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The Halfmoon Files

D 2007, 87 min

In der Stadt Wünsdorf bei Berlin geht Scheffner den Spuren der Vergangenheit nach. Ausgangspunkt bilden Sprachaufnahmen, die in der Zeit des Ersten Weltkriegs von dort internierten Kolonialsoldaten aufgezeichnet wurden. Ein Film über die Verflechtung von Politik, Kolonialismus, Wissenschaft und Unterhaltungsindustrie. 

Synopsis

„Es war einmal ein Mann. Er geriet in den europäischen Krieg. Deutschland nahm diesen Mann gefangen. Er möchte nach Indien zurückkehren. Wenn Gott gnädig ist, wird er bald Frieden machen. Dann wird dieser Mann von hier fortgehen.“ Knisternd verklingen die Worte von Mall Singh, gesprochen in einen Grammophontrichter am 11. Dezember 1916 in der Stadt Wünsdorf bei Berlin. 90 Jahre später ist Mall Singh eine Nummer auf einer alten Schellackplatte in einem Archiv, eine unter Hunderten von Stimmen von Kolonialsoldaten des 1. Weltkrieges. Die Aufnahmen entstanden in einer einmaligen Allianz aus Militär, Wissenschaft und Unterhaltungsindustrie.
Philip Scheffner folgt in seiner experimentellen Spurensuche THE HALFMOON FILES diesen Stimmen an den Ort ihrer Aufnahme. Wie in einem Memoryspiel, das bis zum Ende unvollständig bleibt, deckt er Bilder und Töne auf, in denen die Geister der Vergangenheit zum Leben erwachen. Spiralförmig schrauben sich die Worte seiner Protagonisten ineinander. Diejenigen, die den Aufnahmeknopf drückten an ihren Grammophonen, an ihren Foto- und Filmkameras, haben die offizielle Geschichte geschrieben. Mall Singh und die anderen Kriegsgefangenen aus dem Halbmondlager sind aus dieser Geschichte verschwunden. Ihre Geister scheinen mit dem Filmemacher zu spielen, ihm aufzulauern. Sie folgen ihm auf seinem Weg, die Stimmen in ihre Heimat zurückzubringen. Doch die Handlung der Geschichte entgleitet dem Erzähler. Und die Geister lassen sich nicht vertreiben.

Preise und Festivals

- Dokumentarfilmpreis des Goethe Instituts, Duisburger Filmwoche 2007
- Förderpreis der Stadt Duisburg, Duisburger Filmwoche 2007
- Bester Dokumentarfilm, Independent Filmfestival of Mar del Plata 2007 (Argentinien)
- Prix des Mediathèques, Festival International du Documentaire Marseille 2007
- Award for Best Documentation & Research, Memorimage Festival, Memorimage Festival, Reus (Spanien)

Weitere Texte

Der historische Hintergrund des Films

Zur Zeit des ersten Weltkriegs wird das Osmanische Reich zum Bündnispartner Deutschlands. Der Islam wird als wichtige strategische Waffe gegen Frankreich, England und Russland definiert. Der „Djihad“ – der heilige Krieg – wird Teil deutscher Kriegsstrategie. Im November 1914 wird der Djihad in Konstantinopel ausgerufen. Die muslimischen Soldaten aus den Armeen Englands, Frankreichs und Russlands werden dazu aufgefordert die Seiten zu wechseln und gemeinsam mit dem Osmanischen Reich und seinem Bündnispartner Deutschland gegen die Feinde des Islams in den Krieg zu ziehen. Als Teil der Djihad Strategie werden gefangen genommene Muslime zusammen mit indischen und nordafrikanischen Soldaten der Armeen Frankreichs und Englands in Sonderlagern interniert. Diese so genannten „Kolonialsoldaten“ sollen zu Aufständen gegen ihre Kolonialherren bewegt werden. Die internierten Soldaten sollen in den Sonderlagern u.a. durch die Unterstützung ihrer jeweiligen religiösen Praktiken zum Überlaufen bewogen werden. Am 13.Juli 1915 wird die erste Moschee auf deutschem Boden – die tatsächlich für die Ausübung von Religionspraktiken gedacht ist, eingeweiht. Die Erfolge der Propagandatätigkeit sind spärlich – aber Interesse an den Gefangen wird von anderer Seite angemeldet. Die Lager werden zunehmend von Wissenschaftlern frequentiert. Die internierten, „exotischen“  Kriegsgefangenen werden Gegenstand von verschiedenen wissenschaftlichen Studien. So werden u.a. Sprachaufnahmen der Gefangenen durch die ‚Königlich Preussische Phonographische Kommission‘ durchgeführt. Die Kommisssion wird 1915 gegründet und versammelt über 30 Wissenschaftler aus den Bereichen Anthropologie, Sprach- und Musikwissenschaft. Ziel der Kommission ist die systematische Aufnahme der verschiedenen Sprachen und der Musik aller in deutschen Lagern befindlichen Kriegsgefangenen. Unter der technischen Leitung von Wilhelm Doegen werden 1650 Sprachaufnahmen hergestellt, die den Grundstock des Berliner Lautarchivs bilden. Das Lautarchiv befindet sich heute am Musikwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Tonaufnahmen, die während des ersten Weltkriegs im Wünsdorfer Halbmondlager angefertigt wurden, bilden den Ausgangspunkt des Projekts THE HALFMOON FILES.

Credits

Buch, Regie, Ton und Schnitt
Philip Scheffner
Kamera
Philip Scheffner, Astrid Marschall
Übersetzungen 
Rubaica Jaliwala
Recherche Indien
Manak Matyani
Mischung
Kai Hoffmann
Produziert von
pong
Weltpremiere
Berlinale IFF (Forum) 2007
Internationale Premiere
FID Marseille 2007

DVD-Infos

Die Filme THE HALFMOON FILES und DER TAG DES SPATZEN sind zusammen auf DVD in der Arsenal Edition erschienen.

Extras
20-seitiges Booklet
Sprache
THE HALFMOON FILES: Deutsch, Englisch (teilweise OmU) | DER TAG DES SPATZEN: Deutsch, Englisch (teilweise OmU)
Untertitel
THE HALFMOON FILES: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Türkisch, Russisch, Arabisch, Hebräisch, Japanisch | DER TAG DES SPATZEN: Deutsch, Englisch, Französisch
Ländercode
code-free
System
PAL Farbe
Laufzeit
187 min | THE HALFMOON FILES (D 2007, 87 min) | DER TAG DES SPATZEN (D 2010, 100 min)
Bildformat
16:9
Tonformat
THE HALFMOON FILES: DD 2.0 | DER TAG DES SPATZEN: DD 2.0 + 5.1
Veröffentlichung
05.07.2013
FSK
Ohne Altersbeschränkung