Back to top

Grand Jeté

D 2022, 104 min

Um sich ihrer Ballett-Karriere widmen zu können, hat Nadja ihren Sohn, Mario, bei der Mutter aufwachsen lassen und ist ihm jahrelang kaum mehr begegnet. Als sie ihn bei einer Familienfeier wieder trifft, entwickelt sich eine Zuneigung, die weit über mütterliche Liebe hinausgeht.

Synopsis

Viele Jahre war Nadja eine berühmte Balletttänzerin. Von Kindheit an trainierte sie gnadenlos ihren Körper. Der ist inzwischen immer mehr Hemmnis im Leben und Quell ständiger Schmerzen. Wie das Leben ausrichten nach Jahren der Selbstaufgabe? Ihre Arbeit als Ballettlehrerin vermag diese Leere nicht zu füllen.
Auf der Suche nach einer neuen Orientierung im Leben kehrt Nadja an den Ort ihrer Herkunft zurück, zu Hanne, ihrer Mutter. Dort trifft sie auf Mario, ihren Sohn. Ihn hat Nadja als Teenager bekommen und nach der Geburt bei ihrer Mutter aufwachsen lassen, um sich ganz dem Ballett widmen zu können. Die beiden, die sich kaum je begegnet sind, treffen als Fremde aufeinander - und fühlen sich vom ersten Moment der Begegnung körperlich zueinander hingezogen. Auch Mario beschäftigt sich intensiv mit seinem Körper, trainiert ihn, lotet dessen Grenzen aus, mit einer Bedenkenlosigkeit und Freiheit, die Nadja unbekannt ist und umso mehr anzieht. Ganz allmählich entwickeln die Beiden ein leidenschaftliches Verhältnis abseits von moralischen Konventionen. Ihre körperlichen Begegnungen werden mehr und mehr zu einem Ringen um das eigene Selbst und ein Wiederentdecken im Anderen.

Film kaufen

Demnächst auf DVD!

Pressestimmen

Stever’s intellectually rigorous approach takes a dispassionate view of mother-son incest – unusually, neither is punished for their transgression; nor are they overtly judged. Instead, the film coolly examines the motivations behind their love affair and finds, if not a healthy relationship, then a kernel of dysfunctional logic. – Wendy Ide, Screendaily

... the most radical German work in the entire festival program. (Stütz is) impressed by the formal eloquence and narrative consistency with which Isabelle Stever made this film about anti-normative family relationships. And the fact that she never for a moment apologizes. (...) Director Isabelle Stever opens up perspectives that uncompromisingly smash into a thousand pieces the traditional family drama and its fossilised conventions. Grand Jeté invites us to witness the blossoming desire between a mother and her estranged son. Steeped in unparalleled physical intensity, the film challenges our viewing habits and moral assumptions with relentless persistence and a masterful mis-en-scène.” – Michael Stütz, in einer Preview zur Berlinale 2022

Isabelle Stever macht kein Kino der wohlfeilen Psychologie. (...) Mit aufs Nötigste reduzierten Dialogen und bewundernswert komponierten, radikalen, aber immer (viel)stimmigen Bildern (Kamera: Constantin Campean) wird hier nicht die Sexualität befreit, sondern das Kino – als ästhetischer und gedanklicher Freiraum. – Ralf Krämer, Der Freitag

Constantin Campeans meisterhafte Kameraführung liebt die Nähe. Fleisch, Ober- flächen, Texturen erkundet sie mit unerbittlicher Intimität. Fokussierungen bilden ihre eigene Choreographie in diesem verstörenden, ebenso sinnlichen wie rohen Film, der immer neue haptische Bilder entwickelt. Was sich dem Blick entzieht, im Hintergrund teils nur krisselige Flächen bildet oder abgeschnitten wird, erzeugt eine enorme Spannung in der Form, die Regisseurin Isabelle Stever (DAS WETTER IN GESCHLOSSENEN RÄUMEN) für ihr neues Werk gewählt hat. (...) Sarah Nevada Grether und Emil von Schönfels spielen die Hauptrollen in einem eindrucksvollen, entblößten Balanceakt, der sowohl das Verruchte als auch das Pathologische vermeidet. Stattdessen erschaffen die beiden höchst fragile Charaktere, die immer wieder Entgleisungen, Transgressionen suchen, aber zugleich in einer kryptischen Unnahbarkeit verharren. Obwohl die Distanz des Publikums zu ihnen geringer kaum sein könnte, bleiben sie ein Rätsel. – Janick Nolting, artechock

