismus. Und der Film bewundert sie mit einer entsprechenden andächtigen Ehrfurcht. (The New York Times)

Preise und Festivals

- Berlinale Forum, 2001
- Viennale, 2001
- Hong Kong International Film Festival, 2003
- New York Film Festival, 2002
- International Film Festival Rotterdam, 2014

Weitere Texte

Heinz Emigholz zu Louis H. Sullivan

Sullivan war mit 35 Jahren einer der berühmtesten Architekten Amerikas. Seine zusammen mit Dankmar Adler ausgeführte Wolkenkratzer-Trilogie „Wainwright Building“, St. Louis 1892, „Guaranty Building“, Buffalo 1896, „Bayard Building“, NYC 1899, findet sich in jedem Architektur-Lexikon. Ausgangspunkt seiner Gestaltungen war die durch die Stahlgerüstbauweise möglich gewordene Trennung von Konstruktion und Fassade. Vorgehängte Fassaden, die keine tragende Funktion mehr hatten, wurden von ihm konsequent zur freien Gestaltung genutzt. Von Bauwerk zu Bauwerk variierte und perfektionierte er dabei innen wie aussen sein modular ornamentales Design aus Backsteinen, Stahl, Gips, Terracotta, Glas, Keramik, Mosaiken, Marmor, Licht, Reliefs, Matritzenmustern, Holz und Metall.

Wir befinden uns hier im Herzen der Amerikana. Walt Whitman ist Sullivans Vorbild, und wie er bezieht er sich auf die Zeichensprache der Natur statt auf historische Stile. Sie ist für jeden zugänglich, also die Grundlage der Demokratie. Die Demokratie muss ein Gefäss für die Wiederholung der menschlichen Erfahrung sein. Ihre Orte haben die Würde des Menschen zu wahren.

Schriften und Bauten von Louis H. Sullivan zeichneten entscheidende Positionen der Moderne vor, auch ihre Janusköpfigkeit. Seine zur modernen Bauweise parallel gedachte und gestaltete, organische Ornamentierung wurde in Deutschland kaum wahrgenommen. Zwar wurde 1926 in der "Ausstellung neuerer amerikanischer Baukunst" in der Berliner Akademie der Künste die Arbeit Sullivans in einem zentralen Saal ausgestellt. Für theoriefähig hielt man den Lehrer Frank Lloyd Wrights in Europa allerdings nicht.

Sullivans berühmtes Credo „Form follows function“ taucht zum ersten Mal in dem Essay „The Tall Office Building Artistically Considered“ von 1896 auf und lautet grob übersetzt so: „Sei es der Adler auf seinem Gleitflug oder die Apfelblüte, der schuftende Ackergaul oder der lebhafte Schwan, die sich verzweigende Eiche oder die Windungen des Flusses nahe der Quelle, die ziehenden Wolken oder der Kurs der Sonne über allem, immer folgt die Form der Funktion... Es ist das universelle Gesetz der organischen wie anorganischen Welt, aller physischen wie metaphysischen Dinge, aller menschlichen wie über die Menschen hinausreichenden Eigenschaften, aller wahren Manifestationen des Kopfes, des Herzens und der Seele, dass das Leben in seinem Ausdruck erkennbar ist, dass die Form immer der Funktion folgt.“

Gerade die Umschreibung der Formel, dass das Leben in allen seinen körperlichen Ausformungen und Entsprechungen erkennbar, also lesbar sei, macht deutlich, dass es Sullivan um die Vielfalt des Lebens geht, um die auch experimentelle Neuheit, die in jeder Form des organisch und anorganisch Lebendigen zum Ausdruck kommt. Und dass ihr Daseinsrecht aus einem Geheimnis stammt, dass wir nicht absehen können. Die Art, wie die Gropius-Gruppe diese Formel besetzte, ist dagegen nur vulgär zu nennen. „Reinheit der Zweckform“, „Schönheit ist Funktion“ oder „Funktion gleich Schönheit“: ein grosser Kalauer der Moderne. Nicht die Reduktion der Form auf die Illustration einer Funktion ist für Sullivan zentral, sondern die Durchwachsenheit beider Elemente, ein gegenseitiges Erkennen, die Tatsache eines gedoppelten Codes.

