
Was soll'n wir denn machen ohne den Tod
D 1980, 109 min
Ein poetischer Einblick in das Leben in einem Hamburger Seniorenheim, vor allem in das von Käthe und Traute, die hier ihre Liebe zueinander entdeckt haben.
Synopsis
Über einen Zeitraum von sechs Monaten interviewte und filmte Elfi Mikesch die Menschen in einem Seniorenheim in Hamburg. Poetisch hält sie die Augenblicke und Lebensgeschichten fest.
„Wie sonderbar sind diese Wesen, die, was nicht deutbar, dennoch deuten – was nie geschrieben wurde lesen – Verworrenes beherrschend binden und Wege noch im ewig Dunklen finden.“ Dieser Satz, zitiert von der über siebzigjährigen Käthe, der als Fragment ihres ganzen Lebens auftaucht, ist auch der Leitsatz des Films „Was soll’n wir denn machen ohne den Tod“. Im Film wird von Geschichten alter Leute erzählt, die von der Außenwelt wenig wahrgenommen werden. Auch die Geschichte zweier alter Frauen, die sich in diesem Altersheim gefunden haben. Dazu kommt ein junges Paar, Barbara, Steven und ein Kind, für unbestimmte Zeit in dieses Altenhotel in Hamburg, um die Pensionäre zu betreuen. Trotz mancher Fehler bewältigen sie ihre Aufgabe mit viel Herzlichkeit und Witz. Die Zuschauer erhalten Einblick in den üblichen Tagesablauf eines Altenheims, der allerdings auch durch die unkonventionelle Unterstützung der Leiterin aus dem Rahmen des Normalen fällt. Durch den freundlichen und zärtlichen Umgang der „Neuen“ mit den „Alten“ beginnt eine Kommunikation, die normalerweise in Heimen wegen Personalmangels oder Desinteresse nicht anzutreffen ist. Im Film hat die Melancholie, ausgelöst durch die Konfrontation mit der „alltäglichen“ Hinfälligkeit, den gleichen Stellenwert, wie die klaren Momente der Stärke und Lebensfreude. Ein Plädoyer für die Möglichkeiten individueller Selbstverwirklichung jenseits aller Altersgrenzen. – Elfi Mikesch
Die für ihre Bildvisionen vielfach ausgezeichnete Kamerafrau und Regisseurin Elfi Mikesch zählt zu den frühen Pionierinnen des feministisch-queeren Films. In ihren Dokumentararbeiten richtet sie den Blick auf Menschen und Projekte, die aus dem Rahmen des Normalen fallen, und erzählt von deren Suche nach Identität und individueller Selbstverwirklichung.
Aktuell
Ab 23. Juli auf DVD:
– Elfi Mikesch: Dokumentarfilme Vol. 1 (3 Filme auf 1 DVD): „Ich denke oft an Hawaii“ / „Was soll'n wir denn machen ohne den Tod“ / „Execution. A Study of Mary“
– Elfi Mikesch Collection: Dokumentarfilme (10 Filme auf 3 DVDs)
Streaming-Info
Der Film ist über unseren Vimeo-Kanal zum Leihen oder Kaufen erhältlich.
Sprache: Deutsch, Untertitel: Englisch
Pressestimmen
Regisseurin Elfi Mikesch tritt in diesem meisterhaften Dokumentarfilm unaufdringlich in die Leben der BewohnerInnen eines Altersheims und gibt teilnahmsvoll ihre Geschichten wieder. Wenn alte Damen aus ihren Erinnerungen berichten, taucht Mikesch diese Bilder in warme Sepia-Töne, um die Sequenzen der Rückschau mit der sonnendurchfluteten Landschaft außerhalb des Pflegeheims zu kontrastieren. Die SeniorInnen sinnieren über das Leben, den Tod, das Altern, die Gemeinschaft und andere Themen, die für uns alle Gültigkeit haben. Auch wenn das Thema Tod in diesem Zusammenhang nicht vermieden werden kann, so wird es ganz natürlich behandelt, schlicht als das Ende des Lebens. Nicht morbid, nicht ausweichend, sondern mit Akzeptanz. – Eleanor Mannikka, Diagonale, 2011
