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Abfallprodukte der Liebe

ABFALLPRODUKTE DER LIEBE Werner Schroeter, D/F 1996, 125 min

Der Kunst des Singens bei der Entstehung zugesehen.

Wo kommt sie her, die Expressivität, der Ausdruck der großen Stimme? Was jagt den Schauer über den Rücken? Um diese Fragen zu beantworten, hat Werner Schroeter die Sängerinnen und Sänger, die er am meisten bewundert mit ihren Freunden, Geliebten und Kindern in eine französische Abtei des 13. Jahrhunderts eingeladen. Dort sollen sie eine Arie zum Leben erwecken – so, als würden sie ihre eigene Lebensgeschichte erzählen. 

Natürlich ist daraus kein konventioneller Dokumentarfilm geworden, sondern ein ebenso außergewöhnliches wie experimentierfreudiges Porträt zeitgenössischer Sänger. Wir sehen der Kunst des Singens bei ihrer Entstehung zu.

In den 70er Jahren gehörte Werner Schroeter neben Fassbinder, Herzog und Wenders zu den wichtigsten Vertretern des "Neuen Deutschen Kinos". Für sein künstlerisches Gesamtwerk wurde der Opern- Theater- und Filmregisseur 1996 mit dem "Ehren-Leoparden" des internationalen Filmfestivals Locarno ausgezeichnet. 2008 erhielt Werner Schroeter bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig den Goldenen Löwen für sein Gesamtwerk und seinen letzten Film "Diese Nacht".

Claire Alby im Presseheft zum Kinostart am 7.11.1996 über ABFALLPRODUKTE DER LIEBE:

"Was singt mir, der ich in meinem Körper das Lied höre? Alles, was in mir widerhallt, mir Angst macht, oder was mein Begehren erweckt?"

In einer der ersten Einstellungen zitiert Werner Schroeter den französischen Philosophen Roland Barthes, der die Frage stellt, die zum Leitmotiv des Films wurde: "Warum finden Sänger ihren Ausdruck in der Stimme?"

Werner Schroeter hatte das Glück, mit den Sängern, die er am meisten schätzt, diese Frage zu beantworten. Zusätzlich zu den Sängern, die schon oft mit ihm gearbeitet haben, konnte er noch drei weitere, unendlich talentierte Künstlerinnen dazugewinnen: Martha Mödl, Rita Gorr und Anita Cerquetti. 30 Jahre lang hatte Schroeter gehofft, diese Frauen einmal kennenzulernen. Zwei der drei, Martha Mödl und Rita Gorr, kannten bereits Arbeiten des Regisseurs.

Drei Frauen, drei Schicksale; Anspielungen auf die Callas, die Schroeter spirituell seit seiner Jugend und während seiner gesamten künstlerischen Laufbahn begleitet, und die sein Theater-, Film- und lyrisches Schaffen, vor allem aber sein persönliches Leben, beeinflußt hat.

Einerseits gab es für diesen Film kein festes Drehbuch, das es auch gar nicht geben durfte andererseits aber ganz spezielle Auflagen: der Drehort, die Abbey of Royaumont, die Stadt Düsseldorf und die ausgewählten Darsteller. Dies waren die Spielregeln für alle Beteiligten.

Jede Sängerin, jeder Sänger war zwei Tage mit einer ausgewählten Begleitperson am Drehort und probte eine vom Regisseur ausgewählte Arie.

Werner Schroeter lud die folgenden Personen ein:

Anita Cerquetti            Sopran
Martha Mödl                Dramatischer Sopran
Rita Gorr                      Mezzo-Sopran
Kristine Ciesinski        Sopran
Katherine Ciesinski     Mezzo-Sopran
Laurence Dale             Tenor
Jenny Drivala               Sopran
Gail Gilmore                Sopran
Sergei Larin                 Tenor
Trudeliese Schmidt      Mezzo-Sopran 

Zusätzlich wird Elisabeth Cooper eingeladen, die als ein "Ein-Frau-Orchester" alle Opernpartituren und Orchestrierungen in Klavier- oder Orgelmusik verwandelt. Sie ist während der gesamten Filmarbeit anwesend, also auch bei den Dreharbeiten, bei denen sie Tag und Nacht den Künstlern zur Verfügung steht.