Sullivan begann, im Stile der poetischen Rhetorik Walt Whitmans Vorträge über „demokratisches Bauen“ zu halten. „Natural Thinking: A Study in Democracy“, „Kindergarten-Chats“, „The Autobiography of an Idea“. Das alles führte zum Austritt aus den Standesgesellschaften der Architekten – die kommerzielle Karriere war beendet. Ein Melvillescher Abstieg begann bis hin zur Obdachlosigkeit in den letzten Lebensjahren. Aber 1906, zu Beginn seines persönlichen Malstromes, beginnen auch die Aufträge für die acht Banken. Carl Kent Bennent, ein Bankdirektor in Owatonna, Minnesota, bewunderte Sullivans Bauten und Schriften und sah gerade in dessen Extremismus gegenüber einer europäisch historisierenden Schule die Verwirklichung eigener, amerikanischer Ideale.

Im März und April 1995 haben wir eine Drehreise zu diesen letzten acht Gebäuden, die Louis H. Sullivan gebaut und ausgestattet hat, unternommen. Alle Gebäude befinden sich in Kleinstädten des Mittleren Westens der USA in einem Umkreis von 600 Kilometern um Chicago herum: Die „National Farmer's Bank“ in Owatonna, Minnesota, von 1908, die „Peoples Savings Bank“ in Cedar Rapids, Iowa, von 1911, das „Land and Loan Office“ in Algona, Iowa, von 1913, die „Purdue State Bank“ in West Lafayette, Indiana, von 1914, die „Merchants National Bank“ in Grinnell, Iowa, von 1914, die „Home Building Association Bank“ in Newark, Ohio, von 1915, die „Peoples Savings & Loan Association Bank“ in Sidney, Ohio, von 1918 und die „Farmers & Merchants Union Bank“ in Columbus, Wisconsin, von 1920. Zu sehen und als Raum zu spüren ist eine beispiellose Dialektik von Ornament, Stahlgerüstbauweise und menschlichem Mass, am abstraktesten Ort der Demokratie, der Bank.

Im Zentrum der Ortschaften – meist neben der City Hall an der Kreuzung von Main und Broad Street – stehen die Gebäude wie Raumschiffe in einer fremden Umgebung. Zu ihrer Zeit waren sie die Zentren für die Geldgeschäfte von Farmern, lokalen Unternehmern und Händlern, und zugleich die sozial funktionierenden Kulturpaläste und Kathedralen des Kapitalismus. Öffentliche Orte mit Trinkbrunnen und Toiletten, gebaut um einen zentralen Safe, dessen Armierungen und Verzierungen einen sicheren Ort des Geldes suggerierte. Und alle Kunst wurde darauf verwandt, diesen Ort des Geldes, der eigentlich ein abstrakter ist, zu einem realen zu machen. Der Börsenkrach von 1929 setzte dieser Kultur ein Ende. 

Credits

Regie, Kamera und Schnitt
Heinz Emigholz
Mitarbeit und Ton
Ueli Etter
Tongestaltung
Martin Langenbach
Mischung
Stephan Konken
Produziert von
Pym Films
In Kooperation mit
FilmFörderung Hamburg, WDR Filmredaktion (Wilfried Reichart)

DVD-Infos

Extras
Bonusfilm von Heinz Emigholz und Lior Shamriz THE WHITMAN PROJEKT (53 min, dt. und engl.) mit Texten von Walt Whitman, Biographien zu Louis H. Sullivan und Heinz Emigholz, alle Bauwerke einzeln anwählbar, Einleger
Sprachen
International Fassung (kein Dialog)
Ländercode
Code-free
System
NTSC / Farbe
Laufzeit
38 min + 53 min Extras
Bildformat
4:3
Tonformat
Dolby SR
Inhalt
Softbox (Set Inhalt: 1), Einleger
Veröffentlichung
14.12.2007
FSK
Ohne Altersbeschränkung