Edipo Re
Filmkritik, Juli 1969, Harald Greve
Statt über Bedeutungen zu sprechen, denen die antike Schicksalstragödie selbst die hochtönenden, von Kulturtradition zum Hohlklang entleerten Begriffe vorspricht, ist man vor diesem Film versucht, Bilder zu beschreiben, sie durch Sprache noch einmal hervorrufen und wahrnehmen zu wollen. Wenn EDIPO RE an Bedeutungen reich ist, dann sind es die Bilder, an denen die Bedeutungen ihrerseits reich sind.
(...) Sind die Bedeutungen darauf gerichtet, den Mythos zu erkennen, so zeigt Pasolini grade, wie der Mythos sie verändert, wieder verdunkelt und zerstört. Mit der gegenläufigen Bewegung von aufklärender Intention und den irrationalen Kräften des Mythos aber ist die Wahrheit des Mythos selbst als eines Prozesses der Wahrheitsfindung dargestellt, den der Film insgesamt als den schmerzlichen Weg der Selbsterkenntnis beschreibt. Erstaunlich bleibt dabei, wie es Pasolini gelingt, die irrationale Gewalt des Mythos durch die Bilder selbst auszudrücken, in ihnen ein eigenes, sinnlich-halluzinatorisches Leben zu entfachen.