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Loos Ornamental

LOOS ORNAMENTAL Heinz Emigholz, A 2008, 72 min

Architektur als Autobiografie – Adolf Loos (1870-1933) Photographie und jenseits – Teil 13

Der Film zeigt siebenundzwanzig noch existierende Bauwerke und Innenausstattungen des österreichischen Architekten Adolf Loos in der Chronologie ihrer Entstehung. Adolf Loos war ein Begründer der europäischen architektonischen Moderne. Seine offensive Wendung gegen eine ornamentale Verzierung von Gebäuden wurde zum architekturtheoretischen Streitfall.

Die Entwicklung seines "Raumplanes" setzte ein neues Denken über die zu bauenden Räume in Kraft. Die Bauwerke – Häuser, Laden- und Wohnungseinrichtungen, Fassaden und Denkmäler – stammen aus den Jahren 1899 bis 1931 und wurden in Wien, Niederösterreich, Prag, Brno, Pilsen, Nachod und Paris im Kontext ihrer heutigen Umgebungen im Jahr 2006 aufgenommen.

LOOS ORNAMENTAL ist Teil der Filmserie Photographie und Jenseits, eine Filmserie über Schrift, Zeichnung, Skulptur und Architektur. Thema dieser Filme sind aktive Gestaltungs- und Projektionsleistungen - real gewordene Vorstellungen - sichtbar als Schrift, Zeichnung, Fotografie, Architektur und Skulptur. Analysiert wird ein quasi umgedrehter Sehvorgang - Sehen als Ausdruck, nicht als Eindruck. Das Auge als Schnittstelle zwischen Gehirn und Aussenwelt, der Blick eine komponierende Kraft, die ein Inneres nach Aussen stülpt und in der Realität gespiegelt vorführt.

Aus dokumentierten und animierten Notizheften und Skizzenbüchern, durch filmische Analysen von Architekturen und Skulpturen bildet sich etwas Unbeschreibbares: ein Film über die Objektivierung gedanklicher Vorstellungen.

Heinz Emigholz im Gespräch mit Stefanie Schulte Strathaus über den Film (Auszug)

Stefanie Schulte Strathaus: Nach Rudolph Schindler (Schindlers Häuser lief im Forum 2007) widmest Du Dich nun einem weiteren österreichischen Architekten: Adolf Loos. In welcher Beziehung stehen die beiden zueinander?

Heinz Emigholz: Adolf Loos war in mehrfacher Hinsicht ein Vorbild für Rudolph Schindler. Zum einen darin, den Raum so kompliziert zu denken, wie er ist oder sein könnte, und zu bauen, wie es möglich ist. Den Lebensraum als Denkraum zu gestalten und ihn nicht durch repräsentatives Gehabe zu verschandeln. Zum anderen in ihrer Beziehung zu den USA. Loos hat entscheidende Anstöße in den 1890er Jahren in Chicago erfahren. Der Einfluss, den Louis Sullivan auf ihn hatte, auch in Hinsicht auf ein Bauen, dass der Demokratie verpflichtet ist, war nachhaltig und ist unverkennbar. Für Schindler sind Amerika und seine Möglichkeiten in Kalifornien dann Wirklichkeit geworden. Er konnte sich freischwimmen, lässt man mal seine Behinderung durch den "International Style" außer Acht. Das Schicksal Loos' war es dagegen, in der europäischen Sackgasse zu enden. Meine Filme über die beiden spiegeln diesen Kern: die großartige Loos'sche Raumplan-Idee, und was aus ihr auf zwei unterschiedlichen Kontinenten werden konnte. Beide Filme entlassen mich mit völlig unterschiedlichen Gefühlen.

Kannst Du diese Raumplan-Idee im Hinblick auf die von Dir wahrgenommenen Unterschiede ihrer Umsetzung in den USA und Europa kurz erläutern?

Beide haben von innen nach außen gebaut. Komplexe, über mehrere Ebenen geschachtelte Räume unterschiedlicher Höhen, die eine simple Stockwerkeinteilung aufbrechen, werden ineinander gefügt. Bei Schindler wirkt das fragiler, weil es die kalifornischen Witterungsbedingungen zuließen, die Grenze zwischen Außen und Innen fließender zu gestalten. Bei Loos monumentaler, weil er sich nach außen hin abschließen musste.

Über Adolf Loos wurde gesagt, er hasse Ornamente. Dein Film heißt Loos Ornamental, das heißt, dass diesmal zwischen die Dreidimensionalität der Räume und die Zweidimensionalität des Films das Ornamentale der Architektur geschaltet ist. Was hat Dich daran im Vergleich zu Deinen bisherigen Filmen der Serie besonders interessiert?

