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Einar Schleef – Ich habe kein Deutschland gefunden

D 2026, 93 min

Einar Schleef: Theatermacher und Gesamtkünstler aus der Mitte Deutschlands. Der aus dem Osten floh und im Westen nie ankam. Der das Theater aus dem Wachkoma riss, sich bis zur Selbstzerstörung an der deutsch-deutschen Wirklichkeit abarbeitete und viel zu früh starb.

Synopsis

Einar Schleef war Theatermacher, Bühnenbildner, Schriftsteller, Fotograf, Maler und Filmemacher. Ein Gesamtkünstler aus der Mitte Deutschlands, der in keinem Deutschland ein Zuhause fand – und deshalb sein genauester Chronist ist.
Einar Schleef grub sich mit allen künstlerischen Mitteln in die deutsche Realität hinein, in die Abgründe der deutschen Geschichte, die er in die Gegenwart holte. Schleef hat diese Realität gefühlt, erlitten, geatmet, geschmeckt. Und sie aufgeschrieben, inszeniert, fotografiert, gemalt. Von Schleef lässt sich lernen, wer wir sind, wo wir herkommen, und was heute in diesem Land passiert.
Geboren in der ostdeutschen Provinz, aufgewachsen in der Nachkriegs-DDR, erste Theatererfolge in Ostberlin, die auch gleich Skandale sind. Das Überleben in der Diktatur, Flucht. Das Nicht-Ankommen-Können im Westen, Depression, und nach langer Pause zurück an das Westdeutsche Theater, wo Schleef einschlägt wie ein Blitz.
Mit jeder Inszenierung sprengt Schleef das deutsche Sprechtheater. Erzählt vom Krieg, der noch stattfindet, von Fremdenhass und der Fremdheit zwischen Ost und West, die sich für Schleef nie aufgelöst hat. „Die Tragödie ist die Welt, wie sie ist“, sagt Schleef. „Die Komödie ist die Erholung davon.“ Schleef konnte sich nicht erholen.
Schleefs großes Thema ist das Gefangensein im eigenen Körper, in der eigenen Geschichte. Und der Versuch zu entkommen. Ganz unmittelbar, wenn Schleef, seit der Kindheit mit einer schweren Sprachhemmung ringend, auf der Bühne in freier Rede das Stottern überwindet. In seiner Person und seiner Kunst stecken eine Vision, eine Wut, eine Kraft und ein überraschender Humor, an denen wir uns „hochpumpen können“. So würde Schleef es sagen.
Wir sehen, hören, fühlen Schleef, den Körpermenschen, erleben seine Erfolge und sein Scheitern. Ein Stationendrama, das uns mit ihm, seinen Worten, Texten, Inszenierungen, Fotografien und Filmen auf eine Zeitreise nimmt, von seiner Kindheit in Sangerhausen in den 1950er Jahren bis zur Jahrtausendwende im vereinten Deutschland. Von den Anfängen als hochbegabter Jugendlicher bis zu seinem einsamen Tod in einem Berliner Krankenhaus.
Schleef muss wiederentdeckt werden. Weil er der Spiegel ist, in dem wir uns hier und heute begreifen. Weil er Worte und Bilder findet für diese besondere deutsche Form der Heimatlosigkeit und Entwurzelung. Weil er uns wachrüttelt und auf das stößt, was brodelt in dieser Gesellschaft.

Aktuell

EINAR SCHLEEF gewinnt Publikumspreis Dokumentarfilm beim 23. NFF - Neisse Nysa Nisa Film Festival.

Sandra Prechtel zu Gast beim Neiße Filmfestival 2026
28.5. Heine Kinobar Görlitz / Sa 30.5. Kronenkino Zittau

Weltpremiere im Forum der Berlinale 2026
14.2. Delphi Filmpalast / 19.2. Cinema Paris / 22.2. Colosseum

Deutschlandfunk Kultur - Hörfunkbeitrag von Robert Brammer für die Sendungen 'Rang Eins' und 'Fazit' (1

Pressestimmen

Einar Schleef! Wieso dauerte es eigentlich 25 Jahre, bis sich das Kino seiner erinnert? [...] In Sandra Prechtels dokumentarischer Annäherung an diesen faszinierend multidimensionalen Künstler: EINAR SCHLEEF – ICH HABE KEIN DEUTSCHLAND GEFUNDEN [...] lässt Prechtel Schleef sich selbst sein, lässt seine Stimme erklingen, zeigt seine Fotos, seine Malereien, sein körperliches Agieren, seine theatralen Schöpfungen. Und man kann ihr gar nicht genug für diese Wahl der Form danken.
Der große Punk des Theaters – ein energiegeladenes, hochgradig non-binäres, geradezu den Camp anrufendes Theater –, aber nicht nur des Theaters, auch des Sprechens an sich. Der sich erlaubte, mit seinem Sprechfehler in die Sphären der biodeutschen Hermetik aus Ressentiment und Dünkel einzubrechen, statt zu schweigen, und sie gnadenlos zu konfrontieren. Beiderseits der Mauer. - taz blogs, Manuel Schubert, 21.02.2026

