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Eine flexible Frau

EINE FLEXIBLE FRAU Tatjana Turanskyj, D 2010, 97 min

A WOMAN UNDER THE INFLUENCE im 21. Jahrhundert.

Greta M. (Mira Partecke), 40, eine Frau in Berlin mit einer postmodernen, brüchigen Architektinnenbiografie, verliert ihren Job. Auch im Callcenter wird sie gefeuert. Wie Don Quichotte kämpft sie gegen unheimliche Mächte an: ihren Sohn, die gefährliche Mutterschaft, den Bewerbungscoach, die verhinderte Architektur des neuen Berlins (Townhäuser, Humboldtforum, soziale Stadtgrenzen) und nicht zuletzt gegen die eigene Paranoia und Statusangst, eine Frau ohne Auftrag zu sein. Sie trinkt und driftet zwischen Anpassung und Widerspruch durch ihr Leben. Auf dieser Tour de Force zwischen Callcenter, Arbeitssuche, Jobcenter, Coach, Architekturbüros, Schule, Kneipen und Drifts durch Stadtrandgebiete trifft sie auf die “Stadt der Frauen”. Der Film zeigt präzise ein Zeit- und Gesellschaftsbild, ohne mit den Konventionen des sozialen Realismus zu arbeiten.

Interview mit Tatjana Turanskyj

Tatjana Turanskyj im Interview mit Birgit Kohler (Auszüge)

Im Zentrum des Films stehen eine Frau und eine Stadt. Er verschränkt auf vielfältige Weise weibliche Biografie und urbane Topografie, ist sozusagen ein Frauen-Berlin-Film. Wie ist die Idee zu dieser Konstellation entstanden?

Anfangs wollte ich einen Film über eine Frau machen, die durch Berlin driftet und die Veränderung der Stadt aufspürt. Dann habe ich mich für eine arbeitslose Architektin entschieden. Eine Frau, die unterwegs ist, eine Drifterin, die die Stadt und ihre Veränderung überprüft und dabei eine Architekturrecherche macht, um „tätig“ zu sein. Eine wichtige Frage war, wie künstlich diese Frauenfigur bzw. der Film sein darf. Es war mir von Anfang an klar, dass ich mit dem ultraneuen Berlin-Bild arbeiten muss. Ich wollte nicht Berlin als Kulisse abbilden, sondern zeigen, wie in Berlin in den letzten zehn Jahren aufgeräumt wurde und vieles, was die Stadt ausmacht – ausgemacht hat, jedenfalls für mich – zerstört bzw. abgerissen wurde und wird. Diese Zerstörungen, die durch eine konservative Deutschlandlobby vorangetrieben werden, wollte ich mit meinem Film zur Debatte stellen. Es ist ein Berlin-Film geworden, in dem man Berlin nicht immer wiedererkennt, weil die Stadt in manchen Szenen so aussieht wie ein Modell. Das Hässliche muss abgebildet werden.

Das Bild der Stadt wird in Ihrem Film prominent verhandelt, auf der Grundlage aktueller Stadttheorie-Diskurse. Wie würden Sie die Bedeutung der Architekturen Berlins (Humboldt-Forum, Townhäuser, Finanzministerium u. a.) für Ihren Film beschreiben?

Es ist interessant, dass Sie das Finanzministerium erwähnen. Es ist ein Beispiel dafür, wie in Berlin mit Geschichte umgegangen wird. Signifikante Orte werden übernommen, umbenannt und neu besetzt. Andere Orte wie ein Schloss werden wieder aufgebaut, da wird künstlich Bedeutung geschaffen, ein Palast dagegen wird abgerissen. Oder nehmen Sie die Townhäuser am Werderschen Markt: Da wird wie im 19. Jahrhundert parzelliert und eine Art Fernsehsoapkulisse gebaut. Aber diese neuen Architekturen und Gebäude sind der öffentliche Raum und eine wundervolle Filmkulisse, denn sie repräsentieren den „Zeitgeist“. Wenn Sie so wollen, sind diese Architekturen der in Stein gehauene Antagonist meiner Heldin. Und gegen den kämpft sie wie Don Quichotte. Es ist also ein aussichtsloser Kampf. Aber sie ist nicht naiv: Sie weiß genau, dass auch sie sofort Townhäuser bauen würde, wenn sie einen Job in einem Architekturbüro hätte, das eben Townhäuser baut. Das ist das Dilemma unserer Gegenwart.

