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Der lange Sommer der Theorie

DER LANGE SOMMER DER THEORIE Irene von Alberti, D 2017

Premiere beim FILMFEST MÜNCHEN (Info)

  • Freitag, 23.06.2017, 19:30 Uhr, Gasteig Carl-Amery-Saal (Pressevorstellung)
  • Samstag, 24.06.2017, 17:00 Uhr, ARRI Kino (Premiere mit Filmteam) 
  • Montag, 26.06.2017, 17:30 Uhr, HFF Kino 1 (In Anwesenheit des Filmteams)
  • Mittwoch, 28.06.2017, 22:30 Uhr, Münchner Freiheit 1



Berlin, Sommer 2016. Im letzten Haus im Niemandsland hinter dem neuen Hauptbahnhof wohnen Nola, Katja und Martina in einer Künstlerinnen-WG. Ihre Zeit ist gezählt, denn bald entsteht hier Europacity. Die drei jungen Frauen leben auch sonst prekär. Katja ist Schauspielerin und hadert mit ihren Rollen, nebenbei vermietet sie Wohnungen an Touristen. Martina ist Fotografin, die keine Lust auf die Schmeicheleien eines Kurators hat und sich lieber mit ihrer Band auf der Bühne die Seele aus dem Leib schreit. Nola macht einen Film, bei dem sie SoziologInnen, HistorikerInnen, Kulturschaffende und TheoretikerInnen interviewt. Ihr geht es um Theorie und wie man sie heute nutzbar machen kann. 

Nola ist das Zentrum des Films, ihre Interviews erleben wir als Publikum mit. Im mit Sätzen bedrucktem Hosenanzug läuft sie durch den Film zu ihren GesprächspartnerInnen, vorbei an den letzten Baustellen Berlins, durch eine Stadt, die schon verkauft scheint. Es geht um Feminismus, den öffentlichen Raum, Gentrifizierung, Theorie und Praxis im neuen Film von Irene von Alberti. Als essayistisches Diskurstheater inszeniert, bricht "Der lange Sommer der Theorie" immer wieder aufs Neue ganz bewusst in viele unterschiedliche Richtungen aus und stellt damit mehr Fragen, als dass er Antworten geben will.  

Mit Julia Zange, Katja Weilandt und Martina Schöne-Radunski!

 

 

Ein Interview mit Irene von Alberti über ihren Film "Der lange Sommer der Theorie"

Was war der Auslöser diesen Film zu machen?

Am Anfang stand das sehr vage und mulmige Gefühl, dass es -allgemein und pauschal gesprochen- mit dem Frieden bald vorbei sein könnte.  Ich habe gemerkt, dass es dabei nicht nur mir so geht. Viele Leute aus meinem Umfeld dachten zunehmend über politische Positionen nach und darüber, dass angesichts der erstarkenden Rechten politisches Handeln noch wichtiger geworden ist. Politisches Handeln bedeutet aber eben nicht nur auf den "richtigen" Demos zu sein, Petitionen mit den "richtigen" Themen zu unterstützen oder seine Meinungen zu äußern. Stattdessen muss dem Handeln auch immer ein Denken vorausgehen - das Denken über die Frage: Gibt es eine neue Idee oder eine neue Utopie für das Politische? Diese Frage war der Auslöser für das Drehbuch.

Im Film sagt Nola, dass sie gar keine Antworten erwarte, sondern erst einmal eine Bestandsaufnahme machen möchte. 

Diese Bestandsaufnahme ist für mich das Zeitgefühl, das ich in dem Film porträtieren will. Jetzt, 2016, in Berlin. Es ist eine Umbruchszeit. Man hat das Gefühl -wie nach einem langen unbeschwerten Sommer- dass ganz weit hinten am Horizont Wolken aufziehen. Deshalb habe ich den Film in eine Künstlerinnen-WG gelegt, die sich aus ihrer relativ unbeschwerten Situation heraus genau diese Fragen stellen und genau dieses Gefühl besprechen - mit undogmatischer Leichtigkeit und immer in dem Bewusstsein, mit der Beantwortungsunmöglichkeit der Fragen auch straucheln zu können.

Wie bist Du beim Casting vorgegangen? 

