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Stilles Land

STILLES LAND Andreas Dresen, D 1992, 98 min

Die Wende in der Provinz - Das Debüt von Andreas Dresen

Die DDR im Herbst 1989: Den jungen ambitionierten Regisseur Kai verschlägt es an ein Provinztheater im hohen Norden. Während draußen das Land zusammenbricht, versucht er mit 'Warten auf Godot' neuen Schwung in das resignierte Ensemble und die triste Kleinstadt zu bringen. Blaue Augen und Missverständnisse bleiben da nicht aus.

Andreas Dresens Debut spielt in den bewegten Herbsttagen des Jahres 1989. Während sich die politischen Ereignisse der Wendezeit überschlagen, herrscht in der Provinz noch Stille, so auch an einem Kleinstadttheater. Der junge Regisseur Kai soll dort zum ersten Mal inszenieren – ausgerechnet "Warten auf Godot". Sein Enthusiasmus wird durch die vorsichtige Zurückhaltung und die Gleichgültigkeit der Schauspieler gebremst. Er bezieht die Metaphorik des Stückes immer mehr auf die Situation. Ein Ensemblemitglied ist indessen zur ungarischen Botschaft geflohen. Langsam tauen die Akteure auf und verfassen eine gemeinsame Petition an Honecker. Als die Mauer fällt, scheitert ein gemeinsamer Ausflug allerdings an banalen Hindernissen; nur die Assistentin Claudia, in die Kai sich verliebt hat, macht sich gegen seinen Willen alleine auf den Weg. Sie kehrt mit einem Hamburger Schauspieler zurück, der gleichsam als Karikatur eines Westlers dem Theater kluge Marketing-Ratschläge unterbreitet.

 

Die DVD enthält neben "Stilles Land" ein Interview mit Andreas Dresen und 6 seiner frühen Kurzfilme (alle im Audiokommentar auf der DVD von ihm persönlich kommentiert!):

'Konsequenzen' (1987):
'Der letzte Arbeitstag eines Industriearbeiters in der DDR zwischen lauten Maschinen, Duschräumen und Lebensplänen gegen die Vernunft.

'Was jeder muss' (1988):
Susanne und Dieter sind 20. Sie haben gerade ein Baby bekommen. Das Familienleben könnte beginnen, aber Dieter muss zur Armee. Der Film begleitet ihn die ersten sechs Wochen, zeigt Zweifel, Einsichten und Zustände, die kaum zu akzeptieren sind. Ein kleiner realistischer Blick in die NVA vor der Wende.

'Nachts schlafen die Ratten' (1988):
Ein kleiner Junge in der Trümmerwüste des zweiten Weltkriegs und die Notlüge eines älteren Mannes – nach einer Geschichte von Wolfgang Borchert.

'Zug in die Ferne' (1989):
Ein trostloser Provinzbahnhof und sechs Personen, die auf den verspäteten Anschlusszug zum Hauptbahnhof warten. Über das Fernweh und die Sehnsucht der Eingeschlossenen im Oktober 1989, als den November noch keiner vermutete.

'Jenseits von Klein Wanzleben' (1989):
Ein Dokumentarfilm über den Alltag einer kleinen DDR-Brigade in Simbabwe, die zwischen exportierter Spießigkeit und besten Absichten, junge Afrikaner in Bauberufen ausbildet.

'So schnell geht es nach Istanbul' (1990):
Die einfühlsam erzählte Begegnung eines türkischen Gastarbeiters und einer Ost-Berlinerin kurz nach der Öffnung der Mauer - voller Unsicherheit und Situationskomik.

mehr... weniger...

Pressestimmen

Das Sympathische an Andreas Dresen ist, dass er im 45-minütigen Interview durchaus in der Lage ist, vieles selbstkritisch zu sehen, auch wenn ihn der unverdiente Misserfolg des Films wurmt. (...) Man erfährt alles, was man noch nicht über die Anfänge des Andreas Dresen wusste, dank einer der besten DVDs des Jahres. (EPD Film 6/2007, Jörg Taszman zur DVD-Veröffentlichung)

Andreas Dresen hat seine Ausbildung noch zu den Defa-Zeiten begonnen, hat in seinen Kino- und Fernsehfilmen von dem erzählt, was der Wandel mit den Menschen anstellt. Er ist deswegen ganz gewiss kein Regisseur für Ossi-Themen. Er hat etwas von einem humanistischen Realismus für unsere Kinematografie gerettet, für den es im Westen kaum eine Chance gab. Sich Menschen genauer anzuschauen, Personen und Schauplätzen zu vertrauen, dazu war keine Zeit. Im westdeutschen Film gab es verlassene Menschen auf dem Land und heftige Typen in der Stadt. (ZEIT, Georg Seeßlen)

Deutschland zur Zeit der Wende mit komödiantisch unbeschwerten Händen angefasst zu haben, ist sicherlich das größte Verdienst des Spielfilm-Debütanten Andreas Dresen. Keine Schwermut, keine Larmoyanz, vielmehr die genaue Beobachtung alltäglicher Details der zwischenmenschlichen Beziehungen. Das ist seine Stärke. (Berliner Morgenpost, 08.10.1992)