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I was a Swiss Banker

I WAS A SWISS BANKER Thomas Imbach, CH 2007, 75 min

Unterwasser-Reise durch eine berückend schöne Schweiz


Eben erst war Roger noch der geschniegelte Jung-Banker, der es zum x-ten mal schaffte, das Schwarzgeld seiner Kunden mit einem charmanten Buben-Lächeln über die Grenzen zu schmuggeln. Dann geschieht’s: Roger wird von den Zöllnern heraus gewunken, er verliert die Nerven, erwischt beim Durchstarten einen Zöllner und kann sich gerade noch mit einem Kopfsprung in den Bodensee retten. Mit diesem Sprung aber katapultiert er sich nicht nur aus seiner Banker-Karriere heraus, sondern in eine ganz neue und wahrhaft überraschende Welt hinein. Diese Welt ist bevölkert von scheuen Meerjungfrauen in Lara Croft-Montur und listigen Elster-Hexen in Helikoptern. Wie in einem Grimmschen Märchen muss sich Roger jetzt dreifach bewähren, um dem Bann der Hexe zu entkommen und zu sich und seinem Glück zu finden. Seine Unterwasser-Reise durch eine berückend schöne Schweiz wird getragen und vorwärtsgetrieben durch die zauberhaften Lieder der Sirenen, denen Roger unterwegs begegnet und bei denen man ewig verweilen möchte.

Thomas Imbach im Gespräch mit Stefan Volk

Stefan Volk: Realistisch im naturalistischen Sinne ist keiner Ihrer Spielfilme. Mit I WAS A SWISS BANKER kreieren Sie nun aber zum ersten Mal ein modernes Märchen, das sich mit seinem ruhigen, lyrischen Erzählton deutlich von HAPPINESS IS A WARM GUN und LENZ unterscheidet. Wie kam es dazu?

Thomas Imbach: Mit den Arbeiten zu I WAS A SWISS BANKER habe ich parallel zum Lenz begonnen. Es war mir ein Bedürfnis, neben dem Lenz – an den ich mich viele Jahre nicht herangetraut hatte, da ich ahnte, dass das für mich ein persönlich anspruchsvoller Stoff werden könnte – etwas zu machen, das mein fiilmisches Universum stimmungsmäßig in die Höhe hebt. Insofern ist I WAS A SWISS BANKER eine Art Ying-Yang-Projekt zum Lenz. Zunächst hatte ich nur den Titel I WAS A SWISS BANKER im Kopf. Daraus hat sich dann das Märchen und die Unterwasser-Welt entwickelt. Es war von Anfang an klar, dass es im Gegensatz zum schweren, literarischen Stoff Lenzeine eher unbeschwerte Geschichte sein sollte. Ein zarter, poetischer Film, der sich anfühlt, als ob einem ein Schmetterling über die Wange streicht.
Ursprünglich wollte ich ihn auch so produzieren: als leichthändigen Sommerfilm, innerhalb von zwei, drei Wochen. Aber als wir dann einen Sommer lang aus dieser euphorischen Stimmung heraus geprobt und gedreht hatten, musste ich feststellen, dass es noch nicht ausreichte. Etwas atmosphärisch Leichtes lässt sich eben nicht unbedingt mit derselben Leichtigkeit realisieren. Im Gegenteil, gerade das Leichte erweist sich manchmal als besonders schwierig. Wir haben dann einen zweiten Sommer lang mit geschriebenen Dialogen und aufgelösten Szenen gedreht. So sind aus den drei Wochen schließlich drei Jahre geworden.

Sie beschreiben hier eine Arbeitsweise, die nicht gerade typisch nach Imbach klingt. Bislang galt als eines ihrer Spielfilm-Credos, das Drehbuch beim Dreh zu "vergessen", damit sich die Schauspieler gleichsam in ihre Figuren verwandeln können. I WAS A SWISS BANKER hingegen liegt nun eine recht klare narrative Struktur zugrunde. Und zum ersten Mal überhaupt verwenden Sie einen Off-Erzähler…

