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Christoph Schlingensief - 16mm Kurzfilme

Filmecho, "Einer flog übers Kurzfilmnest - Die seltsame Karriere des Christoph Schlingensief", 17.09.1983, Doris J. Heinze

Eines dürfte schon jetzt feststehen - ganze Städte, Polizei, Feuerwehren, Schauspieler ("die müssen einen guten Namen haben, sonst hat es keinen Zweck") werden sich einige Zeit nichts vornehmen dürfen, doch, wer auch immer sich am Gelingen von Christoph Schlingensiefs erstem abendfüllenden Spielfilm beteiligen mag - er wird es mit dem größten Vergnügen tun.

Nach dem Abitur steht es fest: Christoph Schlingensief wird Regisseur! Wie? Na, selbstbewußt. Aufnahmeleitung bei Werner Biedermanns "Eggtime", Kameraassistenz bei der Dr.-Muschnik-Produktion "Strommberg - Die letzte Nacht". Zwischendurch dreht er zwei 16-mm Filme, "Für Elise" und - sehr surrealistisch - "Wie würden Sie entscheiden". Mit diesen Filmen fährt er zu Franz Seitz nach München, wird - wen wunderts - für den "Dr. Faustus" engagiert als 2. Kameraassistent So nebenbei schreibt er Musik und Songs, die ins Ohr gehen, gründet die "4 Kaiserlein" und verhandelt zur Zeit über erste Plattenaufnahmen. Und das Filmland Nordrhein-Westfalen, schon wieder eine Abschiedsträne im Auge, atmet wieder auf - er ist zurück, zunächst einmal, Michael Lüttenberg und Gottfried Kühnel, Produzenten der Dakota-Film, gelingt es, ihn als Regisseur für einen Industriefilm zu gewinnen, für den er auch die Musik schreibt. Im Schneideraum lernt er Werner Nekes kennen, bereitet mit ihm dessen Ausstellungen über kinematographische Gegenstände vor, besucht Nekes' Seminare und Vorlesungen in Offenbach. Davon angeregt, drehte er "Shortshoot - Was geschah mit Magdalena Jung". Ein surrealer Film, in dem er in 10 Minuten zahlreiche Register eines Mediums zieht, voller ausgetüftelter Kameraeinstellungen.
Es ist Vorbereitung auf den ersten abendfüllenden Spielfilm - das Drehbuch ist bereits fertig. "Saison fini", ein Balanceakt zwischen Ironie, Humor und Tragik, ein spannender Stoff über einen, der gegen alle Wahrscheinlichkeit handelt. Was noch fehlt, ist das Geld. Eines dürfte schon jetzt feststehen - ganze Städte, Polizei, Feuerwehren, Schauspieler ("die müssen einen guten Namen haben, sonst hat es keinen Zweck") werden sich einige Zeit nichts vornehmen dürfen, doch, wer auch immer sich am Gelingen beteiligen mag - er wird es mit dem größten Vergnügen tun.

Neue Ruhr Zeitung, "Plädoyer für eine neue Filmhaltung", 23.04.1983

150 Zuschauer waren spät abends ins "Gloria" gekommen, um "What happened to Magdalena Jung?" und "Phantasus muß anders werden", zwei Filme des gebürtigen Oberhauseners Christoph Schlingensief, zu sehen. Der Regisseur und Gründer der dem-Film-Produktion München war vom Erfolg überrascht. ,,30 bis 40 Leute werden kommen", hatte Schliengensief zuvor geschätzt. Film-Haltungen einer Margarethe von Trotta, eines Vadim Glowna und eines späten Volker Schlöndorff sieht er als romantisch, mystisch, als abgestanden an. Kollektiver Protest - beispielsweise in der Friedensbewegung - ist für Schlingensief ein untaugliches Mittel, das in der Sache nichts bringt und einem persönlich auch nicht weiterhilft. Deshalb fordert er Abgeklärtheit, die jedem Individuum seine persönliche Entscheidung ohne jeden Gruppenzwang ermöglicht - gleich der Magdalena Jung, die zwar fliegen kann, diesen Vorteil jedoch nicht für sich ausnutzt. Warum seine Filme nicht ins Wettbewerbsprogramm der Kurzfilmtage kamen? "Wolfgang Ruf bestätigte mir, sie seien technisch brillant gemacht, allerdings habe er das Gefühl, der private Gedanke des Regisseurs komme nicht zum Publikum rüber." Schlingensief weist persönliche Gedanken als Motiv für seine Filme zurück: "Das habe ich nicht beabsichtigt, ich plädiere für das Individuum."

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