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Miscellanea I-VII

infomedia-sh, Jörg Meyer

"Prolegomena des Blick(en)s" Wenn man von experimentellen (Dokumentar-) Filmen spricht, kommt man in Deutschland und seit Jahren auch im Forum der Berlinale an Heinz Emigholz nicht vorbei. Kaum einer beschreitet so konsequent die Grenzlinien zwischen Film, Fotografie, Malerei und Architektur, kaum einer denkt so reduktionistisch radikal über die Grenzen dieser Medien und ihre Verschnittmengungen nach.

Manche meinen, Emigholz’ Filme seien keine Filme, vielmehr auf die Filmleinwand geworfene Fotoausstellungen, woran Emigholz nicht ganz unschuldig ist: In seiner vielteiligen Serie namens „Photographie und jenseits“ („jenseits“ ganz bewusst klein geschrieben und daher eher ein Grenze und Richtung als eine statische (Gegen-) Welt andeutend) findet sich auch „Eine Serie von Gedanken“, vier Filme zwischen 12 und 29 Minuten Länge, die Emigholz zudem in seine Reihe von „Miscellanea“ einordnet: Filme, die quasi aus „Outtakes“ und Studien zu anderen seiner Filme entstanden sind, also Randbemerkungen, Zettelkastiges, nicht zuletzt Glossen seines Filmemachens.

Das Erstaunliche ist, dass sich in diesem „Abfall“ das Eigentliche seiner filmischen Blicke auf eigentümliche Weise verdichtet. Philosophen – und ein Filmphilosoph ist Emigholz unbedingt – würden derlei vielleicht unter „Prolegomena“ verbuchen – nicht selten wichtiger, verdichteter, konzentrierter, aber eben auch hermetisch skizzenhafter als das eigentliche Werk. So ist es auch in „Eine Serie von Gedanken“.

Wie magisch sich der Maler El Greco immer wieder vom Blick auf Toledo anziehen und inspirieren ließ, zeigt „El Greco in Toledo“. In zahlreichen Bildern des den Kubismus vorahnenden Malers, als den Emigholz ihn verbucht, ist die „Skyline“ der spanischen Stadt Hintergrund für geradezu apokalyptische Einblicke in Sein und Seele. Ein Leichnam sendet seinen letzten und daher ersten Blick auf seinen Richter, Vater und damit Erlöser. Emigholz setzt eine Reproduktion dieses Gemäldes in die Landschaft, den Blick von heute auf Toledo, von einem Ort aus, wie El Greco ihn sah. Die Geschichte einer Stadt wird zur Geschichte der Blicke auf sie – und umgekehrt. Die statischen Einstellungen unterlegt ein von Hans Zischler gesprochener Text aus Emigholz’ Buch „Krieg der Augen, Kreuz der Sinne“, das sich philosophisch u.a. mit dem Blick als Grundlage aller Erkenntnis auseinandersetzt. Wir sind bei der Betrachtung also eher auf den Modus Essay als Film gepolt, auf den „Augenblick“ als von Geschichte(n) transzendierte – nur vermeintliche, aber daher um so mehr – Gegenwart. Ob man dem Blick, dem ersten Eindruck, den das (Film-) Bild und seine mediale Präsentation bietet, vertrauen darf, ist eine Frage, die die Medientheorie umfänglich bearbeitet hat. Emigholz vetraut ihm dagegen bedingungslos, weil sonst kein Blick vetrauenswürdiger ist als dieser, der „hindurch“ blickt. Ein unbedingtes und darin radikales „Durchschauen“, vor das er Folien der Reflektion wie moderate Graufilter legt.

Nicht anders in „Leonardos Tränen“. Aus TV-Nahaufnahmen der Spieler bei der Fußballweltmeisterschaft 1998 konzentriert Emigholz den Blick auf den Fußballer Leonardo Nascimento Araujo, genauer auf einen Moment der Enttäuschung, seiner Trauer und Tränen. Wo das dokumentarische Medium TV-Fußballreportage sonst nur balltretende Füße zeigt, erscheinen hier die normalerweise fußballerisch funktionslosen Hände, mit denen sich Leonardo die Tränen abwischt. Eine Tragödie, die nicht als solche, nur in deren für das Medium lediglich Beiläufigkeit „eingefangen“ wurde, in der Konzentration und Verdichtung des geschnittenen Filmblicks aber zur solchen wird. Emigholz schafft hier geradezu eine Hommage auf den Blick, getrübt, aber auch erhellt von Tränen.