Was in Grand Jeté geschieht, lässt sich nicht fassen mit Worten wie Inzest, Grenzüberschreitung oder Tabubruch. Der Film (er lief auf der vergangenen Berlinale) ist selbst wie eine Grand Jeté, jener Ballettsprung, bei dem die Tänzerinnen und Tänzer die Bodenhaftung verlieren, in der Luft zu schweben scheinen. Er bleibt wie ein Phantasma im Kopf, lässt die Sphäre von Moral und Sitte hinter sich, ist ätherisch und archaisch zugleich. Jedes Bild verströmt die Endgültigkeit einer antiken Tragödie und zugleich die Unberechenbarkeit einer Geschichte, in der in jedem Moment alles möglich ist. – Katja Nicodemus

Grand Jeté functions primarily as a hypnotic deconstruction of the human psyche, which attempts an extensive investigation of unconventional desires and the people who willingly engage in activities that are prohibited, whether legally or by social conventions. This film has a very contentious relationship with morality, and it pushes the boundaries to the point where Grand Jeté can appear quite uncomfortable. However, if we can overcome the unsettling subject matter that borders on being taboo and focus instead on the nuances between these moments, we find that Stever has crafted a soulful character study of two wayward souls lost in a hostile and unforgiving world, where they find themselves radically veering off the course of morality to make sense of their surroundings, finding solace in expressing themselves physically. – ics international cinephile society

Preise und Festivals

- Berlin International Film Festival 2022 – Panorama
- Bucheon International Fantastic Film Festival 2022
- Gijón International Film Festival 2022
- Cork International Film Festival 2022
- Molodist Kyiv International Film Festival 2022
- European Film Forum Scanorama 2022

Weitere Texte

Interview mit der Regisseurin Isabelle Stever 
Aus dem Presseheft zur Uraufführung von GRAND JETÉ auf der Berlinale 2022.

Warum wollten Sie diesen Film machen?
Man muss sich das Ganze als einen langen Prozess vorstellen, als ein Herantasten über einen Zeitraum von 16 Jahren. Es gab ein Treatment von Franziska Petri, in dem mit konventioneller Dramaturgie erzählt wurde, dass zwei Liebende sich finden, mit der Besonderheit, dass sie Mutter und Sohn waren. Ich habe überlegt, warum dieser Stoff mich reizte. Der subversive Kern führte zu der herausfordernden Idee, eine moralische Grenzüberschreitung unkommentiert stehen zu lassen.
Ich gab den Stoff der Autorin Anke Stelling und sie schrieb ein Exposé, dass mich beeindruckte. Hier wurden die Grenzen in drastischen expliziten Szenen ignoriert. Es fühlte sich an wie der richtige Weg mit dem Stoff umzugehen. Ich gab Anke den Auftrag einen Roman nach ihrem Exposé zu schreiben. Als der Roman fertig war, war es ein grandioser Roman, doch das, was dort zwischen Mutter und Sohn geschah, war so monströs, dass es eine große Herausforderung war, ihn in einen Film zu adaptieren. Ich war inspiriert, nach einem Weg zu suchen. Anna Melikova war die richtige Person, das Drehbuch zu schreiben. Anna Melikova konnte sich die Geschichte aneignen und ein stückweit mit der Figur der Nadja identifizieren und hat die Anziehung zwischen Nadja und Mario herausgearbeitet.

An diesem Punkt sahen sie einen Weg, diese „unmögliche Geschichte“ zu verfilmen?
Ja, genau. Das ist das, was Kunst auch vermag: für das, was ich nicht verstehe, eine Sprache zu finden. In meinen Filmen setze ich die Versatzstücke aus der Realität oft an eine ungewöhnliche Stelle, um eine Wachheit im Betrachter zu erreichen, sodass er eingeladen wird, die Zusammenhänge aus der Realität zu hinterfragen.
Ich setzte auf die Anziehung zwischen Nadja und Mario. Ich setzte auf Nadjas Energie. Und Marios Geheimnis. Nadjas Radikalität. Marios Souveränität. Nadjas Kontrolllust und Marios Grenzenlosigkeit. Mario ist Spiegel und auch das, was Nadja sucht. Nadja erkennt sich in ihm wieder, aber unversehrt und ungehemmt. Beide kommunizieren über ihre Körper. Die Labels Mutter und Sohn haben für sie keine Bedeutung.
Ich denke nicht, dass mein Film Nadjas Verhalten entschuldigen oder verstehen will. Er schafft den Raum, diese Verbindung ohne moralische Wertung zu betrachten. Dieser Raum kann zu weiteren Gedanken persönlicher und individueller Natur führen.

