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Say Goodbye to the Story (ATT 1/11)

SAY GOODBYE TO THE STORY (ATT 1/11) Christoph Schlingensief, D 2011, 23 min

WELTPREMIERE AUF DER BERLINALE 2012

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Ein Albtraumniederschlag: GESTRICHENE Szenen eines Films, der allein aus gestrichenen Szenen besteht. Ihr wahrhaftigster Moment ist eine Traumsequenz, in der sich rauschhaft alle Qual der ersten Sequenz auflöst, um im Spuk einer dritten Sequenz zu landen. Nichts ist fertig, nicht einmal die Zwischentitel. Alles ist im Werden. Oder Vergehen. Schlingensief verzweifelt an seinen Darstellern, die vor seiner Kamera, also im Weg stehen. Er flucht, er  tanzt durchs Bild, er wiederholt und wiederholt. Er wischt das Objektiv, auf der Suche nach dem Moment zwischen den Bildern.

Ein Not-Making of, das uns mehr über den Tod einer Geschichte erzählt als eine Geschichte über den Tod einer Geschichte es könnte. “Once more: Everybody has to learn, that sometimes there is a good moment to say goodbye to the story. --- And then it’s perfect.” Dieses Fragment ist so perfekt, weil ein Film, wie wir ihn kennen, ein einziger Fehler gewesen wäre. (Jörg van der Horst)

Christoph Schlingensief bei Filmgalerie 451


ANMERKUNGEN

Die Dreharbeiten zu THE AFRICAN TWINTOWERS fanden im Oktober 2005 in Namibia statt, als dritte Station von Christoph Schlingensiefs vierteiligem Projekt „Der Animatograph“. Ein Spielfilm sollte es werden, der sowohl die Stoffe der beiden vorangegangenen Projektstationen (Reykjavik, Neuhardenberg) aufnehmen als auch Schlingensiefs in Teilen traumatische Erfahrungen am Grünen Hügel in Bayreuth verhandeln sollte.
Der Plot ging ungefähr so: Ein wahnhafter Regisseur, der unter Duschzwang leidet, soll im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika die Eröffnungsoper Bayreuth-gleicher Festspiele inszenieren. Er verliebt sich in die kultur- und lebensmüde Tochter der Festspielfamilie und fühlt sich fortan verfolgt: von ihren Eltern, von ihrem Bruder, von einem V-Mann der Freiwilligen Selbstkontrolle, einer fehlgeleiteten Entwicklungshilfepolitik – und von der Idee einer Oper, die er niemals machen wird.
Die gewollte Konfusion durch ein an losen Ideen reiches Drehbuch wurde bald schon von der Konfusion vor Ort eingeholt: Im Anschluss an ein Produktionsessen in Lüderitz wurde Schlingensiefs Laptop mitsamt der einzig gültigen Drehbuchversion von Straßendieben geklaut. 

In der Folge drehten Schlingensief und sein Team buchstäblich durch, jeden Tag, ohne festen Plan, in großen Teilen spontan. Schlingensief versuchte, wesentliche Szenen des Plots (z.B. Aufbau und Einweihung einer Drehbühne in einem Township vor den Toren der Hafenstadt Lüderitz) nachzustellen. Gleichzeitig drehte er kurze „Remakes“ von ihm geschätzter Filme (Fitzcarraldo, Faster Pussycat Kill Kill, Der Stand der Dinge, Lucifer´s Rising u.a.). Der Film, der ihm ursprünglich vorschwebte, hatte sich verselbständigt.
Für mich als Produzent war all das einerseits ein Desaster, andererseits erschien es nie hoffnungslos. Was jeden Tag gedreht wurde, war so intensiv, aufregend und wahnsinnig, dass ich fest daran glaubte, dass Schlingensief es später irgendwie zusammenfügen könnte.
Er konnte es nicht. Die Dreharbeiten und die daraus entstandenen circa 260 Stunden Filmmaterial waren ihm Segen und Fluch zugleich. Segen, weil sie seiner Idee vom Film, der sich von seinen Machern löst und zwischen den Bildern ein Eigenleben entwickelt, sehr nahe kam. Fluch, weil auch Schlingensief nicht mehr Herr über das Material war. Für ihn wie für uns war es nicht mehr zu fassen.
Aber THE AFRICAN TWINTOWERS ließ Schlingensief nicht mehr los. In den Folgejahren tauchten Bilder und Fragmente in unterschiedlichen Formen in Schlingensiefs Arbeiten auf, so in einer 18 Monitore umfassenden Installation im Haus der Kunst  München (2007) oder beim Berlinale Forum Expanded (2009). Was sie uns zeigen, sieht jeder anders. Was sie uns sagen, sagt jeder sich selbst. Gespenster der Freiheit. Sie bezeichnen zweierlei: Schlingensiefs Vertrauen in unsere Mündigkeit als Zuschauer und seine bedingungslose Liebe zum Film, den er stets als Heimat begriffen hat.
Wann der 20-Minüter SAY GOODBYE TO THE STORY (ATT 1/11) genau entstanden ist, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass Schlingensief ihn in wenigen Nächten selbst geschnitten hat. Nach seinem Tod, bei der Organisation seines Filmarchivs, bin ich wieder darauf gestoßen. Der Film besteht aus drei Szenen, die unter extremen Bedingungen entstanden sind. Zwei der Szenen wurden spät nachts gedreht, kein Darsteller, kein Teammitglied war darauf vorbereitet. Da wir alle in einer kleinen Lodge zusammen wohnten, konnte Schlingensief jederzeit einen Überraschungsdreh ansagen. Und das tat er!

Die dritte Szene, eine Traumsequenz in der Mitte des Films, entstand in einem geradezu manischen Rauschzustand aus Übermüdung, lauter Musik und Geschrei in einer leer stehenden Diskothek in Lüderitz.

(Frieder Schlaich, ATT - Produzent)

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Zitate

Pressestimmen

Ein Paar langweilt sich im Hotelzimmer, eine strenge Irm Herrmann kann Robert Stadlober und andere Streitende so wenig zur Räson bringen wie Schlingensief, der dauernd „Noch mal!“ fordert, die Szene dann neuerlich erhält, aber nie so, wie er es gerne hätte. Seine Schlussfolgerung: „Jeder muss lernen, dass es manchmal den richtigen Moment gibt, sich von einer Story zu verabschieden. Dann ist es perfekt.“ Konsequent geschnitten, wird aus den realen Szenen, die zugleich ihr eigenes „Making of“ sind, ein spannender Krimi – die 23 besten Minuten der „Berlinale“. (film-dienst 6/12, Andrea Dittgen)

Preise und Festivals