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Top Girl oder la déformation professionnelle

D 2014, 94 min

Der zweite Teil von Tatjana Turanskyjs Trilogie über Frauen und Arbeit ist eine Filmerzählung über die komplexen Körper- und Geschlechterpolitiken im 21. Jahrhundert.

Synopsis

Helena, 29, alleinerziehende Mutter von der elfjährigen Xenia, ist als Schauspielerin nur mäßig erfolgreich. Während Helenas Hauptberuf aus erfolglosen Castings und Warteschleifen besteht, findet die eigentliche Schauspielerei im Nebenjob statt: Um ihren Lebensstandard halten zu können, arbeitet sie als »selbstständige« Sexarbeiterin Jacky.
Als sie durch einen Zufall den Versicherungsvertreter David kennenlernt, bietet sich ihr eine Chance zum Aufstieg. In seinem Auftrag erfindet sie eine neue sexuelle Dienstleistung als Mitarbeiterprämie: eine bizarre Mädchenjagd. Und als die Jagd beendet ist, die Frauen erlegt sind, die Männer triumphieren, steht Helena da, streng, schön und unerbittlich. Wie eine absolute Herrscherin.

EINE FLEXIBLE FRAU ist der erste Teil von Tatjana Turanskyjs „Frauen und Arbeit“-Trilogie.

Pressestimmen

A welcome female-directed perspective on sexual politics and male erotic fantasy. Hollywood Reporter

Eine sehr komplexe und treffsichere Bestandsaufnahme unserer heutigen materialistischen Gesellschaft. –  Spielfilm.de

Der (nach Eine flexible Frau, 2010) zweite Teil der „Frauen und Arbeit“-Trilogie von Tatjana Turanskyj kontras­tiert den post-femi­nis­ti­schen Indi­vi­dua­lismus seiner Prot­ago­nistin mit dem „Old-School-Femi­nismus“ von deren Mutter, die sich mit den Nebenjob der Tochter nicht anfreunden will. –  Film­dienst

Preise und Festivals

- Berlinale – Forum 2014
- Fetisch Film Festival 2014 - "Best Film of the Year",  "Best Actress" Julia Hummer, "Best Actor" RP Kahl
- GEGENkino Festival 2015
- Berlin Art Film Festival 2015
-
LICHTER Filmfest Frankfurt International 2015
- Preis der deutschen Filmkritik 2015 - Nominierung "Beste Darstellerin" Julia Hummer
- Underdox - Festival 2016
- Arsenal – Institut für Film und Videokunst – Werkschau Tatjana Turanskyj 2020

Weitere Texte

Tatjana Turanskyj Mein neuer Film “TOP GIRL oder la déformation professionnelle”

Ich gehe in meinen Filmen der schlichten Frage nach warum „DER FEMINISMUS“ – und die damit verbundenen POLITISCHEN Forderungen (das Projekt der Emanzipation der Gesellschaft, der Analyse asymmetrischer Geschlechterverhältnisse, der konkreten BEFREIUNG aus heteronormativen Zwängen) – so auf den Hund kommen konnte.

Sehr (da kennen sich andere wirklich besser aus) verkürzt lässt sich rückblickend  sagen: ALLE waren froh über neue Begrifflichkeiten in den 90ern und Diskussionen über KONKRETE Ungleichheiten, wurden auf ANDERE gesellschaftliche GRUPPEN verlagert. Durch den Begriff des Postfeminismus wurde suggeriert, dass auch die sozio-politische Ziele des „FEMINISMUS“ erreicht wären.

Ein zentraler Satz im, ersten Teil der Frauen- und Arbeittrilogie „Eine flexible Frau“ lautet: „Der derzeitig propagierte Feminismus ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine konservative Emanzipation“ Was heißt das? Trotz Zahlen und Fakten wird die Geschlechterhierarchie geleugnet und das Gegenteil behauptet. Dabei ist offensichtlich, dass z.B. der Arbeitsmarkt weiterhin zwischen Männern und Frauen differenziert. Am eklatantesten zeigt sich dies in der Überzahl von Frauen in Teilzeit oder schlecht bezahlter Arbeit im Dienstleistungssektor ohne feste Verträge. 80 % aller Teilzeitarbeitsplätze sind von Frauen besetzt. Teilzeit ist aber nicht nur schlechter bezahlt sondern es gibt weniger Aufstiegschancen. Frauen werden auch dorthinein gedrängt, weil es keine Betreuungsplätze für ihre Kinder gibt, etc. Es gibt viele Gründe, klar. Gleichzeitig ist es unübersehbar, dass Frauen heutzutage Zugang zu Jobs, Geld, Karriere, ja sogar zur Macht haben und diese strategisch zu nutzen wissen. Sie sind FREI.

