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Lenz

LENZ Thomas Imbach, Schweiz/Deutschland 2006, 95 min

Das Genie schreibt sich seine eigenen Regeln.

Der Filmemacher Lenz verlässt seine Heimatstadt Berlin, um in den Vogesen die Hintergründe von Georg Büchners Fragment 'Lenz' zu erforschen. Doch bald schon tauscht er die elsässische Landschaft gegen höhere Lagen und emotionaleres Gelände: vom Wunsch getrieben, seinen neunjährigen Sohn Noah zu sehen, macht er sich auf nach dem Wintersportort Zermatt in den Schweizer Alpen. Dort arrangiert er mit Noahs Hilfe ein Treffen mit seiner Exfrau Natalie, die er immer noch liebt. Eine kleine Idylle erblüht in der wieder gefundenen Nähe zu seinem Sohn und in der neu entfachten Liebe zu Natalie. Doch die Illusion eines glücklichen Familienlebens ist nur von kurzer Dauer, allzu schnell wird sie überschattet von Lenz’ Verhalten, der immer stärker in abseitige Gefilde driftet. Noah und Natalie kehren nach Zürich zurück. Lenz bleibt im Gebirg, allein.

Mit seiner Mischform aus Fakten und Fiktion wandelt Thomas Imbach auf Büchners Pfaden, der seine Novelle ausgehend von einer wahren Begebenheit aus dem Leben des deutschen Dichters Lenz (1751-1805) gestaltete. Wie sein literarisches Alter Ego ist auch der moderne Lenz ein gequälter Visionär, ein Gefangener seiner euphorischen und verzweifelten Anfälle. Imbachs Film fängt diese heftig umschlagenden Gefühle mit seinem vielgestaltigen visuellen und akustischen Stil ein. Lenz’ unstetes Innenleben findet ein äusseres Pendant in der elementaren Schönheit der umgebenden Natur.

Das emotionale Drama der Hauptfiguren spielt vor dem Hintergrund eines kitschig anmutenden Massentourismus: Zermatt gibt den Schauplatz ab, und in den Dorfszenen sind auch echte Touristen zu sehen. Bei den Bildern des Familien lebens rückt die Kamera nah an die Figuren heran und lässt damit tief blicken in die Befindlichkeiten moderner Beziehungen. Film und Video, Inszenierung und Improvisation, Schauspieler und Laiendarsteller, zärtliche Lovestory und Slapstick: Imbach formt scheinbare Gegensätze zu einem organischen Ganzen, das getragen wird von einer dramatischen Filmmusik, bestehend aus Folksongs, Popmusik und bearbeiteten Naturgeräuschen. Ein unkonventionelles Porträt eines Mannes, dessen Lebensmotto an Poeten der Romantik gemahnt: Das Genie schreibt sich seine eigenen Regeln. 

Der Regisseur über den Film:
Eigentlich hätte ich nie gedacht, dass ich den Lenz einmal machen würde. Ich trage dieses Reclambändchen zwar seit meinem neunzehnten Lebensjahr mit mir herum. Aber ich hatte immer viel Respekt vor diesem Text und fand, dass es zu sehr Literatur und eigentlich kein Filmstoff sei, und dass man zwangsläufig daran scheitern müsste, angesichts dieser Sprache. Andererseits war das für mich gerade die Herausforderung, dass es als etwas Unmögliches erschien. Und nach Happiness Is a Warm Gun war der Lenz für mich eine logische Fortsetzung, denn die beiden Hauptfiguren weisen eine innere Verwandtschaft auf. Beide Figuren kämpfen wenn auch aus verschiedenen Gründen und mit unterschiedlichen Mitteln gegen eine tödliche, innere Verzweiflung an. Die Figur des Lenz ist mir persönlich näher. Sein Ende ist schonungsloser, weniger verklärt. „So lebte er hin“ heißt es dort, das ist radikaler als Selbstmord oder Tod, wo sich in gewisser Weise etwas löst.

Die literaturgeschichtlichen Aspekte standen nicht im Zentrum für die Arbeit am Film. Ich lese den Lenz in Bezug auf persönliche Themen und behandle ihn als einen zeitgenössischen Stoff. Besonders fasziniert hat mich jedoch, wie Büchner seinen Text gebaut hat als einen Re-Write von Pfarrer Oberlins Tagebuch. Wie er ihn zu einem ganz eigenen Text gemacht hat, ohne das Ursprungsmaterial völlig umzuschreiben.

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Pressestimmen

Peschel porträtiert mit beklemmender Präzision jene Spur zuviel an Intensität, mit der Lenz seine Umgebung in einem Moment bezaubert und im nächsten abstößt. Die digitalen Bilder des Films unterstreichen zusätzlich die Unruhe und Rastlosigkeit der Figur. (epd Film, 2/2006)

Wie der historische Lenz und Büchner als Autoren schreiben sich auch Thomas Imbach und Milan Peschel in die Filmfigur Lenz mit hinein. Das Resultat ist ein komplex gestaltetes, zugleich dramatisches wie ironisch gebrochenes Werk über eine Figur, die der „Langeweile“ eines möglichen Selbstmords den Wahnsinn im blauen Bademantel entgegensetzt. So lebte er hin, heißt es bei Büchner. Irrsinniger als der Tod ist die Kontinuität dieses Lebens. So lebte er hin. Auch hier. (critic.de, 11/2006, Claudia Wente)

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