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Girls from Jenin

GIRLS FROM JENIN Frieder Schlaich, PAL/D 2006, 92 min

Ein Blick in den Alltag junger Mädchen in Palästina, während der zweiten Intifada.

Jenin/Palästina, Sommer 2004: Sechzehn Mädchen, zwischen 13 und 18 Jahren, lernen innerhalb von 2 Wochen den Umgang mit Videokamera und -Schnitt, und drehen 9 kurze Filme über ihren Alltag in der besetzten Stadt.

Der Film dokumentiert den Workshop und die Familien der Mädchen, und zeigt das Ergebnis, neun überraschend offene, eigenwillige, kurze Filme. (Dokumentation: 60min, Kurzfilme: 32min)

Die Besonderheit liegt in der Offenheit der Mädchen und in ihrem überraschenden Umgang mit der Videokamera.

Die 9 Kurzfilme:

1) NICHT ALLEINE von Raja’ Wild und Shanaz Bassam
In der Frauenabteilung eines Seniorenheimes werden drei Frauen nach den Gründen ihres Aufenthalts befragt. Eine Mitarbeiterin gibt ihrerseits auch Auskunft : Die Senioren kommen zu ihnen, weil sie entweder ein schlechtes Verhältnis zu ihrer Familie oder keine Familie haben. Dennoch sind die Senioren guter Dinge, schliesslich sind sie ja nicht alleine.

2) TV - FRAU von Roba Hassan Khatib und Amneh Bassam Saadi
Farah Abu Haidja ist die stolze Besitzerin einer Radio-und Fernsehstation in Jenin. In einem Interview schildert Farah Abu Haidja ihren erstaunlichen Lebenslauf. Ihre Karriere ist eine Leistung über die sie gerne und dankbar spricht. Ihre Familie, die zu ihr hält ist ihre Rückendeckung.

3) MEINE ZEICHNUNG von Sama Naad Sabbah
Ein seit erst sechs Monaten frisch verheiratetes Paar erlebt wie der junge Bräutigam bei einem israelischen Angriff schwere lebenslängliche Verbrennungen erleidet. Das Interview mit der Braut des Verletzten geht in einer Retrpospektive auf das Trauma zurück. Die Braut ihrerseits hat seit der Entstellung ihres Mannes mit dem Zeichnen aufgehört, weil auch in ihr, wie sie sagt, etwas zerbrochen sei.

4) ALLEINE IM DUNKLEN von Dara und Dima ‘Aymad Khader, nach dem gleichnamigen Gedicht von Dara ‘Aymad Khader
Die Verfilmung des Gedichts erzählt von der Wichtigkeit der Worte in einer Krisenzeit. Hier werden die Worte des jungen Dichter-Ichs zur Ausrüstung für ein Leben, in dem durch das kreative Schreiben wieder alles möglich ist, auch das Schöne. Zeit und Raum erhalten ihre ursprüngliche Bedeutung Dank des Schreibens zurück.

5) ARIJ von Omar Salah und Huda Marwan Sreibeh
Das Porträt der jungen Arij Rabah, dem Kinderstadtgemeinderatsmitglied von Jenin, ist ein Einblick in die Welt der jungen engagierten Arij. Sie betreut die Kinder, und lernt durch ihre Arbeit Verantwortung zu tragen. Sie gewinnt dadurch an Selbsbewusstsein. Doch für die traditionelle Gesellschaft ist der Wandel nicht immer einfach. Vor allen Dingen nicht, wenn es sich um den Wandel von Mädchen handelt.

6) SEITEN AUS DEM GEDÄCHTNIS von Obaida
Die Jugendliche Sama wird bei dem Lesen von ihrer Mutter unterbrochen. Als sie aufsteht und für ihre Mutter ein Buch sucht, schweifen ihre Gedanken bei dem Blick eines Fotos ab. Sie denkt an ihre Kindheit zurück, die von der israelischen Besatzung markiert ist und ein Schatten über das fröhliche Kindheitsdasein wirft.

7) KHETAM von Aya Suhair Jarrar und May Jamer
Die Witwe des Märtyrers Naser Jarrar erzählt von den Inhaftierungen ihres Mannes, von der Freude der Familie bei seiner Rückkehr aus dem Gefängnis, von seinem Märtyrertod und von der Zerstörung ihres Hauses im Flüchtlingslager Jenins durch israelische Soldaten.

8) WILDBLUMEN von Yafa
Die 4 Kinder, Sandy, Mohammed, Rafat und Dunya leben seit Mai 2002 alleine bei ihrere Grossmutter. Beide Eltern der Kinder sind im Gefängnis. Das einfache Leben bei der Grossmutter ist geprägt von dem Gedanken an die Eltern.

9) MEINE GROSSMUTTER von Intisar Saadi und Bothayna
Das Porträt der 75 Jahre alten palästinensischen Latifa Abdallah Abdelrahman Nacharti ist das Porträt einer typisch palästinensischen Bäuerin. Das traditionelle Kleid, der Mahlstein, die Feldbestellungen, das Reiten. Die Erzählung ihrer Lebens ist jedoch geprägt von der Flucht aus ihrem Dorf und von der Sehnsucht nach Rückkehr.