Beim Drehbuchschreiben haben mich meine zwei Hauptdarstellerinnen Martina Schöne-Radunski und Katja Weilandt inspiriert. Das Buch ist gewissermaßen für sie geschrieben, und sie haben es in diesem Sinne auch mitgeschrieben. Viele ihrer Geschichten sind in den Film eingeflossen - die eine ist Punksängerin und Künstlerin, die andere Lebenskünstlerin und Schauspielerin, die teilweise absurde Casting-Erfahrungen gemacht hat.

Meine dritte Hauptdarstellerin Julia Zange kam erst später dazu. Für die Rolle der Nola, die im Film ja die Filmemacherin spielt, suchte ich eine Autorin, die auch sehr gut interviewen kann. Mit Julia Zange hatte ich das große Glück, dass sie nicht nur Interviews für interessante Magazine wie "L'Officiell" und "Fräulein" geführt hat, sondern auch Erfahrungen als Schauspielerin hat. In Philip Grönings neuestem Kinofilm "Mein Bruder Robert" spielt sie ihre erste Hauptrolle. Ihr Roman "Realitätsgewitter" ist im November im Aufbau Verlag erschienen, und ihre Romanfigur Marla könnte gewissermaßen die Vorgängerin von Julia Zanges Filmfigur Nola sein.

Wie sieht es mit den Nebenrollen aus?

Das sind alles Leute die ich persönlich kenne, und die Lust hatten mitzumachen. Es sind Schauspieler_innen, Filmemacher_innen, Theaterleute, Kameraleute. Alle tragen ihre eigenen Namen, bis auf Detlef, der ja eine Filmfigur in Nolas Drehbuch darstellt.

Dann sind viele der Figuren "echt", werden also dokumentarisch gezeigt?

Der Film ist eine Mischung aus Dokumentation und Fiktion. Das reizt mich als Konzept in Filmen immer sehr. Wenn man sich ständig überlegen muss, was jetzt echt, also "wahr" ist, und was erfunden, und man sich gleichzeitig immer vor Augen führt, wie Filme hergestellt und wie sie beeinflusst werden von den Menschen, die sie machen -so wie ja auch Dokumentarfilme beeinflusst sind- hat man am Ende vielleicht ein besseres Gespür für die Wahrheit. Ich versuche also ständig, die Gedanken auf Trab zu halten.

Woher kommt der Filmtitel?

Der Titel meines Films entstammt dem Buch "Der lange Sommer der Theorie" von Philipp Felsch. Er beschreibt darin die geistige Grundlage der letzten großen gesellschaftlichen Revolte in den 1960er und 70er Jahren. und dass Theorie damals wirklich konstruktiv geholfen hat neue gesellschaftliche Utopien zu kreieren.

Mich hat die Frage beschäftigt, wie das heute ist, ob Theorie heute noch so etwas leisten kann. Mein romantisches Bild von der Gruppe im Kollektiv lesender Menschen im Park musste ich ironisch ankratzen, weil man heute viel mehr Texte, Meinungen und Strömungen hat, die ein kollektives Denken verunmöglichen.

Ich habe Philipp Felsch getroffen und ihm ein paar Fragen gestellt und dachte es wäre schön, wenn er auch im Film auftritt. So kam die Idee zu dem Konzept, dass eine der drei Frauen im Films Interviews mit Personen führt zu Fragen, die sie sich gerade gesellschaftlich und politisch stellen.

Wie kam die Auswahl der anderen Interviewpartner_innen zustande?

Auf Jutta Allmendinger wurde ich aufmerksam, als ihre Studie "Das Vermächtnis" in der ZEIT erschien. Sie benutzt darin ein dreistufiges Fragenkonzept, um die "wirkliche" Haltung von Befragten herauszufinden. Die Philosophin Rahel Jaeggi hat ein Buch über Lebensformen geschrieben, über die auch die drei Freundinnen in ihrer Wohngemeinschaft philosophieren. Lilly Lent und Andrea Trumann haben sehr klug über den Zusammenhang zwischen staatlicher Familienförderung und Feminismus geschrieben. Carl Hegemanns Texte über Theater und Film und die Haltung von Boris Groys, zum Beispiel beim "Attaistischen Kongress" von Christoph Schlingensief, finde ich sehr spannend. Die Reihe spannender Texte ließe sich endlos fortsetzen, und wir haben tatsächlich auch schon darüber nachgedacht "Der lange Sommer der Theorie" als Serie fortzusetzen. Zuerst werden zur Premiere des Films alle Interviews in voller Länge auf die Homepage der Filmgalerie 451 gestellt. Im Film sind ja lediglich Sequenzen daraus zu sehen.

