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EPD Film

Sein bester Film!

Szene Hamburg, 1986

Ich vertraute Cuca-Alfred, meiner Assistentin, an, daß "Die Tränen des Eros" unten rechts in meinem Bücherregal stehen, doch Alfred sah in meinen Interpretationsversuchen noch immer nichts für die Imagepflege. Schließlich bestätigten wir uns jedoch, daß wir das Glück haben, in einem genialen Film eines genialen Regisseurs zu arbeiten, der höchstwahrscheinlich in die Filmgeschichte eingehen werde. Ein mutmaßlicher Rimbaud des Films. Das war's.

Szene Hamburg, "Analterror und Kannibalismus aus dem Underground von Mülheim", E. O. Jauch

Die Berlinale-Berichterstatter haben sich an MENU TOTAL bereits den Magen verdorben und in ihren Kolumnen kräftig ausgekotzt. Verständlich, denn Schlingensiefs Menü ist nicht jedermanns Sache: Ein kannibalistisches Happening, eine perfide Art Vergangenheitsbewältigung per Freß- und Verdaumassaker.

Der Regisseur ist ein echtes Wunderkind: 26, macht Filme seit seinem 12. Lebensjahr (Debüt: "Rex, der unbekannte Mörder von London", Super-8), wollte vor vier Jahren als Student an die Münchner Hochschule für Film und Fernsehen, wurde abgelehnt, ging dann zwei Jahre später an eine andere Hochschule - allerdings nicht als Student, sondern als Lehrbeauftragter. Sein erster langer Film TUNGUSKA wurde auf den Hofer Filmtagen 1984 aufgeführt, von der "Zeit" als "erfrischend" und in der ZDF-Sendung "Aspekte" als "exzentrische Auseinandersetzung mit dem Erzählkino" gewürdigt. Nun also Christoph Schlingensiefs MENU TOTAL - die Berlinale-Berichterstatter haben sich daran bereits den Magen verdorben und in ihren Kolumnen kräftig ausgekotzt. Verständlich, denn Schlingensiefs Menü ist nicht jedermanns Sache: Ein kannibalistisches Happening, eine perfide Art Vergangenheitsbewältigung per Freß- und Verdaumassaker.

"Rocky Horror History Show", Peter Buchka, 01.08.1986

Schlingensief erledigt die deutsche Vergangenheitsbewältigung von Hitler bis zu seinen Bewältigern in einem Aufwasch.

Schlingensief erledigt die deutsche Vergangenheitsbewältigung von Hitler bis zu seinen Bewältigern in einem Aufwasch. Da bleibt nichts mehr übrig, schon gar kein Argument. Etwas beeindruckend Rigides passiert hier, sprachlos fast, nur konzentriert auf dreckige, aufgerauhte, grobkörnig-kontrastreiche Schwarzweißbilder von kaum noch gewohnter Direktheit. Aber so direkt, wie sie tun, sind diese Bilder gar nicht. In Wahrheit kotzen auch die Bilder nur aus, was an Fäkal- und anderen ungehörigen Ausdrücken in die Sprache eingegangen ist. Darin liegt tatsächlich ein Neubeginn, auch wenn darauf hinzuweisen ist, daß sich ähnliches in viel dezenteren Ansätzen auch schon beim frühen Kluge findet. Aber als Kluge seine ersten Kurzfilme drehte, war Christoph Schlingensief erst fünf Jahre alt, und das kann man ihm nicht zum Vorwurf machen. Der Vorwurf geht eher dahin, daß sein filmischer Kahlschlag Gefahr läuft, alles auf einmal in den Orkus zu schütten. Doch um das endgültig zu entscheiden, sollte man abwarten, was dieser fraglos begabte und mutige Provokateur in Zukunft macht. Bis jetzt sieht man neben dem deutlichen Unwillen gegenüber unserer Gegenwart nur einen unbedingten Willen zum Neubeginn - und das ist doch schon was!

Marabo, Magazin für das Ruhrgebiet, 06.06.1986, Inge Freitag

Schlingensief schafft es - nicht zuletzt durch das extrem grobkörnige s/w-Material- eine alptraumhafte Atmosphäre zu erzeugen wie sie selten im Kino spürbar wird (...).

Während TUNGUSKA ein eher intellektuelles Kinovergnügen darstellt, ist der neue Streifen auf rein emotionale, fast physische Wirkungen bedacht. Schlingensief schafft es - nicht zuletzt durch das extrem grobkörnige s/w-Material- eine alptraumhafte Atmosphäre zu erzeugen wie sie selten im Kino spürbar wird, so daß man ihm gerne einige formale Schnitzer verzeiht. MENU TOTAL ist ein ungehobelter, radikaler Film, der noch zu schockieren vermag - vielleicht ein Anfang für einen Neuen Deutschen Undergroundfilm?

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