Navigation überspringen


Chance 2000 - Abschied von Deutschland

Berliner Zeitung, 28.6.2017

Doppelter Glücksfall! Nein, das ist keine Nostalgie! Das Material ist einfach zu direkt und zu rau, als dass es für eine Verklärung taugen würde, es ist ehrlich und zeigt auch Schlingensiefs Egozentrik. Es war ein Glücksfall, dass Schlingensief auf die Volksbühne traf, für beide. Auch wenn er in seinem Überschwang die Belegschaft zwischenzeitlich an den Rand des Wahnsinns brachte, was man ihr nicht verübeln kann. Es gibt kein anderes Haus, das solche Kraftakte am Rand der Selbstzerstörung mitgetragen hätte. Nun wurde es doch von fremder Hand zerstört.

Man sitzt, wo sonst in diesen Tagen, in der Volksbühne. Und man sieht auf der Riesenleinwand: die Volksbühne vor 19 Jahren, am 27. September 1998. Der vor knapp sieben Jahren gestorbene Christoph Schlingensief tanzt und hüpft mit Rennfahreranzug und Basecap über die Bühne, sondert ununterbrochen Slogans ab, treibt ein Wahnsinnsprojekt zum möglichst pompösen Wahldebakel-Finale: „Es hat Spaß gemacht, weil wir es ernst meinten.“

Dann schnurrt für einen Moment die Zeit zusammen. Jubel auf der Leinwand, Jubel im Saal. Teilweise sind es dieselben Leute am selben Ort. Kurz vor der Schließung des Castorf-Theaters feierte der Dokfilm „Chance 2000 − Abschied von Deutschland“ Premiere.

Der Film wurde auf den letzten Drücker fertig, wie Frieder Schlaich und Kathrin Krottenthaler vor der Vorführung sagten. Man glaubt ihnen sofort, dass es eine Sisyphus-Arbeit war, aus den 90 Stunden Material unterschiedlichster Formate und Qualität, das den beiden aus dem Schlingensief-Nachlass zur Verfügung gestellt wurde, einen gut zweistündigen Film zu montieren.

Der Film „Chance 2000 − Abschied von Deutschland“ von Kathrin Krottenthaler und Frieder Schlaich, D 2017, 125 Minuten. Ab sofort im Verleih der Filmgalerie 451 www.filmgalerie451.de

Zumal Schlingensiefs Bundestagswahl-Projekt zwar durchaus chaotisch anmutete und sich über eine Dauer von einem halben Jahr auch verzettelte, aber doch ein Vorgang war, dessen künstlerischer Kern in seiner Gesetzmäßigkeit lag.

Es erwies sich in der bunten, laut den Unterlagen 74-köpfigen Truppe aus Schauspielern, Dramaturgen, Arbeitslosen, vielen behinderten Artisten vom Zirkus Sperlich als absolut unerlässlich, dass der langjährige Schlingensief-Weggefährte Dietrich Kuhlbrodt, bekannt aus wegweisenden Filmen wie „Menu total“, „Hundert Jahre Adolf Hilter“ oder „Das deutsche Kettensägenmassaker“, als Oberstaatsanwalt a.D. auf eine solide juristische Ausbildung zurückblicken konnte.

Was da alles an Bürokratie zu bewältigen war: Vereinsgründung mit Alfred Biolek und Harald Schmidt, Parteigründung, Parteispaltung und -wiedervereinigung im Zirkuszelt beim Prater, Konzerngründung, Optionsscheinausgabe, Insolvenzvortäuschung. Das wird alles einen Tick übersichtlicher nacherzählt als nötig, immer wieder sieht man die Schlingensief-Crew beim Unterschriften sammeln und beim Stimmen zählen. So sticht aus den vielen Lehren von „Chance 2000“ hervor, dass Demokratie vor allem respekteinflößend anstrengend ist.

Aber die Gesichter sind nie einfach nur müde, sondern immer auch beseelt von einem Glück, das vielleicht erst durch die Erschöpfung, Ratlosigkeit und Überforderung spürbar wird. Die Nächte im „Hotel Prora“, einem beschallten Camp auf dem Praterhof, werden den Gästen unvergessen bleiben.

Auch vom Höhepunkt des Wahlkampfs, dem Versuch, durch ein Massenbad von Arbeitslosen den Wolfgangsee zum Überlaufen zu bringen und die Ferienvilla von Helmut Kohl unter Wasser zu setzen, gibt es herrliche Bilder, die sich geradezu zum medienkritischen Slapstick aufstapeln: Schlingensief, wie er dabei gedreht wird, wie er sich selbst beim Autofahren dreht, während er am Funktelefon einen Interviewtermin ausmacht. Und neben ihm schnarcht in aller Seelenruhe Freakstar Werner Brecht.
Alle folgen Schlingensief

Kein Wunder, dass die Wolfgangsee-Autokolonne die Abfahrt nach St. Gilgen verpasst. „Das kommt davon, wenn alle Christoph hinterherfahren“, ruft der stets überforderte, aber nie verzweifelte Volksbühnendramaturg Carl Hegemann, nachdem er sich aus dem Auto gequält hat. Der Film, dies auch zur Verdeutlichung des historischen Abstands, spielt in Zeiten, als es noch keine Smartphones und Navigationsgeräte gab.

