Back to top

Heinrich Penthesilea von Kleist

D 1983, 144 min

Träumereien über eine Inszenierung  Hans Neuenfels’ filmische Auseinandersetzung mit Heinrich von Kleists Trauerspiel „Penthesilea“.

Synopsis

Zentrum von Hans Neuenfels’ HEINRICH PENTHESILEA VON KLEIST ist Kleists titelgebendes Schauspiel. Wie aus der Ferne betrachtet Kleist die Beziehung zwischen Mann und Frau, wenn er ins mythische Griechenland verlegt, was ihm in Preußen seinerzeit zum Problem wurde und es auch für uns geblieben ist. Gedanken und Assoziationen des Regisseurs erweitern die Inszenierung um eine weitere Ebene. Realität und Fantasie werden auf diese Weise ineinander verwoben zu einer imaginären Biografie Kleists.

Pressestimmen

Kleist und Penthesilea, Autor und Figur, sind für den Regisseur im Film gleichermaßen die geheimnisvollen Größen, die es zu untersuchen gilt. Neuenfels, der einen Teil seiner Inszenierung in die technischen Räume seiner Inszenierung verlegte, stellt sich selbst als der Spurensuchende dar. In den Schlussminuten geht auch die Interpretation von Neuenfels auf, der in der Figur Penthesilea den Autor Kleist entdeckt, der im Obrigkeitsstaat Preußen, der vernünftig, also nach der Vernunft des Staates organisiert ist, verzweifelt. Kleist wie Penthesilea rebellieren nicht gegen die Regeln ihrer Staaten. Sie suchen sie geradezu inbrünstig zu befolgen, das bringt sie um, beide. In der Schlusseinstellung, sind Penthesilea und Kleist identisch. (Kölner Stadt-Anzeiger, 1984)

Der verschränkte Titel besagt, dass es hier nicht allein um die Verhängnis-Verwandtschaft zwischen dem griechischen Halbgott und der Amazonenfürstin geht, die aus der Liebesnot, wer wen besiegen soll, solange keinen Ausweg finden, bis Penthesilea gemeinsam mit ihren Hunden den Helden zerfleischt und daraufhin ihren eigenen Tod als Seelen-Suizid vollstreckt. (Sibylle Wirsing, 1984)

Hans Neuenfels, vielleicht der genialste Exzentriker des deutschen Gegenwartstheaters, inszeniert Heinrich von Kleist mordrasendes Trauerspiel „Penthesilea“. Hinreißend schön und überkanditelt. (Lothar Schmidt-Mühlisch, 1984)

