Navigation überspringen

 
Tunguska

TUNGUSKA Christoph Schlingensief, D 1984, 71 min

Die 'Trilogie zur Filmkritik – Film als Neurose' - Schlingensiefs erster Langfilm TUNGUSKA und zwei frühe Kurzfilme

TUNGUSKA: Drei Avantgardeforscher am Rande des Nervenzusammenbruchs, ein Pärchen auf der Suche nach Benzin – und Alfred Edel, der sie alle fertigmacht! Eine Kriegserklärung inmitten der existentialistischen Exerzitien des neuen deutschen Nachwuchsfilms.

Die DVD enthält die komplette 'Trilogie zur Filmkritik – Film als Neurose'! Das sind neben TUNGUSKA die beiden Kurzfilme PHANTASUS MUSS ANDERS WERDEN und WHAT HAPPENED TO MAGDALENA JUNG.

Interview mit Alfred Edel über TUNGUSKA

Alfred Edel stand seit 1963 vor den Kameras aller Regisseure, die sich in Deutschland einen Namen erwarben. Nun, 1983, übernahm der die Rolle des Avantgarde-Forschers Roy Glas in Christoph Schlingensiefs TUNGUSKA - DIE KISTEN SIND DA. Über die Arbeit mit dem 30 Jahre jüngeren Regisseur unterhielt er sich mit Carsten Lorenz.

Was unterscheidet die Arbeit Christoph Schlingensiefs von der anderer Regisseure?

Bei Christoph ist bereits der Regisseur das Medium. Das illusionäre Erlebnis von Film geht dadurch beim Drehen verloren. Für die Produktion hat es aber den großen Vorteil, daß nicht nur jeder sein Handwerk einbringt, sondern am Drehort eine eigene Gesamtillusion vermittelt wird.

Zu Schlingensiefs Arbeit gehört auch, nicht Dialoge und Einstellungen sondern Szenen zu liefern. Haben Sie das als Aufgabe an den Schauspieler empfunden, oder als fehlende Regie?

Ich spiele mich lieber hinein und frei. Deshalb kam mir diese Einstellung sehr entgegen. Ich gestalte nunmal lieber mit, als zum Objekt der Gestaltung zu werden. Meiner Meinung nach kann die Phantasie nur einbrechen, wenn diese Freiräume da sind. Anders ausgedrückt: Es müßte schon riesige Erfahrung da sein, um in einem perfekt durchkonstruierten Drehplan noch Phantasie unterzubringen.

Trotzdem muß es doch eine große Umstellung gewesen sein?

Natürlich. Nicht einmal alle Regisseure verstehen es, eine persönliche Beziehung zu den Schauspielern aufzubauen. Die Zusammenarbeit mit Christoph hat deshalb so gut geklappt, weil er die Individualität berücksichtigt.

In anderen Filmen hatten Sie oft Sprechrollen, in TUNGUSKA liegt der Schwerpunkt mehr auf der Aktion. Kam Ihnen das entgegen?

Ich liebe Aktionsrollen , weil ich der Meinung bin, daß Film von Handlung lebt. Die Gestaltung des Forschers war für mich leichter, als wenn ich einen Theologen spielen müßte. 

30 Jahre Altersunterschied liegen zwischen Ihnen und Christoph Schlingensief. Hat sich dieses ungewöhnliche Verhältnis auf den Film niedergeschlagen?

Ja, und zwar sehr positiv. Das ist eine ganz andere Generation, mit der ich da zusammengearbeitet habe. Die Chance für den Schauspieler und den Film liegen in diesem Unterschied. Da kann man viel leichter aus einem Rollenschema ausbrechen und das bringt Innovation mit sich.

Die Themenstellung eines vergleichsweise jungen Regisseurs, konnten Sie die nachvollziehen?

Als ich 1963 mit Kluges ABSCHIED VON GESTERN die erste Filmrolle spielte, war das Zeitgeist. Alexander Kluge, Werner Herzog, Jean Marie Straub oder Syberberg: zu ihrer Zeit war das Zeitgeist. Ich habe den Eindruck, daß Christoph Schllngensief heute den Zeitgeist in TUNGUSKA ausdrückt. An der Rolle des Roy Glas hat mich die Distanz von dieser Rolle zur Person fasziniert. Ein ständiger Lehrnprozess. Die Rolle liegt viel weiter als die Person. Das muß dann biographisch aufgearbeitet werden

mehr... weniger...

Pressestimmen

Eine turbulente, exzentrische Auseinandersetzung mit dem Erzählkino, mit der Filmgeschichte, mit der Theorie des Sehens und mit der Wissenschaft, die den Zugang zum Lustgewinn durch Kunst verstellt. (Peter W. Jansen)

Die ultimative Abrechnung mit dem Avantgardefilm der 60er Jahre! (EPD Film)

Ein Film-"Salat". Spielerei um Film im Film, wo die Logik der Bilder jede logische Geschichte überflüssig macht. ("Der mutmaßliche Rimbaud des Films Christoph Schlingensief", Torsten Alisch, 20.05.1987) mehr...

Auch wenn Schlingensief sich mit dem Thema übernommen hat, so zeigen einzelne Einstellungen, daß er sein Handwerk gelernt hat. (Film-Echo, 16.11.84, Kay Hoffmann) mehr...

Ein überanstrengtes, aber unterhaltsames und ganz und gar unübliches Kinodebüt. Sehenswert! (Wolf Donner, 1984) mehr...

Daß der Prophet im eigenen Lande nicht viel gilt, ist für den Oberhausener Filmemacher Christoph Schlingensief weit mehr als eine Redensart. Er mußte anderthalb Jahre warten, bis sein Experimental-Spielfilm TUNGUSKA - DIE KISTEN SIND DA im heimischen Fernsehen gezeigt wird. In New York, Manila und Tokio, wo der Film via Goethe-Institut vorgeführt wurde, fand der Streifen starke Beachtung. (Neue Ruhr Zeitung, 18.01.86, Gustav Wentz) mehr...

Bei allen Schwächen eines Erstlings - ein bemerkenswertes, erfrischendes absurd-komisches Debüt, dem viele Kinos zu wünschen sind. (Benedikt Ehrenz, 1984)

Und da das TUNGUSKA-Spiel nicht beliebig ist, sondern schlau entwickeltes Thema - eine Abrechnung mit 24 Jahren Filmgeschichte und Kunsttheorie -, wagen wir die Behauptung, daß Christoph Schlingensief einen genialen Film gemacht hat. (Dietrich Kuhlbrodt, 1984)

Preise und Festivals