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Der Fluss war einst ein Mensch

DER FLUSS WAR EINST EIN MENSCH Jan Zabeil, D 2011, 83 min

Eine Tour de Force durch den afrikanischen Okavango-Sumpf, die die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentarfilm verschwimmen lässt

Ein junger Deutscher (Alexander Fehling) reist in einem afrikanischen Land. Am Ufer eines Flusses begegnet er einem alten Fischer, der ihn in seinem Holzboot tief in die Wildnis mitnimmt. Am nächsten Morgen findet er sich allein in einem schier endlosen Flussdelta. Es beginnt ein intimer Kampf mit dem Tod, mit seinen Ängsten und der eigenen Wahrnehmung. Nach tagelangem Umherirren gelangt er in ein Dorf fern der Zivilisation, doch seine Odyssee nimmt kein Ende. Immer mehr verliert er die Kontrolle in den Unwegbarkeiten einer fremden Kultur.

STATEMENTS des Regisseurs und des Verleihers, Interview- und Making Of-Clips mit Alexander Fehling

Regisseur Jan Zabeil zu seinem Film


Am Anfang stand die Faszination, eigene Grundvorstellungen von »richtig« und »falsch« und Leben und Tod über den Aufenthalt in der Fremde relativieren zu können. Mein Onkel lebte über 20 Jahre am Rande des Okavango-Deltas und so kam es, dass ich schon als Kind aber auch später immer wieder in Botswana und in anderen Ländern des südlichen Afrikas war. Ich spürte dort ein Verlangen danach, mich Natur und Einsamkeit auszusetzen und mich dadurch meinen Fähigkeiten und Ängsten zu stellen.

In der Begegnung mit Natur und Mensch hatte ich dort das Gefühl, an die Grenzen meines Denkens und meiner Wahrnehmung zu gelangen. Diese Erlebnisse standen in Zusammenhang mit einer anderen Art der Ordnung, die ich noch in keinem anderen Teil der Welt erlebt hatte. Diese Grenzerfahrung wollte ich aufspüren, in einem Film aufzeigen und in einer fiktionalen Handlung für andere erlebbar machen, ohne während der Realisation auf das zu verzichten, was diese Grenzerfahrung meiner Meinung nach ausmacht: Freiheit und Flexibilität durch den Verlust von Sicherheiten, das Einlassen auf die Kräfte von Zufall und Natur und das Durchleben von Fremdrealitäten, die mit der eigenen nur schwer in Einklang zu bringen sind.

Als ich Alexander Fehling erstmals davon erzählte, dass ich einen Film inmitten des größten Inlanddeltas der Erde ohne Drehbuch machen wollte und was mich dazu veranlasste, sagte er: »Ich weiß zwar nicht, was du genau vorhast, aber ich bin auf jeden Fall dabei.« Und so blieb es. Bis zum fertigen Film sollten wir einen weiten, gemeinsamen Weg gehen und es dauerte lange, bis wir formulieren konnten, was wir wollten und dann, was es brauchte, damit es andere nachvollziehen konnten. Sein großes Vertrauen, seine Spontaneität, seine Euphorie und seine inhaltliche Auseinandersetzung bilden ein wichtiges Fundament für diesen Film. Wir fanden ein Team von Mitstreitern, die für eine solche Unternehmung bereit waren, aber auch für eine Arbeitsweise, bei der nicht immer klar war, was passieren würde. Und genau deshalb sind wir lediglich zu viert auf die Reise gegangen. Wir, das sind Alexander Fehling (Schauspiel), Jakub Bejnarowicz (Kamera), Anton Feist beziehungsweise Magnus Pflüger (Ton) und ich, Jan Zabeil (Regie). Auch ohne das Vertrauen, die Mitgestaltung und die Euphorie von Benny Drechsel (Produktion), Stefanie Groß (SWR – Debüt im Dritten) und Florian Miosge (Montage) wäre es nicht möglich gewesen, den Film in dieser Weise zu machen, denn sie haben sich ausnahmslos auf ein Abenteuer ohne branchenübliche Finanzierung und ohne Sicherheiten, aber dafür mit umso mehr Risiko eingelassen.

Im Vorfeld hatten Alexander und ich uns für eine Figur entschieden, deren wichtigste Aufgabe es ist als Projektionsfläche zu dienen, für einen weißen Mann in der »Wildnis«. Es war eine große Herausforderung, die Figur praktisch in jedem Bild zu zeigen, ohne ihren Charakter und ihre Motive zum wesentlichen Thema des Films zu machen. Vielmehr sollte sie Freiräume schaffen für die eigenen Gedanken, Nöte und Ängste des Zuschauers. Uns war auch bewusst, dass wir in einem solchen Kontext nicht frei sind von postkolonialen Vorurteilen und Erwartungen politischer Korrektheit. Um dennoch unsere Geschichte erzählen zu können, haben wir uns entschieden, den Film eindeutig aus der Wahrnehmung des Weißen, insbesondere über seine Angstzustände und tiefe Verunsicherung zu erzählen - denn dadurch wird sie zu einer zutiefst subjektiven Perspektive.

