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Happiness Is a Warm Gun

HAPPINESS IS A WARM GUN Thomas Imbach, CH 2001, 92 min

Variationen über eine wahre Geschichte

Petra, die grüne Friedenskämpferin der 80er Jahre, wird im Schlaf von ihrem Gefährten, dem früheren Bundeswehrgeneral Gert erschossen. Kurz darauf erschiesst er sich selber. War es Mord oder hat sie sich diesen Schuss gewünscht?
Was geht ab in Petra, während Gerts Kugel in ihren Kopf eindringt bis zu dem Moment, wo die Kugel stecken bleibt und Petra stirbt? Sie hat ein Flash-forward in die Gegenwart und erwacht im gläsernen Transit eines internationalen Flughafens. Auf ihrem Trip durch dieses moderne Fegefeuer ringt Petra zusammen mit Gert und anderen Personen aus ihrem Leben um den Sinn dieses Schusses. Als „Durchgeknallte“ entdeckt sie dabei die Wucht ihrer absoluten Wünsche.

Statement des Regisseurs

Am 20. Oktober 1992 las ich in der Zeitung: Petra Kelly wurde von Gert Bastian erschossen. Die Meldung traf mich wie ein Blitz, obwohl ich gar kein eigentlicher Petra Kelly-Fan war. Es war der Schuss, der mich faszinierte; ich wollte mehr darüber herausfinden. Weder die wilden Medien-Spekulationen – von wegen Atommafia, chinesischem Geheimdienst, Eifersucht usw., noch die allgemeine Empörung über den Ex-General, der ihr im Schlaf die Kugel gibt, befriedigten mich. Für mich stand von Anfang an fest, dass dieser Schuss ein Resultat ihrer eigenen Liebesgeschichte war, dass Petra am Trigger dieser Pistole mitgezogen hat. Ich wollte sie im Film wiederauferstehen lassen und ihr die Chance geben, ihren Tod zu verstehen. Nach langem Zögern habe ich mich 1998 entschieden, dieses Abenteuer zu wagen.

Das Glück der warmen Pistole. Ein Phantasma -
Monika Gsell über HAPPINESS IS A WARM GUN

Happiness is a warm gun yeah eh
happine-e-ess is a warm gun
when I hold you in my arms
and I feel my finger on your trigger …

Was für ein Glück nur könnte das sein, das sich wie eine warme Pistole anfühlt? Diese Frage habe ich mir oft gestellt, als ich jung war und Beatles hörte, aber ich konnte mir darauf keinen Reim machen, und irgendwann vergass ich, darüber nachzudenken. Bis eben jetzt, wo mir dieses rätselhafte Glück wieder begegnet ist, im Titel von Thomas Imbach’s neuem Film - und sofort war sie wieder da, die alte Frage, und ich war gespannt, ob mir der Film eine Antwort geben würde. Und, um es gleich vorwegzunehmen: das tut er tatsächlich, und dies auf ebenso überraschende wie überzeugende Art: Das Glück der warmen Pistole, das scheint jenes – im wörtlichen Sinn – wahnsinnige Glück zu sein, das nur im Jenseits, in der Überschreitung zu haben ist, in der Explosion, im Blow up des (eigenen) Körpers. Die Psychoanalyse hat dieses unmögliche, weil im Grunde nicht oder eben nur im Wahnsinn einlösbare Glück “la jouissance féminine” genannt, wohlwissend, dass das Unbewusste dieses Glück den Frauen andichtet, die es realiter genauso wenig zu realisieren vermögen wie die Männer. So ist es denn – um eine meiner Lieblingsstellen aus der zeitgenössischen Literatur zu zitieren – nicht zufällig die Frau in Nicholson Bakers wunderbar-heiteren Telefonsex-Novelle, deren erotische Phantasie darin kulminiert, schwebend in die Düsen eines Flugzeuges eingesogen und hinten als Blutnebel wieder ausgespuckt zu werden. Und genauso schön wie diese literarische Phantasie ist es, wenn Petra am Ende von Imbachs Film mit leuchtenden Augen erzählt, wie ihr die Kugel in den Kopf eingedrungen ist, wie sich die Wärme langsam ausgebreitet hat und sie abheben liess... 

Aber beginnen wir am Anfang: Ausgangspunkt von Thomas Imbachs neuem Film HAPPINESS IS A WARM GUN (nach WELL DONE und GHETTO) ist ein Ereignis, das vor knapp zehn Jahren Schlagzeilen machte und (zumindest die deutschsprachige) Welt erschütterte: Gert Bastian, Ex-Bundeswehr-General, hat seine Lebenspartnerin, die grüne Pazifistin Petra Kelly im Schlaf erschossen und danach sich selbst getötet. Warum? War es die Reaktion auf eine innere Krise des Paares? Oder die Antwort auf die politische Isolierung der beiden innerhalb der Grünen Partei? War es Hass oder war es Liebe? War es Mord oder ging der Tat ein gemeinsamer Entscheid voraus? Es gab Thesen und Spekulationen, aber keine befriedigenden Antworten, weil befriedigend in diesem Fall nur eines sein könnte: ein Abschiedsbrief, ein Tagebucheintrag, irgendein Zeugnis, das uns irgendetwas erklärt hätte.