Der flexibilisierte globalisierte Kapitalismus schließt „die Frauen“ also nicht mehr aus oder diskriminiert sie offen wie das noch im letzten Jahrhundert der Fall war. Das kann er sich auch nicht leisten, denn er braucht sie als flexible Arbeitskräfte und als treue, kaufkräftige Konsumentinnen. Dazu produziert er permanent Bilder, die Teilhabe und Erfolg versprechen. Diese Bilder geben vor, die Geschlechterhierarchie hätte sich zugunsten der Frauen geändert. Das meine ich mit KONSERVATIVER EMANZIPATION. Eine „Emanzipation“, die den Status Quo – die Geschlechterhierarchie, die Frauen sehr wohl weiterhin strukturell ausgrenzt – nicht angreift, sondern sich in ihr einrichtet und dieser einen neuen, dem Zeitgeist angemessenen Look gibt. Mit „Eine flexible Frau“ wollte ich diesem Bild von der „scheinemanzipierten Frau“ etwas entgegensetzen: die Idee einer Komplettverweigerung als KRITIK.

Ein weiterer Aspekt der Scheinemanzipation ist m.E. die unaufhaltsame Akzeptanz des Warencharakters der (nicht nur) weiblichen Sexualität und des Körpers – Selbstoptimierung als Emanzipationsvorsprung. Diesen Aspekt habe ich im zweiten Teil der Frauen- und Arbeittrilogie „TOP GIRL“ bearbeitet. Mit Helenas Aufstiegsgeschichte wollte ich die Debatte aufgreifen, ob die Prostitution die bestehende Geschlechterhierarchie aufbrechen kann – im Sinne eines anderen, freieren Umgangs mit Sexualität, oder ob Prostitution nicht vielmehr die bestehenden Verhältnisse verstärkt, Sexismus unterstützt und die – „selbstbestimmte“ – Sexarbeit nur ganz wenigen Frauen vorbehalten ist. Allgemein gesprochen: Ist individuelle Emanzipation überhaupt ohne eine gesellschaftliche Veränderung der bestehenden Geschlechterverhältnisse möglich?

Ich glaube nicht.

 

„Fetische gehören dazu“
Katja Kullmann im Gespräch mit Tatjana Turanskyj – In: Der Freitag, Ausgabe 06/2014

Der Freitag: Gleich vorweg ein Kompliment. Wenn man „Top Girl“ gesehen hat, kommt man ziemlich verstört aus dem Kino. In der Schlussszene liegen vier Frauen nackt auf einer Lichtung, wie abgeschossene Rehe – drumherum stehen fünf Männer mit Gewehren und singen das Lied vom Jäger aus Kurpfalz. Das ist also Ihr Kommentar zum Stand des Geschlechterkampfs?

Tatjana Turanskyj: Es ist eine stark stilisierte Szene. Die Männer haben die Frauen gejagt, in einer Sex-Spiel-Performance, outdoor, im Wald. Solche Jagden soll es tatsächlich gegeben haben, etwa nach dem Ersten Weltkrieg in Uruguay. Ex-Soldaten, auch deutsche, haben den Einheimischen Jungfrauen abgekauft und sie zu Tode gehetzt. Alain Robbe-Grillet hat darüber geschrieben. Im Film sind die Frauen „erlegt“, aber nicht tot. Sie liegen als Beute vor den Freiern, die im wahren Leben Werbetexter oder Versicherungsmakler sind. Aber es geht mir nicht darum, Männer nur als Täter vorzuführen. Die Frauen haben durchaus Macht. Sie haben dieses Spiel inszeniert, sie manipulieren oder beherrschen als Sex-Arbeiterinnen die Fantasien ihrer Kunden.

Tatsächlich agieren die „Top Girls“ in Ihrem Film als ihre eigenen Ich-AGs. Sie führen ihre sexuellen Geschäfte und wirken dabei in etwa so abgekocht – aber auch so erschöpft – wie ihre männliche Kundschaft.

Was ich generell interessanter finde als den Unterschied zwischen Männern und Frauen, ist etwas, das beide betrifft: der Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Emanzipation. Der lässt sich gut an der aktuellen Quoten-Debatte ablesen.

Inwiefern?

