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Klaus Wyborny

„Kino bedeutet für mich, die Erzählung so weit zu strecken, bis sie zusammenfällt. Ich bin an dem Punkt eines bestimmten kritischen Gleichgewichts interessiert. Wenn dieses kritische Gleichgewicht erreicht ist, dann öffnet sich das Publikum. Ich versuche also die Geschichte bis zu genau diesem Punkt zu strecken und dabei gewissermaßen zum Einsturz zu bringen.“

Foto: Klaus Wyborny, 1980

Zum 80. Geburtstag im Juni 2025 veröffentlichen wir 7 Filme und 6 Kurzfilme von Klaus Wyborny, von ihm persönlich ausgewählt. Sie sind ab sofort kostenlos als Stream verfügbar.

Heinz Emigholz schreibt aus diesem Anlass über die Filme von Klaus Wyborny:
Sein Hauptwerk Birth of a Nation (1973, 70 min) beschreibt modellhaft den Auf- und Abbau einer menschlichen Sozietät in der Wüste und simultan dazu den Aufbau und die Dekonstruktion seiner filmischen Mittel. Der Künstler als Leidensmann und Protagonist in einem Science-Fiction-Video: Er muß in 2084 (1982, 78 min) jährlich Berichte über die Fortschritte seiner theoretischen Arbeit Projektionen des Kausalitätsprinzips im ausgehenden XX. Jahrhundert abliefern, um sein Überleben zu garantieren; Fortschritte, die er nicht macht. Was als Parodie eines Sandalenfilms beginnt, artet zum Stream of consciousness des sexuell aufgeladenen Prokonsul Sulla (1990-2001, 121 min) aus und entwickelt sich zur Satz-für-Satz-Verfilmung eines eigenen Romans. Der Film Aus dem Zeitalter des Übermuts (1994, 80 min) zieht eine autobiographische Bilanz an den Orten, „die ich gesehen habe“. Musikalisch organisierte Bilder und Sprache, von herben Klavieranschlägen unterbrochen: sentimentaler Bombast at its best. Im Spielfilm Das offene Universum (1990, 94 min) wird mit verhaltener Gestik, ausgebremsten Anspielungen und minimalen Superzeichen eine kosmologische Theorie exemplifiziert – eine melancholische Reise durch eine Welt blühender und vergehender Industrien, die in ihrem Strudel auch die Schauspielkünste ihrer Stars Tilda Swinton, Christoph Hemmerling und Hanns Zischler kannibalisiert. Zum Schluß gibt es außer „Sag' was!“ nichts mehr zu sagen. Eine zufällige Begegnung mit Werner Schroeter (2008, 11 min) in Portugal: Befreundet sind die beiden nicht, das sieht man, aber es herrscht ein seltsames Klima gegenseitiger Achtung. Syrakus (2004-2012, 85 min): Wybornys Zusammenarbeit mit Durs Grünbein: Dichter und Filmer sind sich darin einig, fremde Orte aufsuchen zu müssen, um dort Energien für ihre Arbeit vorzufinden und aufzusaugen. Klaus Wyborny war neben Hellmuth Costard, Werner Grassmann, Helmut Herbst, Alfred Hilsberg, Werner Nekes, Dore O., Kurt Rosenthal, Thomas Struck und Franz und Ursula Winzentsen maßgebliches Mitglied der Hamburger Filmemacher Cooperative (1968-72), die mit ihren Hamburger Filmschauen (1968-73) einen wesentlichen Beitrag zur vorübergehenden intellektuellen Aufladung deutschen Filmschaffens leistete.

Stefan Ripplinger schreibt zu Klaus Wybornys 80. Geburtstag in der „nd“:
Dieser Mann ist uns so weit voraus, dass es schwer fallen wird, ihm auch nur in einigem Abstand zu folgen: Der Filmemacher und Schriftsteller Klaus Wyborny, der am 5. Juni 80 wird, hat das deutsche Desaster durchdacht, lange bevor es Staatsräson wurde, und er hat sich über die »Künstliche Intelligenz« lustig gemacht, als noch kaum jemand wusste, was das sein soll.
Von Hause aus ist er Physiker. Er hätte, scherzte er einmal, bei der Physik bleiben können, hätte er seinerzeit in New York, wo er studierte, nicht soviel LSD eingeworfen. Danach habe es nur noch für die Kunst gereicht. Man sollte hinzufügen: Für die Kunst reichte es dann zweimal. Jedenfalls hat sie selten einen so reichen intellektuellen Background wie bei ihm. (Vollständiger Artikel

Biografie

Klaus Wyborny, geboren am 5. Juni 1945 in Bittkau, studierte von 1963 bis 1970 Theoretische Physik in Hamburg und New York City. Ab 1963 engagierte er sich im Filmclub im Arbeitskreis Film und Fernsehen an der Universität Hamburg. Mitte der 60er Jahre begann er, sich als Filmemacher zu betätigen.