 Ein Bericht über den Videoworkshop auf "tagesschau.de" von Eckhart Aretz (2004)

Man meint das zu kennen: Bilder von zerstörten und zernarbten Häusern, Bilder vermummter Islamisten, die stolz und rasend Waffen in die Höhe halten, Bilder von Beisetzungen getöteter Palästinenser inmitten einer rennenden, wogenden Menge. Man hat diese Bilder hundertfach gesehen, und wenn das Wort Dschenin fällt, sind sie sofort wieder da. Und doch erzählen sie nur wenig vom Leben in Dschenin.

Denn die Kameras halten nur die extremen Ausbrüche der Gewalt fest. Wie tief sich der Konflikt in den Alltag der Menschen in Dschenin gefressen hat, wird selten nach außen transportiert. Einen tieferen Einblick in den Alltag in Dschenin hat nun der Berliner Filmemacher Frieder Schlaich gewinnen können, als er im Auftrag des Goethe-Instituts in Dschenin palästinensischen Mädchen den Umgang mit Video-Kameras beibrachte, damit sie ihr Leben im Flüchtlingslager darstellen konnten. Neun Kurzfilme sind dabei entstanden, die einen ungewohnten Blick auf den Alltag in Dschenin erlauben.

Dabei stand das Vorhaben immer wieder auf der Kippe. Schon die Auswahl der Mädchen war heikel, da Dschenin eine geteilte Stadt ist, in der mehrere Clans und Widerstandsgruppen miteinander konkurrieren. Und nicht jeder Familie gefiel es, dass die Töchter mit der Kamera auf die Straße gingen und Fremde ansprachen. „Das ist ein Tabu“, sagt Schlaich, „das hätte den Workshop fast zum Scheitern gebracht“.

So drehten die Mädchen ihre Filme zumeist in geschlossenen Räumen, und doch ist die Gewalt stets gegenwärtig ist. Eine Frau erzählt, wie ihr Mann von israelischen Truppen verhaftet wird und später bei dem Versuch, eine Bombe zu legen, zum Krüppel wird. Später sprengt er sich mit einem Sprengsatz in die Luft. Eine 75-jährige Großmutter schildert, wie sie im Sechs-Tage-Krieg von ihrem Land vertrieben wurde und bis heute davon träumt, in ihr Dorf zurückzukehren. Und eine andere Großmutter schildert, wie sie zu Hause schikaniert und dann in ein Altenheim abgeschoben wurde.

Entstanden sind so Filme voller Subjektivität, die auch einen Einblick in die Spirale der Gewalt erlauben. Selbstmordattentäter werden in den Filmen „Märtyrer“ genannt, das Leid der Opfer auf der anderen Seite wird ausgeblendet. Hierüber zu diskutieren, erinnert sich Schlaich, war schwierig. „Wenn man die Übermacht von F-16-Fliegern am eigenen Leib erlebt hat, wenn man gesehen hat, wie ein Lager zerbombt wird, kann man nicht mehr viel Objektivität erwarten.“

Dennoch glaubt Schlaich, dass die Filme etwas bei den Mädchen ausgelöst haben. Manche gerieten durch die Dreharbeiten erstmals in Kontakt mit Menschen außerhalb ihres Flüchtlingslagers, Freundschaften entstanden. Viele Menschen in Dschenin seien stolz auf die Filme gewesen, weil sie sich „von der Welt vergessen“ fühlten. In den kommenden Monaten werden die Filme in anderen Orten in den palästinensischen Gebieten gezeigt werden – für die Mädchen die erste Gelegenheit überhaupt, Dschenin zu verlassen.

Ihre Begeisterung, erinnert sich Schlaich, habe ihn am meisten beeindruckt. Und da drängt sich wieder der ungelöste Nahost-Konflikt ins Bewusstsein. Denn die Mädchen, sagt der Filmemacher, könnten vieles erreichen. Doch in Dschenin haben sie kaum eine Perspektive.

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Pressestimmen

'Girls from Jenin' ist getragen vom lebensbejahenden Geist einer zukunftslosen Generation voller Hoffnungen und Träume. Frieder Schlaich, der mit 'Halbmond' den Spielfilmpreis der deutschen Filmkritik erhalten hat, realisierte im Auftrag des Goethe-Instituts einen Videoworkshop für Mädchen in der palästinensischen Stadt Jenin. Die entstandenen Kurzfilme sind Beleg dafür, dass die jungen Mädchen, trotz alltäglichen Begrenzungen und Einschränkungen durch die Okkupation, sich nicht ihrer kreativen Freiheit haben berauben lassen. (Katalog der FILISTINA - Festival für Kultur und Politik in Palästina Hannover 2006)

Interview mit Frieder Schlaich über den Film (www.tagesschau.de) mehr...