 

Dem Regisseur, Autor und Multikünstler Einar Schleef setzt die Dokumentarfilmerin Sandra Prechtel in „Einar Schleef - Ich habe kein Deutschland gefunden“ ein Denkmal. [...] Sandra Prechtel hat erstaunliches und vor allem weitgehend unbekanntes Material montiert, enthält sich jeder Kommentarstimme und lässt Schleef selbst und seine Inszenierungen für ihn sprechen. Der Film hat rein gar nichts Anekdotisches, sondern vermittelt einen äußerst plastischen Eindruck von Schleefs Theaterarbeit. [...] Der Film tappt nicht in die Fallen des allseits beliebten Biopics. Hier wird nicht der Versuch unternommen, aus einem Leben eine runde Geschichte zu konstruieren. Stattdessen setzt der Film deutliche Schwerpunkte [...] und findet ein naheliegendes übergeordnetes Thema: Schleef und sein Verhältnis zu den Deutschländern. - nachtkritik.de, Erik Zielke, 16.02.2026

Sandra Prechtel hat aus historischem Bildmaterial eine Dokumentation über Einar Schleef komponiert, die weit über sich hinausweist. [...] Ihr ist ein hochinteressantes, facettenreiches Porträt eines Theaterschaffenden gelungen, der auch an den Verhältnissen in der Bundesrepublik litt. Zu spüren ist die Kraft eines Theaters, das im Deutschland der Nachwendezeit wichtiger war als heute, mehr Gefühle mobilisierte, sich mehr Aufmerksamkeit erspielte. Manchmal befürchtet man, es sei mit Schleef gestorben. - Berliner Morgenpost, Felix Müller, 14.02.2026

Sandra Prechtel portraitiert den Regisseur Einar Schleef, 25 Jahre nach seinem frühen Tod im Juli 2001, lässt ihn selbst sprechen, stotternd und schonungslos. Ihr Film besteht ausschließlich aus Archivmaterial: Eine Collage aus Interviews, Tagebucheinträgen, Theaterproben- und Premieren. Der Film macht begreifbar, was [...] ihm an Kunst wichtig war, wie er inszenierte, wie er für die Kunst lebte, wie er sich dem klassischen Erzählen radikal verweigerte, niemals gefällig und niemals Mainstream sein wollte. [...] Schleef war ein verletzlicher Einzelgänger, der nirgendwo heimisch war. [...] Sandra Prechtels eindrücklicher Film endet mit einem Text von Friedrich Nietzsche, der aus dem Mund von Einar Schleef auch wie eine Selbstbeschreibung klingt: „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.“ - Deutschlandfunk Kultur, Robert-Brammer, 14.02.2026

Es ist ein Gebirge, das er [Schleef] hinterlassen hat. Sandra Prechtel hat es durchwandert. - Berliner Zeitung, Ulrich Seidler, 16.02.2026

Behutsam umgeht Sandra Prechtels Film Verklärung und Vereinnahmung eines Künstlers im 20. Jahrhundert, der den Theaterbetrieb doch bis zum Äußersten trieb. Aus biographischen Schlaglichtern fügt sich das Porträt eines so widerständigen wie verletzlichen Einzelgängers mit enfant-terrible-Ruf und Selbstzerstörungspotenzial. Erzählt wird vom Theater und den Verdrängungsmechanismen der Nachkriegsgesellschaft sowie – anders als man es kennt – von deutsch-deutscher Wirklichkeit. - Berlinale - Forum, 2026

Preise und Festivals

- Berlin International Film Festival - Forum 2026
- Neisse Film Festival 2026 - Publikumspreis Dokumentarfilm

Weitere Texte

DIRECTOR’S NOTE

Wovor bin ich weggelaufen? Alles hat mich eingeholt.

Einar Schleef lässt mich nicht mehr los. Seit dem Tag vor 18 Jahren, an dem ich in einem leerstehenden Karstadt-Gebäude in Halle vor seinen gewaltigen Deutschland-Bildern stand. Schleef ermüdet mich nicht. Er setzt Energie, Gedanken, Gefühle frei. „Was Kunst werden soll, muss brennen“, sagt Schleef. Ich habe Feuer gefangen

Schleefs Thema ist auch das meiner Filme, meiner Texte: Unsere Herkunft aus diesem Land und seiner Geschichte. Für mich hat sich kein anderer Künstler dieser Aufgabe so schonungslos gestellt. „Was du ererbt von deinen Vätern (und deinen Müttern), erwirb es um es zu besitzen“: Faust, der Ur-deutsche Stoff, an dem Schleef sich sein Leben lang abgearbeitet hat

