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Klaras Mutter

Tip Berlin, 18.11.2008, Alexandra Seitz

Die Utopie von einer selbstbestimmten Lebensweise, einer gerechten Gesellschaft, einer anderen Welt – sie existiert in vielen Köpfen. In einem Dorf im Fränkischen in den frühen Dreissiger Jahren versucht Frau Falk mit ihrer Tochter Klara diese Utopie zu leben.

Die Dörfler beäugen die "Grasfresserinnen" mißtrauisch, die auf dem Boden schlafen und Kräuter sammeln und Früchte trocknen. Und als eines Tages der polnische Genosse Herbert Kupka bei den Frauen einzieht, ist es mit der vordergründigen Ruhe rasch vorbei. Nicht zuletzt, weil widerstreitende Gefühle von Zuneigung und Eifersucht den Seelenfrieden der Frauen stören. Die Utopie, sie fällt dem Egoismus der Leidenschaften zum Opfer. Einmal mehr. "Klaras Mutter", das vom WDR produzierte Filmregiedebüt des Prosa-, Bühnen- und Drehbuchautors Tankred Dorst, sieht manchmal aus wie Schwarzweiß-Fotografien aus den 1910er Jahren und fühlt sich mitunter an wie ein Film von Straub/Huillet. Ein rares Werk, das ebenso spröde ist wie schön, karg und doch detailgenau, realistisch und zugleich, vor dem Hintergrund seiner Entstehungszeit, allegorisch lesbar. "Ich bin ja ein Laie", sagte Tankred Dorst seinerzeit in einem Interview, und eben diese Haltung eines Laien wirkt in "Klaras Mutter" als Befreiung: Befreiung dreier Menschen und ihrer Geschichte aus den Konventionen von Charakterisierung und Dramaturgie. Und Befreiung des Raumes aus den Zwängen szenischer Auflösung. So ist denn auch am Ende dieser Film selbst das Dokument einer Utopie: Eines Kinos, das nicht blenden will. Tip-Bewertung: Sehenswert

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