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Aus der Ferne

D 2006, 89 min

Ein persönlicher Reisebericht, ein Dokumentarfilm über eine Reise durch die Türkei.

Synopsis

AUS DER FERNE ist ein Dokumentarfilm über eine Reise durch die Türkei, die Thomas Arslan im Mai und Juni 2005 unternahm. Die Route führt über Istanbul und Ankara in den Südosten des Landes nach Gaziantep, von dort weiter nach Osten über Diyarbakir und Van bis nach Dogubayazit nahe der iranischen Grenze. Der Film zeigt Momente dieser Reise abseits der geläufigen Motive aus der heutigen Türkei: Impressionen vom Alltag in den westlichen Städten wie Istanbul und Ankara, aber auch aus den vor kurzem noch umkämpften Regionen im Osten des Landes. AUS DER FERNE ist keine journalistische Reportage, sondern gibt den persönlichen Blick des Filmemachers auf dieses Land wider.

Pressestimmen

AUS DER FERNE ist schlicht, einfach und der beste Dokumentarfilm seit langem. Nach André Bazin besitzt der Film das Potential, ein Fenster zur Welt zur sein. Dies impliziert nicht nur, dass die Grenzen der Leinwand anders als etwa ein Bilderrahmen stets auf einen Raum außerhalb des Bildes verweisen, sondern auch ein spezifisches Verhältnis zwischen Film und Zuschauer. Wer aus dem Fenster sieht, ist selbst nie Teil der sichtbaren Welt, bleibt immer ein Beobachter. Die Distanz zwischen Subjekt und Objekt ist grundsätzlich unüberbrückbar. Selten erscheint Bazins Fenstermetapher einem speziellen Film angemessener als Thomas Arslans Reisedokumentation AUS DER FERNE. (Lukas Foerster, critic.de, 2006)

Thomas Arslans AUS DER FERNE ist ein großartiger Dokumentarfilm, der uns etwas zu sehen gibt, indem er unserem Blick Richtungen gibt, aber keine Vorschriften macht. (Ekkehard Knörer, jump-cut.de, 2006)

Die Idee zu diesem dokumentarischen Road Movie entstand in den Monaten, als die öffentliche Türkei-Hetze in Deutschland ihre hässlichsten Blüten trieb. Um nicht selbst „bei den grassierenden Sprachmustern und ihren entsprechenden Bebilderungen zu landen“, suchte Arslan nach Wegen, „überhaupt einmal ein Bild [der Türkei] zu bekommen, das nicht sofort einer Theorie zuzuschlagen oder die bloße Illustration von etwas Vorgefertigtem ist“. Das Beiläufige der Bilder, ihr unspektakulärer Charakter resultiert aus diesen Überlegungen, die zunächst nichts weiter als zufällige Momentaufnahmen sind, ein Hochzeitstanz kurdischer Frauen, Straßenkontrollen durch das Militär, Bauarbeiter bei der Pause, ein junges Paar im Auto-Scooter, die roten Rücklichter der Autokolonne nach einem abendlichen Fußballspiel, die Nationalhymne vor Schulbeginn, zwei alte Männer, die sich auf der Straße grüßen. (Josef Lederle, Film-Dienst 6/2006)

Thomas Arslan zeigt sich hellwach für die ethno- und kinematographische Größe des Alltäglichen, und dies machte AUS DER FERNE zu einem der größten Glücksmomente der diesjährigen Berlinale. (Dunja Bialas, artechock, 23.02.2006)

Paul Auster beschreibt in seinem "Buch der Illusionen" folgendes Paradox: Je mehr ein Film darum bemüht sei, Realität zu simulieren, desto weniger sei er in der Lage, diese tatsächlich zu zeigen - die innere Welt der Figuren gehe unweigerlich verloren. Thomas Arslan gelingt es - und darin besteht seine große Kunst -, ein Stück dieser Realität einzufangen, ohne dabei den unverstellten Blick auf seine Figuren einzubüßen. (Andreas Resch, taz, 25.03.2006)

Preise und Festivals

- Berlinale - Forum 2006
- 11. Filmfestival Türkei/Deutschland, Nürnberg 2006
- Buenos Aires International Film Festival of Independent Cinema 2006
- Crossing Europe, Linz 2006
- Internationales Dokumentarfilmfestival München 2006
- International Film Festival - Era New Horizons, Wroclaw/Polen 2006
- Vancouver International Film Festival 2006
- Duisburger Filmwoche 2006
- IndieLisboa, Independent Film Festival Lissabon 2007
- Pesaro International Film Festival 2008
- Goethe-Institute: Buenos Aires, Ankara, Lissabon, London

Weitere Texte

Interview mit dem Regisseur

Frage: Die wenigen von dir selbst gesprochenen Kommentartexte verleihen AUS DER FERNE einen persönlichen Charakter. Zugleich ist der Film von einer großen Distanz auf das Beobachtete geprägt. Mit welcher Haltung hast du diese Reise angetreten?

