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Ausländer Raus! Schlingensiefs Container

AUSLÄNDER RAUS! SCHLINGENSIEFS CONTAINER Paul Poet, A 2002, 90 min

"Der absolut beste Film über mich!" (Christoph Schlingensief)

DVD-NEUAUFLAGE 2015 mit restauriertem Film und vielen unveröffentlichten Extras!

Christoph Schlingensief verwirklichte für eine Woche mitten im touristischen Zentrum von Wien eine Angstvision: Ein Abschiebecontainer für Asylanten, interaktiv beeinflußbar, rund um die Uhr beschallt mit rassistischen Ansprachen der FPÖ-Erfolgsfigur Jörg Haider und beklebt mit dessen fremdenfeindlichen Wahlplakaten. Tausende Passanten erregten sich vor Ort und wurden so zu Mitspielern in Schlingensiefs Inszenierung. Ein Scheinstück, das "das neue Europa" aufwiegelte und das "schwarze EU-Schaf" Österreich im Besonderen.
Im Rahmen der Wiener Festwochen ließ Christoph Schlingensief den Wohncontainer mit 12 Asylanten direkt vor die Oper stellen. Unter dem Motto "Ausländer raus!" konnte täglich per Zuschauerabstimmung im Internet ein Bewohner "abgeschoben" werden. In Form der damals vieldiskutierten medialen Perversion eines Überwachungs-Containers im Stile von "Big Brother" sollte die Weltöffentlichkeit mit der global verstärkt auftauchenden neuen Rechts-Lastigkeit konfrontiert werden.

Mit Christoph Schlingensief, Elfriede Jelinek, Luc Bondy, Claudia Kaloff, Carl Hegemann, Daniel Cohn-Bendit, Gregor Gysi, Einstürzende Neubauten, Peter Sloterdijk, Paulus Manker und Musik von Alec Empire, Komet, Aphex Twin, Unit, Hermann Leopoldi & Betja Milskaja, Heinz Ehrenfreund u.a.

Die künstlerische Form der Aktion war dazu genauso wirksam wie die Platzierung in Österreich als dem Land, in dem als erstes seit dem 2. Weltkrieg eine extrem rechts stehende Partei an der Regierung beteiligt wurde.

Die Folgen der Aktion bestärkten und überraschten Schlingensief: Es kam zu hitzigen politischen Debatten, offenen Anfeindungen, lautstarken Demonstrationen und permanenten Attacken durch rechte wie linke Gruppierungen bis hin zu versuchter Brandlegung und der Erstürmung des Containers. Währenddessen beteiligten sich annähernd eine Million User im Internet an den Abstimmungen und angegriffene FPÖ-Politiker sowie die "Kronen Zeitung" reichten eine Flut von Klagen ein.

Paul Poet begleitet in seinem Dokumentarfilm das Geschehen vom ersten bis zum letzten Tag und stützt sich dabei auf fast 100 Stunden Originalmaterial. Außerdem kommen in rückschauenden Kommentaren Gestalter, Freunde und Feinde der Aktion zu Wort: Schlingensief selbst, seine Managerin Claudia Kaloff, Dramaturg Matthias Lilienthal, Festwochen-Leiter Luc Bondy, Kulturphilosophen wie Burghart Schmidt oder Peter Sloterdijk, Politiker wie Bezirksvorsteher Richard Schmitz (ÖVP) oder Helene Partik-Pablé von der FPÖ und Gäste wie Daniel Cohn-Bendit, Elfriede Jelinek, Gregor Gysi, Josef Bierbichler oder Paulus Manker.

Zur Entstehung des Films (von Paul Poet)

März 2000. Ein deutsch-österreichisches Telefonat. Als damaliger Festivalkurator versuchte ich den Schockregisseur Christoph Schlingensief als Präsentator einzuladen. Preisverleihungsgala des ersten europäischen Internet-Filmfestivals. Leider keine Zeit. Theaterverpflichtungen in Graz. Aber da hätte Herr Schlingensief noch eine Idee. Eine Sommeraufführung für die "Wiener Festwochen" war gerade als zu teuer abgesagt worden. Aber das Angebot war prinzipiell noch da. Eine selbst verfasste Kolumne zum "Big-Brother"-Phänomen hatte Schlingensief angeregt. Warum sollte man das nicht als mediales Szenario verwenden, um das Bild vom fremdenfeindlichen Österreich, vom Rechtspopulisten Haider durchzuspielen. Konnte eine solche Kunstaktion auch im Netz funktionieren? Wie der Container in Hürth?

Weniger als drei Monate später stand Schlingensiefs Container und entzündete den Staat Österreich zu einem befreiendem Amoklauf. Parallel dazu hatte ich als Projektleiter und Regisseur der Online-Aufführung den Internetfernsehpionier "webfreetv.com" überredet, das Geschehen in und um den Container live ins Netz zu streamen bzw. durch ein mobiles Kamerateam zu beobachten. Sechs an einen Live-Schnittplatz angebundene Kameras in fixer Position übertrugen in Echtzeit die Inszenierung und den Tumult. Jeden Morgen wurden zusätzlich fünfminütige Kurzfilme als Tageszusammenfassungen freigeschaltet. Man konnte die Biographien der Asylanten nachlesen, sie denunzieren und sie aus dem Land wählen.

