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Girls from Jenin

Katalog der FILISTINA - Festival für Kultur und Politik in Palästina Hannover 2006

'Girls from Jenin' ist getragen vom lebensbejahenden Geist einer zukunftslosen Generation voller Hoffnungen und Träume. Frieder Schlaich, der mit 'Halbmond' den Spielfilmpreis der deutschen Filmkritik erhalten hat, realisierte im Auftrag des Goethe-Instituts einen Videoworkshop für Mädchen in der palästinensischen Stadt Jenin. Die entstandenen Kurzfilme sind Beleg dafür, dass die jungen Mädchen, trotz alltäglichen Begrenzungen und Einschränkungen durch die Okkupation, sich nicht ihrer kreativen Freiheit haben berauben lassen.

www.tagesschau.de

Interview mit Frieder Schlaich über den Film

"Ein Stück Hoffnung"

14 Tage lang brachte der Berliner Filmemacher Frieder Schlaich 16 Mädchen aus dem Flüchtlingslager Dschenin (Westjordanland) bei, mit Kameras umzugehen. Am Ende entstanden beeindruckende Kurzfilme über das Leben der Mädchen im Flüchtlingslager. tagesschau.de sprach mit Frieder Schlaich über die Arbeit mit den Mädchen und das Leben in Dschenin.

tagesschau.de: Was war das Ziel ihres Projektes?

Frieder Schlaich: Das Ziel war für mich, Alltag in Palästina zu zeigen - abseits der Bilder von üblichen Demonstrationen und Zerstörungen. Es sollte eigentlich um Menschen gehen, die sonst nicht zu sehen sind. Das heißt in diesem Fall: Mädchen, die sonst nicht auf der Straße sind.

tagesschau.de: Wie haben sie denn die Mädchen gefunden?

Schlaich: Das war sehr kompliziert. Das Goethe-Institut hat mit Hilfe eines Jugendzentrums gezielt Familien aus unterschiedlichen Stadtteilen angesprochen. Denn die inneren Verhältnisse sind in Dschenin sehr kompliziert. Es gibt ja nicht nur das Flüchtlingslager Dschenin, sondern auch die „normale“ Stadt Dschenin. Aus beiden Teilen sollten Mädchen teilnehmen können. Außerdem mussten wir berücksichtigen, dass es verschiedene Widerstandsgruppen und verschiedene Clanchefs gibt.

tagesschau.de: Die Vermutung liegt nahe, dass nicht alle Eltern von dieser Idee begeistert gewesen sind?

Schlaich: 80 Prozent der Eltern haben ihre Zustimmung nur gegeben, weil es ein reiner Mädchen-Workshop war. Bei einem gemischten Workshop hätten viele Eltern abgewunken. Ein Mädchen wurde nach dem ersten Tag gleich wieder rausgenommen, weil wir mit den Kameras auf die Straße gegangen sind. Dort hat sie ein Verwandter gesehen, und schon musste sie zu Hause bleiben. Für alle Menschen ist das Leben in Dschenin sehr kompliziert – aber für Mädchen ist es noch komplizierter.

tagesschau.de: Wie weit hat der Konflikt mit Israel ihren Workshop beeinflusst?

Schlaich: Dschenin hat auf mich wie eine Stadt im Krieg gewirkt, ob ich in einer relativ ruhigen Zeit dort war. Aber es kam zum Beispiel vor, dass israelische Panzer in die Stadt eindrangen, einen Stadtteil abgeriegelten, gezielt einen Palästinenser erschossen und sich dann wieder zurückzogen. Vor allem aber ist die israelische Armee nachts nach Dschenin gekommen.

tagesschau.de: Wie sind die Mädchen denn mit einer Technik umgegangen, die für sie ja unbekannt war?.

Schlaich: Die Mädchen waren zwischen 13 und 18 Jahren alt und haben die Technik unglaublich schnell verstanden. Wir haben dann zunächst den Umgang mit der Kamera und Schnitttechniken geübt und uns dann Filme und Nachrichten angeschaut um zu sehen, welche Bilder aus ihrer Region gezeigt werden. Die Mädchen waren ziemlich empört, dass immer nur Bewaffnete, Vermummte und Aggression gezeigt werden, nie aber die Trauer, die sie ja auch kennen.

tagesschau.de: War den Mädchen bewusst, dass sie auch in der Gefahr der Einseitigkeit waren?

