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Putty Hill & Hamilton

PUTTY HILL & HAMILTON Matt Porterfield, USA 2006 - 2010, 154 min

Zwei Filme von Matt Porterfield

Putty Hill (USA 2010, ca. 89 min)
Der 24-jährige Cory ist in einem verlassenen Haus an einer Überdosis Heroin gestorben. Am Tag vor seiner Beerdigung versammeln sich Freunde und Familie in einer Karaoke-Bar. Die geteilten Erinnerungen der Trauernden zeichnen das Bild einer Gesellschaft, die geprägt ist von Armut, dem Leben in der Großstadt, Generationsunterschieden und der gemeinsamen Suche nach einem neuen amerikanischen Traum.

Hamilton (USA 2006, ca. 65 min)
Hamilton
schildert zwei Sommertage im Leben einer jungen Familie: Lena, 17, und Joe, 20, sind seit kurzem unbeabsichtigt Eltern und leben in einer bunt zusammengewürfelten Nachbarschaft eines Vororts von Baltimore. Doch die beiden sehen einander nur selten.

Matt Porterfield über Putty Hill
Ich bin in einem Vorort von Baltimore aufgewachsen, mit wilden, unbeschnittenen Hecken, ungepflegten Rasenflächen und Veranden, Hinterhöfen mit Swimmingpools und alten Autoteilen – ein Ort, an dem es an jeder Straßenecke eine Kneipe oder eine Kirche gibt. Dieser Kiez, der gerade noch innerhalb der Stadtgrenzen liegt, inspiriert einen Großteil meiner Arbeit und dient auch als Rahmen für „Putty Hill“.
 
Zwischen 2007 und 2009 entwickelte und schrieb ich das Drehbuch zu „Metal Gods“, die Geschichte einer Gruppe von Metal-Head-Teenagern, die sich in den Außenbezirken von Baltimore herumtreiben. Die Arbeit an diesem Drehbuch verlief unkompliziert. Die Dreharbeiten sollten im Sommer 2009 beginnen, aber dann brach plötzlich die Finanzierung weg. In der Folge begann ich ein neues Drehbuch zu schreiben, in dem ich viele der Schauspielerinnen und Schauspieler von „Metal Gods“ unterbrachte, aber auch andere Darsteller, die ich in der Zwischenzeit kennengelernt hatte und mit denen ich arbeiten wollte. Das fünfseitige Treatment enthielt eine Dialogzeile sowie 15 präzise beschriebene Drehorte. Während der  Dreharbeiten entwickelte sich daraus eine intensive, fantastische Zusammenarbeit mit allen Beteiligten.

„Putty Hill“ ist mit keinem anderen Film zu vergleichen. Im Prinzip ist es ein traditioneller Dokumentarfilm mit einer realistischen Handlung. Aber dieser Realismus ist weit von den gängigen anthropologischen, lyrischen oder romantischen Strömungen entfernt, von denen dieses Genre heute in der Regel geprägt ist. Was noch wichtiger ist: Obwohl es eine grobe Erzählstruktur gab, wurden die einzelnen Szenen zum größten Teil improvisiert; entsprechend lebendig entwickelten sich die Dialoge, und auch das Verhältnis der Protagonisten untereinander intensivierte sich dadurch. Zwischen meinen Schauspielern und mir hatte sich schon bei den Vorbereitungen zu „Metal Gods“ ein enges Verhältnis entwickelt, so dass sie bereit waren, Risiken einzugehen und eine große emotionale Intensität einzubringen. 

Matt Porterfield über Hamilton
Fünf Jahre nach meinen Universitätsabschluss, ich arbeitete damals als Lehrer in einem Kindergarten in New York, entschloss ich mich einen Film zu drehen. Ich zog zurück nach Baltimore, in das Haus, in dem ich aufgewachsen war. Dort schrieb ich das Drehbuch von „Hamilton“.

In einem gewissen Sinne war es eine nostalgische Arbeit. Die Geschichte ist in einem Arbeiterquartier meiner Jugend angesiedelt und basierte auf Szenen, die ich während meines Aufenthalts in Brooklyn geschrieben hatte, wobei ich stets an Baltimore dachte. Bilder und Töne eines Sommers und der Wunsch, eine kleine Geschichte möglichst einfach zu erzählen, standen am Anfang von „Hamilton“. Die Erzählung wurde sehr kontrolliert entwickelt und im Drehbuch wurden alle Einstellungen und Übergänge genau beschrieben. Die Dialoge waren sekundär, Konflikte nebensächlich. Ich habe mir den Film zuerst als einen Stummfilm vorgestellt und versucht, die Geschichte rein visuell zu erzählen.

In den Sommermonaten ist Baltimore besonders schön: lange Tage, die Sonne, die Geschwindigkeit der Hitze, die Art, wie diese über den Bäumen und Gehwegen hängt und die Geräusche der Vögel und Insekten, Autos und Rasenmäher. Der Sommer ist hier offensichtlich und lässt sich in der Farbe der Nacht, der Farbe der Haut und in der Kombination von Wasser und Himmel finden. Dies alles wollte ich im Film sehen.

Ursprünglich sollte „Hamilton“ drei Akte umfassen. Frühling und Sommer in Baltimore, der Herbst an den östlichen Ufern von Maryland. Den Film in diesem Umfang zu erzählen, erwies sich jedoch als schwierig. Wir gaben diese Idee auf und versuchten stattdessen die Geschichte über einen Zeitraum von drei Monaten zu strukturieren. Mit der Zeit wurde aus den drei Monaten jedoch drei Tage, die dann schließlich auf zwei Tage schrumpften.

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Pressestimmen

'Putty Hill' ist ein visuell unglaublich schöner Film, gefügt aus Lichtern, Farben, Stimmungen, die kaum in Worte zu übersetzen sind. Der Film ist größtenteils improvisiert, gedreht in nur 12 Tagen, er hat eine leichte, hingeworfene Qualität. Doch zugleich liegt etwas Schweres, Müdes, Süßlich-Zähes in der Luft, in den Bewegungen und Gesichtern. Die Langsam- und Ziellosigkeit eines spätsommerlichen Nachmittags. (Schnitt, Elena Meilicke)

Matt Porterfield zeichnet in "Putty Hill" das melancholische Bild eines Stadtteils von Baltimore…Herausragend!” (tip Berlin, Michael Baute )

Ein mit wenig Geld und viel Leidenschaft inszenierter, einfühlsamer und bewegender Independentfilm. (ray Filmmagazin, 10/11, Ines Ingerle)

Es benötigt einen unvoreingenommenen, auch unverbrauchten Blick, um einem Milieu, das gerne lapidar unter dem Begriff "White Trash" zusammengefasst wird, noch neue Sichtweisen abzugewinnen. Putty Hill zeichnet diese Neugierde aus: Hier werden weder die Konventionen des Sozialrealismus bemüht, der einen an proletarischen Welten teilhaben lässt, noch wird eine Art Ursachenforschung sozialer Missstände betrieben. Dieser Film schaut hin, aber er kommentiert nicht. Porterfield, der selbst aus Baltimore stammt und die strukturschwachen Vororte der Stadt gut kennt, betrachtet das Vertraute mit den Augen eines Unbeteiligten. Er schafft damit Raum für Assoziationen, die von Teen-Dokumentarfilmen wie Streetwise bis zu Fotografien von William Eggleston reichen - Arbeiten, die das Bild eines Lower-Class-Amerika geprägt haben. (Dominik Kamalzadeh)