Ich bin klar für die Quote. Ich glaube, dass sie ein wichtiger Schritt ist. Es geht darum, dass Frauen den gleichen Zugang zu Geld und Macht erlangen und dass sie sich meinetwegen auch jüngere Liebhaber nehmen können, wie Männer es tun. Das ist ein wichtiges Etappenziel. Aber es bedeutet nicht, dass wir damit in einer besseren Welt leben. Denn diese Art von Gleichberechtigung geschieht innerhalb eines paternalistischen Systems – das auch Männer knebelt. Die Emanzipation will viel mehr, sie hat einen utopischen Kern. Da geht es um die Befreiung aus autoritären Strukturen, für beide Geschlechter. Frauen können so machthungrig oder gierig sein wie Männer – die Quote würde da als Erkenntisbeschleuniger helfen. Einflussreiche Frauen wie Sheryl Sandberg oder Ursula von der Leyen betrachte ich inhaltlich mit großer Skepsis. Aber ihr Rollenspiel ist hervorragend.

Das „Rollenspiel“ führt uns zurück zu „Top Girl“: Bei dem Bezahl-Sex im Film werden die Rollen ständig getauscht. Die Freier legen ihre Businessanzüge ab und zwängen ihre Füße in Stöckelschuhe, während die Heldin Helena sich einen künstlichen Penis umschnallt und ihren Lieblingskunden penetriert.

Ich wollte auf keinen Fall einen sogenannten Milieufilm drehen. Die Sex-Agentur, in der Helena arbeitet, ist ein Loft mit großen Glasfronten über dem Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin-Mitte. „Nicht authentisch“, hieß es von manchen. Aber darum geht es mir gar nicht. Ich wollte eigene, auch formal strenge Bilder für diese Art von Geschäftsbeziehungen finden. Natürlich habe ich viel recherchiert. Und demnach haben Fetisch-Praktiken stark zugenommen, in allen Schichten. Ich verurteile das nicht. Sexualität hat heute nicht nur mit einer bestimmten Körperlichkeit zu tun, sondern auch mit Mindfucks aller Art. Als Künstlerin arbeite ich mit diesen Fantasien.

Fast wirkt es in Ihrem Film so, als ob da ein riesiges Hetero-Sex-Theater aufgeführt wird, als ob Männer und Frauen sich gegenseitig karikieren, in den Kostümen des jeweils anderen.

Das ist eine interessante Beobachtung. Da ist was dran.

„Top Girl“ ist Ihr zweiter Film zum Thema „Frauen und Arbeit“. Im Vorläufer, „Die flexible Frau“, ging es um eine prekäre Architektin aus dem Hipster-Milieu. Ist die Prostitution aus Ihrer Sicht ein normaler Beruf?

Es gab ja gerade diese große Prostitutionsdebatte, die Alice Schwarzer losgetreten hat. Viele Frauen empfanden Schwarzers Thesen als bevormundend und sexistisch, das kann ich nachvollziehen. Die Helena in Top Girl hat keinen Zuhälter, sie begreift sich als selbstbestimmt und frei. Solche Sex-Arbeiterinnen gibt es, sogar viele. Aber ich habe bei der Recherche auch ganz andere Geschichten gehört, da ist nichts zu beschönigen. Trotzdem bin ich gegen ein Verbot der Prostitution. Das würde die Frauen zu etwas machen, was sie nicht sind, Kriminelle. Aber man kann auch nicht leichthin sagen, Sexarbeit sei ein Beruf wie jeder andere. Interessanter wäre ohnehin eine Debatte über Körperlichkeit und Intimität im fortgeschrittenen Kapitalismus.

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Credits

Buch und Regie
Tatjana Turanskyj
Mit
Julia Hummer, Susanne Bredehöft, Jojo Pohl, RP Kahl, Simon Will, Thorsten Heidel, Mira Partecke, Ilil Land-Boss, Anna Eger, Franziska Dick, Ludmilla Skripkina, Nina Kronjäger
Kamera
Lotta Kilian
Schnitt
Stephanie Kloss, Ricarda Zinke
Musik
Niels Lorenz
Sound Design
Jochen Jezussek, Christian Obermaier
Ton
Matthias Gauerke
Production Design
Karin Betzler
Kostüm
Ingken Benesch
Maske
Liu Pei Min
Künstlerische Beratung
Claudia Zweifel
Produzent*innen
Tatjana Turanskyj, Jan Ahlrichs

Uraufführung (DE)
11.02.2014, Berlin, IFF - Forum
Kinostart (DE)
15.01.2015

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