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Chance 2000 – Abschied von Deutschland

D 2017, 131 min

Deutschland, 1998. Anlässlich der Bundestagswahl veranstaltet Schlingensief in Berlin einen wortwörtlichen Wahlkampfzirkus, in dessen Rahmen die Partei CHANCE 2000 gegründet wird. Was bis zum Wahltag folgt, ist ein Exkurs und eine Ekstase in politischer Bildung, eine Geschichte im Zeitraffer vom Leben und Überleben einer Partei, inkl. eines apokalyptischen Bades im Wolfgangsee.
CHANCE 2000 ABSCHIED VON DEUTSCHLAND ist die Dokumentation des legendären Wahlkampf-Theaterprojekts „Chance 2000 Partei der letzten Chance“ von Christoph Schlingensief.

Synopsis

1998 hat Deutschland die Wahl zwischen Helmut Kohl und Gerhard Schröder, 6 Millionen Arbeitslose und eine Volksbühne, an der ein noch nicht allzu bekannter Christoph Schlingensief beginnt das Theater umzukrempeln. Mit seinem Mammutprojekt CHANCE 2000 gelang Schlingensief vor der Wahl nichts weniger als „das größte Theaterstück der Bundesrepublik Deutschlands“ zu inszenieren und eine Protestpartei zu gründen. Dazu stellt er im Berliner Prater erst mal ein Zirkuszelt auf. Welche Ausmaße CHANCE 2000 letztlich annehmen würde, ist zu Beginn noch niemandem klar. Manege frei für den Abschied von Deutschland!

Mehr als 100 Stunden Videomaterial aus dem Nachlass von Christoph Schlingensief wurden nun digitalisiert und von Katrin Krottenthaler und Frieder Schlaich zu einer dokumentarischen Zeitreise zurück zu einer der längsten und wahnwitzigsten Projekte Schlingensiefs montiert. Neben den insgesamt sechs Aktionen, die sich über einen Zeitraum von neun Monaten erstrecken sollten und von sieben Personen dokumentiert wurden, reisen wir mit Schlingensief, Martin Wuttke, Dietrich Kuhlbrodt, Carl Hegemann und Konsorten auf Wählerfang durch die Republik und sind zu Gast in Talkshows von Unterstützern wie Harald Schmidt und Alfred Biolek.
Irgendwo zwischen Happening und Realpolitik, Theaterevent und Anarchie, zwischen Kunst und Quatsch, Wirklichkeit und Spiel, schafft es Schlingensief seine Partei zu gründen, ein Hotel aus Zelten zur Finanzierung zu improvisieren, Behinderte und Arbeitslose zu Politikern zu machen und 1000 Jahre Helmut Kohl zu verhindern. Wahldebakel für die Partei? So what? Schlingensief feiert die Niederlage der Chance 2000-Partei als Performance-Theater. Er hat an die Sache geglaubt.

DVD-Inhalt / 2 DVDs:
- „Chance 2000 – Abschied von Deutschland“ (Dokumentarfilm, 2017, 131 min)
- Wahlspots (1998, 5 Spots: 8 min)
- Wahlkampfzirkus – Parteigründung im Prater-Zelt (Volksbühne Berlin, 13.3.1998, 104 min)
- Team-Ansprache (Februar 1998, 13 min)
- „Baden im Wolfgangsee“ (TV-Bericht von Sibylle Dahrendorf, 22.8.1998, 9 min)
- Pressekonferenz zum Konkurs von Chance 2000 (Berlin, 31.8.1998, 32 min)
- TV-Wahlspot – Rohmaterial (Volksbühne Intendanz, 31.8.1998, 36 min)
- Wahlveranstaltung mit Sahra Wagenknecht & Christoph Schlingensief (22.9.1998, Audio, 23 min)
- „Laß dir raten: gründe Staaten!“ (Elfriede Jelinek, 1998, 6 min)
- Filmpremiere 2017 (Volksbühne Berlin, 27. 6. 2017, 5 min)
- Axel Silber – Interview (Berlin, 3. 8. 2018, 7 min)
- 40-seitiges Booklet mit Fotos und Texte

Detaillierte Infos zu den Einzelaktionen (weiter unter bei „Weitere Texte“)

Streaming-Info

Der Film ist über unseren Vimeo-Kanal zum Leihen oder Kaufen erhältlich. Weitere Anbieter siehe „Film kaufen“.
Sprache: Deutsch, Untertitel: Englisch

Pressestimmen

Nein, das ist keine Nostalgie! Das Material ist einfach zu direkt und zu rau, als dass es für eine Verklärung taugen würde. (Berliner Zeitung, 28.6.2017) – Die vollständige Kritik zum Film und zum Premierenabend an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Anwesenheit vieler Chance-Aktivisten ist unter „Weitere Texte“ zu finden. 