In der Tat eilt Loos der journalistische Ruf voraus, Ornamente zu hassen. Die Missverständnisse liegen in dem begründet, was man jeweils unter Ornament versteht. Das Ornamentale im Sinne einer floralen Zieselierung ist allerdings nicht seine Sache. Betritt man jedoch die von ihm gestalteten Innenräume, sieht man nichts als Ornamente, gebildet aus den Strukturen der natürlichen Materialien Holz, Stein, Metall und Stoff. Maserungen im Holz, Adern im Marmor, die durch kunstreiche Anordnungen von Schnittflächen zur Geltung gebracht werden. Gegen den Strich gebürstet erscheinen die von ihm verwandten natürlichen Materialien in der Gesamtkomposition eines Raumes als Ornament. Und der gebaute Raum selbst bildet in seiner verschachtelten Struktur ein dreidimensionales Ornament. Loos hatte kein Problem damit, sich in angebliche Widersprüche zu verwickeln. Sein verquaster Aufsatz Ornament und Verbrechen von 1910 ist leider in der Folge maßlos verdreht und verabsolutiert worden. Er war kein terrible simplificateur. Mich interessiert Komplexheit, ein komplexes Raumgitter, durch das sich Wirklichkeit erkennen lässt, und das bietet er mir und meiner Kamera.

Den Begriff „Verbrechen“ hast Du in Schindlers Häuser im Zusammenhang mit dem Versuch benutzt, das Werk eines einzelnen Architekten aus seiner Umgebung herauszulösen, um einen Film darüber zu drehen. Sind Architekten und Filmemacher der gleichen Moral verpflichtet? Sind Verbrechen dazu da, begangen zu werden?

Die meisten Bauwerke der Architekten, die mich interessieren, sind eigentlich unabhängig von dem Ort, an dem sie erbaut wurden, nicht denkbar. Sie funktionierten nur in Relation zu einem ganz bestimmten Ort. Und diese räumliche Umgebung prägt eben auch Maßstäbe, setzt Beziehungen, die dann nicht mehr beliebige sein können. Nach dieser Richtschnur zu bauen und zu filmen, ist natürlich etwas Grundsätzliches, vielleicht Moralisches. Attraktionsmontagen im Sinne von Eisenstein oder Vigo interessieren mich ja in der Architektur genauso wenig wie im Film. Ich will den Fluss der Oberflächen abbilden und nicht eine blöde Idee. Die ursprünglichen Umgebungen von Bauwerken verschwinden aber im Laufe der Zeit, und ein allgemeiner, unkontrollierbarer Verhau macht sich breit, unausweichlich. Das nennt sich dann Wirklichkeit und ist durch Verbrechen auch nur kurzfristig zu stoppen.

Biofilmographie:

Heinz Emigholz wurde 1948 bei Bremen geboren. Seit 1973 ist er in Deutschland und in den USA als freischaffender Filmemacher, bildender Künstler, Kameramann, Autor, Publizist und Produzent tätig. Viele Ausstellungen, Retrospektiven, Vorträge und Publikationen im In- und Ausland. 1974 Beginn der enzyklopädischen Zeichenserie Die Basis des Make-Up, der zur Zeit im Berliner Museum Hamburger Bahnhof eine große Einzelausstellung gewidmet sein wird. 1978 gründete er die Produktionsfirma Pym Films. 1984 Beginn der Filmserie Photographie und jenseits. Seit 1993 hat er den Lehrstuhl fürExperimentelle Filmgestaltung an der Universität der Künste Berlin inne. 2003 Beginn der Edition seiner Filme auf DVD (Filmgalerie 451). Publikationen u.a.: Krieg der Augen, Kreuz der SinneSeit Freud gesagt hat, der Künstler heile seine Neurose selbst, heilen die Künstler ihre Neurosen selbst, Normalsatz - Siebzehn Filme und Das schwarze Schamquadrat (alle vier Bücher im Verlag Martin Schmitz), Die Basis des Make-Up (I), (II) und (III), Der Begnadete Meier und Kleine Enzyklopädie der Photographie (in Die Republik Nr. 68-71, 76-78, 89-91, 94-97, 123-125), Die Basis des Make-Up (608 Seiten, Pym Films).

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Zitate

Pressestimmen

Wenn Loos die Verzierung, das Überflüssige verabscheute, dann vor allem, um die Qualitäten der Baustoffe selbst hervortreten zu lassen. Die Schlieren des grau-weißen Marmors, die Maserung des dunklen Holzes: Emigholz Kamera lässt in diesem Film die Schönheit des Materials - die für sich schon Ornament, Zierde genug ist - geradezu haptisch spürbar werden. (Dietmar Kammerer)

Preise und Festivals