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Egomania - Insel ohne Hoffnung

EPD Film, 1987

Ein junger Oberhausener entwickelt sich mit halsbrecherischem Tempo zum Apokalyptiker des deutschen Films.

Peter W. Jansen, 1987

"Wenn es einen Film gab, der rigoros das wahrlich dünne Eis betrat, das wie cineastisches Neuland aussieht, dann war es dieser."

Helmut Schödel, 1987

Durch dieses Chaos der schiefen Zitate, unterstützt von dröhnenden Geräuschen aus der Punkzeit taumelt Schlingensief dem Ende der Illusion entgegen. Rette sich, wer kann, vor gebildeten Exegeten.

"Der mutmaßliche Rimbaud des Films Christoph Schlingensief", Torsten Alisch, 20.05.1987

EGOMANIA läßt sich weder erklären noch nacherzählen. (...) Überfallartige Bilder und Töne, manchmal schreiende Farben und dann wieder eine pastellartige Zartheit. Ein Bilder- und Geräuschstrom hält alle Sinne wach, auch wenn sich nicht unbedingt ein Sinn dahinter entdecken lässt.

EGOMANIA läßt sich weder erklären noch nacherzählen. "Ein Drama über Liebe, Eifersucht, Gier und Mord« steht in der Inhaltsangabe. Aber warum geht es nicht darum? Blaue Bilder von einer einsamen Insel im Meer. "Insel ohne Hoffnung" heißt EGOMANIA im Untertitel. Nebel, Schnee, Sturm, wogendes Meer, Sonnenfinsternisse und orchestrale Gesänge: Symbole für eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. "Nagt an Dir ein Gedanke - denk ihn weg", heißt es im Film, "oder leide." In EGOMANIA schreien und schlagen sie ihr Leiden aus sich heraus. Lieben und Hassen zugleich. "Zerstören wir nicht den Gedanken, zerstört der Gedanke uns", sagt der Erzähler. Überfallartige Bilder und Töne, manchmal schreiende Farben und dann wieder eine pastellartige Zartheit. Ein Bilder- und Geräuschstrom hält alle Sinne wach, auch wenn sich nicht unbedingt ein Sinn dahinter entdecken lässt.

"Die Zeichen dazwischen - EGOMANIA von Christoph Schlingensief", Rolf Aurich, 1987

Das gibt es nur noch selten im Kino, daß Bilder eine primäre Seherfahrung ausdrücken und nicht von zweiter, dritter Hand sich nähren. Um so mehr gilt es, die Augen offenzuhalten, sich bereitzumachen für Bilder, die als Empfindungen zutiefst originär und dennoch völlig unrealistisch erscheinen.

INSEL OHNE HOFFNUNG, das ist nicht nur der Untertitel von EGOMANIA, sondern auch dessen Drehort: die Hallig Langeoog an der nordfriesischen Küste. Hier ist im Winter die Einsamkeit zu Haus, und im Winter wurde der Film gedreht. Er ist nicht sehr schön und doch eine Ode an die einsame Hallig. Das ist reiche Filmkunst in karger, eisiger Landschaft. Die Wahrnehmung der Hallig: man spürt, daß sie dem Filmen vorangegangen ist. Das gibt es nur noch selten im Kino, daß Bilder eine primäre Seherfahrung ausdrücken und nicht von zweiter, dritter Hand sich nähren. Um so mehr gilt es, die Augen offenzuhalten, sich bereitzumachen für Bilder, die als Empfindungen zutiefst originär und dennoch völlig unrealistisch erscheinen. (...)

Zehn großartige Schauspieler, zehn Menschen auf einer Hallig. Ihre Namen: Sally, William, Ria, Peggy usw. Verschiedene Sprachen werden von ihnen gesprochen. Eine Off-Stimme meldet sich gelegentlich zu Wort. So zum Beispiel: "Wenn die Verblendung weicht, ekelt man sich vor sich selbst." Selbsterkenntnis ist schmerzhaft, scheint aber notwendig. "Nimm mir die Illusion." Zugleich auch: "Der Versuch, die Realität zu vergessen." EGOMANlA erscheint irrational, rein assoziativ. Woraus sich allerdings erst die Gedanken erheben. EGOMANIA ist die Schleuder gegen die abendländische Dichotomie von Geist und Gefühl, von Dokumentarfillm und Spielfilm, von Spielfilm und Experimentalfilm. Die gewöhnliche Narrativität ist minimal vorhanden, die ausgestellte Künstlichkeit durch Ausleuchtung und Einfärbungen wird pointiert, die verlangte Natürlichkeit (z. B. des Eises) bleibt gewahrt. Damit fällt gleichsam alles zusammen und wird zum bloßen Zeichen. Es steht zwischen Realität und Illusion, scheint aber nichts zu bedeuten. Das ist zu akzeptieren, weil unabänderlich. Auf einem Insert ist zu lesen: "Ein anderes Weltende wird es nicht geben" - als das Zugrundegehen in der Welt der Erscheinungen, wie vorher jemand sagte. Doch zu sehen ist am Ende die rötliche Sonne über dem Meer: Das scheint nicht das Ende, das scheint die Hoffnung. Oder eine Utopie.

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