„Chance 2000 – Abschied von Deutschland“ erscheint wie ein Kommentar zu den Polarisierungen, die die politische Auseinandersetzung heute bestimmen, wie eine Vorgeschichte zum völkischen Furor heute, die in ihrem selbstbewussten, theatral befeuerten Humanismus zugleich eine Alternative für das Deutschland aufzeigt, in dem nicht alle gut und gerne leben. (Matthias Dell, Der Freitag, 36/2017)

Berauschend chaotisch und gleichzeitig stringent ist die Montage, die Schlingensiefs Video-Fachfrau Kathrin Krottenthaler aus um die hundert Stunden Material unterschiedlichster Formate und Qualität zu einem ein Zweistunden-Erlebnis zusammengeschnitten hat: zum völligen Eintauchen in den Strudel der Aktion – direkt und rau mitten unter die 74-oder-so Volksbühnenschauspieler, Arbeitslose und behinderte Artisten vom Zirkus Sperlich – und in Schlingensiefs dialektisches Seilchenspringen. (Laf Überland, Deutschlandfunk Kultur, 4.9.2017)

Weitere Texte

Die Aktionen rund um CHANCE 2000

CHANCE 2000 – Partei der letzten Chance
Eine Theaterproduktion der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz & Chance 2000
Regie: Christoph Schlingensief
Ausstattung: Nina Wetzel

Wahlkampfzirkus 1998
von Christoph Schlingensief / Circus Sperlich
Regie: Christoph Schlingensief
Premiere: 13.3.1998 Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin
Mit: Adriana Almeida, Uwe Altmann, Christoph Backes, Horst Betzien, Sepp Bierbichler, Alfred Biolek, Bettina Blümner, Werner Brecht, Caroline Brenner, Georg Buchmann, Stefan Corinth, Susanne Ehlers, Horst Fahrnschon, Valentin Fastabend, Freie Klasse, Bernd Frank, Ilse Garzaner, Kurt Garzaner, Mario Garzaner, Alexander Grassek, Kerstin Grassman, Carl Hegemann, Kirsten Hemeyer, Wolfgang Joop, Christoph Jungermann, Karl-Heinz Kajahn, Brigitte Kausch, Klaus Koal, Robert Koall, Ulrike Köhler, Kaspar König, Jürgen Kolb, Doretta Kraatz, Dietrich Kuhlbrodt, Jürgen Kuttner, Lukas Langhoff, Matthias Lilienthal, LSD, Marc Marcowski, Astrid Meyerfeldt, Henning Nass, Sirkka Neumann, Achim von Paczensky, Helga von Paczensky, Stefan Pelz, Ilona Pohl, Sascha Quednau, Joachim Rang, Birgit Reif, Jutta Rommel, Christoph Schlingensief, Harald Schmidt, Ulrich Schneider, Wilfried Schober, Katrin Schoof, Dieter Schubert, Ilka Schulz, Hans-Hermann Schulze, Bernhard Schütz, Slothrop, Edwina Sperlich, Florina Sperlich, Georgia Sperlich, Gerd Sperlich, Janina Sperlich, Robert Sperlich, Severin Spieß, Barbara Steiner, Jörg Sternberg, Sandra Umathum, Susanna Vierling, Susanne Walter, Nina Wetzel, Volker Wörrlein, Martin Wuttke = 74 Volk

Ein als Parteitag in achtzehn Teilen angekündigtes, sich ähnlich wie die SCHLACHT UM EUROPA allabendlich veränderndes Theaterstück im Berliner Prater.

