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Gastmahl der Liebe

GASTMAHL DER LIEBE Pier Paolo Pasolini, IT 1963, 90 min

Italien vor '68 redet über Sex

Ein Dokumentarfilm über das Verhältnis der Italiener zu Liebe, Erotik, Prostitution und Homosexualität und die Frage nach Konventionen und Moral eines Landes - quer durch die sozialen Schichten und Generationen, an venezianischen Badestränden, vor Mailands Fabriktoren, auf sizilianischen Feldern oder am Fußballplatz. Unterbrochen werden die Interviews immer wieder durch Gespräche zwischen Pasolini, Alberto Moravia und dem Psychologen Cesare Musatti.

Interviewauszüge Pier Paolo Pasolini

Ich habe gerade »Comizi d’amore« gesehen. Warum haben Sie sich für diese Art von Film entschieden? Wie ist es »Comizi d’amore« in Italien ergangen? Und warum wurde der Film nie im Ausland gezeigt?

Der Film hatte in Italien überhaupt keinen Erfolg. Er wurde nur in wenigen Programmkinos gezeigt, und ich glaube, daß er nie in ausländische Kinos kam, weil er in Italien ein Flop war. Es hätte ohnehin ein ziemliches Übersetzungsproblem gegeben: Dialekt und Tonfall wären ebenso verlorengegangen wie die Witze. Man kann den Film nicht synchronisieren, und mit Untertiteln wäre er zu kalt geworden. Wenn jemand nicht wirklich Italienisch kann, versteht er den Film nicht. Er könnte ihn nur als bloß soziologisches Ereignis wahrnehmen, nicht aber als kinematographisches. Er würde nur den Sinn der Antworten mitbekommen, nicht aber deren Gefühl. Der Film braucht ein hochspezialisiertes Publikum, und das hatte er in Italien auch, weil nur Filmliebhaber und Soziologen sich ihn angesehen haben.

 

Haben Sie eine Idee, warum das so war? Meinen Sie, daß das etwas mit den Gründen zu tun hatte, über die Moravia und Musatti im Film sprechen – mit Angst und so weiter?

Das glaube ich nicht. Der hauptsächliche Grund war viel banaler, denke ich. Es war einfach so, daß sich das Publikum zu getreu wiedergegeben fand. Die ideologische und gesellschaftliche Welt, in der die Italiener leben, ist nur für den Außenstehenden von Bedeutung. Alles, was die Menschen, die in dieser Welt leben, sahen, war die Reproduktion ihres eigenen Alltagslebens.

Der Soldat, der sagt, daß es die Gesellschaft sei, die einen zum Don Juan werden läßt, verrät jedoch ein Bewußtsein gesellschaftlicher Zwänge: Ist er nicht ebenso ein Vertreter des Publikums?

Wenn der Soldat von Gesellschaft spricht, meint er den Kreis seiner Familie und seine unmittelbare Umgebung. Er verwendet das Wort Gesellschaft in einer ganz bestimmten Weise. Wenn Sie davon sprechen, daß der Film die italienische Gesellschaft reflektiert, sehen Sie den Film als Außenstehender, was auch ich inzwischen tue, weil es mir gelungen ist, mich zu distanzieren. Doch der durchschnittliche Italiener, der kein tieferes Bewußtsein der Welt, kein wirklich gesellschaftliches Bewußtsein hat, begreift nicht, was los ist. Er taucht in den Film ein wie in seinen Alltag.

Was mich an dem Film am meisten beeindruckt hat, war, daß die Leute, mit denen Sie sprachen, alles unterdrücken wollen, was sie nicht verstehen, und das ganz direkt, vor allem Homosexualität. Sind Sie dem überhaupt nachgegangen? Gab es zu diesem Punkt mehr Material, das Sie dann nicht verwendet haben?

Ja, es gab noch etwas Material, aber das unterschied sich kaum von dem, das ich verwendet habe. Es gab da ein, zwei Aussagen von Sizilianern, die ehrlicher und brutaler waren, aber die Sequenzen im Film sind ziemlich repräsentativ. Die Leute aus dem Volk werden in sexueller Hinsicht nicht sehr unterdrückt – sie sind sogar ziemlich frei diesbezüglich. Wenn Sie hier mit jemandem aus dem Volk über Sexualität sprechen wollen, ist das extrem einfach. Im Kleinbürgertum ist die sexuelle Unterdrückung natürlich dieselbe wie überall. Sie wird aber im großen und ganzen nicht sehr ernst genommen, nie sehr empfunden. Es ist eine ziemlich oberflächliche Form der Repression. Die Unterdrückung in Italien ist weniger pathologisch als in an deren bürgerlichen Gesellschaften, die keinen Katholizismus haben, der eigentlich keine strenge Religion ist. In Italien gab es keine protestantische Revolution, gewissermaßen überhaupt keine religiöse Revolution: der Katholizismus hat das Heidentum überlagert, besonders bei den Leuten aus dem Volk, und hat diese nicht im geringsten verändert.

Das ausführliche Interview von Jon Halliday 1968 ist im 52seitigen Booklet der PIER PAOLO PASOLINI COLLECTION enthalten!

Auf Deutsch erschienen in „Pasolini über Pasolini. Im Gespräch mit Jon Halliday“ Folio Verlag Wien/-Bozen, 1995.

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Pressestimmen

Eine Reflexion über Liebe und Leidenschaft, die aktuell geblieben ist. (Barbara Schweizerhof)

( ... ) Wenn auch von einem Mann gemacht und fast 20 Jahre alt, so sei in diesem Zusammenhang ein sonst schwer zugänglicher Film von Pasolini genannt, der in Westberlin zu sehen war – GASTMAHL DER LIEBE (1963, 90 Minuten), ein Dokumentarfilm, eine Befragung der Italiener über ihr Verhältnis zur Liebe, quer durch die Schichten der Gesellschaft, die Regionen des Landes; eine souveräne Bestandsaufnahme, ebenso kritisch wie herausfordernd. Liebe, Sexualität erscheinen als sozialer Prozeß, der entscheidend für die Kultur einer Gesellschaft ist, in dem beständig Vorurteile überwunden und Traditionen bewahrt werden müssen. Wehmütig habe ich beim Betrachten einiger Filme an die Klarheit und Genauigkeit dieses Films gedacht, an den Weitblick dieses Regisseurs, an die offenen Gespräche, die er mit seinen Landsleuten führt, um ein menschliches Verhältnis zur Sexualität zu fördern. (Rolf Richter)

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