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The Invisible Frame

THE INVISIBLE FRAME Cynthia Beatt, D 2009, 60 min

INVISIBLE FRAME - Website mit "Bike Tour"!

1988 sind die in Berlin lebende britische Filmemacherin Cynthia Beatt und die junge Schauspielerin Tilda Swinton zu einer filmischen Fahrradtour in ein wenig bekanntes Territorium aufgebrochen: Sie folgten dem Lauf der Berliner Mauer um den introspektiven Blick West-Berlins und den Blick über die Mauer nach Ost-Berlin einzufangen. Heute ist „Cycling the Frame“ ein ungewöhnliches historisches Dokument, und Tilda Swinton, die im letzten Jahr mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, ist längst ein Star.
21 Jahre später, im Juni 2009, sind Cynthia Beatt und Tilda Swinton noch einmal jene Linie nachgefahren, die die Mauer durch Berlin geschnitten hat. In „The Invisible Frame“ folgten sie dem gleichen Weg durch die vielfältigen Grenzlandschaften, dieses Mal aber auf der West- und Ostseite Berlins.
Wo einst der Stillstand des organischen Wachstums durch den Mauerbau die Landschaft prägte, verwischen 20 Jahre nach dem Fall der Mauer unkontrolliertes Wachstum oder Bebauung die Spuren des Grenzverlaufs. Im rhythmischen Zusammenspiel von festen Einstellungen und Kamerafahrten ergibt sich eine pulsierende Kreislaufbewegung, ein Umkreisen Ost- und Westberlins, das beide Seiten ineinander verwebt. Persönliche Reflexionen von Tilda Swinton als innere Monologe ergänzen die aus Originaltönen komponierten "Soundscapes" von Simon Fisher Turner, der bereits in den 80er Jahren mit Derek Jarman und Tilda Swinton zusammenarbeitete.

INTERVIEW mit Cynthia Beatt

Wie kamst du zu der ursprünglichen Idee deines ersten Filmes Cycling the Frame?

Ich lebte damals bereits seit 12 Jahren in Berlin im obersten Geschoss eines alten Fabrikgebäudes nahe dem Potsdamer Platz. Ich konnte aus meinem Fenster auf die Ruinen, die nach dem Krieg stehen geblieben waren, schauen. Von meiner Terrasse aus konnte ich die Soldaten in den Wachtürmen sehen. Die Ruinen und die Mauer waren meine unmittelbaren Nachbarn. Die Unbegreiflichkeit der Mauer war allgegenwärtig. Man lebte mit ihr, war aber im Stillen entsetzt darüber und ungläubig.
Das Verlangen der Mauer zu folgen war schon lange bevor ich die Idee zu dem Film hatte da. Ich fuhr die ganze Tour und verstand zum ersten Mal was die Mauer wirklich war, was sie bedeutete. Ich begriff, dass wir auf einer Insel innerhalb der Deutschen Demokratischen Republik lebten, das physische Umfahren der Insel war eine Offenbahrung.

Du bist die ganzen 160 km entlang der Mauer gefahren?

Ja, und ich war fasziniert von der nach außen gerichteten Perspektive und dem introspektiven Blick. Berlin hatte sich nach außen vergrößert indem es Dörfer und Landteile integriert hat, ein organischer Prozess, den die Mauer gestoppt hat. 1988 bestaunte ich von den Felder nahe Lübars (im Nord-Osten Berlins) ein anderes kleines Dorf auf der Ostseite und begriff, dass es dort war, wo Berlin nicht weiter vordringen konnte. Ich wurde von dieser stillstehenden Situation geradezu angezogen während ich mit dem Fahrrad entlang der Mauer fuhr.
Ich besuchte damals mehrmals Ostberlin, aber man konnte auf dieser Seite nicht in die Nähe der Mauer gelangen, geschweige denn sie zu filmen ohne verhaftet zu werden.

Wie kam es zum Film?