In Elfi Mikeschs Film steht die über die Dokumentation hinausgehende Arbeit an der Form in genauem Verhältnis zu dem durch die Form zur Geltung zu bringenden Inhalt, dem weiblichen Leben, das seiner Subsumtion unter das Alter widerspricht und sich das Alter, ja auch den Tod, als Lebensqualität anzueignen versucht. Bedeutet der Einzug in ein Altenheim – und da hilft kein guter Wille des Pflegepersonals, „denen das noch so angenehm wie möglich zu machen“ - Unterwerfung der Person unter das Alter und den Tod: „An und für sich kommen sie alle nur hierher, um zu sterben“, so hebt der Einzug der Frauen in den Film diese Unterwerfung auf. Sein Prinzip ist Nicht-Identität, das Leben der Frauen nicht länger mit dem Sterbeprozess von Heiminsassen zu identifizieren, ohne es ganz davon zu lösen und damit auf einen rein ästhetischen Nenner zu bringen. Die Filmemacherin mischt nicht einfach die Bilder und Töne von Personen, Natur, Kulturobjekten nach einem von ihr vorgestellten Sinnzusammenhang. Der Rekurs auf den Alltag der Heimbewohnerinnen bleibt beständig. – Karola Gramann, Heide Schlüpmann, aus der Zeitschrift „Feministische Studien“, Band 1, Heft 1, 1982 (ganzer Artikel)
Elfi Mikesch, Regisseurin und Kamerafrau, gehört zu einem feministischen, queeren Filmkreis der 1970er und 1980er Jahre, der zwischen Hamburg, Berlin und New York hin- und herpendelte. In ihrer filmischen Hommage an die Bewohner eines Hamburger Altenheims nähert sich Mikesch der Innenwelt der Demenz, zeigt die unkonventionelle Unterstützung der jungen Pfleger, die es schaffen, eine Brücke zwischen den Generationen zu schlagen, und beleuchtet das Thema Liebe im Alter. – Clarissa Thieme, Arsenal Filminstitut 2023
Preise und Festivals
- International Film Festival Rotterdam, 1980
- Internationales Forum des Jungen Films, Berlinale, 1980
- Diagonale, 2011
- Remake Frankfurter Frauen Film Tage, 2023
Weitere Texte
Der Film wurde 2020 im Auftrag der Deutschen Kinemathek bei ARRI Media in 2K Auflösung digitalisiert und restauriert. Ausgangsmaterialien waren das 16mm Originalnegativ und die 16mm Mischung. Eine schadensbedingte Fehlstelle wurde aus einer 16mm Kopie ergänzt.
Gespräch mit Elfi Mikesch
Das führten Dr. Ingeborg Keller und Ursula Schaaf
Frage: Dein Film ist ein Dokumentarfilm, und doch wirkt er viel poetischer, als man es von solchen Filmen gewohnt ist, sehr viel atmosphärischer. Hat sich das so ergeben, oder ist das ein Prinzip von Dir?
Elfi Mikesch: An sich ist Dokumentarfilm ja etwas, was sehr von außen betrachtet. Ich dokumentiere auch genau die Situation, die ich vorfinde. Aber ich setze mich auch gerne auf andere Weise damit auseinander, indem ich diese Distanz nicht aufrecht erhalte und nicht die strenge, faktische Beobachterin bleibe. Sicher ist es auch ein Zeitproblem.
Frage: Du wolltest mit dem Film nicht nur informieren, sondern auch emotionalisieren?
Elfi Mikesch: Als wir den Film gemacht haben, habe ich mir das sehr gewünscht. Es ist so schade, dass Dokumentarfilme oft in irgendwelche Randgebiete abgeschoben werden. Die Realität, die in dem Film vermittelt wird, ist an sich spannend und wichtig. Sehr aktuell. Es sind sozusagen die tatsächlichen Geschichten. Auf der anderen Seite kann es äußerst langweilig sein, sich auf das Dokumentarische zu verlassen. Ja, es kann tödlich sein.
Frage: Ihr seid den Menschen in diesem Altersheim offenbar sehr nahe gekommen, besonders den beiden Frauen Käthe und Traute. Wie habt Ihr das Vertrauen der Frauen gewonnen, dass sie redeten, dass sie sich belauschen ließen?
Elfi Mikesch: Ich habe gerade zu den beiden Frauen eine sehr intensive Beziehung entwickeln können. Wir sind Freundinnen geworden. Sie sind sehr glücklich, wenn ihnen Interesse entgegengebracht wird, sie leben sehr zurückgezogen, ihre Außenwelt ist abhanden gekommen. Wir haben uns um sie sehr ernsthaft bemüht, deshalb war auch bald, ja eigentlich schon am ersten Tag keine Scheu mehr da. Teilweise waren sie sehr begeistert, und wir haben viel Spaß miteinander gehabt.
Frage: Käthe und Traute zeigen ja ganz offen ihre zärtliche Freundschaft zueinander. Haben sie sich nicht unzulässig beobachtet gefühlt?
