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Hamlet - This is your family

HAMLET - THIS IS YOUR FAMILY Peter Kern, A 2002, 80 min

Schlingensiefs Züricher Hamlet-Inszenierung

Peter Kern zeigt in seinem Film, einer Dokumentation mit Spielelementen, wie Christoph Schlingensief in der «nazifreien» Schweiz Parteien verbietet, den Hamlet am Zürcher Schauspielhaus inszeniert und dabei Neonazis resozialisiert. Die Zeit ist aus den Fugen, es ist etwas faul im Staate. Schlingensiefs Hamlet dringt in die Politik und das Leben und löst Freude, Humor, Zweifel und Erschrecken aus.

Christoph Schlingensief über Peter Kern

Hommage an den Filmschaffenden Peter Kern. In Amerika und Asien kennen ihn mehr Leute als in der Schweiz. Seine Filme sind international bekannt, und sein Kampf gegen diejenigen, die den deutschen Film auf dem Gewissen haben, ist berüchtigt. Seit 1991 gab es in 23 Staaten der Erde Retrospektiven seiner Arbeiten. Er war Jury-Mitglied auf Filmfestivals in Berlin, Chicago und Kairo. Man bekommt ihn in keine Schublade, weil er A) sehr korpulent ist und B) weil seine Filme fast alle sehr unterschiedlich sind. Er ist Produzent, Regisseur, Widerstandskämpfer und ein fantastischer Schauspieler.

Die Rede ist von Peter Kern, den ich nun schon seit 15 Jahren kenne und den nicht nur ich, sondern Regisseure wie Zadek, Geissendörfer, Syberberg und natürlich Fassbinder in ihre Filme holten. Solange ich ihn kenne kämpft er darum, Filme zu machen. Nicht diese Imitationsfilme aus Deutschland, die so aussehen wie gescheiterte Filme aus Amerika, sondern Filme mit einer sehr eigenen Handschrift. Sehr ungewöhnlich in einer Zeit, in der ein deutscher Film unter 2,5 Millionen Euro nicht mehr ernst genommen wird. Kern geht es um die Sache und nicht um die Industrielle Produktion von ambivalentem Zelluloid. Er ist für mich wie ein grosser impulsiever Bär, der jederzeit zuschlagen könnte, dann wieder ganz still wird, traurig, aber plötzlich zum Sprung ansetzt und irgendwo im Leben landet. Viele seiner Filme sind eine merkwürdige Mischung aus Analyse, Mainstream, Kitsch und Dokumentation. Ein Forscher auf dem Weg zum nächsten Experiment. Es kann Heilung bringen oder aber auch den Tod. Das ist die Kraft, die Peter Kern vermittelt, die er weitergibt und immer wieder in neue Projekte steckt. So auch erst kürzlich bei unserem Züricher Hamletprojekt. Schon am zweiten Tag sass er da und drehte mit seiner Kamera die ersten Treffen. Nicht wir waren es die die Barriere zu den Neonazis überschritten, sondern Peter, der immer wieder beide Seiten aufforderte, ihre Maskerade abzulegen. Bei seinen Spielfilmen arbeitet er anders. Er schreibt seine Drehbücher selber. Einstellung für Einstellung, um sie dann präzise mit Stars wie z.b. Rosel Zech und Marianne Sägebrecht, die er beide entdeckte, zu proben, zu besprechen und alle Beteiligten absolut führungssicher zu Höchstleistungen zu bringen. Vielleicht schafft er das, weil er selber vor der Kamera steht und stand, etwa in Geissendörfers "Wildente" zusammen mit Jean Seberg in ihrer letzten Rolle oder in "Flammende Herzen" mit der gerade verstorbenen Barbara Valentin, die ihm eine Schwester war. Mir ist er ein Bruder.

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Pressestimmen

Christoph Schlingensiefs HAMLET-Inszenierung war schon lange vor der Premiere mehr als ein Ereignis: ein Politikum. Ist Theater als Mittel der Integration der rechten Szene in die Gesellschaft tauglich, oder bietet es nur eine Bühne zur öffentlichen Selbstdarstellung? Wer funktionalisiert hier wen? Schlingensief die Rechten oder die Rechten Schlingensief? Politik oder alles Theater? (Stuttgarter Zeitung)

Ganz im Geiste des unübersichtlichen Tumults mischt Kern im Dokument 'Hamlet' die echten Szenen mit gespielten, wobei die Übergänge nicht immer auszumachen sind. (Die Presse)

Schlingensief, eigentlich als Fäulnisdompteur abonniert, kommt tatsächlich zum Sein und gibt dem Hamlet so eine Brisanz, die er lange nicht mehr hatte. (Frankfurter Rundschau )