Navigation überspringen

 
Org (Arsenal Edition)

ORG (ARSENAL EDITION) Fernando Birri, I 1967–1978, 177 min

Fernando Birris ORG ist ein monströser, seit seiner Uraufführung beim Festival von Venedig 1979 äußerst selten gezeigter, knapp dreistündiger Film. Der heute 91-jährige Regisseur, Dichter, Maler, Lehrer und Gründer von Filmschulen gilt seit seinem Debütfilm Tire Dié als eine zentrale Figur des lateinamerikanischen Kinos. Für Birri war der Film das Ergebnis seiner italienischen Exilerfahrung: „Der Film ORG ist ein Alptraum mit geschlossenen Augen, weil er zu den schrecklichsten Augenblicken meines Lebens zählt, zu meinem zweiten Exil, das sehr lange dauerte.“ Die Geschichte von ORG basiert auf einer antiken indischen Legende, die auch Thomas Mann in seiner Erzählung „Die vertauschten Köpfe“ aufgegriffen hat. Vor allem aber ist der Film ein Wahrnehmungsexperiment mit über 26.000 Schnitten und knapp 700 Tonspuren.
Teils finanziert vom Hauptdarsteller Mario Girotti, auch bekannt als Terence Hill, ermöglicht ORG einen kaleidoskopartigen Einblick in die experimentellen, ästhetischen und politischen Strömungen der 1970er Jahre.

Birri überließ dem Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. 1991 eine 35-mm-Kopie des Films, die im Rahmen des Projekts „Living Archive“ digitalisiert wurde. Zur Berlinale erscheint auch die DVD des Films.

 
Filmvorführungen im Forum der Berlinale 2017:

  • Freitag, 10.02.: 14:00 h in der Akademie der Künste (E, F)
  • Donnerstag, 16.02.: 19:30 h im Delphi Filmpalast (E, F)
  • Sonntag, 19.02.: 14:00 h im Kino Arsenal 1 (E)


Fernando Birri
Geboren 1925 als Nachkomme italienischer Auswanderer in Santa Fe de la Vera Cruz, Argentinien. Er studierte Filmregie in Rom, kehrte 1956 nach Argentinien zurück und gründete in seiner Geburtsstadt das Instituto de Cinematografía de la Universidad del Litoral, die erste Filmschule Lateinamerikas. Der Regisseur, Dichter, Maler und Lehrer gilt seit seinem Langfilmdebüt, dem sozialkritischen Dokumentarfilm Tire Dié, als einer der Begründer des Neuen Lateinamerikanischen Kinos.

Filmografie (Auswahl)
1951
Selinunte · Alfabeto Notturno (Night School in Toretta)
1953
Immagini popolari siciliane profane; Koregie: Mario Verdone
1959
La verdadera historia de la primera fundacion de Buenos Aires
1960
Tire dié · Buenos días, Buenos Aires
1961
Los inundados (Flooded Out)
1963
La pampa gringa
1967
Castagnino, diario romano
1979
ORG
1983
Rafael Alberti, un retrato de poeta
1984
Remitente: Nicaragua / Carta al mundo
1985
Mi hijo el Chè
1988
Un senor muy viejo con alas enormes · Diario de Macondo
1997
Chè: Muerte de la utopía?
1999
El siglo del viento
2006
ZA 05. Lo viejo y lo nuevo
2007
Elegia Fruiliana
2011
El Fausto Criollo

Wir befinden uns in der Zukunft einige Jahre nach der Explosion des Großen Atompilzes; der Schwarze Grrr hilft seinem weißen Freund Zohommm bei der Eroberung der Geliebten Shuick. Einige Zeit später befragt der wegen seiner Frau und seines Freundes eifersüchtige Zohommm an einem gemeinsamen interplanetaren Wochenende eine alte elektronische Ruine, die Kybernetische Sybille. Als Antwort erhält er die Bestätigung seines Verdachtes und verzweifelt köpft er sich.