Der Motor des Films, seine Triebfeder, ist der Zustand akuter Arbeitslosigkeit und deren Auswirkungen auf Selbstbild und Selbstbewusstsein. Wie wichtig war Ihnen diese gesellschaftspolitische Dimension des Films?

Die Situation von sogenannten „modernen“ Frauen in der heutigen Dienstleitungsgesellschaft ist zentral für meinen Film. Obwohl Frauen in unserer Gesellschaft etwa 25 Prozent weniger verdienen, gelten sie als die „Gewinnerinnen“ der gegenwärtigen Krise. Warum? Weil die meisten von ihnen als flexible Dienstleisterinnen in Niedriglohnsektoren arbeiten. Das ist doch zynisch. Meine Hauptfigur dagegen kommt aus einer männlich dominierten Branche, einem Hochlohnsektor, und ist nicht bereit, sich diesem Dienstleistungsmodell anzupassen, sprich: in unserer gegenwärtigen Gesellschaft zu funktionieren. Gleichzeitig stellt sie ihr eigenes Abhängigkeitsverhältnis zum Themenkomplex „Arbeit, Status und Geld“ überhaupt nicht in Frage. Und genau diese Differenz interessiert mich. Außerdem wollte ich das „Prekär“-Werden von Biografien durch unsichere Lebens- und Arbeitsverhältnisse darstellen, was typisch für Berlin und unsere Zeit ist.

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Zitate

Pressestimmen

Turanskyjs arbeitslose Architektin bewegt sich durch ein Berlin, das sich städtebaulich massiv verwandelt: Gentrifizierung hat bereits stattgefunden, jetzt wird die Stadt verortet mit abgezirkelten Vorgärten, Privatstraßen und Town-Houses. (…) Für die Entortung des urbanen Raums findet Turanskyj eine fragmentarische, essayistische Form, die sich gerade so erst zu einem Ganzen fügen kann und den Blick auf die Emotionen der losgelösten Persönlichkeit frei räumt. (...) Witzig sind die Verknüpfungen von Disparatem, die bizarren Situationen, in die Greta auf ihrer ziellosen Architektenreise durch die Stadt gerät. (Film-Dienst, 6/2010, Julia Teichmann)

„Was können Sie gut?“, wird Greta Mondo (Mira Partecke) von einer Frau gefragt, die ihr bei der Selbstvermarktung für einen neuen Job helfen soll. „Trinken“, antwortet Greta und stellt sich damit auch ein wenig in eine Berliner feministische Filmtradition (Ulrike Ottinger, aber auch Helke Sander). In die Erfahrungen von Greta fließen viele der Debatten ein, die in der kritischen Intelligenz der Stadt in den letzten Jahren eine Rolle gespielt haben (und die im abgerissenen Palast der Republik einen Topos fanden, der in „Eine flexible Frau“ ausdrücklich eine Rolle spielt). (Tip Berlin, 02/2010, Bert Rebhandl)

Als Versuch, für die aktuelle Seins- und Bewusstseinslage des akademischen Prekariats eine angemessene filmische Form zu finden, ist EINE FLEXIBLE FRAU einer der interessantesten Ansätze der letzten Zeit. (epd Film, 1/2011, Silvia Hallensleben)

Der Neue Deutsche Film? Dieses Jahr lief Eine flexible Frau im Forum der Berlinale. Nix mehr mit »alter« Berliner Schule. Die sprachen nicht, die schauten nur. Turanskyj lehrt uns das Sprechen, und wir beginnen das Schreien. Wir lehnen uns auf, kritisieren. Sie stellt die Fragen. Welche Rolle spielt Arbeit? Lohnarbeit? Freundesarbeit? Familienarbeit? Wir ertränken sie. Wir benebeln uns. – Noch 'n Herrengedeck! – Weil wir selbst keine Antworten haben. Weil wir sie in der Vergangenheit suchen. Und zu oft finden. – Für mich auch! – Ein Funke für den Moment. Auf die Zukunft! Ex! (Schnitt, 04.2010, Christian Lailach)

Greta auf Partys, im Callcenter, beim Bewerbungs-Coach, mit ihrem Sohn, mit Exkollegen, im Jobcenter, in Kneipen, bei Stadtspaziergängen. Kämpferisch, hysterisch, eigensinnig, wie in Trance, widerspenstig, hemmungslos, überschwänglich und todtraurig. Situationen, Begegnungen, Performances. Mehr Trip als Plot. Momentaufnahmen einer zeitgenössischen, brüchigen weiblichen (Arbeits-)Biografie. Eine flexible Frau als allseitig reduzierte Persönlichkeit. (Forum | Berlinale, Birgit Kohler )

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