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Der lange Sommer der Theorie

D 2017, 81 min

„Was tun?“ Diskursiv und unterhaltend wird die Forderung nach politischem Handeln von drei jungen Frauen, Nola, Katja und Martina formuliert und in die Tat umgesetzt.

Synopsis

Berlin, Sommer 2016. Im letzten Haus im Niemandsland hinter dem neuen Hauptbahnhof wohnen Nola, Katja und Martina in einer Künstlerinnen-WG. Ihre Zeit ist gezählt, denn bald entsteht hier Europacity. Die drei jungen Frauen leben auch sonst prekär. Katja ist Schauspielerin und hadert mit ihren Rollen, nebenbei vermietet sie Wohnungen an Touristen. Martina ist Fotografin, die keine Lust auf die Schmeicheleien eines Kurators hat und sich lieber mit ihrer Band auf der Bühne die Seele aus dem Leib schreit. Nola macht einen Film, bei dem sie Soziolog_innen, Historiker_innen, Kulturschaffende und Theoretiker_innen interviewt. Ihr geht es um Theorie und wie man sie heute nutzbar machen kann. Nola ist das Zentrum des Films, ihre Interviews erleben wir als Publikum mit. Im mit Sätzen bedrucktem Hosenanzug läuft sie durch den Film zu ihren Gesprächspartner_innen, vorbei an den letzten Baustellen Berlins, durch eine Stadt, die schon verkauft scheint. Es geht um Feminismus, den öffentlichen Raum, Gentrifizierung, Theorie und Praxis im neuen Film von Irene von Alberti. Als essayistisches Diskurstheater inszeniert, bricht DER LANGE SOMMER DER THEORIE immer wieder aufs Neue ganz bewusst in viele unterschiedliche Richtungen aus und stellt damit mehr Fragen, als dass er Antworten geben will.  

Streaming-Info

Der Film ist über unseren Vimeo-Kanal zum Leihen oder Kaufen erhältlich. Weitere Anbieter siehe „Film kaufen“.
Sprache: Deutsch, Untertitel: Englisch, Spanisch

Weitere Texte

Ein Interview mit Irene von Alberti über ihren Film DER LANGE SOMMER DER THEORIE

Was war der Auslöser diesen Film zu machen?

Am Anfang stand das sehr vage und mulmige Gefühl, dass es -allgemein und pauschal gesprochen- mit dem Frieden bald vorbei sein könnte.  Ich habe gemerkt, dass es dabei nicht nur mir so geht. Viele Leute aus meinem Umfeld dachten zunehmend über politische Positionen nach und darüber, dass angesichts der erstarkenden Rechten politisches Handeln noch wichtiger geworden ist. Politisches Handeln bedeutet aber eben nicht nur auf den "richtigen" Demos zu sein, Petitionen mit den "richtigen" Themen zu unterstützen oder seine Meinung zu äußern. Stattdessen muss dem Handeln auch immer ein Denken vorausgehen - das Denken über die Frage: Gibt es eine neue Idee oder eine neue Utopie für das Politische? Diese Frage war der Auslöser für das Drehbuch.

Im Film sagt Nola, dass sie gar keine Antworten erwarte, sondern erst einmal eine Bestandsaufnahme machen möchte.

Diese Bestandsaufnahme ist für mich das Zeitgefühl, das ich in dem Film porträtieren will. Jetzt, 2016, in Berlin. Es ist eine Umbruchszeit. Man hat das Gefühl -wie nach einem langen unbeschwerten Sommer- dass ganz weit hinten am Horizont Wolken aufziehen. Deshalb habe ich den Film in eine Künstlerinnen-WG gelegt, die sich aus ihrer relativ unbeschwerten Situation heraus genau diese Fragen stellen und genau dieses Gefühl besprechen - mit undogmatischer Leichtigkeit und immer in dem Bewusstsein, mit der Beantwortungsunmöglichkeit der Fragen auch straucheln zu können.

Wie bist Du beim Casting vorgegangen?