Weitere Texte

Hans Neuenfels zum Film

Ich wollte einen Film drehen über das, was ich liebe, womit ich mich seit zwanzig Jahren beschäftige.
Da gibt es die Suche nach dem Dichter, die Reise in ein verborgenes Leben, das sich unter der Sprache öffnet und zu Fragen, Vermutungen, Hypothesen, Antworten reizt. Jede große Dichtung weiß mehr als die Zeit, aus der sie entsteht. Und wir haben viel zu oft Angst vor ihren Erkenntnissen. Wir sind größer als wir meinen und kleiner als wir sind. Wenn es heute noch Chancen gibt, etwas über sich zu erfahren, erfahren wir es von Dichtern, Malern, Komponisten. Alles andere verschmiert sich mit falscher Souveränität, verlogener Notwendigkeit, hysterischer Aktualität, berechnender Direktheit: ein Spartendenken ohne Entwurf.
Aber zurück zu dem, was ich liebe. Da gibt es die Schauspieler, mit denen man arbeitet, spricht, mit denen man zusammenlebt, isst und schläft, ganz konkrete Personen, die aber plötzlich immer mehr sich auflösen in Cordelia, Othello, Hamlet, Oedipus, in lphigenie oder in Penthesilea. Wer sich schon morgens um zehn Uhr auf der Probe umarmen muss, findet mittags vielleicht, ein wahres Wort füreinander, und inmitten mieser Verstümmelung ist ein Satz von Kleist mehr als ein akustisches Lebenszeichen. Alle Menschen, die Leidenschaft zu einer Sache, zu einer Person zeigen, sind Schauspieler, sind lächerlich und peinlich für die stumme, die mechanische Industrie des vorgegebenen Verhaltens, des abgemessenen Augenblicks.
Aber zurück zu dem, was ich liebe. Da gibt es die monatelangen Tage in Räumen mit künstlichem Licht wie Grubenarbeiter im Stollen. Und die Einrichtungen der Zeit fallen ab: die Moral geht wandern, die Frisur aus dem Leim, die Karriere flöten und die Freundin fremd, wird fremd. Die Mittagessen verbruzzeln, die Nichtraucher werden zur berechtigten Minderheit, kein Schweiß-geruch stört, die Lage dehnt sich aus wie ein kostbarer Besitz von allen. Die Situation entwirft unzählige Stühle, aber mit drei Beinen. Irgendwann gibt es dann eine eigene Zeit, die wirkliche Zeit. Wenn ich auf der Straße stehe und plötzlich höre, sehe, wie Penthesilea und Achill sich lieben, dann ist es weder nachher noch vorher. Es ist gleichzeitig. Höchstens ein Schnitt. Und das Café, die Bühne, das Charlottenburger Schloss, was ist das mehr als eine Kamerafahrt?
Ich sehe mich sitzen, wie ich einen zehn Jahre alten Film über mich ansehe und meinen Sohn, der mich sieht, wie ich den Film ansehe, und mein Sohn sieht sich, wie er ...
Ich sehe mich sterben. Ich bin gestorben, aber wenn die Einstellung gestorben ist, ist sie gut. Sie ist im Kasten. Im Blick. In der Kamera. In der Behauptung. Sie wird leben im Toten, im Material. Und der Schneideraum ist – fruchtbarer als die Pyramiden – das Grabmal der diesseitigen Unsterblichkeit.
Film ist wie eine Zwiebel, und ich wollte auch mit den Personen, den Rollen, die sie spielen, nach Identität fragen, nach ihrer Aufhebung und ihrer Grenze, nach der Notwendigkeit ihrer Grenze vielleicht. Denn wo hört bei Kleist Heinrich auf und fängt Penthesilea an, und was ist er dann, wenn sich die zwei Personen treffen?
Schließen sie ihn aus oder nehmen sie ihn in ihre Mitte?
Und was sind wir, wenn wir uns nachgehen, wirklich nachgehen nach unseren Möglichkeiten? Halten wir uns noch aus?
Film: das ist eine gefrorene Zeit, Bernstein mit einem Falter darin. Die Pferde von San Marco begegnen den Pferden der Berliner Quadriga und sind ebenso echt, so wirklich, so lebendig wie die Pferde, auf denen Penthesilea und Achill reiten, schwarz-weiß, aber kompliziert wie jede Erinnerung.
Und deswegen ist jeder Film auch eine Liebesgeschichte, denn wer wirft schon weg, was er gelebt hat? − Hans Neuenfels, 1982

Credits

Buch und Regie
Hans Neuenfels
Mit
Elisabeth Trissenaar, Hermann Treusch, Hans Neuenfels, Verena Peter, Lieselotte Rau, Nicole Heesters, Ulrich Haß, Jörg Holm, Edith Robbers, Charlotte Joeres, Berta Drews, Holger Madin, Hans-Eckart Eckhardt, Hans-Joachim Grubel, Honor Maier, Stefan Wieland sowie Susanne Lietz, Thomas Krummnow, Benedict Neuenfels, Carlo Rola, Michael Schmiedl, Paul Schmitz
Bildgestaltung
Thomas Mauch
S/W-Kamera
Frank Banuscher, Rainer Stuhlmacher
Kameraassistenz
Siegmar Brüggenthies
Schnitt
Dörte Völz
Schnittassistenz
Jeanette Menzel
Musik
Heiner Goebbels
Ausstattung
Hans Neuenfels, Anna Viebrock
Requisite
Beate Ollesch
Kostüme
Anna Viebrock
Maske
Veronika Wildt, Peter Born
Ton
Detlev Fichtner, Uwe Griem
Tonassistenz
Uwe Griem
Mischung
Hans-Dieter Schwarz
Regieassistenz
Pia Frankenberg, Heinz Rudolf Müller
Produktions- und Aufnahmeleitung
Carlo Rola
Produzent_innen
Regina Ziegler, Siegfried Kienzle (ZDF), Andreas Bareiss
Produziert von
Regina Ziegler Filmproduktion, ZDF

DVD-Infos

Extras
Gespräch zwischen Hans Neuenfels und Benedict Neuenfels zur Kleist-Trilogie (15 min)
Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch
Regionalcode
Code-free
System
PAL / Farbe + s/w
Laufzeit
144 min + 15 min Extras
Bildformat
1:1,66
Tonformat
DD 2.0
Inhalt
Digipack (Set Inhalt: 1), 20-seitiges Booklet
Veröffentlichung
22.11.2013
FSK
Ab 6 Jahren