Ich visualisiere meine Ideen schon immer in Form von Filmen, all mein Material entwickelt sich unweigerlich zu Filmkonzepten. Im Frühjahr 1988 habe ich eine Anfrage von Carola Wedel vom SFB bekommen, ob ich einen Beitrag zu einer Serie von Nicht-Deutschen „Blicke von außen“ machen wolle. Ich schlug vor, mit dem Fahrrad entlang der Mauer zu fahren mit Tilda als Fahrradfahrerin.

Wie hast du Tilda Swinton damals für das Projekt gewonnen? Das war einige Jahre nachdem sie in Jarman’s Film „Caravaggio“ gespielt hat.

Derek Jarman war ein alter Freund von mir und ich traf Tilda durch ihn. Sie und ich wir hatten bereits zusammen gearbeitet. Wir arbeiteten an der Entwicklung meines Fiji Drehbuchs und ich wollte gerne, dass sie die Hauptdarstellerin in diesem Film wird.

Tilda fährt sowohl in dem ersten als auch im letzten Film Fahrrad. Warum gerade Fahrrad?

Es war eine ideale Art und Weise um der Mauer zu folgen. Du sitzt und fährst in eine Richtung, dein Kopf ist frei, du kannst dir Zeit lassen oder schnell fahren und deine Gedanken fließen mit dir. Das Blut wird durch deinen Körper gepumpt. Es ist sowohl geistig wie auch körperlich stimulierend. Und vor allem ist man frei. Der Film hat mit einer Pilgerfahrt zu tun, in der man sich selbst ein finales Ziel setzt um ihm dann Tag für Tag näher zu kommen.

Und dieser zweite Film, ist er ein Remake?

Nein. Für mich war völlig klar, dass dieser Film keine Wiederholung, kein Remake und keine Fortsetzung ist. Er musste unabhängig vom ersten Film stehen können. Tilda drückte es wortgewandt aus: Der Abdruck eines zweiten Fußes, zwanzig Jahre und den Fall einer Mauer später.
Während der Recherche zum Film habe ich mir vorgestellt, wie die Mauer fällt während ich auf meinem Fahrrad fuhr. Auf der einen Seite war es eine wundervolle Fantasie. Die beiden Teile Deutschlands kämen wieder zusammen. Aber was geschieht danach? Einige Generationen wurden bereits auf beiden Seiten der Mauer geboren ohne viel oder überhaupt Kontakt zueinander zu haben. Eine Seite lebte unter dem unterdrückendem Regime wo man die Mauer die „anti-faschistische Schutzmauer“ nannte und die andere Seite wuchs in einer liberalen, kapitalistischen Gesellschaft auf. Der zweite Film sollte eigentlich 10 Jahre nach dem ersten Film gedreht werden. Aber Tilda bekam ihre beiden Zwillinge. Also drehte ich einen Probedurchlauf mit einer walisischen Filmemacherin, Nia Dryhurst, die Tilda doubelte. Ich filmte mit einer Hi-8 Kamera, indem ich das Fahrrad mit der einen und die Kamera mit der anderen Hand führte. Anfang des Jahres 2009 hatte ich das Gefühl, dass es möglich wäre. Ich sprach mit Carola Wedel und sie war begeistert von der Idee, konnte sie aber nicht produzieren. Ich schrieb Tilda und fragte sie, ob sie eine weitere Fahrradtour in Berlin machen wollen würde. Sie sagte sofort: Ja! Danach kam Inge Classen, eine großartige Redakteurin von 3sat, hinzu. Und schließlich machte ich die Bekanntschaft mit Frieder Schlaich und Irene von Alberti von der Filmgalerie 451. Frieder ist ein außergewöhnlicher Produzent, er hat mir alles ermöglicht.

Welches sind die Unterschiede zwischen dem ersten und dem zweiten Film? Der erste war mit der Mauer und als du den zweiten gedreht hast, war die Mauer bereits lange gefallen. Du fuhrst entlang der ehemaligen Mauerlinie aber dort gab es nichts zu sehen?