Jeder Film bestimmt seine eigene Erzählweise. Und jeder Stoff erfordert individuelle filmische Lösungen. Wenn es darum geht, die jeweils passende, richtige filmische Umsetzung für einen Stoff zu entwickeln, kenne ich keine Dogmen. In I WAS A SWISS BANKER gibt es nicht den typischen, auktorialen Märchenerzähler, aber die persönliche Off-Stimme Rogers. Für diesen Film musste ich von manchen meiner bisherigen Angewohnheiten Abschied nehmen. Den Einsatz von spontan gedrehten Videoszenen habe ich beispielsweise reduziert. Zwei Drittel des Films sind auf 35mm gedreht, weil das für den Atem der Geschichte und die märchenhafte Stimmung nötig war. Beim Drehbuch war das ähnlich. Im ersten Sommer hatten wir, wie gesagt, spontan und ohne fertiges Script angefangen zu filmen. Zusammen mit Eva Kammerer und Jürg Hassler habe ich anschließend am Drehbuch weitergearbeitet. Und ganz bewusst habe ich mich für das Voice-Over mit David Keller an einen routinierten Drehbuchautor gewandt, um mit ihm zusammen den richtigen Ton zu finden.

Zum melancholisch-lyrischen Grundton des Films tragen auch die träumerisch dahingleitenden Unterwasseraufnahmen bei. Wie überhaupt das warme, sommerliche Wasser im Gegensatz zum kalten, harschen Schnee bei LENZ ein Leitmotiv von I WAS A SWISS BANKER darstellt. Welche Idee verbirgt sich dahinter?

Bei beiden Filmen ist die Landschaft eine wesentliche Filmfigur. Im Gegensatz zum Winterdrama Lenz ist I WAS A SWISS BANKER der Sommerfilm. Der Schnee ist gewissermaßen abgeschmolzen. Und während Lenz hoch oben in den Alpen spielt, dort wo die Luft dünn wird, wollte ich bei I WAS A SWISS BANKER landschaftlich weiter in die Tiefe gehen, dem geschmolzenen Gletscherwasser bis unter die Seeoberfl äche folgen. Die Unterwasserszenen waren von Anfang an das innere Zentrum der Erzählung: Roger taucht unter; er lässt sich vom Bodensee bis zum Genfersee, durch all die tiefen und seichteren Gewässer treiben. An einer Stelle telefoniert er sogar unter Wasser. Eigentlich hätte ich gerne noch mehr Geschichten von der Art erzählt, z.B. wie Roger unter Wasser anderen Leuten begegnet usw. Dafür waren jedoch die Warmwasser-Perioden zu kurz und das Budget zu klein.
Zudem wollte ich ganz bewusst das Märchen mit poetischen Mitteln erzählen, ohne große Fantasyeffekte, mit einfachen, charmanten Tricks wie bei «Pippi Langstrumpf». Wenn die Hexe Roger mit einem Refl ektor – einem Gadget aus der Filmwelt – verzaubert und ihn in einen Mönch verwandelt oder ihn zum Zweikampf mit ihrem Hubschrauber herausfordert, dann sind das Effekte, die wir ohne aufwändige Computertechnologie direkt auf dem Set erzeugen konnten. Bei den Unterwasseraufnahmen war mir wichtig, dass sie sich deutlich von der Hochglanzoptik touristischer Tauchfilme abheben. Ich habe eher in trübem Wasser gefilmt, wo auch mal schlammiger Grund aufgewirbelt wird.

I WAS A SWISS BANKER unternimmt mit Roger also eine Seenreise durch die Schweiz. Vom Bodensee über den Zürichsee, den Vierwaldstättersee, den Brienzersee bis zum Lac Neuchâtel und dem Genfersee. Unterwegs begegnet Roger sechs Frauen. Mit fünf unterhält er sich auf Englisch. Banu, die einzige, die Schweizerdeutsch spricht, ist eine Türkin. Obwohl Ihre Filme häufig von der Schweiz handeln, haben sie oft englische Titel. Jetzt wird auch noch Englisch gesprochen. Wie passt das zusammen?