Beim Drehbuchschreiben haben mich meine zwei Hauptdarstellerinnen Martina Schöne-Radunski und Katja Weilandt inspiriert. Das Buch ist gewissermaßen für sie geschrieben, und sie haben es in diesem Sinne auch mitgeschrieben. Viele ihrer Geschichten sind in den Film eingeflossen - die eine ist Punksängerin und Künstlerin, die andere Lebenskünstlerin und Schauspielerin, die teilweise absurde Casting-Erfahrungen gemacht hat.
Meine dritte Hauptdarstellerin Julia Zange kam erst später dazu. Für die Rolle der Nola, die im Film ja die Filmemacherin spielt, suchte ich eine Autorin, die auch sehr gut interviewen kann. Mit Julia Zange hatte ich das große Glück, dass sie nicht nur Interviews für interessante Magazine wie "L'Officiell" und "Fräulein" geführt hat, sondern auch Erfahrungen als Schauspielerin hat. In Philip Grönings neuestem Kinofilm "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" spielt sie ihre erste Hauptrolle. Ihr Roman "Realitätsgewitter" ist im November im Aufbau Verlag erschienen, und ihre Romanfigur Marla könnte gewissermaßen die Vorgängerin von Julia Zanges Filmfigur Nola sein.

Wie sieht es mit den Nebenrollen aus?

Das sind alles Leute die ich persönlich kenne, und die Lust hatten mitzumachen. Es sind Schauspieler*innen, Filmemacher*innen, Theaterleute, Kameraleute. Alle tragen ihre eigenen Namen, bis auf Detlef, der ja eine Filmfigur in Nolas Drehbuch darstellt.
Dann sind viele der Figuren "echt", werden also dokumentarisch gezeigt?
Der Film ist eine Mischung aus Dokumentation und Fiktion. Das reizt mich als Konzept in Filmen immer sehr. Wenn man sich ständig überlegen muss, was jetzt echt, also "wahr" ist, und was erfunden, und man sich gleichzeitig immer vor Augen führt, wie Filme hergestellt und wie sie beeinflusst werden von den Menschen, die sie machen -so wie ja auch Dokumentarfilme beeinflusst sind- hat man am Ende vielleicht ein besseres Gespür für die Wahrheit. Ich versuche also ständig, die Gedanken auf Trab zu halten.

Woher kommt der Filmtitel?
Der Titel meines Films entstammt dem Buch "Der lange Sommer der Theorie" von Philipp Felsch. Er beschreibt darin die geistige Grundlage der letzten großen gesellschaftlichen Revolte in den 1960er und 70er Jahren und dass Theorie damals wirklich konstruktiv geholfen hat neue gesellschaftliche Utopien zu kreieren. Mich hat die Frage beschäftigt, wie das heute ist, ob Theorie heute noch so etwas leisten kann. Mein romantisches Bild von der Gruppe im Kollektiv lesender Menschen im Park musste ich ironisch ankratzen, weil man heute viel mehr Texte, Meinungen und Strömungen hat, die ein kollektives Denken verunmöglichen. Ich habe Philipp Felsch getroffen und ihm ein paar Fragen gestellt und dachte es wäre schön, wenn er auch im Film auftritt. So kam die Idee zu dem Konzept, dass eine der drei Frauen im Film Interviews mit Personen zu Fragen führt, die sie sich gerade gesellschaftlich und politisch stellen.

Wie kam die Auswahl der anderen Interviewpartner*innen zustande?

Auf Jutta Allmendinger wurde ich aufmerksam, als ihre Studie "Das Vermächtnis" in der ZEIT erschien. Sie benutzt darin ein dreistufiges Fragenkonzept, um die "wirkliche" Haltung von Befragten herauszufinden. Die Philosophin Rahel Jaeggi hat ein Buch über Lebensformen geschrieben, über die auch die drei Freundinnen in ihrer Wohngemeinschaft philosophieren. Lilly Lent und Andrea Trumann haben sehr klug über den Zusammenhang zwischen staatlicher Familienförderung und Feminismus geschrieben. Carl Hegemanns Texte über Theater und Film und die Haltung von Boris Groys, zum Beispiel beim "Attaistischen Kongress" von Christoph Schlingensief, finde ich sehr spannend. Die Reihe spannender Texte ließe sich endlos fortsetzen, und wir haben tatsächlich auch schon darüber nachgedacht "Der lange Sommer der Theorie" als Serie fortzusetzen. Zuerst werden zur Premiere des Films alle Interviews in voller Länge auf die Homepage der Filmgalerie 451 gestellt. Im Film sind ja lediglich Sequenzen daraus zu sehen.