Zwischen den Proben begleiten der Regisseur und seine Crew die Gäste bei ihrem Tagesablauf, schlagen vor, dass sie ihre Kostüme anziehen und sich mit der Umgebung der Abtei, der Grotte, den Empfangsräumen, der Musikbibliothek, dem Garten u.s.w. vertraut machen.

Zusammen mit der Ausstatterin und Kostümdesignerin Alberte Barsacq verändert Schroeter Dreh- und Arbeitsräume, und mit Hilfe von Kamerafrau Elfi Mikesch werden die Szenen so ausgeleuchtet, daß sie die jeweilige Atmosphäre widerspiegeln.

Verschiedene Versionen werden ausprobiert, um einen Einblick in die Tagesabläufe der jeweiligen Sänger zu gewinnen. Jeder Sänger bekommt nicht nur eine bestimmte Arie, sondern auch persönliche Requisiten, z.B. einen Vorhang, einen Hut, ein Kleid, besonderes Make-up und anderes.

Werner Schroeter meint dazu: "Ich habe den Sängern ganz kurz erklärt, daß sie für diesen Film keine ganze Oper singen müssen, sondern nur eine Arie, die sie zum Leben erwecken sollen, so als würden sie ihre eigene Lebensgeschichte erzählen.

Mein eigentliches Ziel ging über die Entwicklung und Interpretation der Charaktere hinaus. Ich wollte versuchen, aufgesetzte Masken zu entfernen, um das Wesentliche, das Herzstück der Musik, zu entdecken. Denn nur damit allein kann ich arbeiten.

Ich habe außerdem meine Freundinnen, die Schauspielerinnen Carole Bouquet und Isabelle Huppert eingeladen und sich mit Anita Cerquetti und Martha Mödl unterhalten lassen. Auf Italienisch fragt Carole Bouquet Anita Cerquetti, warum sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere aufhörte zu singen. Isabelle Huppert fragt Martha Mödl, wie sie die Arie aus Fidelio, die sie sich gemeinsam anhören, gesungen hat, und ob sie, da sie schon so lange singt, auch Gesangsunterricht gibt.

Der Film erzählt von mehr als nur der Geschichte der Opern und der Musik. Die Stimme, das Geheimnis "Mensch" und alles um ihn herum sind meine Werkzeuge und die Rohstoffe, aus denen die Charaktere und das Drehbuch entstanden sind."

Der Film basiert auf dem einzigartigen Austausch zwischen dem Künstler und seinem Talent, das ihm erlaubt, gewaltige Gefühle zum Ausdruck zu bringen, und uns, dem Publikum, das diese Gefühle mit jeder Note sehnsüchtig erwarten und aufnehmen läßt.

Darin liegt das Abenteuer des Gesangs, das ich versuche zu leben und in diesem Film zum Leben zu erwecken; die Tiefen der Gefühle, die in uns liegen, zu ergründen. Vor allem wollte ich die Leidenschaft mit dem Zuschauer teilen, mit der mich schon immer die Sänger und ihre Kunst inspiriert haben.

Der Film ist nichts anderes als die Rückkehr zu einer Quelle; ein kurzer, liebevoller Blick auf das Privatleben der Sänger.

Alle Gefühle und Leidenschaften werden in der Schlußsequenz zusammengebracht und durch Anita Cerquettis Einsamkeit personifiziert. Sie blickt zum Himmel hinauf und mit ihr gemeinsam hören wir ihrer "Casta Diva"- Aufnahme aus den 60er Jahren zu. Mit diesem Bild schließt der Film, die Lichter erlöschen."

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Zitate

Pressestimmen

Mit seiner Mischung aus Kitsch und Kunst, so anmaßend wie großartig, wird der Film selbst zur großen Oper. Herausragend! (Tip Berlin)

Wir sind dabei wie ein Produkt entsteht: durch Intervention. Schroeters Eingriffe imponieren besonders dann, wenn er, ohne zu verletzten, die Unnahbarkeit einer besonders würdevollen Sängerin aufbricht. (EPD Film 12/96, Dietrich Kuhlbrodt)

Eine ausschweifende Feier des Operngesangs und der intensiven Emotionen, die er erzeugt, ein frei schwebender musikalisch-philosophischer Workshop, der die Beziehung von Gesang und Leben erforscht. (The New York Times)

Preise und Festivals