Elfi Mikesch: Den Eindruck hatte ich ganz und gar nicht. Wir waren eher die Bestätigung ihrer Vertraulichkeit. Sieh mal, diese beiden sind doch ganz unkonventionell. Durch ihre Zärtlichkeit sind sie lebendig, und sicher ist das auch ein Grund, dass sie überhaupt noch leben. Sie halten sich gegenseitig lebendig, auf der anderen Seite haben sie ein gemeinsames Sterben. Es ist ein wichtiger Punkt in dem Film, das zu sehen. Dass die alten Menschen zusammenkommen. Das ist auch die große Ausnahme in diesem Haus. In üblichen Altenheimen wird das steril verhindert.
Frage: Das Heim wirkt überhaupt ganz anders, als man sich solche Häuser vorstellt und kennt. Das Pflegepersonal sieht schick aus und trägt keine weißen Kittel. War das nur während der Dreharbeiten so?
Elfi Mikesch: Nein, das ist ihre Art, sich zu kleiden und zu sein. Es gibt keinen Bruch zwischen außen und innen. Das Haus ist nicht das Klischee. Anonymität und Sterilität. In dem Moment, wo Menschen in ein Altenheim gehen, passiert es ganz leicht, dass sich alles verändert. Die Umwelt verhält sich plötzlich ganz anders. Warum eigentlich? Da gibt es plötzlich Pflegepersonal, das sind nicht mehr die Leute, die auf der Straße gehen und guten Tag sagen, sondern sehr oft nur mehr Uniformierte und Eingeteilte. Das ist ein Schock. Das muss nicht unbedingt sein.
Frage: Das Heim wirkt überhaupt sehr persönlich.
Elfi Mikesch: Es wirkt so, weil die Bewohner ihre eigenen Sachen mitbringen. Sie leben in dem Haus so weiter, wie sie es gewohnt waren. Trotzdem hoffe ich, dass gerade diese Ausnahme nicht über die Situation im Allgemeinen hinwegtäuscht. Interessant waren die verschiedenen sozialen Herkünfte der Leute, die verschiedenen Schichten, die da zusammenleben. Das ist ja auch im Film dann so angelegt. Ein Ausschnitt aus der Mittelschicht.
Frage: Sind es alles ökonomisch Privilegierte?
Elfi Mikesch: Nur zum Teil. Aber selbst, wenn sie Geld haben, nützt es ihnen nicht allzu sehr. Sie sind im Alter gleichgestellt. Die Einsamkeit bleibt dieselbe, und die Abhängigkeiten. Trotzdem möchte ich das nicht verallgemeinern. Ich meine, Unselbständigkeit kann durch Geld überhaupt nicht behoben werden.
Frage: Wie lange warst Du mit diesen alten Menschen zusammen?
Elfi Mikesch: Ostern vorigen Jahres haben wir mit den Recherchen angefangen und dann mit Unterbrechungen immer wieder gearbeitet.
Frage: Du erwähntest, dass der persönliche Kontakt zwischen Euch und den Bewohnern des Heims sich sehr schnell hergestellt habe. Wie war das aber, wenn sie mit dem technischen Aufwand konfrontiert wurden?
Elfi Mikesch: Sie hatten Angst und Bedenken, wenn etwas zu nahe kam. z.B. das Mikrophon. Die Kamera ist natürlich etwas Monströses, besonders wenn sie auf dem Stativ montiert ist. Ich habe deshalb Gespräche oft nur auf Band aufgenommen, obwohl wir vieles im Originalton gedreht haben. Das waren viele alltägliche Geschichten, wie Essen oder Kaffeetrinken. Der Off-Ton ist für mich eine wichtige Entscheidung. Ich glaube, dass er etwas auf eine ganz bestimmte Ebene bringt, also sich zu konzentrieren, auf die Sprache im Besonderen. Die Assoziation wird gefordert. Die Sprache muss exakt aufgenommen und dann mit dem Bild zusammengefügt werden, das ist für das Publikum eine Unabhängigkeit. Es erfordert eine andere Konzentration, als wenn ständig der Originalton läuft. Ich finde, dass die Sehgewohnheit durchbrochen wird, gerade wo Sprache so wichtig ist. Für mich war es oft eine Bestätigung, wenn sich der Ton fast von alleine zu dem Bild fügte, welches ich verwenden wollte. Das war teilweise so identisch, dass es für mich erstaunlich war, wie die so verschiedenen Zeitebenen sich zusammenfügten.
Frage: Du hast auch Spielfilmsequenzen im Film.
Elfi Mikesch: Das Umgehen mit Musik, die Montage, das hat mit Spielfilm zu tun. Die Dramaturgie. Auf dem Schneidetisch trifft sich dann was ganz Besonderes. Nämlich die verschiedenen Zeitpunkte, das ergibt dann die Fiktion. Der Film hat eine bestimmte Struktur. Wieweit hat Illusion eine konkrete Ebene und umgekehrt. Ich finde es überraschend, die Schubladengeschichte Dokumentar-Spielfilm zu durchbrechen.