Michael Stütz vom Panorama der Berlinale schreibt über „Grand Jeté“ „Mit gnadenloser Konsequenz und meisterhafter Mise-en-Scène fordert Regisseurin Isabelle Stever konventionelle Sehgewohnheiten und Moralvorstellungen heraus.“ Wie kam es zu dieser Überhöhung, dem Mise-en-scene?
Der Film wird aus Nadjas Perspektive erzählt. Er soll die Zuschauer:innen in ihren Bann ziehen und gleichzeitig den Raum geben, das Geschehen distanziert zu betrachten, so dass wir uns nicht solidarisieren, aber dennoch interessiert teilhaben - eine Atmosphäre der lebendigen Unberechenbarkeit, ganz nah dran an Nadjas Körper und Energie, aber niemals naturalistisch. Das Eintauchen in die Geschichte ist ein freiwilliger Akt, trotz der Intensität des Geschehens.

Wie haben sich Ihre Hauptdarsteller in die Geschichte eingefunden?
Ich habe lange nach der richtigen Besetzung für Nadja und Mario gesucht. Sarah Nevada Grether hat als echte Tänzerin einen Körper, der für sich schon eine Geschichte erzählt. Sarah hat selbst das Ballett aus guten Gründen verlassen und kann Nadjas Welt verstehen. Ihre großzügige Physiognomie, Vielfältigkeit und Unruhe vereint mit dem Korsett von Nadjas Härte haben eine hochambivalente Figur erschaffen, deren Sehnsucht radikal spürbar wird. Emil von Schönfels trägt als Mario ein Geheimnis in sich. Er wirkt souverän und verletzlich zugleich. Er ist Nadjas Verführer, Retter und Henker. Mario steht am Ende des Films an einem Punkt, in dem auch die Möglichkeit eines Neuanfangs steckt.
Nadja und Mario spielen Figuren, die wir in einem aufwendigen und sorgfältigen monatelangen Probenprozess erarbeitet haben. Eine besondere Herausforderung war die Inszenierung der intimen Szenen. Vertrauen aufzubauen und einen Raum zu schaffen, in dem Körperlichkeit, durch einen, in den Proben entsexualisierten Kontext, spielerisch, geübt werden kann. Ein sorgfältig geplantes Herantasten an eine Nähe, die am Set dann ursprünglich wirken soll, aber immer durch eine sehr konkrete Vorgabe der Choreographie inszeniert wurde, um die persönliche Intimität der Darsteller:innen zu bewahren.

PDF

Film kaufen

Demnächst auf DVD!

Credits

Regie
Isabelle Stever
Buch
Anna Melikova basierend auf dem Roman „Fürsorge“ von Anke Stelling
Mit
Sarah Nevada Grether, Emil von Schönfels, Susanne Bredehöft, Stefan Rudolf, Maya Kornev, Carl Hegemann, Jule Böwe, Eva Medusa Gühne, Sina Koburg, Lukas Lonski, Anke Stelling
Kamera
Constantin Campean
Schnitt
Paul Gröbel & Jil Lange
Originalton
Manja Ebert
Szenenbild
Mirko Rachor
Kostüm
Waris Klampfer
Make-up
Friederike Schäfer, Annett Schulze
Musikberatung
Sigourney Pilz
Tonmischung
Matthias Lempert
Sound Design
Christian Obermaier
Produktionsleitung
Anastasia Pisklyukova
Redaktion
Andrea Hanke (WDR)
Koproduzentin
Olga Dihovichnaya
Produzenten
Mohammad Farokhmanesh, Frank Geiger, Armin Hofmann
Produktion
brave new work
Uraufführung (DE)
11.02.2022, Berlin, IFF - Panorama
Kinostart (DE)
11.08.2022

DVD-Infos

Demnächst auf DVD.