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Tunguska

Peter W. Jansen

Eine turbulente, exzentrische Auseinandersetzung mit dem Erzählkino, mit der Filmgeschichte, mit der Theorie des Sehens und mit der Wissenschaft, die den Zugang zum Lustgewinn durch Kunst verstellt.

EPD Film

Die ultimative Abrechnung mit dem Avantgardefilm der 60er Jahre!

"Der mutmaßliche Rimbaud des Films Christoph Schlingensief", Torsten Alisch, 20.05.1987

Ein Film-"Salat". Spielerei um Film im Film, wo die Logik der Bilder jede logische Geschichte überflüssig macht.

"Trilogie zur Filmkritik - Film als Neurose" nennt Schlingensief seine ersten drei Filme. PHANTASUS MUSS ANDERS WERDEN (1983, 9min.): eine ironische Demonstration der Befangenheit von "Kunst"-Formen in spießigen Vorstellungen. WHAT HAPPENED TO MAGDALENA JUNG (1984, 14min.): Magdalena kann fliegen und widerspricht damit allen physikalischen Gesetzen und den Realitätserwartungen der Zuschauer.
TUNGUSKA - DIE KISTEN SIND DA (1984, 75 min.): ein Film-"Salat". Spielerei um Film im Film, wo die Logik der Bilder jede logische Geschichte überflüssig macht. Wenn der Film anfängt zu brennen, darf der Vorführer den Projektor nicht abschalten. Denn es ist der Film als Film, der Feuer fängt, nicht der Film als Material. Ein Erzählfilm, ein Actionfilm und eine Show. Der Titel hat etwas mit der gigantischen Explosion 1908 in Sibirie an den Tunguska-Flüssen zu tun, deren Ursache bis heute nicht geklärt ist. Es gibt 80 Theorien, aber keine läßt sich beweisen. Die Kisten - Kunstgattungen, Erzählweisen, Medien - sind geöffnet und können geplündert werden.

Film-Echo, 16.11.84, Kay Hoffmann

Auch wenn Schlingensief sich mit dem Thema übernommen hat, so zeigen einzelne Einstellungen, daß er sein Handwerk gelernt hat.

"Jedes Bild ist eine Kiste, die der Zuschauer selbst öffnen und auspacken muß. Sie kann einen neuen Inhalt haben, wenn der Zuschauer in der Lage ist, den Regisseur zu vergessen." Dies ist der Anspruch von Christoph Schlingensief, der mit TUNGUSKA seine erste Arbeit mit Spielfilmlänge präsentierte. Er setzt sich dabei theoretisch mit dem Medium Film und der Rezeption durch den Zuschauer auseinander, sicher eine sehr schwierige Aufgabe. Auf den Inhalt im einzelnen einzugehen, verbietet sich regelrecht, denn Schlingensief greift mit seiner Collage gerade das Erzählkino an, führt den Zuschauer bewußt in die Irre. TUNGUSKA enthält einige Elemente des Experimental-Films, beispielsweise das einfache Gegeneinanderschneiden von schwarzem und weißem Film, die "Komposition in Blau" von Oskar Fischinger aus dem Jahre 1933 und das Verbrennen der Filmkopie, das allerdings nach dem zweiten Mal nur noch langweilig wirkt. (...)
Auch wenn viele Zuschauer wenig mit TUNGUSKA anfangen können, so versucht er zumindest eine Diskussion anzuregen. Der Film zeigt die Erfahrungen, die sich Schlingensief als Assisent bei Seitz und Werner Nekes erworben hat. Auch wenn er sich mit dem Thema übernommen hat, so zeigen einzelne Einstellungen, daß er sein Handwerk gelernt hat. TUNGUSKA soll als Abschluß einer "Trilogie zur Filmkritik" zusammen mit den zwei Kurzfilmen PHANTASUS MUSS ANDERS WERDEN und WHAT HAPPENED TO MAGDALENA JUNG im Kino gezeigt werden.

Wolf Donner, 1984

Ein überanstrengtes, aber unterhaltsames und ganz und gar unübliches Kinodebüt. Sehenswert!

TUNGUSKA - DIE KISTEN SIND DA von Christoph Schlingensief - ist ein exzentrisches Gebräu aus Märchen, Avantgardefilm und ästhetischem Exkurs. Nacht, Wind, Wölfe, ein Geisterwald, ein verlassenes Schloß, ein verirrtes Pärchen: Rocky Horror Spessart, Rumpelstilzchen, Erzählmuster, Zitate (u.a. Fischingers "Komposition in Blau" von 1933), alles nur ein Traum, alles nur eine Filmvorführung, alles sehr laut und chaotisch. Der Regisseur, 24, ist Filmdozent, war Assistent von Nekes und Seitz (DOKTOR FAUSTUS), und irgendwie schlagen sich die drei Tätigkeiten in dem Experiment nieder. Es ist der Abschluß einer Trilogie, "Film ais Neurose". Na ja. Gμt -ist der dramaturgische 'Einsatz des experimentellen optischen Vokabulars und der kommentierenden Musik, weniger gut das ständige Gebrüll und Gehampel eines Trios sadistischer Avantgardeforscher, die hinter dem Zeitgeist her sind. Ein überanstrengtes, aber unterhaltsames und ganz und gar unübliches Kinodebüt.

Neue Ruhr Zeitung, 18.01.86, Gustav Wentz

Daß der Prophet im eigenen Lande nicht viel gilt, ist für den Oberhausener Filmemacher Christoph Schlingensief weit mehr als eine Redensart. Er mußte anderthalb Jahre warten, bis sein Experimental-Spielfilm TUNGUSKA - DIE KISTEN SIND DA im heimischen Fernsehen gezeigt wird. In New York, Manila und Tokio, wo der Film via Goethe-Institut vorgeführt wurde, fand der Streifen starke Beachtung.

TUNGUSKA ist aber nicht unbedingt ein Publikumsfilm. In erster Linie waren Filmfachleute und Kritiker begeistert. Gedreht wurde komplett in einem Mülheimer Steinbruch. Die weibliche Hauptrolle spielt die junge Oberhausenerin Anna Fechter.

Benedikt Ehrenz, 1984

Bei allen Schwächen eines Erstlings - ein bemerkenswertes, erfrischendes absurd-komisches Debüt, dem viele Kinos zu wünschen sind.

Dietrich Kuhlbrodt, 1984

Und da das TUNGUSKA-Spiel nicht beliebig ist, sondern schlau entwickeltes Thema - eine Abrechnung mit 24 Jahren Filmgeschichte und Kunsttheorie -, wagen wir die Behauptung, daß Christoph Schlingensief einen genialen Film gemacht hat.

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