Wenn man genau hinsieht, gibt es dort eine Menge zu sehen, aber es ist nicht einfach, es zu definieren oder in Worte zu fassen. Es war instinktive Geister-Arbeit. Ich hatte eine Menge an Recherchen hinter mir über den Prozess der Aufarbeitung mit der Nazi-Vergangenheit und ich war sehr mit der Frage beschäftigt, wie dies das gegenwärtige Deutschland beeinflusst. Viele Länder sind nie in solch einen Prozess involviert gewesen. Deutschland ist ihnen, was das betrifft, im positivsten Sinne weit voraus (wenn man Italien betrachtet!) weil es für die Gefahren faschistischer Tendenzen sensibilisiert ist. Diese Recherche führte sich für den zweiten Film fort, unter der Oberfläche der Wiedervereinigung grabend.
Es besteht aber auch ein politischer Hintergrund. Ich wuchs in den ehemaligen Britischen Kolonien auf. Ich betrachtete die „Übernahme“ der DDR damals mit Bestürzung. Es erinnerte mich an die herablassende Haltung ein System anzubieten, das man als überlegen betrachtet. Es stand außer Frage, dass die Bürger der DDR etwas anzubieten hätten.

Wonach hast du Ausschau gehalten?

Ich war sehr aufgeregt, was ich finden würde. Ich habe nicht nur die tatsächlichen Spuren der Mauer, nicht nur die Monumente und Denkmäler - obwohl sie natürlich auch wichtig waren - gesucht. Die Menschen, die bei Fluchtversuchen getötet worden sind, stehen für alle Menschen, die auch durch die Mauer erniedrigt und unterdrückt wurden. Für mich war dieser Film auch die Suche danach, was in diesen Mauer-Streifen entsteht und sich dort entwickelt. Je näher man hinsieht, desto detailierter erscheint einem das Gefundene.
Ich musste mich entscheiden: Sollten wir dieses Mal gegen den Uhrzeigersinn fahren? Sollten wir die gleichen Orte filmen? Einige schlugen vor, ich sollte Footage vom ersten Film mit einarbeiten...Einige wenige Orte sind zufällig die gleichen wie im ersten Film oder nahe diesen weil sie im ehemaligen Osten auf der anderen Seite der Mauerlinie lagen. Natürlich bin ich über Orte gestolpert, an denen ich zuvor gedreht hatte und einige davon habe ich nicht sofort wiedererkannt.
Meine Entscheidung war es, eine webende Bewegung mit der Fahrt entlang der alten Mauerlinie, an der Trennungslinie zu machen, als ob man die zwei Seiten zusammennäht. Es ist sinnbildlich, man versteht es unbewusst im Herzen, den Wunsch diese Wunde zu heilen.

Ist dieses Weben ein Ritual? Man webt die Teile zusammen, aber nun mit den neuen Medien. 

Ich habe mir das nicht als Ritual ausgedacht, aber es ist eine passende Beschreibung.

Tilda hat vor zwanzig Jahren in ihre eigene Film-Zukunft geblickt.

Ja. Im ersten Film schaut Tilda über die Mauer nach Osten, im zweiten steht sie bereits an einigen Orten, wohin sie in Cycling the Frame geschaut hat. Sie fährt entlang des Todesstreifens, sie betritt die Fabrik und sie steht bei der Heilandskirche in Sacrow.

Tilda ist die Performerin im Film, aber sie spielt auch sich selbst. Was brachte jede von euch mit in den Film ein?

Ich recherchierte wochenlang die gesamte Route mit der Kamerafrau (Ute Freund) und wählte die Drehorte aus. Ich musste bestimmte Punkt entlang des Weges markieren aber gleichzeitig banale Repräsentationen der Abschnitte entlang der Kreislinie vermeiden. Wenn das Team an einem Drehort ankam, abhängig von der Tageszeit und unerwarteten Zwischenfällen (Menschen, Verkehr etc.) musste ich mich auf das zentrale dieses speziellen Drehs konzentrieren und einen schnellen Weg des filmischen Einfangens der Essenz des Ortes finden ebenso wie ich bestimmen musste, was Tilda zu tun sollte. Und Tilda hat auf die gegebenen Situationen sehr gut reagiert, dadurch entstand etwas neues und spontanes.