HOTEL PRORA
Übernachten bei Chance 2000 mit Christoph Schlingensief und Freunden
15.–23.5.1998, Prater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Raum: Nina Wetzel
von und mit: Werner Brecht, Lukas Langhoff, Henning Nass, Achim von Paczensky, Matthias Pees, Christoph Schlingensief, Axel Silber, Helga von Paczensky und vielen anderen

Im Prater eröffnet am 15. Mai neun Tage lang das „Hotel Prora“. Nach dem Motto „Wohnen, Wachen, Wirken mit Christoph Schlingensief & Freunden“ fanden 30 Hotelgäste Platz in Zelten zum Übernachten und tagsüber ein umfangreiches Aktions- und Ausflugsprogramm: gemeinsames Parteiplakatekleben in Spandau, Wannseebeschallung mit dem Parteilied vom Freund Freund Freund, rechtsextreme Agitation in Kreuzberg, Mitdealen in Marzahn, einkaufen im Kadewe.

WAHLKAMPF IN DEUTSCHLAND
1.6.–31.7.1998
Mit dem CHANCE 2000 Bus Aktionen in ganz Deutschland.
Stationen u.a. im Theaterhaus Stuttgart und im Vorderhaus Freiburg
Mit Christoph Schlingensief, Henning Nass, Julian Kamphausen, Nina Wetzel, Carl Hegemann, Achim von Paczensky, Helga von Paczensky, Werner Brecht u.v.a.

Unterwegs mit dem Chance 2000 Bus machten Christoph Schlingensief und sein Wahlkampfteam Halt in mehreren Städten. Stationen waren u.a. das Theaterhaus in Stuttgard und das Vorderhaus in Freiburg.

BADEN IM WOLFGANGSEE
2.8.1998 St. Gilgen, Wolfgangsee
Aktion mit Christoph Schlingensief und Freunden am Fereienort von Helmut Kohl.
Mit: Werner Brecht, Martin Wuttke, Carl Hegemann, Julian Kamphausen, Susanna Vierling, Christoph Schlingensief, Nina Wetzel, Henning Nass, Jörg Diernberger, Hans-Jörg Schütz, Bettina Blümner, Achim von Paczensky, Karin Nissen, Katrin Schoof, Ilka Schulz, Sandra Umathum, Anselm Franke, Familie Garzaner u.v.a.

Ein Höhepunkt des Wahlkampfs markierte der Versuch, durch ein Massenbad von Arbeitslosen den Wolfgangsee zum Überlaufen zu bringen und die Ferienvilla von Helmut Kohl unter Wasser zu setzen. Leider waren am Ende nicht genügend Arbeitslose angereist, um den Wasserpegel ausreichend hoch steigen zu lassen.

„TOUR DES VERBRECHENS“ WAHLKAMPFTOURNEE VON CHANCE 2000
Mit: Werner Brecht, Kerstin Grassmann, Achim von Paczensky, Dietrich Kuhlbrodt, Carl Hegemann, Christoph Schlingensief, Nina Wetzel, Julian Kamphausen, Henning Nass, Ilka Schulz und als Gäste: Artur Albrecht und Margit Carstensen
10.–12.9.98 Bregenz, Transmitter Festival; 14.9.98 Schauspielhaus Leipzig; 16.9.98 Bonn / Köln / Wuppertal; 17.9.98 Mousonturm, Frankfurt am Main; 19.9.98 Deutsches Schauspielhaus in Hamburg; 21.9.98 Marstall München; 24.9.98 Kulturfabrik Hildesheim; 25.9.98 Ballhof Hannover

WAHLDEBAKEL 98
27.9.1998 Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Mit: Bernhard Schütz, Astrid Meyerfeld, Sophie Rois, Achim von Paczensky, Werner Brecht, Christoph Schlingensief, Kerstin Grassmann, Familie Sperlich, Henning Nass, Carl Hegemann und sämtlichen Aktivisten von CHANCE 2000.

