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Christoph Schlingensief - 8mm-Kurzfilme

Filmecho, "Einer flog übers Kurzfilmnest - Die seltsame Karriere des Christoph Schlingensief" 17.09.1983, Doris J. Heinze

Da sagt man immer, in Deutschland ginge so etwas gar nicht, Erfolg im Filmgeschäft ohne Protektion oder Beziehungen, ohne Filmhochschule - und das mit 22 Jahren. Doch wenn man schon nicht in Hollywood geboren wurde, dann sollte es wohl zumindest Oberhausen sein.

Eigentlich konnte es gar nicht anders kommen. Mit 8 Jahren spielt Christoph Schlingensief bereits mit einer S-8-Kamera. 4 Jahre später - die Karriere beginnt mit einem Groschenroman. Ihn und 4 seiner Mitschüler hat es gepackt, sie gründen einen Filmklub, "Das Totenhaus der Lady Florenz", 70 Min., S-8, ist ihre erste "Literaturverfilmung" - ohne
Drehbuch und sonstige belastenden Kenntnisse. Und wenn sie bei der Nachvertonung feststellen, der Text paßt, dann erhöhen sie einfach ihre Sprechgeschwindigkeit. Christoph Schlingensief, immer schon mit gutem Gespür für das Wesentliche, lädt die WDR-Kinderredaktion zu einer Pressevorführung in seinen Spielkeller. Und vor den staunenden Augen der Fernsehredakteure ziehen zwei Carrera-Autos den Vorhang auf, geben die Leinwand frei. Daß der "Thriller" dann trotz des "empörenden Lacherfolgs" im "Misch'-Masch"-Programm gesendet werden darf, ist der Großherzigkeit der Filmemacher zu verdanken. "Das Geheimnis des Grafen von Kaunitz" ein Jahr später, ist dann schon "Profiarbeit". Da zeigt sich Schlingensiefs größtes Talent - Überzeugenkönnen. Vielleicht auch ein wenig einwickeln, auf jeden Fall - abschlagen kann man ihm eigentlich nichts. Und alle machen begeistert mit: die Schauspieler des Oberhausener Stadttheaters, Stadtverwaltung und Polizei. Sie drehen auf Schloß Lembeck und Hugenpoet und ein ganzes Wochenende auf Schloß Homburg bei Wiehl. Der Erfolg - zur Premiere im Oberhausener Stadtkino (mit damals durchschnittlich 30 Besuchern) kommen 600 Filmfans  - und ein begeisterter Wolfgang Ruf sorgt für stolze 300 DM Förderung aus dem Fonds der Oberhausener Kurzfilmtage. Ein Jahr später - wieder "Arbeit" fürs Fernsehen, Sendereihe "Spaß am Montag", "Mami, wir drehen einen Film", eine S-8-Klamotte über einen Familienvater, der Regisseur werden will und die ganze Familie durcheinanderbringt. Über "Punkt", den letzten Film des Klubs, spricht C. S. dann nicht mehr so gerne, "der war frühpubertierend" - sie sind 17, jung und unschuldig und kurz vor dem Abitur.

Unbekannt, "Die Jungfilmer liefern einen Gag nach dem anderen", 1976

"Ein Familienvater fühlt sich plötzlich zu höherem berufen: Er will Hollywood-Star werden. Zumindest ist dies seine Absicht, wenn er als sein eigener Regisseur versucht, einen Krimi auf Zelluloid zu bannen. Panne über Panne und Gag auf Gag. An Turbulenz fehlt es während der Dreharbeiten nicht. Und dann zum Schluß auch noch ..." Nein, weiter will Christoph Schlingensief nicht erzählen. Er ist Drehbuchautor und Regisseur der Oberhausener Amateur-Filmcompany 2000. Gemeinsam mit 14 anderen Filmbesessenen hat er im Oktober vergangenen Jahres in Much bei Köln seinen siebten Kurzspielfilm gedreht (...)

der an diesem Wochenene im hauseigenen "selbstgebastelten" Studio vertont wurde. In der mit etwa tausend Eierkisten verkleideten ehemaligen Waschküche ging es auch dementsprechend hoch her. "Nur nicht aus der Ruhe bringen lassen", hieß hier das Motto. Routiniert und mit langjähriger Erfahrung sprach Christoph Schlingensief Szene für Szene mit den Akteuren durch. Erst wenn "Toningenieur" Burkart Wilbers seinen Segen gab, konnte auch dieser Teil des 20-Minuten Films abgefahren werden.
Trotz seiner erst siebzehn Lebensjahre hat Christoph Schlingensief die bei weitem längste Erfahrung der Nachwuchstalente. Der Schüler des Heinrich-Heine-Gymnasiums fand bereits vor acht Jahren Interesse am Hobby der kostspieligen Filmerei. Den Oberhausener Kinobesuchern ist das Jugendfilmteam lange nicht mehr unbekannt. Mit dem "Geheimnis des von Grafen Kaunitz" konnten sie bereits im letzten Jahr im Stadtkino beachtlichen Erfolg verzeichnen. Auch jetzt wartet nicht nur Horst Kalbfleisch gespannt auf das Ergebnis des neuen Films.
Premiere soll nämlich bereits im April oder Mai im Stadtkino gefeiert werden. Demnach zu urteilen, was am Wochenende im "Tonstudio" zu sehen war, scheint dies eine vielversprechende Ankündigung zu sein ...

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