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Töchter

TÖCHTER Maria Speth, D 2014, 87 min

Ein scharfsichtiges Duell zweier starker Frauenfiguren.

Agnes kommt nach Berlin, um ein totes Mädchen zu identifizieren. Die Polizei glaubt, in der Leiche ihre weggelaufene Tochter gefunden zu haben – eine Fehlmeldung. Angetrieben von der Hoffnung, Lydia zu finden, bleibt Agnes in der Stadt und trifft bei ihrer verzweifelten Suche auf die Streunerin Ines, die mit penetranter Selbstverständlichkeit in ihr Leben eindringt, als ob es das ihre sei. Gibt es eine Verbindung zwischen der Fremden und ihrer Tochter?

Maria Speth über "Töchter"

Am Ende der Dreharbeiten meines Films „MADONNEN“ drückte mir jemand ein Buch in die Hand. Das hatte den Titel: „Dann hau ich eben ab”. Gespräche mit Eltern, deren Kinder von zu Hause abgehauen waren. Das Buch sollte mich animieren, einen weiteren Film mit der damals zwölfjährigen Darstellerin der Fanny aus „MADONNEN” zu machen. Monate später fing ich dann an, in Berlin im Milieu von Straßenkindern und obdachlosen Jugendlichen zu recherchieren. Und traf auf eine junge Frau, deren Energie und Trotz mich an Fanny erinnerten. Eine, die sich selbst als Künstlerin sah. Aber sich dem Kunstbetrieb verweigerte. So wie sie sich generell den Leistungsanforderungen dieser Gesellschaft verweigerte. Obwohl sie auf Grund ihrer Intelligenz und ihrer Fähigkeiten bestens geeignet gewesen wäre, diese Ansprüche zu erfüllen. Aggressiv vorgetragene Gesellschaftskritik in jeder Form war ihre Lieblingsattitüde. Eine Schmarotzerin aus Überzeugung. Diese Gesellschaft produziere so viel Überfluss. Es sei nur gerecht, daran zu partizipieren. Eine mögliche Geschichte der Fanny fortzuschreiben, interessierte mich. Unmöglich jedoch, ohne die Figur der Mutter.

Und die Mütter der Straßenkinder sind nicht notwendigerweise arbeitslos und wohnen im Märkischen Viertel. Sie arbeiten auch als Lehrerinnen. Für Deutsch und Geschichte, zum Beispiel. An einem humanistischen Gymnasium in einer hessischen Kleinstadt. Sehr bürgerlich, sehr normal, sehr geregelt. Aber sie weigern sich, zu sprechen. Über den Makel. Die Schuld. Und die Scham. „Das Wichtigste im Leben sind die eigenen Gefühle. Wenn das nicht beschädigt würde, wäre man ein Leben lang ein phantastischer Mensch. Wenn man etwas fühlt, dann ist es wahr." (John Cassavetes) Der erste Ort der Beschädigung ist die Familie. Die Familie ist diese Gesellschaft in ihrer kleinsten Organisationsform. Alles, was das Leben der Gesellschaft bestimmt, bestimmt auch das der Familie und umgekehrt. Aber die Beziehungen in Familien sind nicht nach öffentlichem Gesetz und Ordnung geregelt. Deshalb sind die Verhältnisse liebevoller oder brutaler und rücksichtsloser. Agnes und Ines, die beiden Hauptfiguren meines Films, tragen ihre familiären Verletzungen mit sich, als sie sich begegnen. Als Mutter und als Tochter. Mit der Chance, sich in diesen Rollen anders zu erfahren. Oder sich zu wiederholen.

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Pressestimmen

Maria Speth lässt das uralte Thema heikler Mutter-Tochter-Konflikte nicht los. Nach MADONNEN und 9 LEBEN - ein scharfsichtiges Duell zweier starker Frauenfiguren. (epd film)

Die albtraumhafte Begegnung der Lehrerin Agnes mit einer extrovertierten Obdachlosen, die in ihrem Hotelzimmer Unterschlupf sucht. (taz)

Maria Speths Töchter ist vielmehr ein Werk über die Dysfunktion – sowohl im Zwischenmenschlichen als auch im Inneren des Einzelnen - ambitioniert, mutig und unkonventionell. (kino-zeit.de)

Für die deutsche Regisseurin Maria Speth standen in all ihren drei Spielfilmen Frauen im Mittelpunkt, die im Grunde in kein normales Raster passen. Es waren verlorene Existenzen, Schattengestalten, Frauen, die gegen jedwede Erwartung leben oder handeln. In “Töchter” rückt Speth gleich zwei Damen in den Mittelpunkt, die unterschiedlicher nicht sein könnten und dennoch magisch von einander angezogen werden. (cinetastic.de)

Die Regisseurin Maria Speth hat sich für Morgeneyer als Obdachlose entschieden, „obwohl es bekanntere Schauspielerinnen gegeben hätte“. Aber Morgeneyer hatte das Leben zum Film. Speth musste nur fragen, und Morgeneyer erzählte ihr in den sechs Wochen Dreh aus ihrem 36-jährigen Leben, und darin ist viel von der Utopie, der Provokationslust, der Gesellschaftskritik und der Kompromisslosigkeit, die auch ihre Figur fordert. (Deike Diening)

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