Im Jahr 1968 gehörte Wyborny mit Hellmuth Costard, Helmut Herbst, Werner Nekes, Thomas Struck und anderen zu den Gründern der Hamburger Filmmacher Cooperative. Vorbild der Gruppe war die amerikanische "New Cinema"-Bewegung, mit dem Ziel, eine europäische Variante des amerikanischen Undergroundkinos zu etablieren. Daneben gehörte er zu den Gründern der Literaturzeitschriften "Boa Vista" und "Henry" und war Mitinitiator der "Hamburger Filmgespräche". Mit seinen zahlreichen Experimentalfilmen und Experimental-Spielfilmen avancierte Wyborny zu einer der wichtigsten und prägendsten Persönlichkeiten des deutschen Avantgarde-Kinos. Auf der Documenta 5 (1972) und der Documenta 6 (1977) in Kassel war er mit jeweils mehreren Filmen vertreten, darunter "Das abenteuerliche, aber glücklose Leben des William Parmagino", "A Crowd in the Face", "Dallas Texas" und "Percy McPhee". Für "Das szenische Opfer" wurde er 1981 mit dem Preis der deutschen Filmkritik für den Besten Experimentalfilm ausgezeichnet. Zu Wybornys bekanntesten Werken gehören außerdem "Die dämonische Leinwand" (1969), "Die Geburt der Nation" (1973), "Am Arsch der Welt" (1981), "Der Ort der Handlung" (1986), "Aus dem Zeitalter des Übermuts" (1991) und "Sulla" (2001), der 2003 beim Internationalen Filmfestival Split preisgekrönt wurde.

Viele seiner Arbeiten waren im Rahmen der Berlinale im Internationalen Forum des Jungen Films zu sehen. Neben seiner Arbeit als Filmemacher hielt Wyborny zahlreiche Seminare und Vorträge zu diversen Aspekten der Filmgestaltung. Er war Gastdozent an Universitäten in New York und Ohio und hatte 2002/2003 eine Gastprofessur an der Universität der Künste Berlin. Im Jahr 2005 würdigte das Deutsche Filmmuseum Frankfurt ihn bereits zum zweiten Mal mit einer umfassenden Retrospektive – die erste hatte 1986 stattgefunden. Viele Arbeiten Klaus Wybornys wurden auch in Ausstellungshäusern wie der Kunsthalle Hamburg, der Generali Foundation Wien und der Berliner Akademie der Künste gezeigt.

Bei der Viennale wurde 2012 Wybornys "Syrakus" nach Gedichten von Durs Grünbein uraufgeführt, 2014 gefolgt von "Im Imaginären Museum - Studien zu Monet" und 2015 von "Das Licht der Welt". 2014 sah man Wyborny wieder einmal als Schauspieler, in einer zentralen Rolle von Harald Bergmanns Filmessay "Der Schmetterlingsjäger - 37 Karteikarten zu Nabokov".

Quelle: filmportal.de

Vollständige Filmografie

DÄMONISCHE LEINWAND, 1969, 100 min
DALLAS TEXAS / AFTER THE GOLDRUSH, 1971, 35 min
DIE GEBURT DER NATION, 1973, 70 min
PICTURES OF THE LOST WORD, 1975, 50 min
DER ORT DER HANDLUNG, 1977, 130 min
UNERREICHBAR HEIMATLOS, 1978, 25 min
SECHS KLEINE STÜCKE AUF FILM, 1978, 35 min
POTPOURRI AUS "ÖSTLICH VON KEINEM WESTEN", 1979, 30 min
DAS SZENISCHE OPFER, 1980, 55 min
AM ARSCH DER WELT, 1981, 70 min
AM RAND DER FINSTERNIS, 1985, 65 min
GNADE UND DINGE (11 STUECKE AUF FILM), 1985, 70 min
DAS OFFENE UNIVERSUM, 1986-1990, 94 min
VERLASSEN; VERLOREN; EINSAM, KALT, 1985-1992, 90 min
AUS DEM ZEITALTER DES ÜBERMUTS, 1980-1994, 80 min
SULLA, 1990-2001, 121 min
EINE ANDERE WELT, 1993-2005, 98 min
HISTOIRE DU CINÉMA, 1974-2005, 25 min
HOMMAGE AN LUDWIG VAN BEETHOVEN (op.111 und Missa Solemnis), 1978-2006, 72 min
DAS LETZTE JAHR, 2003-2009, 124 min
STUDIEN ZUM UNTERGANG DES ABENDLANDES, 1979-2010, 80 min
SYRAKUS, 2004-2012, 85 min
IM IMAGINÄREN MUSEUM - STUDIEN ZU MONET, 2004-2014, 103 min
DAS LICHT DER WELT, 1979-2015, 86 min
FRÜHFORMEN FILMISCHEN ERZÄHLENS - EARLY FORMS OF FILMIC NARRATION, 1994-2017, 8 Stunden Direktvideos in sieben Teilen