Die Brüche in diesem Land laufen quer durch diesen Menschen – die Verheerungen des Krieges, die Teilung, die Verwerfungen der Vereinigung. Schleefs Nicht-Zuhause-Sein-Können ist mir bekannt. Es hat etwas mit diesen Brüchen zu tun, die auch noch mitten durch meine Generation, quer durch mich hindurch laufen

Die Theater müssten nach jeder Vorstellung brennen, sagt Schleef. Das ist kein Aufruf zur Gewalt, das ist Schleefs Ernsthaftigkeit, mit der er alles aufbietet, um die Menschen aus ihrer Lethargie zu reißen. Aus ihrer Unberührbarkeit. Kunst darf keine Flucht vor der Realität sein, sie muss Flucht in die Realität sein, in ihrer ganzen Härte.

Einar Schleef ist mir nahegekommen, obwohl ich ihm nie begegnet bin. Mich berührt die Tragik, die in ihm liegt, an der er vielleicht zerbrochen, zumindest viel zu früh gestorben ist. Dass er sich nicht schonen konnte und andere auch nicht und er sich, wie Elfriede Jelinek sagt, am Ende selbst gegeben hat.

Ich sehe seine Wut und seine Kraft, aber noch mehr seine Zartheit und Verletzlichkeit. Den Schleef, der eine Möwe mit gebrochenem Flügel bei sich aufnimmt und sie in seiner Badewanne wohnen lässt. Den Zweifler, der alles in Frage stellt, was er malt und schreibt und inszeniert, um dann doch zu sagen: „Das ist es!“ Den Schleef, der den Schlüssel zu allen Wohnungen, die er je bewohnte, behält, weil er mit Verlust nicht klarkommt. Weil er dem permanenten Abschiednehmen nur die permanente Arbeit des Erinnerns entgegensetzen kann. Den Stotterer, der die Sprache wieder mit Sinn füllt, gegen das Verlautbaren und Phrasen Dreschen. Der nicht belehrt, sondern nach Worten und um Wahrheit ringt.

Im „Sportstück“, Schleefs erfolgreichster Inszenierung, stählen junge Männer und Frauen ihre Körper für den Einsatz in einem neuen Krieg. Das Publikum von 1998 lacht. Ich sitze im Schneideraum und montiere die Bilder, die von Woche zu Woche mehr zum Abbild unserer Gegenwart werden. „Wenn ich leide, wie leiden dann die anderen Menschen unter diesen Bedingungen.“, sagt Schleef. „Und wenn ich nicht leben kann, wieso können die anderen dann leben.“

„Schleef fehlt“, sagt die große Schleef-Darstellerin Jutta Hoffmann. „Er fehlt mir als Regisseur. Er fehlt dem deutschen Theater. Es ist so, als würde eine Säule fehlen, das Dach hängt schief.“

Sandra Prechtel, Februar 2026

Credits

Recherche, Buch, Regie
Sandra Prechtel
Mit
Einar Schleef, Wilhelm Schleef, Karl von Appen, Jutta Hoffmann, Jürgen Holtz, Gertrud Schleef, Marcel Reich-Ranicki, Martin Wuttke, Peter Iden, Rolf Hochhuth, Gerhard Ahrens, Elfriede Jelinek, Sigrid Löffler, Alfred Biolek
Montage
Olaf Voigtländer, Katja Dringenberg
Musik
Samuel Wiese, Marie-Claire Schlameus
Sound Design
Rainer Gerlach
Mischung
Matthias Schwab
Grading
Till Beckmann
Redaktion
Rolf Bergmann
Produktion
Frieder Schlaich, Irene von Alberti
Produziert von
Filmgalerie 451
In Koproduktion mit
Rundfunk Berlin-Brandenburg
Gefördert von
Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Deutscher Filmförderfonds, Medienboard Berlin-Brandenburg

Dank an
Hans-Ulrich Müller-Schwefe, Heiner Sylvester, Thomas Bauer-Friedrich, Gabriele Gerecke, Jens Jakob Happ, Halina Daugird, Stefan Kolosko, Ute Schendel, Susan Todd, Christina Voigt, Katja Weingartshofer
Schnittassistenz
Lydia Anemüller, Fionn George
Produktionsassistenz
Viviana Kammel, Anna Bitter, Amon Wendel, Cyril Hilfiker
Produktionsleitung rbb
Dennis Münch
rbb Archiv
Peter Kolando
Titelgestaltung
Simon Blume

Uraufführung
Berlinale - Internationalen Filmfestspiele Berlin - Forum, 14.02.2026

Kinoverleih-Infos

Ab 5.11.2026 im Verleih von Filmgalerie 451 im Kino.

Verleihkopien
DCP (2K, 25fps, 5.1)
H.264
Bildformat
1:1,78 (16:9)
Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch
Werbematerial
Poster (A1)
Lizenzgebiet
Weltweit
FSK
noch nicht geprüft