Die Spielszenen in der Wohnunggemeinschaft erinnern manchmal an ein Theaterstück.

Das ist bewusst so inszeniert, denn ich wollte keine  vermeintlich realistische WG zeigen. Deswegen habe ich die Szenen- und Kostümbildnerin Janina Audick, die viel an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und an zahlreichen anderen Theatern arbeitet, gefragt, ob sie das Bühnen- und Kostümbild für den Film entwerfen möchte. Die Kamerafrau Jenny Lou Ziegel hat wiederum die Orte mit genauer Lichtsetzung und Kadrierung demensprechend theaterhaft umgesetzt. Danben war unser Konzept, auch die dokumentarischen Interviews in Bildern zu zeigen, die sich nicht von den Spielfilmteilen unterscheiden.

Im Film gibt es ja viele Situationen in denen geredet und diskutiert wird. Am Ende möchte man entweder sofort etwas lesen oder mit Leuten diskutieren.

Wenn das so funktioniert, freue ich mich. Das ist genau, was der Film erreichen will.

 
Das Interview führte Inga Behnsen. Sie studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften in Hamburg und absolviert während der Dreharbeiten ein Praktikum bei Filmgalerie 451.


   

Hintergrundinformationen 

"Der lange Sommer der Theorie" war ursprünglich als Fortsetzung zum Episodenfilm "Stadt als Beute" (2001) geplant, bei dem Irene von Alberti, Miriam Dehne und Esther Gronenborn bei jeweils einer der drei lose miteinander verbundenen Geschichten Regie führten. Basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von René Pollesch, ging es bereits im Film "Stadt als Beute" auf oft spielerische und diskursive Weise um den "Ausverkauf" der Stadt Berlins nach der Wiedervereinigung. Die Fragen, wie es heute mit dem Verbleib von öffentlichem Raum, dem rasanten Verkauf städtischer Immobilien an ausländische und inländische Investoren und den daraus resultierenden Konsequenzen für die Bewohner_innen der Stadt aussieht, beschäftigten Irene von Alberti seither.  

Mit dem raschen Erstarken populistischer und rechtsextremer Kräfte in Deutschland in den letzten Jahren, stellte sich für Drehbuchautorin und Regisseurin zudem die Frage nach einer politischen Positionierung und dem Zusammenhang zwischen dem Wandel der Stadt und dem Wandel der Gesellschaft noch einmal neu. Bestimmte gesellschaftliche Trends wie Individualisierung, Kommerzialisierung  und die Wiederkehr eines bestimmten  Konservativismus lassen sich ihrer Meinung nach in Verbindung bringen mit den politischen Entwicklungen eines Systems, dessen festgefahrene politische Strukturen zum einen kontinuierlich erhalten und erneuert werden, zum anderen aber zu Protest und Unzufriedenheit führen. Das Gleiche ließe sich in der Folge auch über eine Stadtplanung sagen, in deren Konsequenz mittlerweile fast alle urbanen Freiräume Berlins privatisiert und damit unnutzbar scheinen. Alberti bezeichnet "Der lange Sommer der Theorie" deshalb auch als einen Film über die letzten Baustellen der Stadt, die zehn Jahre später die letzten Möglichkeitsräume schließen, da die letzten Lücken der Stadt gefüllt werden, mit Stadtschlössern oder großangelegten Wohn- und Kosumprojekten. 

Inspiration, Ideen- und Titelgeber zum Film war schließlich das gleichnamige Buch des Historikers Philipp Felsch "Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960 bis 1990" (Fischer Verlag, 2015). In seiner Kultur- und Geistesgeschichte geht Felsch am Beispiel des Publikationen des Merve Buchverlages in Westberlin einer 30-jährigen Geschichte linker Theorie und (studentischer) Praxis nach. Angefangen beim schwarz-weißen Buchcover, das eine Gruppe junger Studierender friedlich lesend im Park zeigt, begann Irene von Alberti Überlegungen anzustellen über eine oftmals glorifizierte Epoche der Theorierezeption und ihrer möglichen Übertragbarkeit ins Heute. 