Früh wusste ich, dass ich ohne Drehbuch nach Afrika reisen wollte, weil ich das Gefühl hatte, das, was ich eigentlich suchte, nicht aufschreiben zu können, obwohl ich monatelang an verschiedenen Exposé- und Konzeptfassungen gearbeitet hatte. Das, was ich suchte, war größer als ich und meine Phantasie, und ich wusste, dass ich in meinem Prozess zum Film auf etwas angewiesen war, was ich nur an diesem entlegenen Fleck der Erde finden konnte. Ich wusste, dass wir chronologisch drehen müssten, auch, dass der fortwährende körperliche Verfall unserer Hauptfigur in der Geschichte, seine Veränderung durch Natur und Sonne nicht künstlich durch eine Maske hinzugefügt werden durfte, sondern eben genau seinen natürlichen körperlichen Prozess darstellen musste. Es wurde Teil des Konzeptes, verloren zu gehen, während wir die Geschichte von einem erzählen, der verloren geht. Und wir wollten den lokalen Umgang der Menschen mit dem Tod auf dokumentarische Art erleben und im Film thematisieren (an diesem Ort glauben einige Menschen u.a. daran, dass ein nicht bestatteter Toter sich in ein Krokodil verwandeln kann und als dieses Krokodil diejenigen tötet und zu sich holt, die er liebt, weil er in der Welt zwischen Leben und Tod alleine ist). Dabei ging uns nicht darum, Besonderheiten eines fremden Glaubens herauszustellen oder zu portraitieren. Die Krokodil-Geschichte ist ein Vehikel, es ist der Versuch eine Andersartigkeit im Denken der Menschen über die Hauptfigur filmisch erlebbar zu machen. Der Film und der Prozess seiner Entstehung lebt vom Aufeinandertreffen mit dieser Andersartigkeit. Aber natürlich braucht es mehr als eine Begegnung mit der Fremde, um einen Film zu machen.

Wir einigten uns am Anfang des Drehs auf zunächst drei verschiedene Vorgehensweisen für verschiedene Situationen: Es sollte geplante Szenen geben, die der Hintergrundgeschichte der Figur, beziehungsweise dem Vorangehen der Geschichte dienten. Dann gab es viele dokumentarisch gedrehte Begegnungen mit den Menschen vor Ort. Als Drittes sollte es immer wieder eine Art Traumebene geben, eine Vermischung von Realem und Phantastischem.

Uns allen war von Anfang an klar, dass das Einlassen auf die Wildnis Gefahren mit sich bringen würde. Löwen konnten wir nachts brüllen hören, Skorpione hatten wir im Zelt, Schlangen waren unsere täglichen Angstbegleiter und eines Nachts wären wir mit dem Auto fast gegen das Hinterteil eines Elefantenbullen gefahren. Einmal hätte sich Alexander beinahe – so wie es für die Szene geplant war – an einer bestimmten Stelle in das Holzboot gelegt. Wir hörten auf den Rat der Guides, an diesem Ort nicht mit Alexander im Boot zu drehen. Kurz nachdem wir das Boot losgeschoben hatten, tauchte direkt daneben ein Nilpferdbulle auf, der das Boot wohl in zwei Hälften gebissen hätte, wenn ein Mensch darin gewesen wäre.

Die Verlorenheit und Überforderung waren von mir gewollt und provoziert, aber sie kamen plötzlich und mit aller Macht. Wir erlebten, dass wir in absoluter Freiheit völlig unfrei waren, dass wir mit freier Improvisation in der Beliebigkeit enden würden. Irgendwann sagte Alexander zu mir: »Wir wollten die Freiheit und stellen fest, wir werden zu unseren eigenen Packeseln.« Er hatte Recht. Die unzähligen, täglich zu treffenden Entscheidungen innerhalb der Szenen, in denen die Hauptfigur über viele Filmminuten hinweg versucht einfach nur zu überleben, verlangten absolute Präzision. Die Flexibilität, die ich mir so hart erkämpft hatte und mein höchstes Gut war, sollte mich vorerst zu Fall bringen. Gemeinsam mit den Produzenten entschieden wir abzureisen und den Dreh für circa einen Monat zu unterbrechen. Wir machten einen groben Zusammenschnitt von den ersten Aufnahmen des Films und entwickelten – in Zusammenarbeit mit Rohfilm und der SWR- Redakteurin Stefanie Groß – viele konkrete Szenen, wie es in der Geschichte weitergehen würde und reisten abermals zu viert ins Okavango-Delta. Die Wochen vergingen wie im Rausch. Und plötzlich ergänzten sich die inszenierten Szenen und die Macht des Zufalls: es war das Aufeinandertreffen unserer fiktiven Handlung mit einer Realität, die Tag für Tag unsere Arbeit im Positiven wie im Negativen beeinflusste, inspirierte und manchmal auch erst ermöglichte.