Was brachte Tilda mit in den Film ein?

Tilda hat ein sehr feines Rhythmus- und Timing-Gefühl, ein Gefühl für die Kamera und auch eine sehr schöne Verspieltheit und Ironie, eine Buster-Keaton Facette, die sie auch im Film miteinbringt. Ich vertraute darauf, dass sie in dem Rahmen, den Ute und ich ihr geben konnten, ihre Genialität erwidert. Es ist ein Prozess der gegenseitigen Ergänzung.

Hast Du für sie einen Raum und Rahmen geschaffen, wo sie sich frei bewegen konnte? Oder wurde es ständig diskutiert und neu definiert?

Eher letzteres. Sich frei zu bewegen hätte bedeutet, eine Dokumentation über die Privatperson Tilda Swinton zu machen, die entlang der Geister-Mauer fährt, was es mit ziemlicher Sicherheit nicht ist. Wir haben den Film in nur 18 Tagen gedreht, was nicht gerade eine lange Zeit ist um 160km zu bewältigen und meistens mussten wir proben und mehrere Takes machen. Wir kamen an der nächsten Location an, nahmen sie unter die Lupe um daraufhin den Dreh vorzubereiten und ihn mit Tilda zu erarbeiten, drehten und machten uns dann auf zur nächsten Location. Wir haben etwa 5-9 Szene am Tag gedreht, einige davon waren ziemlich komplex weil wir die Koordination von der Kamera auf dem bewegten Vehikel und Tilda auf ihrem Fahrrad proben mussten, eine Choreographie von Fahrradfahrerin und Kamera. Jeder Drehort wurde unterschiedlich angegangen.

Es gibt einen Moment im Film, wenn Tilda genau auf der Mauerlinie fährt. Auf dem Pflaster. Sie schwankt hin und her. Was ist die Grenze heute für dich?

Ich bin mir immer noch bewusst wenn ich mich der ehemaligen Grenze nähere oder sie überquere, wenn ich im Osten bin. Man hat es geografisch verinnerlicht. Es bleibt eine Linie der seelischen Abgrenzung.

Wie entstanden die Texte zum Film?

Tilda hat zwei Gedichte vorgeschlagen, eines von der russischen Dichterin Anna Akhmatowa und das andere von Yeats „The Isle of Innisfree“.  Dann kamen Auszüge aus „Apologien der Faulheit“ (Apology for Idlers) von Robert Luis Stevenson hinzu, die ich Tilda vor Jahren gezeigt habe und die sie nun an mich zurück brachte. Wir haben mehrere Passagen von diesem kleinen Essay aufgenommen, aber nur eine einzige fand im Film Platz.
Die anderen Texte stammen von Tilda. Bis zu einem gewissen Grad sind sie aus Diskussionen zwischen Tilda, Simon und mir an dem Tag im Tonstudio entstanden. Dieser poetische Freilauf von Gedanken oder zum Beispiel die Liste mit den Alltagsaufgaben sind von Tilda improvisiert.
Während man Fahrrad fährt, denkt man ganz natürlich darüber nach, was man noch zu tun hat. Die Gedanken fließen rein und raus. Sie weben sich ihren Weg in den Geist und interagieren mit dem, was man entlang des Weges sieht.
Simon Fisher Turner hat entlang der Mauerlinie O-Töne aufgenommen. Er hat diese für die ‚Soundscapes’ überarbeitet ebenso wie einige Musik-Sequenzen. Ich bemerkte, dass der Film nicht in der gleichen Weise wie der erste Film Ton ertragen konnte, ebenso wenig wie er nicht viel Text vertrug. Die Gedichte waren perfekt für die Szenen die wir uns dazu vorgestellt hatten. Aber jede Textpassage brauchte Zeit und Raum, um die Worte im Ohr und im Herzen der Zuschauer klingen lassen zu können, nicht nur in der Nähe dieser einen Szene, sondern im Kontext des gesamten Filmes. Ich wollte, dass die Zuschauer selbst spüren, ohne zu explizit zu werden und ohne Erklärungen zu geben. Ich musste die Choreographie von Ton, Text und Bewegung umsetzen, die ich in meiner Vorstellung hatte, um es real zu machen und die Zuschauer zu tragen. Der Film ging seinen eigenen Weg und wurde zu etwas, was ich mir nicht bewusst vornehmen konnte zu tun. Es ist so. Die Essenz ist da und auf irgendeine Art so tief vertraut, doch das Resultat bleibt dennoch überraschend.

