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Edipo Re

EDIPO RE Pier Paolo Pasolini, IT 1967, 100 min

Pasolini inszeniert Sophokles' Ödipus

'Edipo Re – König Ödipus' ist eine moderne Verfilmung der antiken Tragödie, in der dieser unwissend seinen leiblichen Vater tötet und seine Mutter heiratet. Pasolini erzählt antike griechische Mythologie in archaischer nordafrikanischer Landschaft mit einer Rahmenhandlung aus der faschistischen Vorkriegszeit.
Mit Franco Citti in einer seiner wichtigsten Rollen, u.a. neben Silvana Mangano sowie Pasolini selbst als alter Priester in Theben.

Interviewauszüge mit Pier Paolo Pasolini

Im Prolog haben Sie sich ganz bewußt für eine bestimmte Szene entschieden, in der der Vater zum Säugling sagt: »Du stiehlst mir die Liebe meiner Frau.« Das entspricht nicht ganz der Freudschen Sicht des Mythos. Sie bauen ja damit für das Kind einen guten Grund auf, seinen Vater zu hassen.

Ich wollte frei vorgehen. Als ich den Film drehte, hatte ich zwei Ziele vor Augen: erstens, eine gewissermaßen völlig metaphorische und daher mythologisierte Autobiographie zu machen; zweitens, mich sowohl mit der Frage der Psychoanalyse als auch der des Mythos auseinanderzusetzen. Aber statt den Mythos in die Psychoanalyse hineinzuprojizieren, habe ich die Psychoanalyse in den Mythos zurückprojiziert. Das war der für »Edipo re« zentrale Schritt. Aber ich blieb sehr frei und bin allen meinen Absichten und Regungen nachgegangen. In keinem Fall habe ich davon Abstand genommen. Den Groll des Vaters gegen seinen Sohn habe ich stärker empfunden als das Verhältnis zwischen dem Sohn und der Mutter, weil die Beziehung von Söhnen zu ihren Müttern keine historische, sondern eine rein innere, private Beziehung ist, die außerhalb, ja jenseits der Geschichte steht und daher ideologisch unproduktiv ist, während der Haß und die Liebe zwischen Vater und Sohn die Geschichte hervorbringt. Daher hat mich der eine Punkt mehr interessiert. Ich weiß, wie tief meine Gefühle für meine Mutter sind, und meine gesamte Arbeit ist von dieser Liebe bestimmt, aber es ist ein Einfluß, der tief in mir verwurzelt ist und, wie ich schon sagte, eher außerhalb der Geschichte steht. Alles Ideologische, Willentliche, Aktive und Praktische in meinem Handeln ist hingegen durch die Auseinandersetzung mit meinem Vater geprägt. Das erklärt, warum in dem Film Dinge vorkommen, die sich nicht bei Sophokles finden, die aber, wie ich meine, zur Psychoanalyse gehören, beschreibt diese doch das Über-Ich als den das Kind unterdrückenden Vater. Ich habe also sozusagen nur psychoanalytische Vorstellungen umgesetzt.

Wie sehr haben Sie den Sophokles-Text überhaupt verändert? Sie haben auf jeden Fall ein oder zwei Dinge hinzugefügt, wie die Sphinx etwa.

Sophokles’ Publikum war der gesamte Hintergrund der Geschichte, die in der Tragödie erzählt wird, bekannt. Dieser Teil des Films kommt fast ganz ohne Worte aus; da und dort gibt es irgendeinen Satz von mir, wie in der Sphinx-Sequenz und an ein paar anderen Stellen. Im großen und ganzen ist dieser Teil aber stumm. Dann kommt der zweite Teil, die wirkliche Handlung, die der „Ödipus« von Sophokles entwickelt und die nach der Pest und Kreons Ankunft einsetzt, und da habe ich mich genau an die Vorlage gehalten.

Haben Sie den Text selbst übersetzt?

Ja. Die Übersetzung ist sehr direkt und nahe am Original.

Können Sie mir erklären, warum Sie die Handlung außerhalb der Geschichte ansiedeln wollten, auf etwas Ahistorisches abzielten, wie Sie sagen, und wie das mit den beiden Hinweisen von vorhin zusammengeht: daß Sie Teil der Geschichte sind und daß auch der Mythos der Geschichte angehört.

Ja ... Der Mythos ist sozusagen ein Ergebnis der Geschichte der Menschheit. Indem er aber zum Mythos geworden ist, ist er absolut geworden und ist für keine historische Epoche mehr kennzeichnend, sondern, sagen wir einmal, für die gesamte Geschichte. Von »ahistorisch« zu sprechen, war vielleicht falsch – »metahistorisch« wäre zutreffender gewesen.

Das ausführliche Interview von Jon Halliday 1968 ist im 52seitigen Booklet der PIER PAOLO PASOLINI COLLECTION enthalten!

Auf Deutsch erschienen in „Pasolini über Pasolini. Im Gespräch mit Jon Halliday“ Folio Verlag Wien/-Bozen, 1995.

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Zitate

Pressestimmen

Statt über Bedeutungen zu sprechen, denen die antike Schicksalstragödie selbst die hochtönenden, von Kulturtradition zum Hohlklang entleerten Begriffe vorspricht, ist man vor diesem Film versucht, Bilder zu beschreiben, sie durch Sprache noch einmal hervorrufen und wahrnehmen zu wollen. Wenn EDIPO RE an Bedeutungen reich ist, dann sind es die Bilder, an denen die Bedeutungen ihrerseits reich sind. (Filmkritik, Juli 1969, Harald Greve) mehr...

Das filmische Ereignis liegt hier darin, wie sich Reflexion und Darstellung durchdringen, wie intellektuelles Raffinement und eine fast naive Gestaltungskraft (ein deutlich an Picasso orientiertes Mutterbild steht neben einer nie dagewesenenen Darstellung etwa der Sphinx) Hand in Hand gehen. (Filmkritik, Martin Ripkens)

Als Urmythos, als vor- und übergeschichtliche Menschheitserfahrung, ist die Ödipus-Geschichte rekonstruiert. Dabei gelingt ihm eine faszinierende poetisch fiktive Welt mit Versatzstücken zahlreicher Mythen und Kulte, ein elementarer kraftvoller Bilderbogen von überwältigend suggestiver Sinnlichkeit in leuchtenden Farben. (Rudolf Steinbeck)

Pasolini hielt EDIPO RE, der im Schatten der ein Jahr später entstandenen großen Parabel Teorema (1968) steht, für den „cinematografischsten meiner bisherigen Filme“; das ist richtig: Er besitzt große sinnliche Schönheiten, Augenblicke entflammten physischen Kinos – wo er weitgehend stumm ist und sich auf Landschaft und Menschen einläßt, die er (wie einst Werner Herzog in Lebenszeichen und Fata Morgana) als Fremde entdeckt. (...) Die Eingangssequenz, wie ein Vorspiel, ist fast wortloses, schwebendes Stimmungsbild; eine der schönsten Arbeiten Pasolinis. (Wolfram Schütte)

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