Frage: Es tritt also niemand auf, der nicht in die Szene gehört?
Elfi Mikesch: Doch, der junge Mann, der Steve, der mitspielt, den habe ich mitgebracht. Sozusagen als Gast. Alle diese Personen um die alten Leute, auch das Pflegepersonal, sie betrachten das Leben der Alten, sind Zuschauer.
Frage: Du selbst warst Zuschauerin, Du hast Fakten beobachtet, festgehalten und gleichzeitig durch Intuition umgesetzt. Dazu brauchst Du Zeit?
Elfi Mikesch: Wir hatten ein gutes halbes Jahr. Der Film hat sehr stark mit Dingen zu tun, die wir im Laufe der Zeit wahrgenommen und entdeckt haben. Mit ihrer Bedeutung für die Menschen, mit denen sie zusammenstehen. Ob das nun ein Stuhl ist oder die Tassen und Vasen in den Schränken. Fotografien, überhaupt Bilder. Oder Möbel. Vielleicht würden diese alten Menschen, von denen einige entmündigt sind, es gar nicht unbedingt bemerken, wenn ihnen die Sachen genommen werden würden. Jedenfalls nicht optisch. Aber auf ihrer intuitiven Ebene würden sie es wahrnehmen, als eine Schwingung, die sich aggressiv zu ihnen verhält. Und ich glaube, dass die ganze Tragik darin liegt, dass über die alten Leute verfügt wird. Dass man ihnen die Dinge wegnimmt und damit argumentiert, dass sie das alles sowieso nicht mehr brauchen.
Frage: Wenn Du so intensiv mit einem Thema umgehst, dann machst Du bestimmte Erfahrungen. Welche waren die stärksten?
Elfi Mikesch: Ich habe erfahren, was sie über das Leben alles mitteilen, gerade eine gewisse Verwirrtheit teilt sich total mit. Ich habe erfahren, dass Menschen in aller Hinfälligkeit ihren Weg zum Tod mit großer innerer Vitalität gehen. Dass die Zeit und die Räume eine besondere Konzentration erhalten.
Frage: Was wolltest Du bewirken?
Elfi Mikesch: Zuerst, was ist ein Altenheim? Dadurch, dass wir unter anderem darstellen, wie total abhängig diese alten Menschen von ihrer Umgebung sind, daraus entwickelt sich schon etwas. Dass man mit diesen Alten etwas macht, außerhalb der Institutionen. Auch so ein Altenheim ist nicht die Lösung für alte Menschen. Das Wichtigste ist aber wohl im Film, zu sehen, dass Hinfälligkeit besondere Zeichen setzt. Dass Krankheit eine Provokation ist und sich gegen Konvention richtet.
Quelle: Internationales Forum des Jungen Films, Berlin
Credits
Buch, Regie, Kamera
Elfi Mikesch
Mit
Frau Käthe, Frau Traute und Bewohnerinnen und Bewohner einer Seniorenpension in Hamburg, Edith London, Barbara Gold, Christa Weisenseel, Steven Adamczewski, Soma, Brigitte, Uschi, Gabi, Petra und Gysel
Musik, Gesang
Traute Hagelstein, Lou Seitz, Gysel
Schnitt
Elfi Mikesch, Renate Merck, Anke Rixa Hansen
Ton
Katharina Rosa (Geinitz), Anke Rixa Hansen
Mischung
Gerhard Jensen
Kameraassistenz
Christian Sievers, Anke-Rixa Hansen
Skript
Ursula Weck
Redaktion
Maya Constantin (Faber-Jansen)
Produktion
Oh Muvie Film
Koproduktion
ZDF
Uraufführung
08.02.1980, International Film Festival Rotterdam
20.02.1980, Internationales Forum des Jungen Films, Berlin
DVD-Infos
Elfi Mikesch: Dokumentarfilme Vol. 1 (3 Filme auf 1 DVD): Ich denke oft an Hawaii / Was soll'n wir denn machen ohne den Tod / Execution. A Study of Mary
Extras
Booklet mit einem Interview von Bert Rebhandl mit Elfi Mikesch (2024)
Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch
Regionalcode
0
System
PAL, Farbe und S/W
Laufzeit
216 min
Bildformat
4:3
Tonformat
Mono und Dolby Digital 2.0
Inhalt
Softbox (Set Inhalt: 1)
Veröffentlichung
23.07.2026
FSK
12
Kinoverleih-Infos
Verleih: Deutsche Kinemathek