Der große Abschlussabend an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Nach gut einem halben Jahr Wahlkampf Zirkus zieht Schlingensief zum Finale Bilanz: „Es hat Spaß gemacht, weil wir es ernst meinten.“

CHANCE 2000 – PARTEI DER LETZTEN CHANCE / WAHLKAMPFZIRKUS '98 / WAHLKAMPFTOURNEE / WAHLDEBAKEL 98
Text von Jörg van der Horst

Deutschland 1998:
Rechtzeitig zur Bundestagswahl ’98 markiert die Gründung einer eigenen Partei mit dem futuristischen Namen CHANCE 2000 den medienwirksamsten Versuch Schlingensiefs, Kunst und Leben zusammenzuführen. CHANCE 2000 nimmt die Spielregeln des Parteienwahlkampfes auf und erklärt dem Parteilosen anhand einer demokratischen Gebrauchsanleitung z.B. den fast unbürokratischen Weg zur
Direktkandidatur für den Deutschen Bundestag; CHANCE 2000 enttarnt gleichzeitig politische Mechanismen, indem sie nichts verspricht – und genau damit alle ansprechen will.
„Handeln, Handeln, Handeln!“ lautet die Parole. Gemeinsames Ansinnen aller Beteiligten ist es, „die Politik kunstvoll und die Kunst politisch“ zu machen. Die PARTEI DER LETZTEN CHANCE ist deshalb auch kein rein politischer Akt, sondern ein Teil der wortwörtlichen Schlingensiefschen Aktionskunst. Was zählt, ist die Tat, oder wie Schlingensief es fordert: „Machen Sie mal was! Was ist egal.“
Jedoch hat er nun seinen Aktionsradius ausgedehnt, seinen Plan der Publikumsaktivierung in einem Prozess vom Film-, in den Theater-, hinein in den politischen Raum weiter getrieben. Die Involvierten sind nicht mehr Teilnehmer an der Inszenierung (Film), nicht mehr Teil des Inszenierens (Theater), sondern sie sollen fortan ihre eigene Inszenierung auf die Bühne und damit ins Leben bringen: „Beweise, dass es Dich gibt!“
CHANCE 2000 erweist sich als ein in jeder Hinsicht unbegrenztes Theaterstück, in dem alle mitmachen können – man muss nur sich selber ‘spielen’, sich mit seiner eigenen Person auseinandersetzen wollen, womit dann der erste Schritt – der Nachweis der eigenen Existenz – getan ist. Das Motto der Partei – „Wähle Dich selbst!“ – ist nicht allein Aufruf zur Kandidatur für das Parlament: es ist auch ein Appell,
selbstbewusster zu sein und zu handeln.
Die Richtungslosigkeit, die nicht mit Orientierungslosigkeit verwechselt werden soll, ist Prinzip und soll keinen Zweifel daran lassen, dass das Anliegen von CHANCE 2000 ein ernsthaftes ist. Sie betrachtet sich als Sammelbecken, als kleinsten gemeinsamen Nenner aller (selbsternannten) Randständigen und macht sich in konsequenter Fortsetzung der Schlingensiefschen Aktionen auf der Kasseler documenta X, der BAHNHOFSMISSION sowie der Integration Behinderter und Arbeitsloser in seine Film- und Theaterarbeiten für gesellschaftlich Benachteiligte stark: „Ein Arbeitsloser ist auch ein Arbeitssuchender, ein Archäologe unserer Zeit. Das ist eine Berufsgruppe. Das muss anerkannt werden als Berufsgruppe. Das ist einer der beliebtesten Berufe der Zukunft.“
Gleichwohl betont diese „neue Form der Selbstorganisation, ein hierarchisches Netzwerk“, ihre Ideologielosigkeit und beugt der Gefahr vor, als Konsumangebot oder Erlösungsphantasie missverstanden zu werden: „CHANCE 2000 bist du selber, bist du und du und du und ich.“
CHANCE 2000 ist ebenso eine Schnittmenge aller Schlingensiefschen Tätigkeitsfelder. So wird sein wöchentlicher Einkaufsbummel im KaDeWe mit einer stetig wachsenden Zahl von Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern, Behinderten und anderen qualifizierten Disqualifizierten per Videofilm dokumentiert; der WAHLKAMPFZIRKUS ’98 im Berliner Prater ist ein als Parteitag in achtzehn Teilen angekündigtes, sich ähnlich wie die SCHLACHT UM EUROPA allabendlich veränderndes Theaterstück; und mit einer Vielzahl von TV-Auftritten – u.a. im Boulevard Bio und in der Harald Schmidt Show – kehrt Schlingensief nach dem TALK 2OOO ins Fernsehen zurück.
Schlingensiefs Streben nach der Konfrontation der Kunst mit Realität erreicht auf politischem Terrain, einem Feld professionalisierter Inszenierung, ihren Höhepunkt: „Im Zentrum steht der Mensch. Und zwar nicht die abstrakte Idee, sondern die konkreten, sterblichen Menschen, die ihren Alltag bewältigen und versuchen, das Glücksversprechen der bürgerlichen Gesellschaft nach Kräften für sich einzulösen.“