Die Titel haben sich eigentlich immer aus dem jeweiligen Stoff heraus ergeben. Bei I WAS A SWISS BANKER war der Titel intuitiv die erste Idee, bevor ich mit dem Film überhaupt begonnen hatte. Es ist schon so, dass ich mit meinen Filmen nicht unbedingt die schweizerische Enge betonen möchte. Mein Schweizbild orientiert sich weniger an den Traditionen als an der modernen Wohlstandsgesellschaft, der internationalen Metropole, der Bankenwelt, aus der Roger kommt oder den exklusiven Touristenorten wie z.B. in Lenz. Neben dieser wirtschaftlichen Internationalität ist die Schweiz auch ein Land, das von vielen verschiedenen Kulturen durchwoben ist. Ein echter «Melting Pot», in dem unterschiedliche Kulturen gezwungen sind, miteinander zu leben. Die Frauen aus aller Herren Länder, denen Roger begegnet, widerspiegeln diese multikulturelle Seite der Schweiz. Zudem wirken sie durch ihre fremde Herkunft geheimnisvoller, was das Märchenhafte der Geschichte betont. Ähnliches gilt für die Landschaften. Es gibt ja nicht nur die Unterwasserbilder, die eine märchenhafte Stimmung verbreiten, sondern auch die Landschaftsaufnahmen aus dem Puschlav oder dem Zürcher Oberland. Neben der kulturellen Pluralität existiert in der Schweiz eine ungeheure landschaftliche Vielfalt auf engem Raum. Diese Kleinräumigkeit unterschiedlicher Landschaften ist ein Geschenk, das ich als Filmemacher gerne nutze. Übrigens, viele der schönen Märchenlandschaften habe ich im Umkreis von 25 Kilometern um Zürich herum gefunden.

Für das Casting mussten Sie ein wenig weiter reisen...

Für den männlichen Hauptdarsteller nicht. Beat Marti war von Anfang an meine Wunschbesetzung. Wir haben dann auf der Insel Lützelau (Zürichsee) ein paar Probeaufnahmen gemacht, von denen ich später sogar einige für den Film verwenden konnte. Bei den Frauen war das etwas aufwändiger. Für die Seejungfrau schwebte mir eine Darstellerin mit dem «hidden charme» einer Harriet Andersson – aus «Ein Sommer mit Monika» von Ingmar Bergman – vor. Also fuhr ich nach Skandinavien zum Casting. In Stockholm habe ich mit zwanzig Frauen Pingpong gespielt und sie dabei aufgenommen. Es ging darum, etwas von ihrer natürlichen Ausstrahlung mitzukriegen. Das Casting ist für mich immer auch ein inhaltlicher Impulsgeber. Letztendlich habe ich dann drei Schauspielerinnen in Stockholm gecastet, zwei weitere in Kopenhagen, eine in Zürich und Rogers Großmutter im Engadin. Die Darstellerinnen sind von ihrem Typus und ihrem familiären Hintergrund so unterschiedlich, dass ihre nationale Herkunft unwichtig wird – wie im Märchen. Roger musste im Film dann eben Englisch mit ihnen reden. Und gerade weil diese Frauen keine Schweizerinnen waren, fand ich es reizvoll, sie Schweizer Volkslieder oder ein Mani Matter Chanson singen zu lassen. Das ergab eine spannende kulturelle Reibefl äche. Auf solche Weise fügte sich beim Entstehungsprozess von I WAS A SWISS BANKER eins zum anderen. Der Film ist organisch gewachsen.

Ähnlich wie HAPPINESS... und LENZ bewegt sich auch I WAS A SWISS BANKER im Zwischenreich von Leben und Tod. Einerseits kann man den Film analog zu HAPPINESS... als eine Art Momentaufnahme im Augenblick des Sterbens verstehen. Andererseits scheint Roger am Ende ins Leben zurückzukehren. Welche der beiden Lesarten ist richtig?

Beide. Roger sagt im Film: «Ein paar Sachen muss man loslassen und andere festhalten, um sich retten lassen zu können». Konkret bezieht sich das natürlich auf die rote Tasche voller Geld. Ob das aber nun bedeutet, dass Roger sein irdisches Leben gegen das Glück eintauscht oder nur sein Bankerleben, das bleibt offen. Der Film beschreibt einen Zyklus, von dem Augenblick, in dem Roger ins Wasser springt und zum ersten Mal der Seejungfrau begegnet bis zum Moment, wo die Seejungfrau sich in die Taucherin Patricia verwandelt und aus dem Wasser steigt. Der Film endet eigentlich da, wo das Leben beginnen könnte. Patricia ist schwanger, beide gründen eine Familie.
Möglicherweise also hat die Liebe sie gerettet; anders als etwa bei Hans Christian Andersens «Die kleine Meerjungfrau». Genauso gut könnte es aber auch sein, dass Roger gar nie mehr aus dem Wasser auftaucht, nachdem er einmal in den Bodensee gestiegen ist. Die Seenreise im Film geht ja einher mit einer inneren Reise Rogers. Die Frauen, denen er begegnet, von der Seejungfrau bis zur Hexe, repräsentieren auch sein inneres Ich. Am Ende hat er mit der roten Tasche sein altes Leben hinter sich gelassen, ob er aber in einem neuen ankommt, das bleibt dem Zuschauer überlassen.