Thomas Arslan: Die Bilder, die ich von der Türkei hatte, waren Kindheitseindrücke und daher nicht sehr zuverlässig. Ich wollte sehen, wie die Gegenwart der heutigen Türkei aussieht. Bei aller persönlichen Verbundenheit war mir doch klar, dass dies ein Blick von außen, aus einer gewissen Distanz sein würde; der Blick eines Zugereisten, eines Durchreisenden.

Frage: Das Geburtshaus deines Vaters in Ankara und das Haus, in dem die Familie später lebte, sind die einzigen Orte mit einer wirklich persönlichen Bedeutung für dich, die du aufsuchst. Und die Schwester deines Vaters ist die einzige Person, die direkt in die Kamera spricht. Was bedeutet dir diese persönliche Spurensuche?

T.A.: Die biografische Verbundenheit war eher ein Ausgangspunkt für diese Reise, nicht das Ziel oder der Fokus. Sie lieferte mir sozusagen die Berechtigung dafür, diese Reise überhaupt zu unternehmen. Natürlich ist Ankara eine besondere Stadt für mich, denn dort habe ich einige Jahre meiner Kindheit verbracht, und ein Teil meiner Familie lebt nach wie vor dort. Der Zugang zu dieser Stadt war für mich ein anderer als der zu den sonstigen Orten dieser Reise; dennoch war Ankara immer nur als eine Station unter mehreren vorgesehen. 

Frage: Die Reise beginnt in den westlich geprägten Städten Istanbul und Ankara. Wir sehen das Mausoleum Atatürks, die Staudämme am Euphrat, die bis vor kurzem umkämpften kurdischen Gebiete. Warum hast du diese Reiseroute gewählt?

T.A.: Diese Route vollzieht eine Bewegung vom scheinbar Vertrauten zum Unbekannten. Von Istanbul hat man im Westen am ehesten eine Vorstellung – aber das gilt schon nicht mehr für Ankara. Und vom Südosten und Osten des Landes kennt man kaum etwas. Ich bin davon ausgegangen, dass es an den Orten, die etwas abseits von der allgemeinen Aufmerksamkeit liegen, am ehesten etwas zu sehen gibt. Das galt letztlich auch für Istanbul, eine gigantisch große Stadt, von der man vieles hätte zeigen können. Das, was ich ausgewählt habe, entspricht gerade nicht den geläufigen Bildern, die man von Istanbul kennt – wie zum Beispiel die abgedroschenen Brücken-Metaphern. Einerseits wollte ich solche Bilder vermeiden, zugleich aber etwas von der Stadt sichtbar machen. Ich wollte ein Spektrum der Türkei vermitteln, ohne allzu journalistisch oder soziologisch vorzugehen. Dabei habe ich mich auf die Städte konzentriert, weil ich mich auf dem Land völlig fehl am Platz fühle. Das geht mir übrigens in Deutschland genauso wie in der Türkei. In den Städten gelingt es mir eher, Bezüge herstellen.

Frage: Gegen Ende sehen wir den bedeutungsvollen Berg Ararat, das Wahrzeichen der Armenier. Die Erwähnung des Völkermords an den Armeniern zu Beginn des letzten Jahrhunderts hat im Film einen genauso nüchternen Charakter wie alle anderen Beobachtungen auch. Wie wir wissen, gibt es in der Türkei nur wenige Bestrebungen, diesen Teil der Geschichte aufzuarbeiten.

T.A.: Ich bin nicht als filmender EU-Kommissar in die Türkei gereist, das heißt, ich hatte kein Interesse daran, den europäischen Anklage-Gestus einzunehmen. Ich fand es normal, über dieses Thema zu reden und eben nicht zu schweigen.

Frage: Hast du im Laufe der Dreharbeiten darüber nachgedacht, die dort lebenden Menschen zu diesem Thema zu befragen?

T.A.: Ich habe das bereits im Vorfeld verworfen. Ich wollte einen Film machen, der ohne diese Form von beweisführenden Interviews auskommt.

Frage: Wie waren die Produktionsumstände während der Dreharbeiten? 

