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Hab' ich nur deine Liebe

HAB' ICH NUR DEINE LIEBE Peter Kern, D 1989, 98 min

Eine heile Welt gerät ins Wanken ...

Noch mehr arbeiten will der schüchterne Michael Seebisch im neuen Jahr. Seine grosse Liebe gilt den Computern. Nur der Schmelz grosser Opernstimmen kann ihn aus dem Alltag in eine andere, fantasievolle Welt befördern. Unter seinen Kollegen gilt er als zurückhaltend und verklemmt. Auf dem Heimweg von einer Silvesterparty läuft dem angetrunkenen Michael eine faszinierende Frau vor das Auto. Grete. Sie spricht nicht, kann sich Michael nur durch Gesang und Gestik vermitteln. Grete quartiert sich in Michaels Wohnung ein. Der Computerfreak versucht zwar verzweifelt, sie loszuwerden, aber die seltsame Frau provoziert in ihm eine nie vermutete Zärtlichkeit und Verantwortung.
Michael ist hin- und hergerissen zwischen schwindender Ablehnung und wachsender Begeisterung. Für ihn, der Leidenschaft bisher nur auf Distanz als Zaungast in billigen Pornoshops erlebte, ist Grete entweder eine Heilige oder eine Verrückte. Zielstrebig durchbricht Grete die Mauern, die er um sein Leben gebaut hat, seine heile Computerwelt wackelt unter dem Ansturm ihrer sprachlosen Hingabe.
Eine dramatisch theatralische Liebe, die aber auch von schicksalshaften Katastrophen nicht verschont bleibt.

Peter Kerns Kommentar in der Münchner Abendzeitung über die Münchner Festspiele

Am Vorabend meiner Premiere des Spielfilms HAB' ICH NUR DEINE LIEBE sitze ich im Alten Simpl, eine Filmagentin und ihre Schauspielerinnen spinnen neue Intrigen, Träume werden formuliert, Hoffnungen geweckt. Sofort bestelle ich ein Wiener Schnitzel, danach Palatschinken und fühle mich wieder für kurze Zeit wie zu Hause. "Killing me softly" spielt, und ich zittere der Münchner Abendzeitung entgegen. Ponkie war in der Pressevorführung, hat man mir gesagt. Wird sie die Kritik schreiben? Wird sie meinen Film lieben? Die Gratwanderung zwischen Trivialität und Poesie mir abnehmen und lachen und weinen über die großartigen Menschendarsteller Christa Berndl und Tilo Prückner, die den Film mit mir in 24 harten Novembertagen in Hamburg abgedreht haben? 

Mein Puls steigt, die AZ kommt. Die Kritik hat 10 Grad! Fein, denke ich. Wenn also alle, die sich bei einer Kritik mit 10 Grad angesprochen fühlen, ins Kino gehen, dann wird die Mundpropaganda den RIO-Palast füllen. Aber was geschieht mit den Enttäuschten, die nur bei 20 Grad oder 30 Grad Beurteilung ins Kino gehen? Wie alt sind die 20-Gradigen, welche Partei wählen sie, gehören sie vielleicht der Mittelschicht an, und was ist mit den 30-Gradigen, vermutlich das Großbürgertum, alles CSU-Wähler - kaum Kinogänger. Dann wäre ich mit meinen 10-Gradlern gut dran, liberal, fortschrittlich, umweltbewusst. Und die 0-Gradler? Beinahe hätte ich sie vergessen, die schleichende Macht, die Krebsgeschwulst unseres Landes - alle Republikaner? Die Katastrophe passierte schon bei der Nachmittagsvorstellung. Schlich sich da nicht ein 30-Gradler mit seiner Freundin, einer standfesten 20-Gradlerin, ins Kino und äußerten sich nach der Vorstellung euphorisch? Die Zukunft gehört dem Kampf der Gradler. Deshalb fordere ich alle diese auf, in den RIO-Palast zu pilgern und sich dem Kampf der Gradler zu stellen für ein freies, lebendiges Kino - damit wären die Münchner Filmfestspiele eröffnet. Herzlichst ihr Peter Kern

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