Gab es Überraschungen?

Es hat mich überrascht ein Mohnblumenfeld zu sehen wo einst der Todesstreifen verlief, das war einer der erheiterndsten Momente. Außerdem war es wieder überraschend zu sehen, wie die Außenbezirke von Berlin im Vergleich zum Zentrum aussehen. Kreuzberg, wo ich lebe, oder Mitte und Prenzlauer Berg sind nur ein kleiner Teil und nur ein Aspekt dieser Stadt. Es ist bereichernd ein größeres Gefühl von dieser Stadt zu bekommen. Es ist jedoch tragisch, wie wenig von der Mauer übrig ist; die wenigen Überreste sind meist heruntergekommen oder einfach Kitsch. Man fährt nach Rudow und da findet man plötzlich ein Mauerstück hinter Gittern, als ob es in einem Käfig stünde oder besser gesagt wie ein Tier, das vom Aussterben bedroht ist und nun geschützt werden soll. Das überraschte mich.

Irgendwo am Ende des Films sagt Tilda, dass es eine einsame Entscheidung ist, ohne Angst zu leben, mit einem offenen Herzen.

Tilda war ein bisschen besorgt, dass die Zuschauer denken könnten, sie sei arrogant, als ob sie sagen würde, schaut mich an, ich habe es geschafft furchtlos zu sein. Aber für mich ist klar, dass sie sich in einem Prozess befindet. Sie erkennt wie uns die Angst schädigt. Sie sagt, dass die Menschen ihre Waffen vor einem angstfreien Herzen niederlegen und das ist ein wunderschöner Gedanke. Das ist etwas, was Tilda unterscheidet. Man merkt, dass sie diesen Weg im Leben gehen möchte und das ich ein Grund, warum die Menschen sie lieben, weil sie es fühlen.

Es gibt eine Stelle, die mich etwas beunruhigt hat. Es wird sehr viel gemacht zum Thema Mauer, vieles davon ist oberflächlich, aber auch vieles mit viel Herz und guter Recherche. Im Film aber sagt Tilda nahe des Grenzturmes, in dem sich jetzt ein Museum befindet, dass alles verschwunden und ein Teppich darüber gerollt worden ist. Ist das nicht etwas zu stark?

Das war viel konkreter. Ja, die Stadt und das Fernsehen sind jetzt voll von Informationen, die mit dem Mauerfall zusammenhängen. Aber viele dieser Informationen mussten erkämpft werden. Sie wurden nicht einfach ausgehändigt. Wir haben einen ganz kleinen Raum im Wachturm gesehen, wussten aber nicht, wozu er damals benutzt wurde, vielleicht als Zelle für diejenigen, die bei Fluchtversuchen gefangen worden sind. Wir fragten die Leute, die in diesem kleinen Museum arbeiten, die ihrerseits versucht hatten, Kontakt zu ehemaligen Grenzwächtern, die dort ihren Dienst leisteten, aufzunehmen, aber keiner von ihnen reagierte auf ihre Anfragen. Sie fanden nicht einen einzigen, der bereit dazu war, darüber zu reden – von all den Hundert Männern, die dort ihren Dienst geleistet haben. Das war es, was Tilda damit meinte. Im Allgemeinen hat sie Recht. Warum müssen wir die ganze Arbeit leisten? Man hatte doch einiges nach dem Zweiten Weltkrieg gelernt bei der Aufarbeitung der Vergangenheit, der eigenen Geschichte. Ein endloser Prozess und bestimmt werden in der nächsten Dekade noch mehr auftauchen. Man muss die Diskussionen suchen. Ich habe mit den Menschen, die in der Borsig Fabrik arbeiten, gesprochen – es war einfach unglaublich, welche Geschichten da ans Licht kamen, über die Zwangsumsiedelungen von Familien zum Beispiel als eines der Dinge, die man in der DDR Ära damals durchlebte. Und ich denke, 90% der ehemaligen Westdeutschen wissen nach wie vor sehr wenig.