Wo hier der Schnitt den Blick steuert, zuspitzt, ist es in „An Bord der USS Ticonderoga“ der schweifende Zoom auf ein Foto, das der kriegsberichtende Fotograf Wayne Miller am 5. November 1944 auf dem Flugzeugträger USS Ticonderoga aufnahm: Vier Soldaten bereiten sich auf den Angriff vor, legen ihre Fliegerkluft an. Ein Foto wie ein Gemälde, ein Augenblick, der zeitlos Zweifel, Verzweiflung und Erwartung in Todesnähe zeigt. Ein Pressefoto, das in seiner Augenblickhaftigkeit des Snapshots ewig Allzumenschliches zeigt. Durch den gleitenden, zoomenden Blick der Kamera darauf macht es Emigholz lebendig, erweckt die Mumie des fotografischen Korns zu neuem Leben in dem des (mutwillig) bewegten Blickes. Eine Reflektion über das Mediale allen Abbildens und über das Menschliche in den Blicken der Menschen.

Den Neubau des Essener Folkwang Museums hat Emigholz in „Ein Museumsbau in Essen“ dokumentiert – in der Tradition seiner Architekturfilme wie etwa „Sense of Architecture“ (2009). Architektur lenkt die Blicke durch ihre perspektivischen Linien, die Emigholz durch leichte Schrägstellung der Kamera betont, aber auch in Frage stellt. Dass es sich dabei um eine Museumsarchitektur handelt spitzt die Reflektion über den Blick und das Blicken weiter zu. Denn ein Museum ist eine Anstalt gelenkter Blicke, die zugleich diversifiziert und damit befreit werden – in seiner Architektur. Die Verdichtung des Raumes richtet hier den Blick, den Emigholz erneut lockert.

Was Emigholz mit solchen Blicken „jenseits“ gewöhnlich medialen Blickens, nämlich als Modus des Denkens, will, bringt er selbst am besten auf den Punkt: „Dass Filme gewöhnlich dazu benutzt werden, Gedanken zu illustrieren, ist eine Unsitte. Dass Filme, allein schon durch die Bewegung ihres Grains, Gedanken anregen, ist eine Tatsache. Dass Filme selbst Bestandteile von Gedankengängen sein oder diese selbstständig weiterführen können, ist eine Behauptung, die fortlaufend zu beweisen ist."

TAZ, Lukas Förster

"Eine Serie von Gedanken" ist ein schönes Einstiegsangebot in Heinz Emigholz' einzigartigen Modus der Bildreflexion. Die ersten drei Abschnitte verbinden visuelles Material aus sehr unterschiedlichen medialen Quellen (Fotografie, Fernsehen, Gemälde) mit Voice-over-Kommentaren, die mal nah, mal weit weniger nah an den Bildern bleiben. "Ein Museumsbau in Essen", der letzte Gedanke der Serie, schließt an Emigholz' Architekturfilme an. Der Regisseur filmte das neu errichtete Folkwang-Museum Anfang 2009 kurz nach seiner Fertigstellung und kurz vor seiner Einräumung, in der kurzen Zeitspanne, in der nicht die jeweilige Ausstellung, sondern das Gebäude selbst das primäre Blickobjekt sein durfte. Das faszinierendste Segment aber ist dasjenige, in dem Bild und Ton am weitesten auseinanderklaffen: "Leonardos Tränen" verbindet Fernsehaufnahmen des brasilianischen Fußballspielers Leonardo Nascimento de Araújo während der Weltmeisterschaft 1998 mit einem Hörspiel, das ein Jahrzehnt vorher produziert wurde. Während Leonardo, eher funktionales als herausragendes Mitglied einer der besten Fußballmannschaften aller Zeiten, gefoult wird, gestikuliert, zum Eckball läuft, sich den Schweiß vom Gesicht wischt, tragen vier verschiedene Sprecher melancholische, wütende Texte über Kunst, Homosexualität und das Verzweifeln an der Gegenwart vor.

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