Die Berliner Zeitung schreibt

Man sitzt, wo sonst in diesen Tagen, in der Volksbühne. Und man sieht auf der Riesenleinwand: die Volksbühne vor 19 Jahren, am 27. September 1998. Der vor knapp sieben Jahren gestorbene Christoph Schlingensief tanzt und hüpft mit Rennfahreranzug und Basecap über die Bühne, sondert ununterbrochen Slogans ab, treibt ein Wahnsinnsprojekt zum möglichst pompösen Wahldebakel-Finale: „Es hat Spaß gemacht, weil wir es ernst meinten.“
Dann schnurrt für einen Moment die Zeit zusammen. Jubel auf der Leinwand, Jubel im Saal. Teilweise sind es dieselben Leute am selben Ort. Kurz vor der Schließung des Castorf-Theaters feierte der Dokfilm „Chance 2000 − Abschied von Deutschland“ Premiere.
Der Film wurde auf den letzten Drücker fertig, wie Frieder Schlaich und Kathrin Krottenthaler vor der Vorführung sagten. Man glaubt ihnen sofort, dass es eine Sisyphus-Arbeit war, aus den 90 Stunden Material unterschiedlichster Formate und Qualität, das den beiden aus dem Schlingensief-Nachlass zur Verfügung gestellt wurde, einen gut zweistündigen Film zu montieren. Zumal Schlingensiefs Bundestagswahl-Projekt zwar durchaus chaotisch anmutete und sich über eine Dauer von einem halben Jahr auch verzettelte, aber doch ein Vorgang war, dessen künstlerischer Kern in seiner Gesetzmäßigkeit lag.
Es erwies sich in der bunten, laut den Unterlagen 74-köpfigen Truppe aus Schauspielern, Dramaturgen, Arbeitslosen, vielen behinderten Artisten vom Zirkus Sperlich als absolut unerlässlich, dass der langjährige Schlingensief-Weggefährte Dietrich Kuhlbrodt, bekannt aus wegweisenden Filmen wie „Menu Total“, „100 Jahre Adolf Hilter“ oder „Das deutsche Kettensägenmassaker“, als Oberstaatsanwalt a.D. auf eine solide juristische Ausbildung zurückblicken konnte. Was da alles an Bürokratie zu bewältigen war: Vereinsgründung mit Alfred Biolek und Harald Schmidt, Parteigründung, Parteispaltung und -wiedervereinigung im Zirkuszelt beim Prater, Konzerngründung, Optionsscheinausgabe, Insolvenzvortäuschung. Das wird alles einen Tick übersichtlicher nacherzählt als nötig, immer wieder sieht man die Schlingensief-Crew beim Unterschriften sammeln und beim Stimmen zählen. So sticht aus den vielen Lehren von „Chance 2000“ hervor, dass Demokratie vor allem respekteinflößend anstrengend ist.
Aber die Gesichter sind nie einfach nur müde, sondern immer auch beseelt von einem Glück, das vielleicht erst durch die Erschöpfung, Ratlosigkeit und Überforderung spürbar wird. Die Nächte im „Hotel Prora“, einem beschallten Camp auf dem Praterhof, werden den Gästen unvergessen bleiben. Auch vom Höhepunkt des Wahlkampfs, dem Versuch, durch ein Massenbad von Arbeitslosen den Wolfgangsee zum Überlaufen zu bringen und die Ferienvilla von Helmut Kohl unter Wasser zu setzen, gibt es herrliche Bilder, die sich geradezu zum medienkritischen Slapstick aufstapeln: Schlingensief, wie er dabei gedreht wird, wie er sich selbst beim Autofahren dreht, während er am Funktelefon einen Interviewtermin ausmacht. Und neben ihm schnarcht in aller Seelenruhe Freakstar Werner Brecht.