Für manch einen mag es in der Theorie keine Neuigkeit sein, für mich war es und bleibt es in der praktischen Erfahrung überwältigend: das, was man erlebt, existiert – auch wenn es der eigenen Überzeugung widerspricht. Scheinbar gibt es in der Wahrnehmung der Welt verschiedene Realitäten, die miteinander nicht in Einklang zu bringen sind. Es fordert eine unheimliche Flexibilität des Geistes, diesen Umstand in vollem Umfang zu akzeptieren. Wir hatten die seltene Gelegenheit unser Denken und unser Selbstverständnis zu relativieren, zu hinterfragen und aus einer gewissen Entfernung neu zu betrachten. Das ist eine Erfahrung, die ich auch anderen zugänglich machen möchte - sich mit dem Held in einem sinnlichen Erlebnis zu verlieren, in dem die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentarfilm, beziehungsweise zwischen Realismus und Phantasie verschwimmen.

 

Verleiher-Statement zum Film

Die Digitalisierung in der Filmproduktion versprach schon vor 15 Jahren die große Befreiung von Produktionszwängen, mehr finanzielle Unabhängigkeit und Beweglichkeit durch niedrigere Kosten und kleinere Kameras. Passiert ist wenig, außer den Dogma-Filmen oder Einzelstücken wie „In this World“ von Michael Winterbottom.

Mit der Filmgalerie 451 veröffentlichen wir Filme, die inhaltlich und formal neue Wege gehen, oft mit sehr kleinen Budgets hergestellt, um schnell und unabhängig zu sein.

Mit „Der Fluss war einst ein Mensch“ hat Jan Zabeil beides kombiniert. Er hat auf ein großes Budget verzichtet, um inhaltlich frei und unabhängig arbeiten zu können (der Film ist eine reine Fernseh-Koproduktion) und er hat die Möglichkeiten der digitalen Technik genutzt, der Film entstand mit einem kleinen 4 - Mann Team (inklusive Darsteller) an einem unzugänglichen Ort in Afrika!

Für den Filmemacher, den Produzenten, die Redakteurin und den Hauptdarsteller war diese Produktion, trotz des kleinen Budgets, ein großes Risiko. Kein festes Drehbuch, keine einfache Identifikationsfigur, kein Drehplan, keine Versicherung, niemand wusste genau was am Ende raus kommen würde. Aber genau das ist die Chance für etwas Neues und Überraschendes, als Gegenpol zu all den doppelt und fünffach abgesicherten Gremienfilmen.

Bei „Der Fluss war einst ein Mensch“ ist das Experiment gelungen. Der Film sollte Ansporn sein, Filmemachern mit verrückten und riskanten Ideen eine Chance zu geben. Nur so kann es wieder aufregende Impulse fürs Kino geben.

(Frieder Schlaich / Filmgalerie 451)

Interview- und Making Of-Clips mit Alexander Fehling: Clip 1 über die Drehbedingungen, Clip 2 über Story und Figur, Clip 3 über das Dorf in der Wildnis, Clip 4 über Natur und Lichtschalter, Clip 5 über Geschichten abseits der Dreharbeiten, mit Regisseur Jan Zabeil, Clip 6 über das Abenteuer ohne Drehbuch zu arbeiten Clip 7 über Zwangsfreundschaft, mit Regisseur Jan Zabeil, Clip 8 vor dem Premierenkino, Clip 9 und Clip 10 zum Märchen vom Hasen und dem Löwen, mit Regisseur Jan Zabeil und Sariqo Sakega!

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Pressestimmen

Es ist fraglich, ob dieses Jahr noch ein besserer deutscher Film im Kino starten wird, als dieser eigenartig unter die Haut kriechende Trip. Magnetisch! (deadline - das Filmmagazin)

Niemand sollte diesen Film verpassen, denn er ist eine Sensation, ein Wunder, das dem deutschen Kino widerfahren ist. [...] Jan Zabeil belässt diesem Kontinent seine Fremdheit, also Einzigartigkeit, und das ohne je den Eindruck von Exotik zu erwecken. Afrika steht wie ein Labyrinth vor dem Deutschen; er kann es nicht ergründen, bewältigen. Es gibt in diesem Film nicht einen einzigen Einfühlungs- oder Erklärungsversuch, und damit wird Afrika eine Autonomie zugesprochen, die man so höchstens in den Filmen der Französin Claire Denis findet. (Berliner Zeitung, Frankfurter Rundschau, Anke Westphal)