Was Imbach mit diesem dramatischen Stoff macht, ist verblüffend: Der Film setzt dort ein, wo das Leben der realen Figuren endet – und markiert so das nun Folgende von Anbeginn an als Fiktion. Der Film gibt damit gar nicht erst vor, den realen Tod der realen Personen ergründen zu wollen. Der Tod – der Moment des Todes, der Schuss, mit dem der Film einsetzt - eröffnet einen phantasmatischen Raum, einen Unort zwischen Leben und Tod: Petra und Gert finden sich im Transitraum eines modernen Flughafens wieder und  richten sich in dieser artifiziellen Zwischenwelt ein, versuchen an die Vergangenheit  - ihre politische Tätigkeit – anzuknüpfen, während sich in ihren Gesprächen das Geschehene bruchstückhaft zusammensetzt. (“Ich bin nicht tot, ich sitze hier vor Ihnen, leibhaftig. – Warum sollte Gert mich umbringen? – Was heisst denn hier, du bist tot? Du bist zynisch, du bist anders – was ist mir dir passiert?”) Der Film konzentriert sich ganz auf diese beiden Figuren und lotet in einer assoziativ verknüpften Abfolge von Bildern und Szenen die explosive Dynamik zwischen zwei starken, exaltierten, nervösen, verletzlichen und verletzenden Menschen aus. Atemlos sehen wir zu, wie zwei Menschen, Mann und Frau, sich suchen und fliehen, sich quälen und lieben – und entgegen allen Wahrscheinlichkeiten unbeirrbar an der Möglichkeit festhalten, doch noch glücklich zu sein, doch noch irgendeine Form von Zukunft zu haben, und sei dies auch nur, indem ein naiver Kleinmädchen-Traum in Erfüllung geht. “Einmal im Leben etwas mit pietätvoller Feierlichkeit zu vollziehen” (Petra) – einmal im Leben eine Prinzessin mit Gänseblümchen im Haar zu sein. Einmal im Bett zusammen frühstücken ...

Die Symbiose von Petra und Gert wird im Film immer wieder durch die Begegnung Petras mit Figuren aus ihrem früheren Leben aufgebrochen: Sie trifft Tashi, ihren tibetanischen Liebhaber, in einem Hotelzimmer im Flughafen (und Tashi schmiert ihr liebevoll die eklige Plastilin-Wunde an der Schläfe weg, die uns den ganzen Film hindurch an den Schuss erinnert). Ihre über alles geliebte Omi findet Petra nach einem Schwächeanfall auf dem Fussboden des Transits und ermöglicht ihr ein paar Momente ausgelassener Unbeschwertheit. Petra macht auf ihrer Odyssee durch den Flughafen aber auch neue Bekanntschaften: die Ausschaffungshäftlinge, die sie im Gefängnis besucht und dabei mit ihren Lebensgeschichten konfrontiert wird. Einen davon – Serge – trifft sie noch zwei weitere Male und es scheint, als ob sich zwischen den beiden eine herzliche Freundschaft entwickelte. 

In den Szenen mit Serge zeigt sich eine Besonderheit von Imbachs Film ganz besonders deutlich: das unauflösliche Ineinanderverwobensein von Fiktivem und Realem, die Einmischung der Figuren in das Hier und Jetzt des realen Schauplatzes. Denn Serge und die anderen Ausschaffungshäftlinge sind ganz und gar real – genauso wie das Flughafenpersonal, von der Polizistin über den Seelsorger bis hin zu der Notfallcrew, die Petra versorgen, nachdem sie zusammengebrochen ist. Dieses Oszillieren zwischen den Realitäten verleiht den beiden Figuren Petra und Gert ein Höchstmass an Authentizität, das auch dann nicht gebrochen wird, wenn sie der realen Petra Kelly und dem realen Gert Bastian gegenübergestellt werden. Im Gegenteil: In einer ungemein stimmigen Inszenierung sehen wir Petra und Gert in einem Fernsehstudio sitzen, hinter ihnen auf riesigen Monitoren die Archivbilder von Kelly und Bastian im Bundestag, zusammen mit Altkanzler Kohl, Erich Honecker, Lady Diana oder dem Dalai Lama. In dieser synchronen Gegenüberstellung wird denn auch deutlich, wie kongenial die beiden Schauspieler (Linda Olsansky und Herbert Fritsch) ihre Figuren verkörpern, wie nahe sie ihnen nicht nur im Äusseren, sondern vor allem auch im Ausdruck kommen – und dies, obwohl oder gerade weil ihr Spiel einen Hang zum Witz und zur Ironie hat, welche die Besessenheit, die symbiotische Verstrickung von Kelly und Bastian bricht und zugleich pointiert. 