Ist es ein Film über Mauern?

Indirekt, ja. Er handelt von der Vergänglichkeit von Mauern und von der Tatsache, dass diese nicht erreichen außer dass sie noch mehr Negativität verursachen. Der Film hat mehrere Schichten. Ich kann nicht sagen, dass der Film über etwas ist. Matisse begreift die menschliche Seite des Malens als Resultat der mysteriösen expressiven Qualität, die, sofern der Maler große Sensibilität besitzt, im finalen Bild zum Ausdruck kommt. Demnach muss diese nicht mit dem Inhalt deutlich gemacht werden...“ Er bezieht sich damit auf die Malerei aber ich wende es auf das Kino an. Es geht dabei um Wahrnehmung. Ich mag Filme, die eine gewisse trügerische Leichtigkeit besitzen, mit zugrunde liegenden Bewusstseinsschichten, Bildern und Ton. Film ist wie Musik. In gewisser Hinsicht komponiere ich meine Filme als „musical scores“.

Von Katja Petrowskaja am 29. Oktober 2009

Cynthia Beatt

Geboren in Jamaika. Lebte zwanzig Jahre in Jamaika und auf den Fiji Inseln. Art Academy in England, danach ein Jahr im Mittleren Osten, Iran, Afghanistan und Indien. Wohnhaft in Berlin seit 1975.

Filmographie
1978-80 Beschreibung einer Insel
1983 Böse zu sein ist auch ein Beweis von Gefühl
1985-86 The Dakui Gau Trio und Namosi
1988 Cycling the Frame
1990 The Party - Nature Morte
2006-09 A House in Berlin
2009 The Invisible Frame

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Zitate

Pressestimmen

Beide Filme, "Cycling the Frame" und "The Invisible Frame", sind Freundschaftsdienst und Liebeserklärung an die gebeutelte Stadt in einem. (epd Film, 4.2010, Marli Feldvoß)

Durch Tilda Swintons zurückgenommene und doch intensive Performance, ihre pointierten Reflexionen, die sich starren Denkmustern entziehen und ein Moment der dichterischen Freiheit entfalten, die auch dem Betrachter einen Assoziationsraum eröffnen, lässt uns das Verschwinden der Mauer neu denken und empfinden. Im Zusammenspiel mit der aus feststehenden Einstellungen und fließenden Kamerafahrten sich gestalteten Bildwelten und einem Klangteppich, der die Tönung der Bilder kongenial unterstützt, erhalten die filmischen Einstellungen eine fast haptische Qualität, die den Betrachter den Genuss dieser Bewegung durch die freie Natur erfahrbar werden lässt – und so vermittelt, wie sehr sich Berlin verändert hat. (FriedlicheRevolution.de, Angelika Ramlow)

In der Gemessenheit des Bilder- und Gedankenflusses koexistieren die Bewegungen, Reflexionen und Banalitäten friedlich miteinander - was nicht allein tröstlich ist, sondern auch eine zutiefst aufrichtige Annäherung an die schwierige Verfasstheit des vereinigten Deutschlands erlaubt. "Cycling the Frame" und "The Invisible Frame" sind psychogeografische, philosophische Meditationen. Letztlich geht es hier darum, der Vergänglichkeit standzuhalten. (Berliner Zeitung, Anke Westphal)

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