Das Genie von Schlingensief − das wird einem schmerzlich deutlich, weil es so selten ist −, besteht vor allem darin, Leute für sich und seine Kunst einzunehmen. Welche Grenzen da überwunden werden! Was da geleistet wird! Wie aufgehoben die Mitmacher in der Gruppe sind, selbst im Streit! Wie die sich lieben! Und ihren Christoph natürlich.

Nein, das ist keine Nostalgie! Das Material ist einfach zu direkt und zu rau, als dass es für eine Verklärung taugen würde, es ist ehrlich und zeigt auch Schlingensiefs Egozentrik. Es war ein Glücksfall, dass Schlingensief auf die Volksbühne traf, für beide. Auch wenn er in seinem Überschwang die Belegschaft zwischenzeitlich an den Rand des Wahnsinns brachte, was man ihr nicht verübeln kann. Es gibt kein anderes Haus, das solche Kraftakte am Rand der Selbstzerstörung mitgetragen hätte. Nun wurde es doch von fremder Hand zerstört.

Der Freitag, 36/2017, Matthias Dell

Chance 2000 – Abschied von Deutschland erscheint wie ein Kommentar zu den Polarisierungen, die die politische Auseinandersetzung heute bestimmen, wie eine Vorgeschichte zum völkischen Furor heute, die in ihrem selbstbewussten, theatral befeuerten Humanismus zugleich eine Alternative für das Deutschland aufzeigt, in dem nicht alle gut und gerne leben.

Jeder ist 1 Volk - Theaterdokumentation Christoph Schlingensiefs „Chance 2000“ als Kommentar des Heute 

Auf der einen Seite ist es durchaus amüsant, in den Kritiken vom Frühjahr 1998 zu lesen, die sich einen Begriff von Christoph Schlingensiefs damaligen Chance-2000-Aktivitäten machen wollten. Die Zeit konstatierte, „die Sache ist ganz gut gemeint“, um „die Sache“ Schlingensiefs auf das Branding einer Künstlermarke zu reduzieren: „Seine Botschaft aber galt dem ‚Wahlkampf‘: ‚Das sind alles Spaßparteien im Bundestag‘, wetterte er und forderte: ‚Wählt Euch bitte selber!‘ Will sagen: Wählt Schlingensief, der das kollektive Ego der Verstoßenen und Gescheiterten zu verkörpern glaubt.“

Die Frankfurter Rundschau beklagte erfahrungsgesättigt: „Es ist aber auch schon länger her, daß das ein interessanter Ansatz war. Die Verwurstung des Zuschauers zwischen Inhaltsleere und Selbstreferenz ist ein alter Hut. Daß eine Medienkampagne keine Inhalte braucht, daß die Medien die Wirklichkeit ersetzen, daß wir nicht mehr wissen, wo vorne und wo hinten ist: mit ein bißchen mehr Pep hätte das schon unter die Leute gebracht werden können.“

Und die Berliner Zeitung kam in einem Kommentar zu einem historisch bedrohlichen Schluss: „Insofern ist es ganz falsch, den Regisseur als Zyniker zu betrachten; er ist, weil er für die formalen Garantien der Freiheit keine kreatürlichen Freiheiten zu opfern bereit ist, sozusagen ein anthropologischer Fundamentalist, ein Expressionist, nicht unähnlich jenen Intellektuellen, die mit ihrem Spott zum Untergang der Weimarer Republik beigetragen haben.“

Vollständige Kritik: https://www.freitag.de/autoren/mdell/jeder-ist-1-volk

Deutschlandfunk Kultur, 4.9.2017, Laf Überland

Berauschend chaotisch und gleichzeitig stringent ist die Montage, die Schlingensiefs Video-Fachfrau Kathrin Krottenthaler aus um die hundert Stunden Material unterschiedlichster Formate und Qualität zu einem ein Zweistunden-Erlebnis zusammengeschnitten hat: zum völligen Eintauchen in den Strudel der Aktion - direkt und rau mitten unter die 74-oder-so Volksbühnenschauspieler, Arbeitslose und behinderte Artisten vom Zirkus Sperlich - und in Schlingensiefs dialektisches Seilchenspringen. Interview mit Carl Hegemann als Text und podcast hier im Deutschlandfunk: http://www.deutschlandfunkkultur.de/doku-ueber-schlingensiefs-chance-2000-eintauchen-in-den.1013.de.html?dram:article_id=395113

Zurück