Neben dem europäischen Blätterwald, den Politikergefechten, den Emotionen vor Ort explodierte auch die Netzbeteiligung: Unfassbare 813.000 in den sechs Tagen des Geschehens. Links- und Rechtsradikale füllten die Chats und Foren. Zahlreiche Hackerangriffe, hauptsächlich von einer "Bruderschaft für Recht und Ordnung", legten die Homepage von "webfreetv.com" für kurze Zeit komplett lahm und zwangen die extra erstellte Kunstseite "www.auslaenderraus.at" zu einem Serverwechsel ins ferne Kanada. Vom australischen Hippie-Fanclub, konservativen Frankfurter Geschäftsleuten bis zu slowenischen Nazi-Skins: Alle vereinten sich in diesem absurden Szenario zu gemeinsamer Kommunikation und Selbstentblößung.

Kurz nach dem Geschehen begann die Verdrängung: Politiker und Journalisten versuchten diese geschichtlich einzigartige Aktion, den Belastbarkeitstest einer westlichen Demokratie als kurzlebigen "Event", ungeachtet der dadurch mobilisierten Massen, lächerlich und vergessbar zu machen. Schlingensief selbst bemühte sich um eine Buchveröffentlichung beim Suhrkamp-Verlag, die im Dezember 2000 erschien. Da das Geschehen aber vor allem von den Bildern lebte, musste eine Dokumentation her, um die Aktion nachvollziehbar zu machen. Das Filmmaterial lag aber bei dem inzwischen ideologisch umorientierten Sender "webfreetv.com" unter Verschluss (FPÖ-nahe Aktionäre der Firma hatten eine "Kommerzialisierung" verlangt). Aufgrund einer Subvention seitens des Wiener Film Fonds entschied ich mich nach langer Suche zu einem Neubeginn mit der Newcomer-Firma Bonusfilm GmbH, die das Material schließlich freikaufen konnte. Es folgten neun Monate des Rekonstruierens. Neben den neu gedrehten Interviews mussten fast 100 Stunden Material gesichtet und aussortiert werden. Gesprächspartner wurden langwierig überredet, bis sogar Politiker der bei der Aktion offen angefeindeten FPÖ zur Verfügung standen. Es entstand, so meine ich, ein spannender Dokumentarfilm, der das Geschehen vor Ort nachleben lässt und zur Diskussion stellt.

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Pressestimmen

Ein Film, der so temporeich wie Schlingensiefs Sprechgeschwindigkeit ist. (taz)

Der Filmemacher Paul Poet hat die Aktion dokumentiert: ‚Ausländer raus! Schlingensiefs Container’ entrollt in vielen Details die ironische Mechanik eines angekündigten Eklats. [...] Schlingensief fordert beide Seiten heraus, die Rechten und die Linken, das macht seine Aktionen stark, die er, auch das wird klar, stets mit hohem Restrisiko durchführt. Österreich schlägt zurück: ein Pandämonium, sehr zu empfehlen. (Stefan Grissemann)

Filmemacher Paul Poet dokumentierte die wilden sechs Tage der Aktion, liefert ein Meisterwerk, das manchmal an Geschichten von Elisabeth T. Spira oder Ulrich Seidl erinnert. Er stellt schimpfenden Passanten und Politikern Statements sich mit Schlingensief verbrüdernder Intellektueller gegenüber. Und jene des Künstlers selbst, die sehr gescheit, jedoch nicht immer leicht zu kapieren sind. (Heike Obermeier)

Paul Poet, damaliger Leiter der Online-‚Aufführung’, schuf mit dieser Dokumentation eine auffallend unaufgeregte Schilderung eines Versuchs, Big Brother als sozialpolitische Satire zu inszenieren und zugleich auf verstärkte und salonfähig gewordene Rechtstendenzen hinzuweisen. Nach dem Sichten von knapp hundertstündigem Material entstand ein spannendes Stück filmisch aufbereiteter Zeitgeschichte, das die aus allen Fugen geratenen Ereignisse miterlebbar werden lässt. Darüber hinaus zeigt der Film auch den Menschen Schlingensief, der nicht nur gerne mit alten und neuen Mythen jongliert, sondern sich in geradezu barock anmutender Selbstinszenierung auf dem besten Wege befindet, seinen eigenen (Pop-)Mythos zu schaffen. Oder selbst einer zu werden. (Thomas Fröhlich )

Empfehlenswert als Zeitdokument. (Christian Kaier)

Regie bei diesem großartigen Film führte Paul Poet, Wiener Kunst-Tausendsassa. (Intro)

Wenn Christoph Schlingensief eine Aktion macht, ist das, als würde man einen Stein ins Wasser werfen und gucken, wie es Wellen schlägt – mediale. Bildstörungen sind dabei nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern gewollt. Jetzt hat Paul Poet einen luziden Film über Schlingensiefs Wiener Container-Inszenierung gedreht, der sich nicht an Eingeweihte und Einverstandene richtet, sondern den Diskurs neu aufrollt. Manchmal ertappe ich mich bei dem ernsthaften Wunsch, statt der vielen medialen Fragmente von Christoph Schlingensief wieder einmal einen "richtigen" Film von ihm zu sehen. Vielleicht, damit ein politisch-ästhetischer Diskurs wieder zur Ruhe kommt, der sich längst so verflüssigt hat, dass man ihn nicht mehr richtig beschreiben kann, ohne sich heillos in der Schlingensiefschen Bilderfalle zu verheddern. Beim zweiten Nachdenken muss ich zugeben, dass dieser Wunsch reichlich reaktionär ist. Denn mit Schlingensief ist das Filmische ja einen entscheidenden Schritt weitergekommen. Es hat seine manifeste Form überschritten, es hat unumkehrbar Inszenierung in den Alltag und Alltag in die Inszenierung gebracht. Und selbst die Hysterie, die diese Vermischung auslöst, ist Teil des Kunstwerks geworden. (Georg Seeßlen) mehr...

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