Beginnend mit den studentischen Protesten der 1960er Jahre, schienen diese vergangenen Zeiten von einem Wir-Gefühl geprägt, das im Gegensatz zu stehen scheint zum heutigen Phänomen einer individualisierten Selbstoptimierung. Die Feindbilder, so Alberti,  waren damals so klar wie die Forderungen, die sich aus den intensiv studierten und diskutierten Texten ergaben. Die Gedanken schienen zumal kollektiver und die Grundstimmung eher von Empathie und Solidarität geprägt. Die dem Film zugrunde liegenden Fragen, die sich Irene von Alberti stellte, waren: Kann man an diese Zeit und ihren anderen, intensiven Umgang mit Texten und einem anderen Lesen anknüpfen? Und: Wie kann Theorie auch heute noch in politische Praxis übertragen werden? Dem Drehbuch ging schließlich eine mehrmonatige textliche Vorbereitungsphase voraus, an deren Ende Irene von Albertis subjektive und intuitive Auswahl von Theoretiker_innen und Theorien stand, die im Film verhandelt und präsentiert werden sollten.

Die Spielfilmhandlung, die um die drei jungen Frauen Nola, Katja und Martina kreist, stand im Gegensatz zu den ergebnisoffenen Interviews bereits im Voraus als Drehbuch fest. Filmische Mischformen im Allgemeinen und spezifisch die Verbindung dokumentarischer und klar fiktionaler Elemente interessierte die Regisseurin bei ihrer Arbeit an "Der Lange Sommer der Theorie" besonders. 

Die künstliche Überhöhung der Figuren, deren private, professionelle und biografische Hintergründe im Film höchstens am Rande eine Rolle spielen, stehen hier im Gegensatz zu einem filmischen Realismus, den von Alberti, ähnlich wie in den Theaterstücken René Polleschs, bewusst nicht bedienen wollte. Kostüme, Ausstattung, Dialoge und Bildgestaltung sollen hier eine Theaterhaftigkeit zitieren, die eine klare Identifikation mit den Protagonistinnen sowie die Behauptung von etwas "Echtem" oder sogar "Authentischem" vermeiden will, da es zur Verhandlung von Theorie im Film nicht gepasst hätte, so Alberti. Der Satz "Nehmen wir also an, wir wohnen hier zu dritt" aus dem Munde der Figur Nola zu Beginn des Films gibt das Hypothetische der Wohngemeinschaft, aber auch ihrer Bewohnerinnen vor, deren Persönlichkeiten als Behauptungen bis zum Ende bewusst offen bleiben. 

Dem Drehbuch gingen lange Gespräche zwischen der Regisseurin und ihren Darstellerinnen Julia Zange, Katja Weilandt und Martina Schöne-Radunski voraus, in denen sie die Schauspielerinnen danach befragte, wie sie sich zu bestimmten sozialen Zuständen verhalten. Dadurch flossen zahlreiche biografische Momente der Darstellerinnen in das Drehbuch ein, ohne dass dies nachher im Film notwendiger Weise erkennbar wäre. So spielte Martina Schöne-Radunski tatsächlich einmal ein Leiche am Theater, hat mit ihren Fotos von "Akne-Leggings" die renommierte Modemarke "Acne" persifliert und ist Mitbegründerin der Noise-Punk Band "Cuntroaches", die im Film bei einem Gig zu sehen ist. Katja Weilandt ist wie ihre Figur im Film selbst auch hauptberuflich Schauspielerin und hat äußerst dubiose Castings erlebt. Julia Zange ist tatsächlich Schriftstellerin und Journalistin und eher zufällig zur Schauspielerei gekommen. 

Nebenrollen und Kurzauftritte sind mit Kolleg_innen und oft befreundeten Schauspieler_innen wie Susanne Bredehöft, Paula Knüpling und Lukas Steltner oder Kulturschaffenden wie Tina Pfurr besetzt, darunter zahlreiche Regisseure wie Timo Jacobs, Aljoscha Weskott und Stephan Geene.  

Die Interviews des Filmes dauern im Film jeweils vier bis fünf Minuten, waren aber ursprünglich 30 bis 40 Minuten lang. Da sich "Der lange Sommer der Theorie" als Diskursfilm versteht, der die verhandelten und teilweise nur angeschnittenen Debatten und Diskussionen des Filmes außerhalb des Kinosaals fortführen möchte, werden alle Interviews in voller Länge nach der Uraufführung des Films auf youtube und der Homepage der Filmgalerie 451 verfügbar sein. Aktiv zu werden, sich mehr zu informieren, mehr zu lesen und zu handeln ist das ausgesprochene Ziel des Filmes. 

 

 

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