Navigation überspringen

 
Kurz davor ist es passiert

KURZ DAVOR IST ES PASSIERT Anja Salomonowitz, Österreich 2006, 72 min

Untiefen des Frauenhandels - Anja Salomonowitz' preisgekrönter Dokumentarfilm

Fünf Personen erzählen in ihrem alltäglichen Umfeld Geschichten, die sie nie erlebt haben. Sie geben die Berichte von Betroffenen des Frauenhandels wieder. Sie erzählen von Ausbeutung, Gewalt und Zwang. Sie erzählen von Wirklichkeiten, die geschehen sind und die an den Orten, die gezeigt werden, hätten passiert sein können.

'Besessen von der Wirklichkeit' - Notizen zu KURZ DAVOR IST ES PASSIERT von Nora Sternfeld

Fünf Personen erzählen in ihrem alltäglichen Umfeld Geschichten, die sie nie erlebt haben. Sie geben die Berichte von Betroffenen des Frauenhandels wieder. Die Geschichten brechen in den Alltag ein. Sie erzählen von falschen Versprechungen, Verschuldung und Täuschung, Zwang, Gewalt und Ausbeutung, von Nötigung, Drohung und Sklaverei. Das sind die Mechanismen, die Frauenhandel definieren. Die Gesetzgebung schützt die Migrantinnen nicht. Ganz im Gegenteil, meist werden sie kriminalisiert.

Der Film bringt die Erzähllogiken von filmischer Fiktion, dem  „was geschehen könnte“ und Dokumentation, dem „was geschehen ist“ in ständig neue Beziehungen zueinander: Stilisierte Bilder geben Einblicke in den Alltag eines Grenzbeamten, eines Bordellkellners, einer Nachbarin, einer Konsulin und eines Taxifahrers. Die Sequenzen sind zu konstruiert, um dokumentarisch zu sein, der Alltag wird zum Filmischen verfremdet. Die Menschen, Orte und Situationen sind aber real - es handelt sich nicht um SchauspielerInnen in einer Filmkulisse, sondern um Personen
in ihrem alltäglichen Umfeld – die erzählten Geschichten stimmen allerdings nicht mit ihren eigenen Erlebnissen und Erfahrungen überein. Die Oberfläche der Bilder wird von anderen Geschichten durchbrochen, die als Texte rezitiert werden. Alle Orte, die der Film zeigt, kommen in den realen Geschichten der Frauen vor. Sie erzählen von Wirklichkeiten, die geschehen sind und die an den Orten, die gezeigt werden, geschehen hätten sein können. Indem das Dokumentarische, das Konstruierte, das Narrative sich ständig gegenseitig unterlaufen, entsteht der Effekt einer doppelten Verfremdung, die jegliche Identifikation mit den ProtagonistInnen verweigert. Damit arbeitet der Film die Momente der Verstrickung des Alltäglichen mit den Geschichten des Frauenhandels heraus.

In seiner paradoxen Gegenüberstellung und Infragestellung der scheinbaren Selbstverständlichkeit von Regel und Ausnahme bedient sich der Film auch der Stilmittel des Horrorfilms. Der Alltag wird zur idyllischen Normalität stilisiert, die von etwas unheimlichen unterbrochen wird. Eine Grenzstation, ein Friedhof, die Villa einer Konsulin, Taxifahrten durch Wien... Die Figuren sind wie „besessen“ von den anderen Geschichten. Doch das Grauen und das Unheimliche, das in den Alltag hereinbricht, ist nichts anderes als die Realität. Die Realität, die aus dem heimlichen ihrer ebenso gesellschaftlichen wie alltäglichen Unsichtbarkeit entrissen wird. Es ist die Realität der Geschichten von Frauen, die mit Frauenhandel konfrontiert sind, die sich damit abfinden, einen Weg suchen und sich wehren.

„Wir sind unter euch“, heißt ein Slogan der deutschen Gesellschaft für Legalisierung, die der Kriminalisierung von MigrantInnen eine selbstbewusste politische Position des Rechtes auf Legalisierung entgegensetzt. Der Film von Anja Salomonowitz nimmt demgegenüber eine mehrheitsösterreichische Perspektive ein: „Sie sind unter uns!“ und verwickelt uns in die Unheimlichkeit der Realität, die immer schon passiert ist und die im Alltag gemeinhin keine Rolle spielt.

mehr... weniger...

Zitate

Pressestimmen

Anja Solomonowitz' fiktionale "dokumentarische Fiktion" nimmt Godards berühmte Wendung wörtlich, es gehe nicht darum, „politische Filme“ zu machen, sondern „Filme politisch“ zu machen“. (Zitty, Jenny Bleek)

Anja Salomonowitz’ zwischen Dokumentation und Abstraktion vermittelnder Film erzählt von Prostitution und Hausmädchen, von Macht und Ohnmacht, vom Ausgeliefertsein in fremden Umgebungen. Salomonowitz entscheidet sich in ihrem streng strukturierten Film dagegen, vordergründige Empörung oder nur Empathie zu erheischen und bricht stattdessen die Mechanismen von Identifikation auf. (Aus der Jury-Begründung für den Wiener Filmpreis, Viennale 2006)

Das doppelbödige Spiel mit Realität und Realitätswahrnehmung verdichtet sich zur spannend-erhellenden Analyse gesellschaftlicher Missstände. (Filmdienst)

Die semi-dokumentarische, äußerst durchdachte Inszenierung entzieht das Thema Menschenhandel sowohl dem reißerischen Boulevard, als auch dem anklagenden Politkino und gewinnt ihre Spannung und Tiefe stattdessen aus der Reibungsenergie der verschiedenen Ebenen (Critic.de)

Preise und Festivals