T.A.: Das Team bestand aus vier Personen. Wir hatten kein Licht und nur drei Optiken dabei, von denen ich zumeist nur das 25er benutzt habe. Es entspricht beim 16mm-Format am ehesten dem menschlichen Sichtfeld. Wir waren jeweils etwa eine Woche an den zentralen Stationen der Reise. Ich wusste, dass ich nicht zuviel drehen durfte, denn ich hatte verhältnismäßig wenig Material zur Verfügung. Das war der Rahmen, an dem ich mich orientieren musste, damit musste ich auskommen.

Frage: AUS DER FERNE ist dein erster abendfüllender Dokumentarfilm. Eine besondere Qualität des Films ist seine Ästhetik, die im Hinblick auf das Tempo, den Umgang mit Licht und Perspektiven, die langen Einstellungen und die Stimmung, die sich vermittelt, Parallelen zu deinen Spielfilmen aufweist. Es scheint, als stünde für dich das Beobachten an sich in beiden Genres im Mittelpunkt. Was für ein Konzept hattest du zu Beginn der Dreharbeiten?

T.A.: Filmemachen bedeutet für mich nicht, Ideen zu haben, sondern genau zu sein. Das Schwierige ist, vom Gesehenen auszugehen und nicht von etwas Vorgefertigtem. In der Zeit, als ich den Film drehte, war der Diskurs über die Türkei stark aufgeheizt, und er ist es immer noch. Eine der wichtigsten Herausforderungen bei diesem Projekt bestand für mich darin, nicht auf kürzestem Wege bei diesen im Zusammenhang mit der Türkei grassierenden Sprachmustern und ihren entsprechenden Bebilderungen zu landen. Okzident, Orient, Abendland, Morgenland – ich kann mit diesen Begriffen nichts Reales verbinden. Ich wollte mit AUS DER FERNE erreichen, dass der Zuschauer ein Bild von diesem Land bekommt, das nicht sofort einer Theorie zuzuschlagen oder die bloße Illustration von etwas zuvor schon Gewusstem ist. Ich wollte meinen Blick öffnen für einfache, konkrete Dinge, für das tägliche Leben in der Türkei.
Mir war klar, dass dieser Film einerseits erst nach und nach beim Drehen entstehen würde, und dass ich gleichzeitig mit den ersten Einstellungen bereits eine Richtung vorgeben würde. In dem Istanbul-Teil, mit dem die Reise begann, tastete ich mich an diese Richtung heran. Es ging mir darum, anzukommen, hinzusehen. Dabei wollte ich so wenig wie möglich in das Geschehen vor der Kamera eingreifen. Die Dinge sollten sich so weit wie möglich selbst erzählen.

Frage: Hast du dich deshalb entschlossen, einen Dokumentarfilm zu drehen?

T.A.: Spielfilm und Dokumentarfilm sind für mich in den entscheidenden Fragen, zu denen sie sich verhalten müssen, nicht weit auseinander. Von welchem Ort aus spricht man? Wie nah oder fern ist man seinem Gegenstand und den Personen? Wo steht die Kamera? Welches Bild folgt auf welches? Der Blick auf die Türkei ist extrem verbaut durch Debatten, Meinungen und Vorurteile. Wenn Abstraktionen und Fiktionen zu sehr wuchern, finde ich es wichtig, sich wieder dem Konkreten zuzuwenden. Wie sehen die Straßen, die Häuser und die Kleidung der Menschen aus in diesem Land, über das so viele, ohne etwas selbst gesehen zu haben, eine so bestimmte Meinung haben? Das Verfahren des Spielfilms erschien mir in diesem Fall zu sehr vorstrukturierend. Ich wusste nicht wirklich, was mich erwarten würde. Mir ging es auch darum, meinen eigenen Blick auf die Probe zu stellen. Ich wollte einen Film machen ohne die Absicherung einer Erzählung.

Interview: Gabriela Seidel, Berlin, Januar 2006

Credits

Buch und Regie
Thomas Arslan
Kamera
Thomas Arslan
Schnitt
Bettina Blickwede
Ton
Andreas Mücke-Niesytka
Tonschnit
Martin Ehlers
Mischung
Martin Steyer
Regieassistenz
Tuncay Kulaoglu
Produktionsleitung
Heino Herrenbrück
Redakteurin
Inge Classen
Produzent
Thomas Arslan
Produktion
Pickpocket Filmproduktion, ZDF / 3sat
Uraufführung (DE)
13.02.2006, Berlinale - Forum
Kinostart (DE)
23.03.2006