Navigation überspringen

 
Das Fräulein

DAS FRÄULEIN Andrea Štaka, CH/D/Bosnien 2006, 81 min

Die beste Aussicht ist die, die du selbst wählst.

DAS FRÄULEIN erzählt von drei eigenwilligen Frauen unterschiedlicher Generationen, die in Zürich leben und deren Lebenswege sich für einen kurzen Zeitraum kreuzen. Gemeinsam ist ihnen nur die alte Heimat: die Serbin Ruža kommt aus Belgrad, die Bosnierin Ana aus Sarajevo und die Kroatin Mila aus einem kleinen Ort an der Adria.

Ruža hat sich als Besitzerin einer Betriebskantine eine Existenz in der Schweiz aufgebaut und denkt nicht daran, nach Serbien zurückzukehren. Ganz anders als Mila, 60, ihre langjährige Angestellte, die nur für die Rückkehr in die Heimat spart. Das geregelte Leben der beiden Frauen und der Alltag in der Kantine geraten aus den Fugen, als die 22jährige lebenshungrige Ana aus Sarajevo auftaucht ...

DAS FRÄULEIN ist die Geschichte einer zaghaften Freundschaft, die Regisseurin Andrea Štaka mit starken Gefühlen und leisem Humor verbindet.

Langinhalt

Ruža, 50 Jahre alt, kam vor 25 Jahren voller Hoffnung auf ein neues und besseres Leben aus Belgrad in die Schweiz. Heute hat sie nur noch eine Passion, das Geld. Ruža besitzt eine Betriebskantine in Zürich, die sie mit strenger Hand und gutem finanziellen Erfolg führt. Ihr Leben verläuft in geordneten Bahnen und besteht aus geregelten Abläufen: die Arbeit in der Kantine, das Zählen der Tageseinnahmen im Büro, das Abendbrot in ihrer kleinen Zürcher Wohnung. Ruža hat sich in der Schweiz eine Existenz aufgebaut und denkt nicht daran, in ihre Heimat Serbien zurückzukehren. Ganz anders als Mila, 60, ihre langjährige Angestellte, die mit ihrer Familie seit Jahrzehnten in der Schweiz lebt und hart arbeitet, um sich bald den Traum vom eigenen Haus in Kroatien erfüllen zu können.

Das geregelte Leben der beiden Frauen und der Alltag in der Kantine geraten aus den Fugen, als die 22jährige Ana aus Sarajevo auftaucht. Ana, lebenshungrig, schön und eigenwillig, streift ziellos umher, auf der Flucht vor ihrer eigenen Vergangenheit: Der Krieg in Bosnien hat tiefe Spuren in ihr hinterlassen, die sie mit ihrer lauten und frohen Art zu überspielen versucht. Ana muss den Job in der Kantine aus Geldnot annehmen, sie arbeitet gut, stellt jedoch Ružas strikte Ordnung in Frage. Nachts streift Ana, die ihre Obdachlosigkeit in der Kantine verheimlicht, allein durch die Stadt und sucht Unterschlupf und Nähe bei wechselnden Männerbekanntschaften.

Ruža fühlt sich von Anas Impulsivität und Direktheit in ihrer Ruhe bedroht, gleichzeitig von der Lebensfreude der jungen Frau angezogen. Nicht zuletzt erinnert Ana sie daran, wie sie selbst einmal war. Währendessen ist Mila beleidigt, weil Ana Ružas ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht, und sie sich auch zu Hause unverstanden fühlt.

Bei der Überraschungsparty in der Kantine, die Ana für Ružas Geburtstag organisiert, spitzen sich die schwelenden Konflikte zwischen den drei Frauen zu und gibt den Anstoß zu einer Reihe von Veränderungen: Ruža öffnet sich, sie tanzt zu Volksmusik, lacht und amüsiert sich. Am nächsten Morgen wacht sie nicht nur mit einem Kater auf – die Party hat auch ihren Blick auf das eigene Leben verändert, ihr Appetit auf ein farbigeres, reicheres Leben jenseits der Routine ihres Alltags ist geweckt. Zwischen den beiden eigenwilligen Frauen entsteht langsam eine Freundschaft. Dennoch bleibt eine gewisse Distanz zwischen ihnen bestehen: Ruža wagt nicht, sich ganz zu öffnen, und Ana hat ein Geheimnis, dem sie sich selbst nicht stellen will.

Anmerkung der Regie:

Während Ruža und Mila einer Generation angehören, die Jugoslawien in den 70er Jahren in der Hoffnung verliess, in Westeuropa den wirtschaftlichen Aufstieg zu schaffen, ist Ana eine Globetrotterin, die nicht zuletzt der Erfahrung des Krieges zu entkommen versucht. Alle drei Frauen tragen etwas Unausgesprochenes in sich, einen Schmerz. Ruža verdrängt ihre serbische Herkunft, Mila zweifelt am alten Traum einer Rückkehr nach Kroatien, Ana, die Bosnierin, überspielt mit ihrer fast schon exzessiven Lebensfreude eine lebensbedrohende Krankheit.

'Das Fräulein' erzählt von Entwurzelung und Sehnsucht in einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen zwischen verschiedenen Kulturen, Religionen und Ländern bewegen, sei es als Reisende, Vertriebene oder einfach Heimatlose. Jugoslawien und der Krieg stehen nicht im Vordergrund. Ohne ihre Herkunft und Geschichte aber lässt sich die Sensibilität der Figuren, ihre Art zu handeln und die Welt um sich herum zu sehen, nicht verstehen. Zugleich wollte ich auch einen Film über die Schweiz machen, über ein Land, das mich mit seiner Mischung aus Multikulturalität und Selbsteinschließung immer wieder aufs neue fasziniert. Daher auch die Wichtigkeit des Schauplatzes Zürich: eine europäische Stadt, aggressiv, befremdend, aber auch verloren und schön.

Mein Interesse gilt dem Persönlichen und Intimen, den Beziehungen zwischen diesen Frauen. Die Protagonistinnen treffen aufeinander, erleben für eine kurze Zeit Nähe und trennen sich wieder. Dabei werden ihre Verletzungen und Abgründe, aber auch Wünsche und Sehnsüchte sichtbar. Politik interessiert mich in diesem Film wie auch schon in 'Hotel Belgrad' und 'Yugodivas' insofern, dass sie durchs Prisma des Persönlichen und Intimen gebrochen aufscheint.

mehr... weniger...

Zitate

Pressestimmen

Ohne aufdringliche Dialoge, in wunderbar komponierten Bildern und mit einem pointierten Soundtrack erzählt der Locarno-Gewinnerfilm die Geschichte dreier unterschiedlich alter Migrantinnen aus dem ehemaligen Jugoslawien in der Schweiz zwischen Versagung und Lebenslust. (epd Film, 2/2007, Christiane Müller-Lobeck)

Bewegende und facettenreiche Charakterstudie zur globalen Problematik der Identitätsfindung. (critic.de, 12/2006, Andrea Wildt)

Preise und Festivals