Mitarbeit an den Filmen:
Drehbuch, Kamera: UND NIEMAND IN HOLLYWOOD...,1970, Regie: Hellmuth Costard
Drehbuch: DIE PHANTASTISCHE WELT DES MATTHEW MADSON, 1972, Regie: Helmut Herbst
Traumsequenzen zu: JEDER FÜR SICH UND GOTT GEGEN ALLE, 1975, Regie: Werner Herzog
Kamera: D'ANNUNZIOS HÖHLE, 2002, Regie: Heinz Emigholz

Statements

Zum Geleit - Gespräche im Nirgendwo
Einführung in Klaus Wybornys 11-teilige Romanserie Comédie Artistique
(mit einer Filmbeilage “1984”)

Das PDF erhalten Sie auf der Website zu "Rhythmische Studien“ (Seitenende) zum Download >

Filme im Programm

D 2004-2012, 85 min

Film nach Gedichten von Durs Grünbein.

D 2008, 11 min

Oh süßer schwarzer Vogel, der sacht, so sacht vergehenden Zeit ...

D 1990-2001, 121 min

Im Jahr der Consules Lucius Scipio und Gaius Norbanus, 671 Jahre nach Gründung der Stadt (im 427. Jahr der Republik), knapp einen...

D 1994, 80 min

Mit eigenen Gedichten, Musik und Bildern aus 13 Jahren hat Klaus Wyborny eine / seine Biographie als Film komponiert: Texte und...

D 1990, 94 min

Passionsgeschichte auf hoher See mit Tilda Swinton und Hanns Zischler.

D 1982, 78 min

Überlebensberechtigungspanorama des PTXQL EIAOU Schmidt für das Jahr 2084. Erster Teil der Serie „In den Klauen der Sterne“.

D 1973, 70 min

Eine Gruppe junger Menschen versucht in der Wüste eine Art soziale Organisation aufzubauen. Der Vorspann verortet die Handlung in Marokko...

D 1974-1987, 152 min

6 Kurzfilme von Klaus Wyborny. Sie sind ab sofort kostenlos als Stream verfügbar.

Filme im Programm

D 2004-2012, 85 min

Film nach Gedichten von Durs Grünbein.

D 2008, 11 min

Oh süßer schwarzer Vogel, der sacht, so sacht vergehenden Zeit ...

D 1990-2001, 121 min

Im Jahr der Consules Lucius Scipio und Gaius Norbanus, 671 Jahre nach Gründung der Stadt (im 427. Jahr der Republik), knapp einen Wochenmarsch südlich Roms - unweit von Tarracina. Nach dem... mehr

D 1994, 80 min

Mit eigenen Gedichten, Musik und Bildern aus 13 Jahren hat Klaus Wyborny eine / seine Biographie als Film komponiert: Texte und Wahrnehmungen, die weniger Erinnerungen sind als bildliche... mehr

D 1990, 94 min

Passionsgeschichte auf hoher See mit Tilda Swinton und Hanns Zischler.

D 1982, 78 min

Überlebensberechtigungspanorama des PTXQL EIAOU Schmidt für das Jahr 2084. Erster Teil der Serie „In den Klauen der Sterne“.

D 1973, 70 min

Eine Gruppe junger Menschen versucht in der Wüste eine Art soziale Organisation aufzubauen. Der Vorspann verortet die Handlung in Marokko im Jahr 1911, was sich auf das Werk von D.W. Griffith... mehr

D 1974-1987, 152 min

6 Kurzfilme von Klaus Wyborny. Sie sind ab sofort kostenlos als Stream verfügbar.