Als der Freund ihn tot auffindet, köpft auch er sich, und Shuick verzweifelt, als sie beide findet. Sie will sich gerade in den Abgrund stürzen, als Sybille sie aufhält und ihr erlaubt, den beiden das Leben zurückzugeben.

Shuick erweckt die beiden zu neuem Leben, setzt aber aus Versehen (oder nicht?) den Kopf des einen auf den Körper des anderen. Es entsteht ein Streit zwischen dem Kopf Zohommms (und dem Körper Grrrs) und dem Körper Zohommms (mit dem Kopf Grrrs) über die Frage, mit wem die Frau jetzt gehen wird: Ist der Mann sein Kopf oder sein Schwanz?

Um das Dilemma zu lösen, begeben sich die drei zu Toute-la-mémoire-du-monde, einem uralten Weisen, der in Besitz der irdischen Wissenschaft und Kultur ist, und der jetzt einen einsamen Winterschlaf auf einem Asteroiden hält. Das Urteil Toutes gibt dem Kopf von Zohommms recht, und so werden Shuick und Zohommm glücklich. Grrr mit seinem neuen weißen Körper wählt betrübt den Weg des Exils.

Die Zeit vergeht, Shuick gebärt ein Kind; der neue schwarze Körper Zohommms verblaßt und Shuick beginnt wieder an Grrr zu denken. Sie unternimmt mit ihrem Sohn eine intergalaktische Reise, um ihn zu suchen; Zohommm folgt ihr heimlich und entdeckt sie schließlich, als sie sich mit Grrr liebt. Erneut Zorn und Eifersucht von Zohommm.

Die drei Freunde analysieren mögliche Lösungen für ihr Problem, aber da sie zu sehr durch ihr irdisches Erbe geprägt sind, kommen sie zu dem Schluß, daß das Glück zweier von ihnen unausweichlich zur Unglückseligkeit des dritten führt. Angesichts der Unfähigkeit, ein mögliches Gleichgewicht herzustellen, zerstören sie sich selbst und vererben dem Kind – in der Hoffnung auf ein harmonischeres Leben – ihre besten Eigenschaften: Schönheit, Kraft, Intelligenz.

[Fernando Birri. Materialien und Dokumente, zusammengestellt von Peter Kürner, Oberhausen: Kurzfilmtage 1987, S. 130–131, Übersetzung: Beate Sonntag]

mehr... weniger...

Pressestimmen

Ein in jeder Beziehung exzessiver Film, bei dem sich das Experimentalkino von seiner verspieltesten und albernsten Seite zeigen darf und das Rauschhafte nicht nur Behauptung bleibt. Und dann ist da auch noch Terence Hill, der Fernando Birris Projekt nicht nur mitfinanziert hat, sondern auch ausgiebig seinen Astralkörper präsentiert und sogar eine Parodie auf seine Westernrollen gibt. (critc.de, 2.2017, MK)

Wer nur einen Film auf dieser Berlinale sehen will, sollte es mit diesem versuchen: der vom „Living Archive“-Projekt des Arsenals vorgenommenen Restauration eines der wildesten Werke der Filmgeschichte, des 1979 zum ersten Mal gezeigten „ORG“. (taz, 9.2.2017, Diedrich Diederichsen)

"ORG" wühlt sich mit einem verspielten Furor heiligen Ernsts durch die Unterbewusstseins-Mantsche seines Entstehungsjahrzehnts. Es gibt nichts, was sich dieser gefräßige Film an neuen Trieb- und Schubkräften seiner Zeit nicht einverleibt. Er handelt vom Aufbruch: Vom Aufbruch zum Mond, vom Aufbruch zu neuen Beziehung- und Bewusstseinsformen, vom politischen Aufbruch, vom (in jeder Hinsicht) Aufbruch der Filmformen, aber auch vom Aufbruch der semantischen Ketten (ob sie nun drogeninduziert sind oder nicht), vom Aufbruch der Sinnstrukturen, ja von Sinn überhaupt. (perlentaucher.de, 9.2.2017, Thomas Groh)

Preise und Festivals