Zum Sog der Landschaft bildet Alexander Fehling als namenloser Schauspieler mit seinem meisterhaft nuancierten Spiel das ideale Gegengewicht. (Barbara Schweizerhof)

Zabeil hat mit einem winzigen Team gedreht, ganz nah dran, wodurch sich die mit der Unübersichtlichkeit der Situation verbundene physische Anspannung direkt überträgt. Alexander Fehling glänzt als moderner Robinson, der durch die ungefilterte Konfrontation mit der Natur und einer fremden Kultur völlig überfordert ist. Der Soundscape des Films ist von geradezu magischer Schönheit und zeugt zugleich von latenter Bedrohung. Das allein wäre für einen deutschen Kinofilm schon ungewöhnlich genug [...] – zwischen Werner Herzog und Apichatpong Weerasethakuul. (film-dienst , Ulrich Kriest)

Ein impressionistisches, auch technisch überaus eindrucksvolles Werk, das die Welt nicht komplett erklären will, sondern einen Ausschnitt zeigt - und damit mehr erzählt als viele andere, redseligere Filme. (ZITTY, Michael Meyns)

In Jan Zabeils Regiedebüt "Der Fluss war einst ein Mensch", diesem magischen wie unheimlichen, unsere Sehgewohnheiten immer wieder irritierenden Trip in Afrika, beweist Alexander Fehling, dass er zurzeit einer der besten deutschen Schauspieler ist. (...) - herausragend. (Deutschlandfunk, Hartwig Tegeler)

In diesem Solo-Drama brilliert Alexander Fehling. (...) Dieser Film vermittelt eine der extremsten Erfahrungen, die Kino bieten kann. (Kunst+Film, Renée-Maria Richter)

Der Fluss war einst ein Mensch von Jan Zabeil ist ein filmischer Alptraum, mit einem Sog, den viele große Produktionen nicht schaffen. Das liegt unter anderem am Nachwuchsdarsteller Alexander Fehling, der mit seinem nuancierten Spiel zwischen Ignoranz allem Afrikanischen gegenüber und wachsender Todesangst schlicht Weltklasse beweist. Und nicht zuletzt Kameramann Jakub Bejnarowicz, der einem mit beeindruckenden, stellenweise meditativen Naturaufnahmen eine Wildnis nahe bringt, die Menschen frisst. (Funkhaus Europa, Ravi Karmalker)

Wenn man es schafft, sich in diese Situation versetzen zu lassen, wenn man also die zivilisatorischen Rückversicherungen im Kinosaal zu vergessen vermag, dann wird man mit dem jungen Mann mit den blonden Haaren etwas ganz Außergewöhnliches erleben. (Tip, Bert Rebhandl)

Jan Zabeils Film hebelt unsere westlichen Erklärungsmuster aus. (Saarbrücker Zeitung)

Für "Der Fluss war einst ein Mensch" reiste Zabeil mit einem Kameramann, einem Tonmann und dem Schauspieler Alexander Fehling nach Afrika und zeichnete die quasidokumentarischen Erlebnisse seines Extremtouristen in der Wildnis auf, die eine tiefgreifende Veränderung und radikale Infragestellung seiner Selbstwahrnehmung hervorrufen. (Claudia Lenssen)

"Der Fluss war einst ein Mensch" ist ein Solo für Alexander Fehling. Ein Solo, das er überragend meistert! Als Schauspieler ist er allein wie der erste Mensch oder wie Robinson Crusoe. Stellvertretend für die Zuschauer macht er diese Reise und nimmt die fremde Landschaft in sich auf. Zugleich lässt das kontemplative Drama auch seinem Publikum die Zeit, die Reise und die Landschaft auf sich wirken zu lassen und sich eigene Gedanken zu machen. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem äußerst intensiven Stimmungsbild belohnt. (kino-zeit.de)

More akin to Gus Van Sant‘s "Gerry" or some of Herzog‘s fiction odysseys than the aforementioned mainstream features, "The River Used to Be a Man" hardly exploits suspense or supernatural elements in any conventional fashion. Nor does it ask us to identify with the lead as an Everyman; Fehling holds attention throughout with an understated yet charismatic performance. (Variety)

Ein grandioser Trip in ein afrikanisches Sumpfgebiet ist ›Der Fluss war einst ein Mensch‹ von Jan Zabeil: Sein Hauptdarsteller und Co-Autor Alexander Fehling ("Goethe!") geht hier sehr langsam sehr gründlich verloren. (Cosima Lutz)

Preise und Festivals