GIRLS FROM JENIN Frieder Schlaich, PAL/D 2006, 92 min
Ein Blick in den Alltag junger Mädchen in Palästina, währen der zweiten Intifada.
Ein Bericht über den Videoworkshop auf "tagesschau.de" von Eckhart Aretz (2004)
Man meint das zu kennen: Bilder von zerstörten und zernarbten Häusern, Bilder vermummter Islamisten, die stolz und rasend Waffen in die Höhe halten, Bilder von Beisetzungen getöteter Palästinenser inmitten einer rennenden, wogenden Menge. Man hat diese Bilder hundertfach gesehen, und wenn das Wort Dschenin fällt, sind sie sofort wieder da. Und doch erzählen sie nur wenig vom Leben in Dschenin.
Denn die Kameras halten nur die extremen Ausbrüche der Gewalt fest. Wie tief sich der Konflikt in den Alltag der Menschen in Dschenin gefressen hat, wird selten nach außen transportiert. Einen tieferen Einblick in den Alltag in Dschenin hat nun der Berliner Filmemacher Frieder Schlaich gewinnen können, als er im Auftrag des Goethe-Instituts in Dschenin palästinensischen Mädchen den Umgang mit Video-Kameras beibrachte, damit sie ihr Leben im Flüchtlingslager darstellen konnten. Neun Kurzfilme sind dabei entstanden, die einen ungewohnten Blick auf den Alltag in Dschenin erlauben.
Dabei stand das Vorhaben immer wieder auf der Kippe. Schon die Auswahl der Mädchen war heikel, da Dschenin eine geteilte Stadt ist, in der mehrere Clans und Widerstandsgruppen miteinander konkurrieren. Und nicht jeder Familie gefiel es, dass die Töchter mit der Kamera auf die Straße gingen und Fremde ansprachen. „Das ist ein Tabu“, sagt Schlaich, „das hätte den Workshop fast zum Scheitern gebracht“.
So drehten die Mädchen ihre Filme zumeist in geschlossenen Räumen, und doch ist die Gewalt stets gegenwärtig ist. Eine Frau erzählt, wie ihr Mann von israelischen Truppen verhaftet wird und später bei dem Versuch, eine Bombe zu legen, zum Krüppel wird. Später sprengt er sich mit einem Sprengsatz in die Luft. Eine 75-jährige Großmutter schildert, wie sie im Sechs-Tage-Krieg von ihrem Land vertrieben wurde und bis heute davon träumt, in ihr Dorf zurückzukehren. Und eine andere Großmutter schildert, wie sie zu Hause schikaniert und dann in ein Altenheim abgeschoben wurde.
Entstanden sind so Filme voller Subjektivität, die auch einen Einblick in die Spirale der Gewalt erlauben. Selbstmordattentäter werden in den Filmen „Märtyrer“ genannt, das Leid der Opfer auf der anderen Seite wird ausgeblendet. Hierüber zu diskutieren, erinnert sich Schlaich, war schwierig. „Wenn man die Übermacht von F-16-Fliegern am eigenen Leib erlebt hat, wenn man gesehen hat, wie ein Lager zerbombt wird, kann man nicht mehr viel Objektivität erwarten.“
Dennoch glaubt Schlaich, dass die Filme etwas bei den Mädchen ausgelöst haben. Manche gerieten durch die Dreharbeiten erstmals in Kontakt mit Menschen außerhalb ihres Flüchtlingslagers, Freundschaften entstanden. Viele Menschen in Dschenin seien stolz auf die Filme gewesen, weil sie sich „von der Welt vergessen“ fühlten. In den kommenden Monaten werden die Filme in anderen Orten in den palästinensischen Gebieten gezeigt werden – für die Mädchen die erste Gelegenheit überhaupt, Dschenin zu verlassen.
Ihre Begeisterung, erinnert sich Schlaich, habe ihn am meisten beeindruckt. Und da drängt sich wieder der ungelöste Nahost-Konflikt ins Bewusstsein. Denn die Mädchen, sagt der Filmemacher, könnten vieles erreichen. Doch in Dschenin haben sie kaum eine Perspektive.
Pressestimmen
'Girls from Jenin' ist getragen vom lebensbejahenden Geist einer zukunftslosen Generation voller Hoffnungen und Träume. Frieder Schlaich, der mit 'Halbmond' den Spielfilmpreis der deutschen Filmkritik erhalten hat, realisierte im Auftrag des Goethe-Instituts einen Videoworkshop für Mädchen in der palästinensischen Stadt Jenin. Die entstandenen Kurzfilme sind Beleg dafür, dass die jungen Mädchen, trotz alltäglichen Begrenzungen und Einschränkungen durch die Okkupation, sich nicht ihrer kreativen Freiheit haben berauben lassen. (Katalog der FILISTINA - Festival für Kultur und Politik in Palästina Hannover 2006)
Interview mit Frieder Schlaich über den Film (www.tagesschau.de) mehr...



