SAY GOODBYE TO THE STORY (ATT 1/11) Christoph Schlingensief, D 2011, 23 min
In der Folge drehten Schlingensief und sein Team buchstäblich durch, jeden Tag, ohne festen Plan, in großen Teilen spontan. Schlingensief versuchte, wesentliche Szenen des Plots (z.B. Aufbau und Einweihung einer Drehbühne in einem Township vor den Toren der Hafenstadt Lüderitz) nachzustellen. Gleichzeitig drehte er kurze „Remakes“ von ihm geschätzter Filme (Fitzcarraldo, Faster Pussycat Kill Kill, Der Stand der Dinge, Lucifer´s Rising u.a.). Der Film, der ihm ursprünglich vorschwebte, hatte sich verselbständigt.
Für mich als Produzent war all das einerseits ein Desaster, andererseits erschien es nie hoffnungslos. Was jeden Tag gedreht wurde, war so intensiv, aufregend und wahnsinnig, dass ich fest daran glaubte, dass Schlingensief es später irgendwie zusammenfügen könnte.
Er konnte es nicht. Die Dreharbeiten und die daraus entstandenen circa 260 Stunden Filmmaterial waren ihm Segen und Fluch zugleich. Segen, weil sie seiner Idee vom Film, der sich von seinen Machern löst und zwischen den Bildern ein Eigenleben entwickelt, sehr nahe kam. Fluch, weil auch Schlingensief nicht mehr Herr über das Material war. Für ihn wie für uns war es nicht mehr zu fassen.
Aber THE AFRICAN TWINTOWERS ließ Schlingensief nicht mehr los. In den Folgejahren tauchten Bilder und Fragmente in unterschiedlichen Formen in Schlingensiefs Arbeiten auf, so in einer 18 Monitore umfassenden Installation im Haus der Kunst München (2007) oder beim Berlinale Forum Expanded (2009). Was sie uns zeigen, sieht jeder anders. Was sie uns sagen, sagt jeder sich selbst. Gespenster der Freiheit. Sie bezeichnen zweierlei: Schlingensiefs Vertrauen in unsere Mündigkeit als Zuschauer und seine bedingungslose Liebe zum Film, den er stets als Heimat begriffen hat.
Wann der 20-Minüter SAY GOODBYE TO THE STORY (ATT 1/11) genau entstanden ist, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass Schlingensief ihn in wenigen Nächten selbst geschnitten hat. Nach seinem Tod, bei der Organisation seines Filmarchivs, bin ich wieder darauf gestoßen. Der Film besteht aus drei Szenen, die unter extremen Bedingungen entstanden sind. Zwei der Szenen wurden spät nachts gedreht, kein Darsteller, kein Teammitglied war darauf vorbereitet. Da wir alle in einer kleinen Lodge zusammen wohnten, konnte Schlingensief jederzeit einen Überraschungsdreh ansagen. Und das tat er!
Die dritte Szene, eine Traumsequenz in der Mitte des Films, entstand in einem geradezu manischen Rauschzustand aus Übermüdung, lauter Musik und Geschrei in einer leer stehenden Diskothek in Lüderitz.
(Frieder Schlaich, ATT - Produzent)
Zitate
- Wir haben 180 Stunden gefilmt, darunter auch kurze, aufflammende Momente der Glückseligkeit, in denen alles passte. Mich hat das in den besten Momenten an Dieter Roths Arbeit erinnert, in welcher er sich über Monate und Jahre hinweg immer gefilmt hat – eine Arbeitsweise, die den Zuschauer also per se überfordert. ... Man könnte sagen, dass ich mir die Dimensionen der Unternehmung im Vorfeld nicht ein einziges Mal richtig vorgestellt habe. (Christoph Schlingensief im Interview mit Max Dax, Juni 2010)
Pressestimmen
Ein Paar langweilt sich im Hotelzimmer, eine strenge Irm Herrmann kann Robert Stadlober und andere Streitende so wenig zur Räson bringen wie Schlingensief, der dauernd „Noch mal!“ fordert, die Szene dann neuerlich erhält, aber nie so, wie er es gerne hätte. Seine Schlussfolgerung: „Jeder muss lernen, dass es manchmal den richtigen Moment gibt, sich von einer Story zu verabschieden. Dann ist es perfekt.“ Konsequent geschnitten, wird aus den realen Szenen, die zugleich ihr eigenes „Making of“ sind, ein spannender Krimi – die 23 besten Minuten der „Berlinale“. (film-dienst 6/12, Andrea Dittgen)
Preise und Festivals
- 62. Internationale Festspiele Berlin (09.-19.02.2012) // Sektion: Berlinale Shorts Wettbewerb