Alle folgen Schlingensief

Kein Wunder, dass die Wolfgangsee-Autokolonne die Abfahrt nach St. Gilgen verpasst. „Das kommt davon, wenn alle Christoph hinterherfahren“, ruft der stets überforderte, aber nie verzweifelte Volksbühnendramaturg Carl Hegemann, nachdem er sich aus dem Auto gequält hat. Der Film, dies auch zur Verdeutlichung des historischen Abstands, spielt in Zeiten, als es noch keine Smartphones und Navigationsgeräte gab.
Das Genie von Schlingensief − das wird einem schmerzlich deutlich, weil es so selten ist −, besteht vor allem darin, Leute für sich und seine Kunst einzunehmen. Welche Grenzen da überwunden werden! Was da geleistet wird! Wie aufgehoben die Mitmacher in der Gruppe sind, selbst im Streit! Wie die sich lieben! Und ihren Christoph natürlich. Nein, das ist keine Nostalgie! Das Material ist einfach zu direkt und zu rau, als dass es für eine Verklärung taugen würde, es ist ehrlich und zeigt auch Schlingensiefs Egozentrik. Es war ein Glücksfall, dass Schlingensief auf die Volksbühne traf, für beide. Auch wenn er in seinem Überschwang die Belegschaft zwischenzeitlich an den Rand des Wahnsinns brachte, was man ihr nicht verübeln kann. Es gibt kein anderes Haus, das solche Kraftakte am Rand der Selbstzerstörung mitgetragen hätte. Nun wurde es doch von fremder Hand zerstört.

PDF

Credits

Konzept und Regie
Kathrin Krottenthaler, Frieder Schlaich
Mit
Werner Brecht, Ilse Garzaner, Kurt Garzaner, Mario Garzaner, Kerstin Grassman, Carl Hegemann, Dietrich Kuhlbrodt, Jürgen Kuttner, Astrid Meyerfeldt, Henning Nass, Achim von Paczensky, Helga von Paczensky, Christoph Schlingensief, Bernhard Schütz, Familie Sperlich, Nina Wetzel, Martin Wuttke u.v.a.
Kamera
Sibylle Dahrendorf, Christoph Schlingensief, Jost Listemann, Christoph Krauss, Alexander Grasseck, Stefan Corinth, Erhard Ertel
Schnitt
Kathrin Krottenthaler
Ausstattung
Nina Wetzel
Tonbearbeitung und Mischung
Christian Obermaier, Jochen Jezussek
Redaktion
Viviana Kammel
Produzent
Frieder Schlaich
Produziert von
Filmgalerie 451
mit Unterstützung von
Goethe-Institut München, Produktion Theater Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

DVD-Infos

Extras
„Chance 2000 – Abschied von Deutschland“ (Dokumentarfilm, 2017, 131 min – opt. engl. UT), Wahlspots (1998, 5 Spots: 8 min), Wahlkampfzirkus – Parteigründung im Prater-Zelt (Volksbühne Berlin, 13.3.1998, 104 min), Team-Ansprache (Februar 1998, 13 min), „Baden im Wolfgangsee“ (TV-Bericht von Sibylle Dahrendorf, 22.8.1998, 9 min), Pressekonferenz zum Konkurs von Chance 2000 (Berlin, 31.8.1998, 32 min), TV-Wahlspot – Rohmaterial (Volksbühne Intendanz, 31.8.1998, 36 min), Wahlveranstaltung mit Sahra Wagenknecht & Christoph Schlingensief (22.9.1998, Audio, 23 min), „Laß dir raten: gründe Staaten!“ (Elfriede Jelinek, 1998, 6 min), Filmpremiere 2017 (Volksbühne Berlin, 27.6.2017, 5 min), Axel Silber – Interview (Berlin, 3.8.2018, 7 min) – Alle Extras ohne Untertitel
Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch
Ländercode
Code-free
System
PAL / Farbe
Laufzeit
374 min
Bildformat
16:9
Tonformat
DD 2.0
Inhalt
Digipack (Set Inhalt: 2), 40-seitiges Booklet mit Texten und Bildern
Veröffentlichung
26.10.2018
FSK
Info-Programm gemäß §14 JuSchG

Kinoverleih-Infos

Verleihkopien
DCP (2K, 25 fps, 5.1)
Blu-ray Disc
Bildformat
Digital, 1:1,85
Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch
Werbematerial
Trailer, A1-Poster
Lizenzgebiet
Weltweit
FSK
Info-Programm gemäß §14 JuSchG