Schlaich: Wir haben in der ersten Phase des Workshops Reporter gespielt. Die Mädchen sind auf die Straße gegangen und haben Leute befragt, wie die Sommerferien für Kinder in Dschenin sind. Dann haben wir aus dem gleichen Material eine positive und eine negative Meldung geschnitten. Da waren sie sehr verblüfft, was man aus dem gleichen Material machen kann.

tagesschau.de: Wie hat das Umfeld reagiert, als die Mädchen mit den Kameras auftauchten?

Schlaich: Vor allem Männer haben es abgelehnt, dass Mädchen sie ansprechen. Die Mädchen hatten keine Hemmungen, weil wir dabei waren. Aber im Nachhinein gab es einige Aufregung, weil Brüder oder Onkel gesehen hatten, dass die Mädchen Männer oder Fremde auf der Straße ansprachen. Das ist eigentlich ein Tabu. Das hätte den Workshop fast zum Scheitern gebracht, aber ich habe mich dann entschuldigt. Bis auf ein Mädchen durften alle weitermachen. Es gab aber auch ganz liberale Eltern, die überhaupt keine Problem machten.

tagesschau.de: Die Idee, über den Workshop etwas über das Leben in diesem Lager in die Welt zu transportieren, müsste doch bei vielen Leuten auf Zustimmung stoßen?

Schlaich: Ich glaube, dass Besatzung und Intifada konservative Tendenzen gestärkt haben. Der Zusammenhalt der Familien wird wichtiger, alte Machtstrukturen kehren zurück. Dschenin war vor der ersten Intifada wohl eine recht liberale Stadt, in die auch Israelis zum Einkaufen kamen. Besatzung und Krieg geben konservativen Gruppierungen Auftrieb. Auch im kleinen Dschenin ist das so.

tagesschau.de: In den Filmen werden Attentäter und Selbstmordattentäter als Märtyrer bezeichnet. Das ist für den außenstehenden Betrachter nur schwer zu ertragen. Konnten sie darüber diskutieren?

Schlaich: Das ist ein ganz heikles Thema. Wenn man in Dschenin lebt, ist die Sichtweise natürlich eine andere. Die Palästinenser argumentieren, dass sie von der israelischen Armee besetzt sind und sich verteidigen. Wir haben versucht, darüber zu reden, aber das ist sehr schwierig. Wenn man miterlebt hat, wie ein Lager mit 30.000 Bewohnern zerbombt wird, kann man vermutlich nicht mehr so viel Objektivität erwarten. Es gibt in dem Lager keine Familie, die keinen Toten oder eine Inhaftierung zu beklagen hätte. Alle haben ihre persönliche Erfahrungen und dadurch ist die Sichtweise ganz klar einseitig. Immerhin wird in einem Film erwähnt, dass der so genannte Märtyrer zuvor Bomben gebaut hat und dadurch seine Füße verloren hat. In meinen Augen ist dies die Stärke der Filme, dass die Mädchen hier fast ein bisschen unschuldig sind.

tagesschau.de: Haben sie den Eindruck gehabt, dass das Seminar etwas ausgelöst oder vielleicht etwas verändert hat?

Schlaich: Das glaube ich schon. Mich hat vor allem die Begeisterung der Mädchen beeindruckt. Sie waren immer so diszipliniert, begeistert und so stolz auf die Ergebnisse. Man sieht dem Filmen ja an, dass die Mädchen auch ein Publikum außerhalb von Dschenin im Auge hatten. Darin liegt ja auch ein Stück Hoffnung. Wenn die Mädchen in Deutschland leben würden, könnten sie so viel erreichen. Aber in Dschenin haben sie kaum eine Perspektive.

tagesschau.de: Hat das Seminar auch in der Stadt etwas ausgelöst?

Schlaich: Ein Nebeneffekt war, dass Mädchen aus dem Lager zum ersten Mal etwas mit Mädchen außerhalb des Lagers gemacht haben. In Dschenin hatte das eine große Bedeutung. Den Abschluss des Seminars haben wir mit einer großen Diplom- Verleihung begangen. Auch das wurde in Dschenin wahrgenommen, denn sie fühlen sich natürlich sehr vergessen von der Welt.

tagesschau.de: Wo sollen die Filme nun gezeigt werden?

Herr Schlaich: Zunächst werden die Filme auch in Ramallah aufgeführt. Für einige Mädchen bedeutet das, dass zum ersten Mal überhaupt Dschenin verlassen und reisen können. Wir haben ja auch den Workshop und die Familien der Mädchen gefilmt und wollen aus dem gesamten Material einen Film machen, den wir auf Festivals zeigen wollen. Außerdem werden die Filme auf einer Website des Goethe- Instituts-Ramallah verbreitet, so dass sie hoffentlich viele Menschen in der Region sehen können.

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