Dass die Found Footage-Bilder sich so bruchlos in die gespielten Szenen einfügen, hat aber noch einen weiteren Grund: Sie haben ganz offensichtlich nicht die Funktion, auf eine historische Realität, auf ein filmisches Ausserhalb zu verweisen. Wie in den traumhaft-irrealen Sequenzen – Fahrten durch blühende Kirschbäume; Petra, nackt, in einer hyperrealistischen, moosigen Böschung versinkend; Petra und Gert an einer Gletscher-Felswand wie in einem Stummfilm, immer wieder von neuem abstürzend – geht es in diesem Film letztlich um eines: Bilder für eine innere Realität zu finden. Diese innere Realität ist vor allem ein Zustand der Spannung, der Gespanntheit, der Intensität, die sich auf den Zuschauer überträgt und ihn unter Draht setzt. Es ist die Spannung des Fingers am Abzug. Es ist das Loch, das an Petras Schläfe klafft und uns durch den ganzen Film hindurch begleitet, uns permanent mit unseren eigenen, zutiefst beunruhigenden Phantasien konfrontiert. Nur: Was haben diese Phantasien mit dem realen Tod von Kelly und Bastian zu tun? 

Eine, die gleich nach dem Tod reagierte, war Alice Schwarzer. Ihr Fazit: “Frauen sind vogelfrei. Auch noch im 20. Jahrhundert.” Imbach macht genau das Gegenteil: Er befreit den tragischen Tod von Kelly und Bastian von solchen ideologischen Vereinnahmungen und gibt ihnen damit ihre Würde zurück. Das Loch an Petras Kopf macht sie nicht zum Opfer von Gert. Beide sind sie im Grunde genommen das Opfer ihrer eigenen Suche nach Intensität und Glück. Das Schöne an Imbachs Film ist, dass er dieses Glück, das Kelly und Bastian weder im Tod noch im Leben finden konnten, dort einholt und spürbar macht, wo es auch seinen einzigen möglichen Ort hat: in der filmischen Phantasie, in der Kunst.

(Petra:) ... und die Kugel, die schaffte es innerhalb kürzester Zeit, mit einer ganz warmen Empfindung, alles wegzudrängen, also sie machte sich Platz in mir und das war wahrscheinlich der Moment, wo ich kurz abgehoben bin. Ich hatte lange oben gewartet auf Gert.

(Gert:) Ich habe gemerkt, dass du an mir gezogen hast. Du hast mir auch geholfen ja, ich habe gespürt, wie du an mir ziehst und wie du mich da in diese andere Dimension rüberziehst. 

-Monika Gsell

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Pressestimmen

Wenn Thomas Imbach sich einen Stoff vornimmt, ist eine kühne Tat zu erwarten. Und sein erster Spielfilm HAPPINESS IS A WARM GUN macht da fürwahr keine Ausnahme. Imbachs nicht naturalistische Methode hat hier zu einem Spiel von ausserordentlicher Dichte und Intensität geführt. Und wie immer bei Imbach ist es ein außerordentlich schöner Film geworden. (NZZ)

HAPPINESS IS A WARM GUN war der interessanteste Beitrag im Wettbewerb von Locarno. In einer fulminanten Montage verlängert Imbach das Leben von Kelly und Bastian bis in die heutige Zeit, beschießt sein Publikum geradezu mit Bildern und Tönen... Kino im besten Sinne, das einen Sehen und Hören lehrt. (SonntagsZeitung)

Lina Olsansky, zur Zeit im Engagement an THomas Ostermeiers Schaubühne, und Herbert Fritsch vom Ensemble der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, spielen das Paar so intensiv, heutig und furios, dass man sich diesem intelligent-eigenwilligen Film nicht zu entziehen vermag. Aber Grenzerfahrung vermittelt er auf eine Weise, wie man es noch nie so sah. (Neues Deutschland)

‹Die Kugel›, sagt die Petra Kelly dieses Films, ‹schaffte es innerhalb kürzester Zeit, mit einer ganz warmen Empfindung alles wegzudrängen, sie machte sich Platz in mir und das war wahrscheinlich der Moment, wo ich kurz abgehoben bin.› Ungefähr so wollen sich auch die Bilder von Thomas Imbachs Film verhalten, in ihrer Rücksichtslosigkeit, alles beiseite zu drängen auch das, was man weiß von diesem historischen und mythischen Paar. Dieser Film schaut dem Tod von innen bei der Arbeit zu. Im langen Augenblick des Todes verwundert sich dieses Ich. Nicht über den Tod, sondern über das Nicht-Leben-Können. Nicht über die Vergeblichkeit, sondern darüber, dass all diese erschöpfende Kraftanstrengung die Welt und dieses Ich nicht einen Millimeter näher gebracht haben. An diesem Punkt, und nicht nur in den Dokumentar- und Erinnerungsfetzen, ist Happiness Is A Warm Gun auch so radikal politisch wie er radikal körperlich ist. (epd-Film 10/2002, Georg Seesslen)

Preise und Festivals