Die rote Tasche stellt für Roger anfangs eine Versuchung dar. Bald aber steht der Versuchung die Suche entgegen; nämlich nach der «wahren Liebe». Am Ende bleibt offen, ob die Hexe Heli Recht behielt, als sie behauptete, die «wahre Liebe» gäbe es bloß im Märchen. Glauben Sie denn an die «wahre Liebe»?

Ja, das hält mich am Leben.

Helis Einwand wird dadurch relativiert, dass sie selbst eine Märchenfigur darstellt. Auch an anderen Stellen – wie etwa bei den Lichtreflektoren – wird das Märchen zum Gegenstand filmischer Selbstreflexion und Ironie. Ist I WAS A SWISS BANKER nun also ein Märchen oder ein Film über Märchen?

Es ist ein Märchen. Als ich versuchte, die Finanzierung von I WAS A SWISS BANKER auf die Beine zu stellen, haben mir die Leute von Fernsehen und Förderung gesagt: «Der Film beginnt wie ein Krimi und wird dann zum Märchen. Das ist ein Fehler». Das mag sein, dass das ein «Fehler» ist. Aber es ist ein «Fehler», den ich absichtlich zugelassen habe. Gerade den Wechsel vom einen zum anderen Genre, von der Welt des Kleinkriminellen zur Märchenwelt wählte ich bewusst. So ein Hans im Glück wie der Roger, der plötzlich von der hektischen Businesswelt in ein Märchen eintaucht, ohne wirklich darin anzukommen. Das hat mich fasziniert.

Während Ihre früheren Filme zwischen Dokumentation und Fiktion changierten, pendelt I WAS A SWISS BANKER nun zwischen Märchenwelt und Spielfilmrealität. Dabei verlässt der Film aber nie den Rahmen der Fiktion. Das Dokumentarische tritt allenfalls noch als Stilmittel in Erscheinung. Ist das ein Ausdruck Ihrer persönlichen Entwicklung als Filmemacher?

In gewisser Weise markiert I WAS A SWISS BANKER den Abschluss einer Ära. Die Geschichte mit den Handycams zum Beispiel hat sich für mich erledigt. Diese Arbeitsweise habe ich für mich persönlich ausgereizt. Den nächsten Film möchte ich nur noch auf 35mm drehen. Und auch was die Finanzierung betrifft, möchte ich in Zukunft anders vorgehen, ohne gleich die Drehbuchideologie der Filmförderung vollständig mitmachen zu müssen. Was das Budget, den Produktionsaufwand, den Stab und den ganzen organisatorischen Bereich anbelangt, habe ich bislang lauter Erstlingsfilme gedreht. Jetzt wird es Zeit für ein paar Zweitlingsfilme.

Die Finanzierung für I WAS A SWISS BANKER gestaltete sich schwierig?

Es war so, dass wir mit den Dreharbeiten beginnen mussten, bevor die Förderung sichergestellt war. Wenn man aber ein Projekt einmal angefangen hat und kein abgeschlossenes Drehbuch vorliegt, ist es in der Schweiz unmöglich, noch aufs Filmförderungskarussell aufzuspringen. Anfangs dachte ich, bei zwei Filmen wird sich mindestens einer davon normal finanzieren lassen. Leider aber hat sich die Finanzierung beider Filme als ausgesprochen schwierig erwiesen. Beim Lenz hat mich das Fernsehen noch gerettet, was sicher auch am Büchner-Stoff lag. Bei I WAS A SWISS BANKER konnte ich nur die Kommissionen mit kleinen Etats gewinnen. Die Finanzierung wurde häppchenweise, parallel zum Dreh und zum Schnitt auf die Beine gestellt. In Zukunft versuche ich das anders hinzukriegen. 

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Pressestimmen

...gelungene Balance zwischen modernem Heimatfilm und verwunschenem Unterwassermärchen. Einen zauberhafteren Abspann als bei Imbach werden wir an der ganzen Berlinale nicht finden. (Tages Anzeiger)

Thomas Imbach inszeniert die Schweizer Landschaft wie man sie bisher noch kaum in einem Film gesehen hat: Nicht einfach nur schön, sondern archaisch, mystisch, sinnlich, fremd und faszinierend. (art-tv)

...beschwingt-phantasievolles Ausbruchs- und Liebesmärchen. (NZZ)

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