Die Spielszenen in der Wohngemeinschaft erinnern manchmal an ein Theaterstück.

Das ist bewusst so inszeniert, denn ich wollte keine  vermeintlich realistische WG zeigen. Deswegen habe ich die Szenen- und Kostümbildnerin Janina Audick, die viel an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und an zahlreichen anderen Theatern arbeitet, gefragt, ob sie das Bühnen- und Kostümbild für den Film entwerfen möchte. Die Kamerafrau Jenny Lou Ziegel hat wiederum die Orte mit genauer Lichtsetzung und Kadrierung demensprechend theaterhaft umgesetzt. Daneben war unser Konzept, auch die dokumentarischen Interviews in Bildern zu zeigen, die sich nicht von den Spielfilmteilen unterscheiden.

Im Film gibt es ja viele Situationen in denen geredet und diskutiert wird. Am Ende möchte man entweder sofort etwas lesen oder mit Leuten diskutieren.

Wenn das so funktioniert, freue ich mich. Das ist genau, was der Film erreichen will.

Das Interview führte Inga Behnsen. Sie studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften in Hamburg und absolvierte während der Dreharbeiten ein Praktikum bei Filmgalerie 451.

Credits

Buch und Regie
Irene von Alberti
Mit
Julia Zange, Katja Weilandt, Martina Schöne-Radunski, Timo Jacobs, Mario Mentrup, Lukas Steltner, Paula Knüpling, Tina Pfurr, Niklas Kohrt, Jörg Rühl, Jakob Bieber, Fabian Joest Passamonte, Hans Piesbergen, Aljoscha Weskott, Marek Iwicki, Hassan Issa, Susanne Bredehöft, Toby Ashraf, Simon Elson, David Hantelius, Per Warberg, Ronnie Mertens, Luisa Rathmann, the cuntroaches
Interviewpartner_innen (in der Reihenfolge ihres Auftretens)
Philipp Felsch, Rahel Jaeggi, Lilly Lent und Andrea Trumann, Carl Hegemann, Jutta Allmendinger, Boris Groys
Director of Photography
Jenny Lou Ziegel
Montage
Silke Botsch
1. Kameraassistenz
Annika Eysel
Tonmeister
Rainer Gerlach
Tonassistenz
Misha Bours, Ron Klober
Zusatz-Tonassistenz
Konrad Schlaich
Szenenbild und Kostüm
Janina Audick
Innenrequisite
Marlene Gartner
Szenenbild- und Kostümassistenz
Franziska Sauer
2. Kostümassistenz
Daniela Zorrozua
Garderobe
Simone Kreska
Maskenbild
Ljiljana Müller
Zusatz-Maske
Anke Thot
Oberbeleuchter
Markus Koob
Beleuchter
Antonio Venegas
Praktikant Licht und Kamera
Paul von Heymann
1. Regieassistenz
Stefan Nickel
Dramaturgie
Viviana Kammel
Schnitt-Beratung
Janina Herhoffer
Pratikant Set-AL
Lennart Romahn
Set-Aufnahmeleiter
Sascha Wiese
1. Aufnahmeleiterin
Marie Christin Wartenberg
Produktionsassistenz
Julia M. Müller
Produzent
Frieder Schlaich
Produziert von
Filmgalerie 451
Mit Unterstützung von 
Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien BKM

DVD-Infos

Extras
Ungekürzte Interviews mit Philipp Felsch, Rahel Jaeggi, Lilly Lent & Andrea Trumann, Carl Hegemann, Jutta Allmendinger, Boris Groys (149 min), Zusätzliche Szenen, Alternativer Anfang (6 min), Original Kino-Trailer (2 min)
Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch
Regionalcode
Code-free
System
PAL / Farbe
Laufzeit
81 min + 157 min Extras
Bildformat
16:9
Tonformat
Stereo und DD 5.1
Inhalt
Softbox (Set Inhalt: 1), Booklet mit Texten und Bildern
Veröffentlichung
29.06.2018
FSK
Ohne Altersbeschränkung

Kinoverleih-Infos

Verleihkopien
DCP (2K, 24 fps, 5.1)
Blu-ray Disc
Bildformat
16:9
Sprache
Deutsch
Untertitel
Englisch, Spanisch
Werbematerial
Trailer, A1-Poster
Lizenzgebiet
Weltweit
FSK
Ohne Altersbeschränkung